vonChristian Ihle 21.06.2011

Monarchie & Alltag

Neue Bands und wichtige Filme: „As long as the music’s loud enough, we won’t hear the world falling apart“.

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„Etwas Schlimmeres hat man lange nicht gesehen: Der Ludwigshafener Event-PR-Gemache-„Tatort“ steht die ganze Zeit da, wo sein Titel ihn hinstellt – „Im Abseits“.
(…) so hölzern wie der real existierende DFB-Boss hat noch kaum ein Telefonteilnehmer eine Todesbotschaft entgegen genommen, und fast wünschte man, als Zwanziger an die versammelte Tischrunde tritt und „Fadime ist tot“ sagt, Herbert Reinecker hätte diese Folge noch schreiben können – dann hätten die um Bestürzung bemühten Bierhoff und Löw wenigstens antworten können: „Tot?“
(…)
Die Trainerin spricht derweil zu und über ihre Spielerinnen, die Gefahr laufen „zu der“ (sicest!) amerikanischen Profiliga zu wechseln, in Sätzen, für die sie am DSF-Fußballstammtisch samt Phrasenschwein „dereinst“ (Thomas Mann) arm geworden wäre („Das Spiel lief an ihr vorbei“).

Drehbuchautor Jürgen Werner agiert wie ein Heckenschütze auf gesellschaftlicher Problemwildjagd: Draufhalten, Treffer. (…) Werners Drehbuch macht eine Schwalbe nach der anderen und pfeift sich selbst danach Elfmeter. Es ist zum Heulen. Denn: Was fällt Werner zu Frauenfußball ein? Richtig, Sexyness und Migrantentöchter. Und was fällt Werner zu Migrantentöchtern ein? Richtig, Ehrenmorde.

Werner ballert durch die deutsche Wirklichkeit, als handelte es sich um eine Thilo-Sarrazin-Diktatur, in der unter Androhung von lebenslänglichem Heizungabdrehen-bei-gleichzeitigem-Pulloverentzug immer nur alles mit allem kurzgeschlossen werden darf. (…) Kopper (Andreas Hoppe), der schon in der Vergangenheit als hoffnungslos zurückgebliebener, dafür aber selbstgewisser Modernisierungsverlierer auf sich aufmerksam gemacht hatte, läuft in diesem diskursiven Hauen und Stechen zu Hochform auf („Ich bin kein Rassist, aber“) und zeigt jovial seine eigene Westliche-Werte-Überlegenheit vor: „Wir haben Gesetze in diesem Land, an die muss sich halten, egal welche Hautfarbe oder Glauben er hat.“ Das haben Grundgesetz, BGB und StVO doch alles nicht verdient.“

(Matthias Dell in Der Freitag)

Edit: auch Alexander Gorkow in der Süddeutsche Zeitung war wenig erbaut:

„Frauenfußball, ein Mord an einer türkischen Spielerin, schlechte Dialoge und dann auch noch ein Auftritt der Theater AG des DFB – der „Tatort“ mit Kommissarin Lena Odenthal gerät zu einem regelrecht hirnverbrannten Event. (…)

Ulrike Folkerts redet im Presseheft von der Vorherrschaft der Männer im Fußball und davon, dass eine Quote aus Brüssel auch hier „eine schöne Idee“ wäre. (Hä? Gemischtgeschlechtlich? Unterlasse Sie die Vertraulichkeiten!) Auch verrät sie, dass DFB-Präsident Theo Zwanziger bei Kaffee und Kuchen die Idee zu diesem Tatort hatte. Und dann wird das gleich mal umgesetzt? Seid ihr noch dicht?

Zur Strafe erhält Zwanziger einen Gastauftritt in diesem ARD-Beitrag zur Frauen-WM, gemeinsam mit Löw, Bierhoff und Steffi Jones. Dieser Gruß der Theater AG des DFB gehört zum Peinlichsten in der Geschichte der Sendereihe. Ohne die Laienspielschar wäre die Folge nur verschwitzt und normalsehrschlecht – so aber gerät sie zum regelrecht hirnverbrannten Event. Irre, diese Selbstauslieferung an die Mätzchenhaftigkeit, das alles von Filmleuten, die nicht einen guten Dialog in 90 Minuten zustande bringen. Eine quotenstarke Totalkapitulation.“

Inhaltsverzeichnis:
* Teil 1: Alle Schmähkritiken über Bands, Künstler und Literatur
* Teil 2: Alle Schmähkritiken über Sport, Politik, Film & Fernsehen

(Danke Nicoletta für die SZ-Empfehlung!)

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http://blogs.taz.de/popblog/2011/06/21/schmaehkritik_419_der_tatort_im_abseits_zur_frauen-fussball-wm/

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kommentare

  • 2:0 für Den Freitag und SZ, sehr treffend formuliert, Danke! (siehe auch der Stern „Don’t kick it like Odenthal“ und Focus, seichtere Kritik bei der Zeit). Denn als ich einem französischen Freund neulich beim Live-Viewing in Berlin ein Stück deutscher Fernsehkultur präsentieren wollte, war ich so peinlich berührt, das mir die Worte versagten.
    Was lernen wir daraus? Text-Verhunzung wird in D von oben betrieben. Und keine Kuh ist in D mehr heilig.
    Fall 1: Honorige Politiker, Bundeskanzlerin, Minister und mind. eine EU-Abgeordnete stützen und betreiben Dissertations-Schnitzelwerk
    Fall 2: Der DFB-Präsident versaut mit seiner Laien-Theaterkombo, Manager und Bundestrainer unter Beihilfe eines Drehbuchsalbers die Kuh des Sonntagabend-Glotzers.

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