Interview mit Isolation Berlin: „Du kannst auch in eine Eckkneipe gehen, ohne im Bergwerk arbeiten zu müssen. Es reicht, auf ’ne andere Art kein Geld zu haben.“

Eine Viertelstunde vor unserem Termin im Prenzlauer Berg schicken Isolation Berlin noch die Nachricht, dass es etwas später wird, aber knorke wäre, wenn ich dafür eine Ladung Sternburger mitbrächte. Zigaretten noch oben drauf und der Einstieg ist ganz den Erwartungen entsprechend gefunden.

Zum Interview treffen wir uns in der WG von Isolation Berlin – Sänger Tobias Bamborschke und dem Band-Maler Yannick Riemer, der alle Artworks gestaltet hat. Neben Sänger Tobias sitzen Gitarrist Max Bauer, Drummer Simeon Cöster und Bassist David Specht in einer WG-Küche, die exakt so aussieht, wie man sich eine Künstler/Studenten-WG in Berlin eben vorstellt. Hat man sich erstmal durch das Altglas gekämpft und geben die Rauchschwaden langsam den Blick in die Küche frei, kann man sich bequem neben den Uralt-Ofen setzen, in dem gerade eine Fertigpizza fürs Abendessen warm gemacht wird. Sterni und Zigaretten sind vielleicht Bestätigung eines Klischees, aber auch passend für ein Gespräch mit einer Band, in deren Texten Eckkneipen und Depressionen einen großen Platz einnehmen.


Auf Eurem Debütalbum ist kein einziges Eurer bisher veröffentlichten Lieder enthalten. Habt ihr alle neu geschrieben oder hat von vornherein schon ein Plan existiert, dass ihr zuerst Songs auf den EPs veröffentlicht und dann ein ganz frisches Album?

Tobias Bamborschke (Sänger): Einige der Albumsongs wie „Schlachtensee“ haben wir im letzten Jahr auch schon live gespielt, aber ich schreibe die ganze Zeit Texte und hatte schon den ganzen Kopf voll mit Lyrics als wir ins Studio gegangen sind. Die Hälfte des Albums ist erst dort entstanden.

Neben den beiden EPs ist auf „Berliner Schule/Proto-Pop“ auch ein Joy Division- und ein Nina-Hagen-Cover enthalten.

Max Bauer (Gitarrist): Ja, und wir wollten eigentlich auch unsere Version von Pulps „Common People“ mit auf die Platte nehmen: „Gewöhnliche Leute“. Aber das Management von Jarvis Cocker hat das leider nicht freigegeben. Mal sehen, was wir jetzt mit dem Song machen.


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Die Band spielt mir auf der Kompaktstereoanlage ihre „Common People“ – Version vor und wie schon bei ihrem Joy Division – Cover gelingt Isolation Berlin tatsächlich etwas Erstaunliches bei diesen überlebensgroßen Originalsongs: Sie entfernen sich musikalisch gar nicht mal allzu weit vom Original, doch durch die bemerkenswerte Übertragung der Lyrics in die deutsche Sprache durch Sänger Tobias entwickelt ihr „Gewöhnliche Leute“ ein Eigenleben, eine eigene Kraft. Jammerschade, dass ihr „Common People“ nicht den Weg in die Öffentlichkeit findet!
Noch kurioser ist ein zweites, ganz frisch aufgenommenes Stück, das sie einige Sternburger später in die Stereoanlage legen: ein für den Bassisten der Fat White Family geschriebener deutscher Schlager, Preset-Rhythmus und Rote Rosen im Text inklusive. Und selbst dieser Quatschversuch funktioniert als eigener Song – und zwar keinen Deut schlechter als Dagoberts Reise in die deutsche Schlagerwelt. Ob wir den Song jemals wieder hören werden?

Gibt’s denn einen Grund, warum auf der parallel zum Debütalbum veröffentlichten „Berliner Schule“ – Platte ausgerechnet die fantastische Single „Annabelle“ fehlt?

T: Sie hat einfach nicht mehr drauf gepasst. Außerdem ist die Single im Gegensatz zu den EPs noch nicht ausverkauft.


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Annabelle kündigst Du ja gerne live mit dem Satz „und der nächste Song ist für die drittschönste Frau auf der Welt!“ an – beruhen „Annabelle“ oder auch die b-Seite „Swantje“ auf echten Begegnungen oder sind deine Figuren in Songs komplett fiktiv?

T: Nein, meine Texte beruhen auf meinem Leben. Die Frauen gibt’s tatsächlich alle. Wie der echte Name ist, sag ich jetzt aber natürlich nicht… Bei „Annabelle“ geht’s ja übrigens auch um das „ich will“ statt „wir haben“… aber beruht trotzdem auf einer realen Person.

Wie gehst Du generell das Texten an?

T: Es startet mit einem Gefühl, das ich gerne in einem Song ausdrücken möchte.

Erzählt das richtige Debütalbum „Und aus den Wolken tropft die Zeit“ dann eine Entwicklung, also eine Art zusammenhängende Geschichte?

T: Das Album beschreibt eine Reise. Zu Beginn die Welt umarmen wollen – und von der Welt umarmt werden wollen! – bis hin zur kompletten Abwendung von der Welt und ihren Menschen. Das ist schon eine Geschichte, die wir erzählen – die Geschichte einer Trennung, die Geschichte eines Wegs in die Depression. Bis zu einem Herz aus Stein.


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Habt ihr gezielt Songs für diese Reise geschrieben?

M: Wir wollten jetzt sicher kein Konzeptalbum machen. Eher so, dass die meisten Songs da waren und wir daraus einen erzählerischen Bogen gespannt haben.

Wenn Du sagst, dass Deine Texte auf Deinen Begegnungen beruhen – hast du dann auch in deinem Leben diese Entwicklung genommen?

T: Ja, das kann man schon so sagen.

Gibt es aus Eurer Sicht einen zentralen Song des Albums?

T: Nein, genausowenig wie Du aus einem Buch ein Kapitel herausnehmen könntest. Es ist die Erzählung und die Reise, also der Bogen, der gespannt wird, der entscheidend ist.

Wie kam es dann eigentlich zur Wahl der Teaser-Single „In manchen Nächten“?

M: Haben wir einstimmig entschieden, was wir als Teaser herausbringen wollten. Die Single zum Release wird „Fahr weg“ – und wir wollten vorab einen Song veröffentlichen, der repräsentativ für das Album ist.

Aber ist „In manchen Nächten“ das denn? Ich halte ihn ja für den einzigen nicht so geilen Song auf dem Album.

T: Ja, also wir finden den Song schon gut…
Wenn er Dir nicht gefällt, ok…


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Berlin als geographischer Ort nimmt bei euch einen erstaunlich großen Platz ein – vom Bandnamen über Songtitel wie „Schlachtensee“ bis zu Textzeilen, die von einer U-Bahn-Fahrt von Pankow zum Bahnhof Zoo erzählen. Es ist aber nicht das Berlin, mit dem man sonst konfrontiert wird, also weder das hedonistische Abfeier-Berlin noch das Berlin, in das man zieht, um ein geiles Start Up auf die Beine zu stellen, sondern erweckt eher das Gefühl des alten West-Berlins.

T: Ich bin eben in Berlin groß geworden und deshalb hat mich Berlin natürlich geprägt.

David Specht (Bassist): Mit dem Bild vom alten West-Berlin, das Du angesprochen hast, kann ich auf jeden Fall mehr anfangen als mit dem „ich fliege am Wochenende nach Berlin, um mich auf Techno-Parties wegzuschiessen und möglichst viel zu bumsen“ – Berlin.

Eure Texte spielen mit Motiven, die man in England wohl der working class zuordnen würde. In Deutschland ist das Klassendenken ja weniger explizit ausgeprägt – wie ist Euer Background eigentlich?

T: Wir haben keinen Working Class Background.


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…der Text von Schlachtensee oder auch die Kneipe aus dem „Aquarium“ – Video spielen aber schon stark mit Working Class Bilder. Einfach nur, weil es Dir gefällt oder hast Du eine Haltung, die damit korrespondiert?

T: Welche Worte meinst Du denn genau?

Na, zum Beispiel wenn Du in Schlachtensee textest

„Siehst du da die dicke Frau? /
Mit der bin ich per Du /
Die schmeißt mich jeden Morgen raus /
Und schließt die Kneipe zu“


oder in „Aufstehn, Losfahrn“

„Ausgetobt und wieder pleite /
Und aus dem Zapfhahn quillt der Rausch /
Der alte Sorgen gegen neue tauscht /
Am Ende hat sich’s wieder nicht gelohnt /
Und zu Hause wartet treu die Depression“


– das verortet sich doch in einer Art Eckkneipen-Eskapismus. Und Eckkneipen sind ja ohne eine Working Class nicht denkbar. Dieser Zyklus Arbeiten – Eckkneipe – Schlafen – Arbeiten – Eckkneipe. Was ja auch wieder der Grund für das Eckkneipensterben ist, weil die Arbeiter durch die Gentrifzierung aus ihren bisherigen Vierteln vertrieben werden und so den Eckkneipen ihr ursprüngliches Publikum fehlt.

T: Es war einfach so: ich bin jeden Abend in eine Kneipe gegangen und wurde jeden Morgen von einer dicken Frau rausgeworfen. Mehr hab ich mir dabei eigentlich nicht gedacht.

Es ist aber schon ein sehr starkes Bild.

T: Ich habe halt auch ein sehr starkes Leben.

Die Texte von „Alles Grau“ und der Song „Isolation Berlin“ wirken so ungeschützt und haben deshalb auch eine heftige Wirkung. Und sie wirken auf mich eben nicht wie eine reine Pose – hast du einen „Act“, den du als Künstler in deinen Texten performst oder sind deine Texte 1:1?

T: Zweiteres, aber natürlich auch durchmischt mit Sachen, die ich bei anderen sehe. Aber zum Großteil sind es wirklich Erlebnisse von mir und meine Gedanken.

Verstehst Du deine Texte politisch? Damit meine ich jetzt keine Parolen, sondern auf einer indirekten Art politisch zu wirken.

T: Mit Deinem letzten Zusatz versehen schon, Songs sind immer Spiegel der Gesellschaft, in der sie entstehen.
Das Wort „Politik“ gruselt mich aber.

Zuletzt habe ich Die Nerven interviewt. Bei den Nerven hatte ich den Eindruck, dass sie nicht unpolitisch sein wollen, aber dabei mit großer Vehemenz vermeiden, politisch 1:1 aufzutreten. Mehr Frust an Zuständen artikulieren wollen. Ein Gegensatz dazu wäre Ja, Panik. Andreas Spechtl wird ja durchaus auch explizit politisch – und ihm gelingt es dabei, politisch zu texten ohne platt zu wirken.
Ich verstehe allerdings die Angst von Bands, dass man sich scheut, als politisch eingestuft zu werden, weil immer die Gefahr dabei ist, predigend zu wirken, Leuten am Besten noch zu sagen, wie sie ihr Leben leben sollten.

T: Wir haben ehrlich gesagt weder kluge Gedanken noch Lösungsansätze.

D: Das rechtfertigt einfach nicht, dass wir das Maul aufmachen.

Seit „Alles Grau“ verfolgt euch ja der Rio-Reiser-Vergleich, der von Euch nicht gerade geliebt wird, oder?


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T: Reiser ist einfach kein Einfluss von uns. Wir empfinden das nicht als Beleidigung, aber es nervt immer wieder die Frage nach etwas, das einfach nicht da ist.

Der Rio-Reiser-Vergleich erinnert mich an den Möhrchenwitz:
Kommt ein Häschen zum Bäcker und sagt „Hattu Möhrchen?“, Bäcker sagt: „ich habe keine Möhrchen“. Nächsten Tag kommt das Häschen wieder und fragt noch mal nach Möhrchen, der Bäcker sagt wieder „ich hab dir doch gesagt: ich habe keine Möhrchen“ – und nach dem Hundertstenmal hat der Bäcker dann die Schnauze voll.

Und wie ist die Pointe vom Witz?

T: Am Ende kauft er sich Möhrchen. Deshalb sollten wir vielleicht einfach anfangen zu sagen, dass wir Rio geil finden.

D: Politik ist nicht so unser Ding, aber Witze erzählen: das können wir! *lacht*

Der Rio-Reiser-Vergleich hinkt meiner Meinung nach übrigens genau an diesem Punkt, zumindest wenn man den frühen Ton-Steine-Scherben-Rio damit meint, der ja sehr explizit politisch und dabei nicht gerade subtil ist. An diesem Punkt passt der Reiser-Vergleich nicht mehr.

In gewisser Weise seid ihr aber doch politisch, weil ihr ein Milieu beschreibt, in dem „Abgehängte“ auftauchen und ihr Schmerz und Verlust thematisiert. Dadurch wirkt ihr schon politisch, wenn auch nicht agitatorisch – über Zustandsbeschreibungen, die viel Negatives artikulieren.

D: Darf ich dich auch was fragen? Ist das der Grund, warum du auch die Nerven als politisch empfindest?

In diesem Sinn politisch verstanden eben schon. Die Artikulation von Missständen und Verzweiflung hat etwas Politisches. Ihr habt erzählt, dass ihr früher Sex Pistols gehört habt. Die Pistols hatten keinen Vorschlag für eine bessere Gesellschaft, aber sie haben sehr laut gesagt, was stört, was nicht stimmt. The Clash hatten dann vielleicht schon mehr einen „Wo müssen wir hin, um die Welt besser zu machen?“ – Gestus, auch Ton Steine Scherben hatten eine Utopie mit im Gepäck, was eine andere Ordnung der Gesellschaft sein könnte – aber die Sex Pistols? Waren eine sehr laute Negation des Ist-Zustands. Und natürlich haben die Sex Pistols politisch gewirkt.

M: Ok, in dieser Hinsicht ist das dann schon richtig. Denn natürlich geht es um eine Haltung und es hat uns geprägt, dass wir die Sex Pistols gehört haben. Du fängst an, anders über Dinge nachzudenken, wenn du die Sex Pistols hörst.

T: Unsere Themen müssen nicht aber nicht explizit politisch sein, um eine Haltung zu haben.

…was aber auch wichtig ist, denn es kann ein schmaler Grat sein, wenn du Prekariatsbilder in deinen Texten verwendest und sie nicht mit einer Haltung verbindest – da ist die Gefahr eines Prekariatstourismus, ein „wir sitzen jetzt in der Eckkneipe, weil wir auch mal das „echte Leben“ spüren wollen.“

M: Eine gewisse Haltung ist durch unsere Prägung auf jeden Fall da. Wir wollen das aber nicht herausstellen.

D: Ein Klassenbewusstsein, wie es in Großbritannien vorhanden ist, gibt es hierzulande eigentlich nicht. Das heißt, du kannst schon auch in eine Eckkneipe gehen, ohne im Bergwerk arbeiten zu müssen. Es reicht einfach, dass du auf ’ne andere Art kein Geld hast.

Euer Debütalbum wird bei Staatsakt veröffentlicht, was ich sehr passend finde. Staatsakt ist musikalisch vielleicht nicht homogen, aber man kann bei Staatsakt-Künstlern eine gemeinsame Haltung feststellen.
Gibt es eigentlich eine Szene in Berlin? Oder fühlt ihr euch isoliert?

T: Letzteres.
M: Wir machen ja Berliner Schule / Protopop. Wir sind also die Vorreiter, noch ist keiner dabei. *lacht*
D: Im Gegensatz zu Hamburg. Zumindest aus der Außenperspektive wirkt Hamburg ja schon so, dass sich jede zweite Band miteinander einen Proberaum teilt, oder die Bandmitglieder zusammen wieder in anderen Bands spielen.

Gibt es eigentlich aktuelle Bands, von denen ihr sagen würdet: die passen zu uns?

– nach einer langen Stille –

Simeon Cöster (Drums): Da wir uns ja keinem Genre unterstellen wollen, ist das wirklich schwierig. Und dann sollte man sich ja auch noch menschlich ok finden. Hilft dir ja auch nichts, wenn du gemeinsam auf Tour bist, weil dir die Mucke gefällt, aber die Typen Arschlöcher sind.

M: Locas In Love sind ein positives Beispiel, mit der Liga der gewöhnlichen Gentlemen hat es gut funktioniert…

T: Wobei die musikalisch schon wieder völlig anders sind.

Aber interessanterweise sind Bilder und Haltung bei der Liga ähnlich zu den Euren. Auch da ist die Working Class ein bestimmendes Element in den Texten. Um noch mal auf Ja, Panik zurückzukommen: auch da sehe ich gewisse Parallelen in manchen Liedern. Zum Beispiel im Titelsong zu DMD KIU LIDT gibt es eine – im positiven Sinn – pathosgetränkte Abgefucktheit, die ich auch in „Isolation Berlin“ heraushören kann. Welche Texter findest du interessant?

T: Hermann Hesse. Rilke. Else Lasker-Schüler. Sven Regener. Nina Hagen.
Die Heiterkeit haben auch gute Texte. Mit denen würden wir auch auf Tour gehen.

M: Aber wer weiß, ob die mit uns spielen wollen würden. *lacht*

T: Bilderbuch schon mal nicht. Die sind wirklich richtig scheiße.

Bilderbuch fand ich live auch nicht gut, das Album dann aber dagegen doch recht interessant.

T: Live sind die fürchterlich. Die machen so behämmerte Ansagen wie „Habt ihr das Deutschlandspiel gesehen? Tolles Team!“. Ich hasse das so dermaßen, wenn sich eine Band dem Publikum anbiedert.

Habt ihr Wanda auch live gesehen?

D: Fast. Wir sollten mit Wanda spielen, aber dann wurden die Österreicher krank und wir mussten allein auftreten.

T: Die Leute sind angekommen, haben gesehen: Wanda fällt aus, Isolation Berlin spielt aber dafür umsonst – und sind dann wutentbrannt wieder weggefahren.

Für Dich war immer klar, dass Du auf deutsch singen willst?

T: Ich kann halt keine andere Sprache – was soll ich machen?

Ihr seid ja jetzt am Anfang Eurer Karriere. Wie ist das denn, im Jahr 2016 ein Debütalbum herauszubringen?

T: Wahrscheinlich genauso wie 2004.

D: Wobei, wenn Du 2004 zwei Vinylplatten veröffentlicht hättest, hätten dich die Leute wie ein Auto angeschaut und wohl nur gefragt: „was soll ich damit? Passt doch nicht in den CD-Player!“

Ist es denn noch so, dass man heute mit einer Band beginnt und hofft, dass es im besten Fall endet wie bei Tocotronic? Also 20 Jahre Bandgeschichte, alle zwei Jahre eine Platte – immer relevant geblieben, nie peinlich geworden? Oder hat man von Beginn an schon keine Illusionen mehr?

T: Nein, es ist schon unsere Hoffnung, dass wir das ewig machen und davon auch leben können.

M: Das ist definitiv der Ansporn. Wir sagen sicher nicht: wir machen jetzt eine Platte und hören dann auf.

Kann man 2016 denn von Musik noch leben? Beziehungsweise gibt es Sachen, die ihr nicht machen würdet, um von Eurer Musik leben zu können? Bundesvision Song Contest? Grand Prix? Werbespots? Oder ist das heute alles egal?

T: Nein, natürlich ist das nicht egal. Du kannst nicht auf dem NPD-Parteitag spielen.
Wir sollten ja mal Werbung für Backfactory machen. Haben wir auch abgesagt.
Bundesvision Song Contest würden wir auch nie machen. Es gibt Grenzen, selbst wenn unser Label das wollte.


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D: Bundesvision Song Contest ist ja sogar ein Imagekiller für Bands, die nicht mal ein Image haben: keiner hatte ne Meinung zu Dir und danach ist dein Image trotzdem im Arsch. Das ist ja genau so, als wenn Jenny Elvers in deinem Video mitspielt…

S: Und dann müssten wir ja auch noch „für Berlin“ antreten. Ich glaube, da bestehen auch andere Ideen, was jemand „für Berlin“ nach außen tragen soll.

Du meinst also „Ich nehm die nächste U-Bahn und fahr zum Bahnhof Zoo. Dort nehm ich mir ’nen Strick und häng‘ mich auf im Damenklo“ wär kein 1-A-Claim für Berliner Stadtwerbung?

T: Ist halt nicht gerade „Be Berlin!“…
Wir heißen ja auch Isolation Berlin. Was soll da die nach außen zu tragende Idee sein? „Isoliert Euch, Ihr Pflaumenköpfe!“?

Seid ihr eigentlich alle aus Berlin?

T: Wir sind alle hergezogen. Ich wohne seit ich 13 bin in Berlin. Zuerst mit meinen Eltern in Frohnau und bin dann in den Prenzlauer Berg gezogen.

Aus Frohnau kennst du dann auch noch die beiden Jungs von den Snoffeltoffs oder?

T: Ja, Julian und Flori. Wir sind in Frohnau praktisch zusammen groß geworden und haben uns an der Miniramp beim Skaten kennengelernt.
Wir hatten sogar einige Punkbands zusammen. Skate Pirates hießen wir zum Beispiel, meine letzte Band mit Florian war dann die „Lovers“, so mit Anfang 20.

Es fing an mit Punk, zum Beispiel beeinflusst von The Faction, der Punkband des Skaters Steve Caballero. Wir haben viel Sex Pistols gehört, Ramones gecovert und habe dann eben auch eigene Songs geschrieben. „Lonely Banana Milk“ war unsere Ballade!
Danach sind wir mehr in eine Garage Punk – Richtung gegangen, damals noch mit englischen Texten.

Das ist ja dann das, worauf Julian & Florian mit den Snoffeltoffs hängen geblieben sind

T: …ja und ich wollte irgendwann komische deutsche Texte schreiben, das hat nicht mehr reingepasst.

Julian hatte mir Anfang 2014, als ich in der 8mm Bar aufgelegt habe, eure allererste EP „Aquarium“ zugesteckt. Da spielt ihr aber noch nicht in der bisherigen Besetzung, oder?

T: Max und ich haben die EP zu zweit aufgenommen – mit einem Freund der Schlagzeug spielt.

M: Ich habe parallel dazu mit David und Simeon in der Band „Die schlechten Liebhaber“ gespielt und die beiden überredet, mit zu Isolation Berlin zu kommen.

…also dem Sänger der Schlechten Liebhaber die ganze Band geklaut?

M: Das klingt ein bisschen hart, wir verstehen uns immer noch gut mit dem „Scheich“.

T: Er ist eine Berliner Kneipenikone und immer noch ein guter Freund.

Ich habe Euch live unter anderem auf dem Reeperbahnfestival gesehen, als ihr in einem Fanshop vom FC St.Pauli zwischen lauter Klamotten auftreten musstet, während an der Kasse noch die T-Shirts abkassiert wurden. Ist das nicht eigentlich eine Frechheit einer Band gegenüber?

D: Also erstens waren wir lauter als die Kasse, zweitens ist uns das echt nicht so wichtig.

M: Es war kurioserweise sogar der Beste der drei Gigs, die wir am Reeperbahnfestival gespielt haben.

Ich war kurz nach Veröffentlichung der „Körper“ EP an einem Mittwoch Abend in Nürnberg auf einem Eurer Konzerte und war total überrascht, wie voll der Laden war. Ist das für Euch normal, dass ihr auch auf dem „Land“ genug Publikum anzieht?

D: Ah Nürnberg, der Laden mit dem Haselnusslikör!
T: In Deutschland funktioniert es überraschend gut.
S: In der Schweiz hassen sie uns. Super schwierig.
T: Bei der ersten Tour gab es tatsächlich Abende, an denen wir uns dachten: wo kommen denn die ganzen Menschen her? Gab aber sicher auch schwierige Auftritte.
S: In Stuttgart haben wir vor vielleicht 30 Leuten gespielt.
T: Ich finde es auch immer noch nicht selbstverständlich, dass ein Konzert voll wird.

Von den fünf, sechs Konzerten, die ich von Euch gesehen habe, war ausgerechnet das im vielgerühmten Berghain während des Popkultur-Festivals das einzig schwache.

D: Die Anlage im Berghain funktioniert für Bands auch nicht. Das ist natürlich klasse für fette Bässe, aber sobald einer singt, verstehst du nichts mehr und der Sound wird matschig. Die Frequenzen, die wir für unseren Sound bräuchten, verschwinden da. Nebenan in der Berghain Kantine ist es auf Bands ausgerichtet und klingt deshalb auch viel besser, schön trocken.

Also noch mal die Konzerterlebnisse abgleichen: Klamotten-Fanshop-Auftritt geil, Berghein scheisse. Auch mal ein Fazit!


Die beiden Alben von Isolation Berlin „Uns aus den Wolken tropft die Zeit“ und „Berliner Schule / Proto Pop“ sind bereits erschienen. Und sollte nicht ein wundersames Musikjahr 2016 noch auf uns zurollen, klare Kandidaten für Album des Jahres – Ehren!


Mehr zu Isolation Berlin:
* Die besten Platten 2014
* Songs des Jahres 2015
* Alben des Jahres 2015
* Isolation Berlin auf dem Reeperbahnfestival 2015
* Song der Woche: Isolation Berlin – Isolation Berlin
* Believe The Hype: Isolation Berlin


Isolation Berlin auf Tour:

Mi 30.03.2016 Leipzig (Moritzbastei)
Do 31.03.2016 Rostock (Peter-Weiss-Haus)
Fr 01.04.2016 Hamburg (Molotow)
Sa 02.04.2016 Münster (Gleis 22)
So 03.04.2016 Hannover (Faust)
Mo 04.04.2016 Haldern (Pop Bar)
Di 05.04.2016 Wiesbaden (Schlachthof)
Mi 06.04.2016 Nürnberg (Muz Club)
Do 07.04.2016 Coburg (Sonderbar)
Fr 08.04.2016 Karlsruhe (Kohi)
Sa 09.04.2016 Stuttgart (Goldmark’s)
So 10.04.2016 München (Feierwerk)
Mo 11.04.2016 Gießen (MUK)
Di 12.04.2016 Bremen (Lagerhaus)
Mi 13.04.2016 Oldenburg (Umbaubar)
Do 14.04.2016 Bielefeld (Nummer zu Platz)
Fr 15.04.2016 Düsseldorf (Zakk)
Sa 16.04.2016 Essen (Hotel Shanghai)
Sa 23.04.2016 Berlin (Bi Nuu)
Do 28.04.2016 Dresden (Ostpol)
Fr 29.04.2016 Jena (Kassablanca)
Sa 30.04.2016 Chemnitz (Nikola Tesla)
Mi 04.05.2016 Zittau (Café Emil)
Do 05.05.2016 Wien (Rhiz)
Fr 06.05.2016 Innsbruck (Weekenders Club)
Sa 07.05.2016 St. Pölten (Cinema Paradiso)
Do 26.05.2016 Flensburg (Kühlhaus)
Fr 27.05.2016 Immergut Festival (Festivalgelände)
Sa 28.05.2016 Potsdam (Waschhaus)
Sa 28.05.2016 Immergut Festival (Festivalgelände)
Fr 03.06.2016 Wilwarin Festival (Festivalgelände)
Sa 04.06.2016 Lunatic Festival (Universität)
So 05.06.2016 Maifeld Derby (Maimarktgelände)
Fr 10.06.2016 Göttingen (Dots)
Sa 11.06.2016 Campusfestival Konstanz (Universität)
Do 23.06.2016 Aachen (Musikbunker)
Fr 24.06.2016 Saarbrücken (Theaterschiff)
Sa 25.06.2016 Reutlingen (Vitamin)
Sa 16.07.2016 Melt! Festival (Ferropolis)
Do 18.08.2016 Obstwiesenfestival (Lerchenfeld)
Mi 24.08.2016 c/o pop Festival (Festival)
Sa 27.08.2016 Müssen Alle Mit Festival (Bürgerpark)
Fr 23.09.2016 Hanau (Amphitheater)
Sa 24.09.2016 Kaiserslautern (Kammgarn)

Kommentare (5)

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  4. aber was solls, Gewöhnliche Leute ist besser als das Original und meine Mutter war auch Lehrerin

  5. find die Band nicht schlecht, aber bei Back-Factory-Girl merkt man schon daß sich hier die Mittelklasse lustig macht. Der Sänger passt auch manchmal nicht so richtig in die Kulisse der Videos, trister sozialer Wohnungsbau usw.