vonMesut Bayraktar 10.03.2020

Stil-Bruch

Blog über Literatur, Theater, Philosophie im AnBruch, DurchBruch, UmBruch.

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Ein Torso aus Marmor, Zeichnungen mit Wäscheklammern an Leinen aufgehängt, ein ausgestopfter Fuchs, Reagenzgläser, ein menschliches Skelett und viele weitere Gegenstände. Dazwischen beugt sich ein grauhaariger Mann über einen Tisch. Er genießt bereits Ruhm und hat Schüler. Kann man sich Leonardo da Vinci überhaupt als Jugendlichen vorstellen?

Regisseurin Anja Panse hat die Spielfläche des Theaters Tribühne in eine fantastische Mischung aus Labor, Arbeitszimmer und Atelier verwandelt. Die Schüler und der Meister helfen einander, geben sich Ratschläge, grübeln über einem Gedankenpuzzle, sprechen über ihre Erkenntnisse, exemplifizieren ihre Hypothesen und kritisieren sich solidarisch, da die Liebe zur Wahrheit stärker bindet als die Konkurrenz um Prestige. Hier ist die Wissenschaft nicht in der Mangel der Warenform. Aus dem Nebel scheint der wissenschaftliche Sozialismus vor, der den Aberglauben und die Entmenschlichung besiegt hat. Leonardo wird als Prototyp des wissenschaftlichen Menschen vorgestellt, immer arbeitend und überall wahrnehmend, das tätige Leben.

»Wozu weiter forschen?«, wird der Meister gefragt, da man doch irgendwann eh sterbe. »Es ist interessant, es zu wissen, alles zu wissen«, antwortet er und untersucht eine apulische Tarantel, obduziert ein menschliches Gehirn, spekuliert über den neurologischen Punkt des Sensus communis oder fragt, warum man Muscheln in den Bergen findet. Und erhält die blasphemische Antwort, dass früher Wasser war, wo heute Berge sind. Peter Kaghanovitsch schafft es als Leonardo, das Staunen eines Subjekts darzustellen, für welches nichts selbstverständlich ist. »Geringes Wissen macht hochmütig«, sagt er ruhig und bedacht, und vor dem inneren Auge blitzen unweigerlich die Gesichter der herrschenden politischen Klasse auf. Manchmal jedoch hatte sein Eifer eine Euphorie zur Folge, die sich nicht selbst befragte.

Panse hat sich in dem von ihr auch verfassten Stück auf die Spuren eines rätselhaften Renaissancemenschen begeben. Warum hat Leonardo Panzerfahrzeuge für den mächtigen Cesare Borgia erfunden und gleichzeitig Fluggeräte entworfen, um die Schwerkraft zu bezwingen? Warum hat er gemalt und zugleich die Naturgesetze erforscht? Sie hat richtig gefragt und dabei nicht ihre Faszination für den wohl berühmtesten Universalgelehrten der europäischen Geschichte unterschlagen. Mit der steckt sie auch das Publikum an, der Genuss an Leonardos Praxis der Vernunft wird zum Genuss im Theater, das die Vernunft versinnlicht.

Stefani Matkovic stellt die bedingungslose Hingabe einer Lernenden zum Lehrer dar, dann verwandelt sich ihr Gesicht in das einer Zweiflerin an den Lehrsätzen des Meisters, schließlich steht sie mit zärtlicher Anmut einer besorgten Ehefrau Modell für die »Mona Lisa«. Arne von Dorsten spielt überzeugend die Hassliebe des Ehrgeizigen, der sein Vorbild überholen will, um es schließlich in Rom zu verraten.

In einer Gegenwart, in der der Aberglaube unter dem Apostroph des Postfaktischen wieder Konjunktur feiert, stellt uns die Aufführung einen Menschen vor, der künstlerische Inspiration an den Formen der Geometrie und Schönheit in der Strenge der Mathematik findet. Dass die Wissenschaft die Natur an sich in eine Natur für den Menschen verwandelt und die Dialektik der Natur die Kunst in ihrer Formsuche anzuleiten vermag, ist ein sympathischer Tenor. Dafür hätte die Aufführung jedoch nicht die Einschübe gebraucht, die eine kalkulierte Empörung über tagespolitische Ereignisse arrangieren. Dass die Inszenierung aber die Doppelnatur des Leonardo aus der Enge des psychoanalytischen Modells befreit, in das Sigmund Freud ihn in einer Monographie zu sperren versucht hat, ist das Verdienst von Anja Panse und von Darstellerin Franziska Sophie Schneider, die den Wiener Analytiker mit charmantem Witz karikiert. Das Stück ist ein Plädoyer für die Vernunft, die das Gegenteil von Kälte und Langeweile ist, für die sie heute gehalten wird, weil man sie mit dem Verstand verwechselt. Was wiederum sehr viel über über unsere Zeiten aussagt.

Nächste Aufführungen: 4., 20., 21. und 27. März, jeweils 20 Uhr


Hinweis: Der Text erschien erstmals in der Tageszeitung »junge Welt« in der Ausgabe vom 03.03.2020.
Mit freundlichem Einverständnis ist der Text auf taz.stil-bruch zu lesen.

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