vongnu 07.04.2020

GNU – Literarische Grotesken

Damals wie Heute das zynische Lächeln über die menschliche Irrfahrt. | © Fabian Fox Fotografie

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Wir beginnen mit diesen Sportvergleichen.
Keine Anekdoten vereinen Stammtischniveau und Alltagsweisheiten auf so perfide Art. Wir entwickeln uns weiter und wagen den Blick auf ein großes Stück Literaturgeschichte; Die Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral. Besser noch; Die Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral 2.0.

Sportivo und la Dolce Vita.
Ich lächele für die Laien der Lokalpresse. Morgen schon, würde ich mein breites Grinsen auf den Schundseiten des Amtsblatt sehen. Verdammt gutes Gefühl.
Man muss sich damit arrangieren, aus jeder Situation, das beste machen. Das sind alle Spielregeln, die es zu beachten gilt. Es gibt nicht nur Schwarz und Weiß. Es gibt nicht nur Schampus und den Wein aus dem Tetrapack. Es gibt eben nicht nur das Winnerteam und die Looserbande.
Dazwischen gibt es vielfältige Graustufen, ein ordinärer Schacht gefüllt mit diffusen Zuständen, den die meisten nicht ausfüllen können und die Siegerränge gähnend leer stehen lassen. Sie wissen es nicht besser?! Sie schenken der Werbung zu viel glauben! Aber gut für mich, ich mache mir das zunutze und werde zum Gewinner.

Egal, was das Leben einem anbietet, man muss High-Five geben und einschlagen und nehmen, was die Hände des anderen bereithalten, auch wenn die Artikel schlechter, die Fotografen schlechter, die Kohle geringer, die Groupies schlechter – ich glaube die Reihe lässt sich gut fortsetzen – werden .
Es ist immerhin besser jedwede Annehmlichkeit zu haben, als sie nicht zu haben. Man muss es nehmen, aber wirklich alles nehmen, nichts verkleckern und nichts verschütten.

Ich sauge den letzten Rest des alkoholfreien Weizenbieres aus meiner Radflasche.
Das komplette Gefühl der Freiheit. Der kettengetriebene Drahtesel. Der Loneranger auf der Zielgeraden, auf der matschigen Schotterpiste in irgendeinem unbedeutenden Loch mit austauschbaren Namen.
Meine Lungen waren offen, sie brannten von der letzten Steige. Ich hatte Zeit, meine direkten Verfolger kämpften sich noch durch den ersten Anstieg. Ich hatte Zeit, ich konnte warten. Kurz vor dem Signalband, das die Ziellinie markierte, drückte ich meine Bremsen durch und stellte das Rad quer. Ich stieg ab. Mein Schädel dröhnte noch vom Vortag. Der Abend war lange gewesen, der Sex mäßig gut. Radsport ist mein Leben. Menthol für den frischen Atem. Mein Statement an die Welt. Ich löse das Tape an meiner Stange und schnappe, die Fluppe, die dort den Wettkampf heil überdauert hat. In meinem Werkzeugpack am Rücken das Schnappfeuerzeug. Es knackt und riecht kurz nach Petroleum. Ich inhaliere. Alles wird ganz still. Mein Triumph. Ich blende alles um mich herum aus.
Die Leute müssen gröllen, doch ich höre sie nicht, sehe nur ihre offenen Fischmäuler, die blubbern, auf- und zugehen, wie bei den großen Karpfen im Aquarium. Was sie wohl sagen? Sie müssen mich beleidigen, gewiss, sie können nicht anders, sie sind für den fairen Sport und gegen die Drogen. Ich lächele. Sie bewundern mich. Das ist alles. Ich schließe die Augen, gehe in meinen Körper, in die Lungen, spüre wie der heiße Rauch meine Atemwege verätzt. Lungentorpedos. Sargnägel. Mein Herz ist schnell und pocht, aber gleichmäßig. Ich drifte weg von dem Ort und weg von dem Leben und lächele nur. Wieder.

Ein plötzlicher Einschlag holt meinen Geist zurück, in meinen Körper, auf das schlammige Feld der Ehre. Wettkämpfe? Wieder drifte ich ab, ich lasse mir diesen Moment nicht nehmen, nein, er gehört mir. Ich bin auf einmal im Tierreich. In meinem Kopf läuft eine Dokumentation, zwei Bilder sind da parallelgeschaltet, Steinböcke krachen mit ihren Hörnern gegeinander, ich höre das Krachen und Splittern der Knochen, das Gebiss eines riesigen Wolfes sengt sich in das Fell seines Kontrahenten, das Alphatier möglicherweise, das Jaulen ist herzzerreißend. Da ist es wieder, zum Gekeife des Tieres, gesellt sich das Geschrei der Menge, ich bin wieder auf Sendung. Gaströten knallen direkt neben meiner Ohrmuschel. Ich bin vollständig da und mustere die Menschen, die brüllen, die schreien. Es gibt zweierlei, die einen mit Proteinriegeln und Mineralwasser, die anderen mit Dosenbier und fettigen Rindswürsten. Ich frage mich, was sie gemein haben? Ich streife ihre Attribute, wie ein dünnes Dress, ab, zerknülle die Bockwurst und den Energieriegel, ich sehe sie nackt, zugebenermaßen, die einen besser gebaut, als die anderen, doch das ist nur Fassade, daran soll es nicht scheitern. Im Grunde ihres Wesens sind sie gleich. Was sind Wettkämpfe? Wieder die Gedanken ans Tierreich.
Es ist unrelevant, während meinen Gedanken habe ich vergessen, dass es mich sowieso wenig betrifft, ich bin ein Gewinner.

„Bist du total bekloppt?“ Ah, jetzt verstehe ich, was sie mir zurufen. Ich drehe mich um, werde laut. „Ja?“

„Junge, da vorne, guck doch, Junge.“

Ah, darum ging es also, verstehe, mein Verfolger trampelte sich ziemlich den Ast ab, hatte demnach aber auch nur noch einen knappen halben Kilometer zu mir. Ihm Radsport ist das nicht viel. Ich hatte meine Kippe erst zur Hälfte gepafft und im Laufe meiner Gedanken wohl das Rauchen vergessen. Egal, es ist ein Statement, die Kippe wollte zu Ende geraucht werden, die wohl größte Anstrengung dieses Nachmittags, es sollte also nochmal gegen Ende hin eng werden. Ich zog, ich zog und dabei fast meine Wangen in den Rachen. Der Verfolger 250m. Ich war am Filter und schnippte das Ding in den Dreck. Wer spulte das Teil jetzt auf einmal so schnell vorwärts.

„Arschloch aus dem Weg.“ Er hatte deutliche Worte gefunden.

150 m. Ich schwang mich auf den Sattel. Die Gangschaltung knackte, zu schwer für den Stand. Wieder Arschloch. 50m. Die Hinterreifen drehten durch, ich schmiss meinen Körper nach vorne, warf mein ganzes Gewicht in den Ring gegen die Schwerkraft. Wir waren nun gleichauf. Er stieß mit den Arm nach mir. Ich machte einen Schlenker, mein Rad stieß gegen die Banden und mein linker Ellbogen durchtrennte das Signalband, das die Ziellinie markierte. Mein Verfolger zähneknirschend direkt dahinter. Ich lag zu seinen Füßen, spürte den Schlick in meinen Gesicht. Er thronte wie ein Fels auf seinem Rad über mir. Ich war Erster. Er war Zweiter. Eine Milimeterentscheidung. Andere hatten die Hand Gottes, ich einen Ellbogen. Die Leute buhten mich aus, er sagte zum fünften mal Arschloch, so als ob sein Wortschatz derartig beschränkt war. Zufrieden schob ich mein Rad aus der Zone, ich merkte, dass sich einige aus dem Publikum, das Lächeln nicht verkneifen konnten. Ich spürte ihre eigentliche Zuneigung, sie verlangten eine Zugabe, doch Sport ist kein Wunschkonzert. Sie hatten einen guten Nachmittag verlebt.

Die Pressekonferenz. Mein schwarzer Balken über meiner Oberlippe war einigermaßen sauber und ich saß demonstrativ in einem alten Telekom-Tour-de-France-Trikot auf der viel zu kleinen Schulbank, die als Rednerpult fungierte. Mikrofone gab es keine, dafür war der Boden der Schulaula, in der dieser ganze Darbietung zelebriert wurde mit glattem weißen Marmor ausgelegt.
Es war insofern ein besonderer Tag, da neben den freien MitarbeiterInnen der lokalen Tageszeitung, ein alter Bekannter aus der sportlichen Fachpresse anwesend war, der mal nach mir sehen wollte und vermutlich mit mir als Medium einen Szenenaufschrei provozieren wollte, der seine eigenen journalistischen Avancen nach oben befördern würde.

„Ich mache da nicht mit Kollege. Für die letzte Seite, die Kuriositäten, Ernährungstipps und den Boulevard stehe ich nicht zur Verfügung.“

„Wieso jetzt das? Was gibt Ihnen die Amateurliga, nachdem sie im Hochleistungssport gescheitert sind.“

„Die Geltung ist mir entgegen der allgemeinen Annahme gar nicht so wichtig. Ehrlich gesagt, mache ich es aus erster Linie, nur des Geldes wegen, denn wenn man seine Wochenenden mit Laiensport-Wettkämpfen vollpackt und auch noch die Garantie hat, das man diese alle gewinnt, so schafft, dass doch Zeit für den Rest der Woche. Zeit, die ich benötige, um mich in aller Ruhe neu zu orientieren. Geht es nicht immer um Zeit und Entschleunigung. Ich habe möglichst viel gewonne Zeit, Zeit ist doch Geld, in Relation zu relativ wenig betriebenen Aufwand.“

„Finden Sie ihr Verhalten nicht unsportlich gegenüber Ihren Konkurrenten, die trotz voller Werktage lange auf diese Wettkämpfe hinarbeiten und ehrgeizig für Ihre eigenen kleinen Achtungserfolge arbeiten?“

„Letzte Frage? Letzte Antwort! Geld – ja. Eins. Zweitens bin ich vielleicht auch ein Botschafter des Spaßes, Sport tut gut. Ganz einfach. Sport hält fit, gesund vielleicht auch. Nehmt das Leben nicht so ernst, nicht zu verbissen, nicht zu ehrgeizig, ganz einfach, habt Spaß, have Fun. Punkt.“

„Lässt sich einfach sagen, wenn Sie alle Wettkämpfe mit Leichtigkeit gewinnen, weil es für oben nicht mehr gerreicht hat.“

„Ich bin gegen Doping. Das ist alles. Irgendwann kam der Vertrag, der mir die totale, ja wirklich totale, medizinische Betreuung zusicherte. Ich bin gegen medizinisches Fremdverschulden. Das war jetzt eine Frage zuviel, wie?!“

„Ihr Kollege von vorhin betitelte Sie im persönlichen Gespräch als arrogantes Arschloch?“

„Ich bin gegen Doping. Wirklich. Das einzige Dope in meinen Adern ist Nikotin. Darf man hier drinnen rauchen? Welcher Kollege, soll ich Ihn jetzt öffentlich denunzieren?“

„Also doch Arroganz, die einzige Möglichkeit der Selbstwertschätzung, wenn einen, die eigene, miserable Leistung mit Komplexen straft?“

„Ok, ok, ok, moment mal, wer hat hier Komplexe, ich oder derjenige, der es anscheinend schwer verkraften kann, gegen einen passionierten Raucher im Schlusssprint zu verlieren. Ich habe Ihm eine faire Chance gelassen, ich wusste ja, um meinen kleinen Leistungsvorsprung und alle haben ja gesehen, es wurde knapp am Ende. Ich mag eure Fanchöre, wirklich ihr seid die Besten.“

„Gibt es ein Comeback, holen Sie sich jetzt nur das nötige Selbstvertrauen und die Bestätigung, bevor sie einen weiteren Anlauf an der Spitze starten?“

„Es stimmt, gerade sprechen meine letzten Erfolge Bände, ich meine, wenn man in allen Amateurligen gewinnt, kann man schon verstohlen nach der nächsten Klasse linsen. Ich könnte von neuen anfangen und mich hocharbeiten, vielleicht das Rauchen wieder einstellen, altersmäßig stehe ich noch im Saft. Gute Frage?! Ich muss mal darüber nachdenken, wobei, ich glaube – Nein, denn andernfalls müsste ich mehr investieren. Und investieren, genau da sind wir ja beim Grundproblem. Alle streben nach dem, was ich jetzt habe, ich müsste mich mehr anstrengen und genau ist das Problem und was ist das Resultat? Ich habe weniger. Ich bin sehr dankbar, noch habe ich Platz in meinem Abort und diese Medaille aus gold-lackiertem Kunststoff kommt zu dem anderen Tand an der Wand. Heißt, was ich damit sagen will, für mich spielt es keine Rolle, ob die Runde Hälfte der Unendlichkeit, aus Kunststoff oder Weißblech besteht. Vielen Dank für die Fragen. Leider muss ich jetzt gehen, sonst ist die ganze Spaghetti Bolognese des Sportvereins schon weg und ich gehe leer aus und das als Sieger wohlgemerkt. Radfahrer sind die gesünderen Menschen.“

„Herr, vergessen sie nicht ihre Medaille.“

„Her damit.“ Ich hängte mir das Band mit den bunten Wappenfarben der Gemeinde um meinen Hals, ich spürte, wegen des geringen Gewichtes, kaum einen Unterschied. Ich aß und schob mein Mountainbike gegen die grelle Abendsonne zum Parkplatz mit meinem Auto. Der altbekannte Redakteur wartete bereits auf mich und stütze sich demonstrativ an der Motorhaube ab.

„Echt, schön dich zu sehen, aber vielleicht kannst du den Artikel lassen, ja?“

„Also doch die Scham? Willst dir nicht die Blöße vor den alten Kameraden geben, was?“

„Nein, eher die Angst, dass andere auf einmal die Erkenntnis haben und mich nachahmen, dann müsste ich mich ggf. doch wieder anstrengen.“

„Du fehlst da oben. Es ist unlustiger geworden.“

„Ja? Ich habe Sportler nie als humorvolle Menschen wahrgenommen.“

„Du bist schon ein eitler Gockel, was? Fühlst dich wahnsinnig toll?“

„Gerade war ich noch lustig. Was jetzt? Führst du das exklusive Interview gerade fort?“

„Entscheide ich danach.“

„Mir geht es sehr gut, wirklich. Eitel, nicht wirklich, ich muss mich hier nicht profilieren, du willst nur von mir, dass ich das tue. Höre mir zu, es spielt keine Rolle, ob ich in irgendeiner Jahrhundertrangliste stehe, heißt es kommen immer andere, die besser sind, neue Rekorde und sonst was. Es bleibt nicht viel davon übrig und die Medaillen haben neuerdings leider auch keinen materiellen Wert mehr. Es verhält sich bei Ihnen, wie mit Titeln. Ich mache alles nur für mich.“

„Lange hälst du das nicht mehr durch? Paar Jahre vielleicht, dann bist du durch.“

„Vielleicht, ja, vermutlich ist das dann so. Ich steigere mich nicht mehr, ich halte das Level und irgendwann wird das nicht mehr ausreichen.“

„Und dann hast du dich verlebt?“

„Im Alter gibt es immer so einen Moment, wenn wir alleine sind, verstehst du, dann hast du diesen inneren Film, du bist krank und allein und weißt, du kannst nicht mehr zurück, kannst nichts mehr anders machen. Und ich kann dann sagen, ich habe wenigstens gelebt, ich hatte wenigstens Spaß.
Aber es ist egal, was du machst, wenn du darüber nachdenkst, hast du dich immer falsch entschieden. Wichtig ist dieser Moment und gerade fühlt es sich richtig an. Also! Genug für deine Story.“

Ich kniff ihn fest in die Backe und zwinkerte ihm zu. Dann rollte ich über den Parkplatz. Zuhause angekommen stellte ich fest, dass es ungewöhnlich warm für die Jahreszeit war. Ein goldener Oktober. Irgendwie konnte ich heute nicht genug kriegen. Kurzerhand ließ ich meine Klamotten an und schwang mich erneut über das Rad. Noch ein paar Kilometer, um die Beine zu lockern. Dem Gespräch mit dem Redakteur wollte ich keine Bedeutung beimessen und so verschwendete ich keinen Gedanken daran, ob dieser Impuls, irgendetwas zu bedeuten hatte und doch nur der spitze Dorn eines Anderen war.

Mit Widmung: Für die Dogs-Anwärter; Phantome der Nacht, Schrecken des Sports, Fair Play Sportsmen and only doped with beer

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