Liebst Fin,
auch dies wird eine eher kleine Notiz. Ich teile deine Beobachtungen aus deinem letzten Brief und möchte sie durch meine ergänzen. Auch würde ich gerne den Versuch angehen, das Phänomen zu erfassen.
Am letzten Freitag hatten die Behörden hier oben im Norden schon alle Schulen wegen des Schneesturms „Elli“ geschlossen und am Montag blieben bis auf die Notbetreuung wieder alle zu.
Sicherheit geht vor!
Das erinnert mich persönlich sehr an die Lockdowns der letzten Pandemie. Es gab auch wieder Aufgaben für zuhause und bis gestern Abend war nicht klar, wie lange dieser Zustand andauern würde. Ein ähnlich ohnmächtiges Empfinden also für das Individuum. Und dabei erschien dieser „Sturm“ dann gar nicht so heftig, wie prognostiziert. Es gab viel, sehr viel Schnee, ja, aber hier war es nicht windiger als sonst auch und am Samstag und Sonntag war herrlichster Sonnenschein, allerdings ungewöhnlich kalt, bis -14 Grad, hörte man so.
Gleichzeitig berichtete das Radio darüber, dass die CDU in einer Stadt hier Untersuchungen zu vergangenen Straftaten fordert, um antifaschistische Strukturen zu erfassen und Verbote, wahrscheinlich auch von einigen sozialen und gemeinschaftlich organisierten Einrichtungen, initiieren zu können.
Parallel tritt Trump als Retter für die Unterdrückten, die Rebellen auf der Weltbühne auf – ach nein, erstmal in sozialen Medien – und wird sich damit sicherlich auch noch in der Geschichte rehabilitieren.
In meiner Wahrnehmung verschieben sich immer wieder oder immer deutlicher die Bewertungsmaßstäbe einer Norm, einer nur kurzzeitig gesetzten und dann weiter verschobenen Normalität.
Es ist seit Corona normal, dass flächendeckend Schulen und KiTas geschlossen werden. Die Sicherheit wird im Bildungssystem auch dieses Wochenende mal wieder ganz hoch gehängt, indem Homeschooling verordnet und die Arbeit im Familienhaushalt mal wieder ganz individuell aufgefangen wird. Gut, wer ein schönes Zuhause noch bezahlen kann.
Es wird immer normaler, dass antifaschistische Bestrebungen als Terror eingestuft werden und die oft jugendlichen Vertreter*innen nicht mehr als Kämpfer*innen gegen Nazis, sondern als Verbrecher gegen die Staatsmacht bezeichnet werden. Ich glaube nicht, dass das den jungen Menschen so ganz klar ist, aber ich hoffe, dass sie das noch rechtzeitig bemerken.
„Wir“ und „die“ wird immer salonfähiger – und das nicht nur während des Fußballs – sondern zieht sich durch alle Themen und Stadtteilgespräche. Der Flüchtling ist dabei schon lange kein Mensch mehr, sondern eine bestimmende Bewertung geworden.
Und hier kristallisiert sich langsam die Neue Mitte heraus, die immer weiter nach rechts zieht und von der aus dann neu bewertet wird, was rechtens und was bäh ist.
Mir ist dabei schon klar, dass es um ein Aufhalten, um eine versuchte Zementierung geht, die Etwas zusammenhalten soll, das schon lange zerfällt – im Zerfall begriffen ist.
Du schreibst in deinem letzten Brief über den Druck – und den habe auch ich vor Weihnachten und auch danach überall wahrgenommen – und dass man nie so genau wusste, wie Menschen sich dessen womöglich direkt vor einem entladen. An diesem Wochenende hat er sich einmal so ganz anders entladen:
Ich habe seit Ewigkeiten nicht mehr so viele rotbäckig strahlende Menschen und jauchzende Gesichter auf der Piste gesehen. Und die verschneiten Straßen waren wieder weitestgehend unser.
Man hatte plötzlich wieder Zeit.
Anders, als während Covid19, gab es kein Kontaktverbot und diese wirklich bezaubernde Schneelandschaft hatte wieder etwas Entschleunigendes und Regeneratives, und diesmal auch Verbindendes.
Nun bin auch ich sehr verhalten darin, dies als „Hoffnung“ zu bezeichnen, aber ich empfinde, dass es etwas in mir macht, etwas, das natürlich nicht die ganzen anderen Berichte von diesem Wochenende und aus der letzten Zeit relativiert oder bessermachen würde, aber es ist etwas Essentielles, von dem ich meinen könnte, das es schon lange in mir verloren gegangen war.
Herzlichst
Deine Nena
2. Brief: Im Namen der Sicherheit
5. Brief: Suizide auf den Gleisen – Morde an den Grenzen
6. Brief: Neu definiert: besser „gesund“ als bedürftig, lieber tot als krank
9. Brief: Ich möchte lieber nicht
10. Brief: Raubbau am Sozialsystem
11. Brief: To All The Boys I´ve Loved Before
12. Brief: Sind wir zu schnell für uns selbst? Sind wir zu langsam für diese Veränderungen?