vonChristian Ihle 05.04.2012

Monarchie & Alltag

Neue Bands und wichtige Filme: „As long as the music’s loud enough, we won’t hear the world falling apart“.

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Bevor wir ein Potpurri der schönsten Grass-Schmähungen aus der gestrigen Presse präsentieren, ein Schmähkritik Classic aus dem Jahr 1980 vom amerikanischen Filmkritiker und Pulitzer-Preisträger Roger Ebert über die Schlöndorff-Verfilmung von Grass‘ „Die Blechtrommel“:

„Allegories have trouble standing for something else if they are too convincing as themselves. That is the difficulty with „The Tin Drum,“ which is either (a) an allegory about one person’s protest against the inhumanity of the world, or (b) the story of an obnoxious little boy. (…) My problem is that I kept seeing Oskar not as a symbol of courage but as an unsavory brat; the film’s foreground obscured its larger meaning. (…)

Actually, I don’t think little Oskar is at all innocent in this film; a malevolence seems to burn from his eyes, and he’s compromised in his rejection of the world’s evil by his own behavior as the most spiteful, egocentric, cold and calculating character in the film (all right: except for Adolf Hitler).

Should I allow myself to be annoyed by the child’s obnoxious habit of banging on it whenever something’s not to his liking? Even if I buy the wretched drum as a Moral Symbol, I’m still stuck with the kid as a pious little bastard.

We’re stuck with this cretinous little kid, just when Europe has enough troubles of its own.“



(Roger Ebert in der Chicago Sun Times, 1980)




Die Reaktionen auf Günther Grass bizarres Israel/Iran-Gedicht waren größteils verheerend. Hier einige Auszüge:

„Grass ist so eitel, dass er es in der „Zeit “ einst fertigbrachte, sogar anlässlich der Beerdigung von Heinrich Böll fast nur über sich selbst zu schreiben; seine politische Meinung packt er in ein derart schlicht gemachtes Gedicht. Was für ein Pathos! (…)
Noch nie in der Geschichte der Bundesrepublik allerdings hat sich ein prominenter Intellektueller auf so eitle Weise mit so dumpfen Klischees gegen Israel gestellt. (…) Ob es in absehbarer Zeit, wie im Gedicht unterstellt, zu einem Atomangriff kommt, mit dem Israel das „iranische Volk auslöschen könnte“, ist keineswegs sicher. Eines aber ist gewiss: Der lyrische Erstschlag ist geführt – und das von deutschem Boden.“

(Sebastian Hammelehle auf Spiegel Online)

„Wo immer er die Gelegenheit sah, sich mit erhobenem Zeigefinger politisch in Szene zu setzen, war er dabei. (…) Dabei brachte es Grass zu einer wahren Meisterschaft in der Kunst, mit großem Aplomb Türen aufzustoßen, die längst sperrangelweit offen standen. (…)
Grass will „mit letzter Tinte“ noch einmal Recht behalten, aus ganz persönlichen Gründen. Er gehört zu einer Generation von Männern, die es nie verwunden haben, dass sie am Beginn ihrer Karriere auf der falschen Seite standen. Man kann das verstehen: Ein Engagement bei der Waffen-SS ist normalerweise kein guter Anfang, um sich anschließend eine Existenz als wandelndes Weltgewissen aufzubauen. (…)
Man darf gespannt sein, was als Nächstes kommt. Eine Ode an Ahmadinedschad, den missverstandenen „Maulhelden“ aus Teheran. (…) Das nächste Mal reimt sich das abgelieferte Gedicht vielleicht auch, dann kann man es besser als Lyrik erkennen.“

(Jan Fleischauer, ebenfalls bei Spiegel Online)

„Schon der Titel des fürchterlich aufgeblasen daherkommenden Alterswerks ist eine rechte Zumutung. (…) Wenn Grass in seiner offenbar grenzenlosen Sehnsucht nach Aufmerksamkeit und öffentlicher Bedeutung jetzt mit Schmackes auch mal auf diese billige Blechtrommel haut, klingt das nur etwas schwülstiger.“

(aus den Nürnberger Nachrichten)

„Es ist ein Machwerk des Ressentiments, es ist, wie Nietzsche über das Ressentiment sagte, ein Dokument der „imaginären Rache“ einer sich moralisch lebenslang gekränkt fühlenden Generation. Gern hätte er, dass jetzt die Debatte entsteht, ob man als Deutscher Israel denn kritisieren dürfe. Die Debatte aber müsste darum geführt werden, ob es gerechtfertigt ist, die ganze Welt zum Opfer Israels zu machen, nur damit ein fünfundachtzigjähriger Mann seinen Frieden mit der eigenen Biographie machen kann.“

(Frank Schirrmacher in der FAZ)

„Grass will nicht mehr schweigen. Was ist der Anlass der logorrhoeischen Explosion? Das „behauptete Recht auf den Erstschlag“ eines namenlosen Landes, das den Iran bedroht, der seinerseits von einem „Maulhelden“ regiert wird. (…)

Grass hat schon immer zu Größenwahn geneigt, nun aber ist er vollkommen durchgeknallt. Ganztätig mit dem Verfassen brüchiger Verse beschäftigt, hat er keine der vielen Reden des iranischen Staatspräsidenten mitbekommen, in denen er von der Notwendigkeit spricht, das „Krebsgeschwür“, das Palästina besetzt hält, aus der Region zu entfernen. (…)
Grass ist der Prototyp des gebildeten Antisemiten, der es mit den Juden gut meint. Von Schuld- und Schamgefühlen verfolgt und zugleich von dem Wunsch getrieben, Geschichte zu verrechnen, tritt er nun an, den „Verursacher der erkennbaren Gefahr“ zu entwaffnen.

Die Deutschen werden den Juden nie verzeihen, was sie ihnen angetan haben. Damit im Nahen Osten endlich Frieden einkehrt und auch Günter Grass seinen Seelenfrieden findet, soll Israel „Geschichte werden“. So sagt es der iranische Präsident, und davon träumt auch der Dichter beim Häuten der Zwiebel.“

(Henryk M Broder in der WELT)




Inhaltsverzeichnis:
* Teil 1: Alle Schmähkritiken über Bands, Künstler und Literatur
* Teil 2: Alle Schmähkritiken über Sport, Politik, Film & Fernsehen

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kommentare

  • Brot in der Not

    Erst die Süße der Mutter,
    lerne schnell, voller Bauch,
    Brot dick mit Butter,
    ein halbes Schwein tut es auch.

    Fett zu Fett, schwillt an,
    Sinn nach Maß woher,
    andere hungern dann,
    fressen Lehm übers Meer.

    Gezüchtet für die Gier,
    Masse der Industrie,
    geschunden das Tier,
    was drin, wissen wir nie.

    Haut wirft Blasen,
    Krebsstand hoch wie nie,
    erfinden neue Basen,
    hoch der Farmerindustrie.

    Stehen wir dann im Zenit,
    muss eine Krise her,
    es kein Mehr mehr gibt,
    sind alle Bäuche leer.

    Dann schmeckt das Brot,
    ohne Belag wie Kuchen,
    nichts lernend in der Not,
    den Super-GAU suchend.
    Frank Poschau
    22.04.12

  • Zu Günter Grass seinem Gedicht,
    was haben wir Deutschen für ein Problem mit der Vergangenheit, was haben wir für ein Problem zu erkennen, dass auch andere Mörder waren und heute noch sind?
    Herr Grass macht sich nackt mit seinen Worten und hat mit jedem Wort recht. Wir dürfen hinter diesen Streitigkeiten nicht die Strippenzieher vergessen. Wenn Menschen die sich einig sind, dass es nur einen Gott gibt, aber blind ihren Glauben nachlaufen, um für sich Gott zu teilen und nur den Teil beanspruchen der ihnen genehm ist, dann möchte ich nicht Gott sein.
    Denn zu sehen, wie in meinem Namen gemordet, vergewaltigt und Ressourcen zerstört werden, um mich dann zu preisen, ist Gotteslästerung.
    Herr Grass hat zu seinem Lebensende den Mut sein Gewissen zu reinigen.
    Viele Verbrecher und Mörder seiner Zeit sind in die Politik der etablierten Parteien und Organisationen versickert. Die Unzufriedenheit kann sich braun, grün, rot, lila, schwarz äußern und wird immer den Unmut der bestehenden Politik zum Anlass haben.
    Wenn ich 1939 gelebt hätte, wäre ich der Versuchung des deutschen Anspruchs, sich dem Versailles Vertrag entgegenzustellen auch erlegen, um Stadthalter in Rom zu werden. Wir sollten nicht so tun, als wenn es keine „Hitler“ mehr geben würde. Jeder hat das Recht Diskussionen anzustoßen, wie es die Piraten jetzt auch tun.
    Wer Worte verbietet, fühlt sich meist ertappt, um mit dem Schwert (Presse) dem Sagenden zum Schweigen zu bringen, bevor die Masse den Wert der Worte erkennt.
    Frank Poschau
    09.04.12
    http://www.frank-poschau.jimdo.com

    Freiheit

    Welche Münder haben dieses Wort für sich beansprucht,
    in welcher Sprache wurde es noch nicht für sich erklärt?
    Welche Religion, welcher Glaube hält nicht die Waffen hoch,
    für die Freiheit, die man nur für sich begehrt?

    Wir atmen den gleichen Sauerstoff,
    wir essen die gleichen Speisen.
    Wir sehen verschiedenfarbig gleich aus
    und legen den Andersdenkenden in Eisen.

    Wir bauen Mauern, um unsere Freiheit zu bewahren,
    wir werden eingemauert, um ihre Freiheit zu schützen.
    Wir glauben an einen Gott, mit verschiedenen Namen,
    wem soll diese Freiheit was nützen.

    Wir schmettern die Neunte, vergehen uns an die Ode,
    „Brüder“ schmettert der Chor in allen Sprachen.
    Große Trommeln ersetzt durch Kanonengroll,
    „Brüder“, wo Schwüre brachen.

    Wir vertragen uns der Verträge wegen,
    schwören auf Wachstum jeglicher Art.
    Papier ist geduldig der Tinte nicht Wert,
    wir suchen immer überall Vorteile, ohne friedlichen Rat.

    Summen die Neunte mit blutiger Hand,
    stellen uns den Freunden, die uns morgen morden.
    Ihre „Freiheit“ haben wir nicht erkannt,
    laufen mit geschwellter Brust, geschmückt mit Orden.

    Am Anfang es sagen zu dürfen,
    am Ende auf gleicher Höhe stehen.
    Umsetzen zur Freiheit des Anderen,
    beim Auseinandergehen, Freude auf ein Wiedersehen.

    Vögel fliegen um die ganze Welt,
    wir werden gestoppt für ein falsches Wort.
    Vernichten, was wir zum Leben brauchen,
    um zu wissen, es gibt keinen anderen Ort.

    Frank Poschau
    01.06.11

  • U-Boote der Dolphin-Klasse werden in Deutschland ausschließlich für den Export nach Israel hergestellt. Die ersten beiden von insgesamt fünf Exemplaren (Wert je 250 Mio Euro) waren ein Geschenk Deutschlands an den Mittelmeer-Staat. Die weiteren wurden durch öffentliche Mittel mitfinanziert. Aus israelischen Quellen wurde nun bekannt, dass ein Abkommen zur Lieferung eines sechsten U-Bootes, ebenfalls durch deutsche Steuergelder subventioniert, bestätigt wurde.

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