vongnu 29.03.2020

GNU – Literarische Grotesken

Damals wie Heute das zynische Lächeln über die menschliche Irrfahrt. | © Fabian Fox Fotografie

Mehr über diesen Blog

Samstags, am 14. März wurde das Coronavirus für mich zur Wirklichkeit. Heilbronn, Endprobenphase. Die letzten Tage vor der Werkstattpremiere unseres Technotheaters „The Orange Moon“, das im Anschluss, die Szenelocations der Republik bespielen sollte. Ein behördliches Dekret schob uns fürs erste den Riegel vor. Das 16-köpfige Team zersprengte sich und nahm reißaus, zurück in ihre Heimatstädte, zurück zur Familie.

Vieles dabei ist paradox. Die Lunge unseres Planeten hustet seit Jahrzehnten. Spätestens seit den massiven Auswirkungen der Brände im Amazonas-Regenwald und den Buschfeuern in Australien kann niemand mehr ernsthaft die Anzeichen des riesigen, stetig wachsenden Lungenkarzinoms CO²-Emission ignorieren.
Kennt unser Schicksal Ironie? Ist die neue Lungenseuche COVID-19 eine angemessene Immunantwort auf den Virus namens Menschheit?
Die Warnzeichen sind schon lange bekannt. Unser System ist überhitzt und erfordert nun seinen Tribut. Unser eigener Biocomputer hat einen Virus programmiert.

Unsere Theaterproduktion ist im Nachgang eine Prophezeiung. Das Sujet des Stückes lautet: Die Erde wird immer wärmer. Und die Menschen versuchen diese Wärme mit ihrer eigenen Kälte zu kompensieren. Fehlende Solidarität, sozialdarwinistisches Handeln an den Außengrenzen offenbart die Fratze eines brutalokapitalistischen Systems, das sich verselbstständigt hat und auf den kollektiven Egoismus aller Individuen beruht. Beängstigend ist, unsere Prognosen werden Wirklichkeit.

Nährboden für eine Bandbreite an Verschwörungstheorien und Motiven.
Zurück zum Ausgangspunkt. Der nächste Tag. Ich bin unverschuldet arbeitslos und Vorbereitungen, die ca. ein dreiviertel Jahr in Anspruch genommen haben, liegen fürs Erste auf Eis. Unsere grenzenlose Realität, die den Einzelnen in den Mittelpunkt rückt, mit ständiger Verfügbarkeit von allen und schier unbeschränkten Freiheitsrechten, wird auf einmal weggewischt. Alles, was für unsere Generation selbstverständlich ist und war und keine weitere Beachtung bedurfte, bricht auf einmal weg.
Das Medienbild, die Radioprogramme und die Rhetorik von Experten und Politkern erinnern an Zeitzeugenberichte und Antikriegsfilme aus der Vergangenheit.

Ich mache mir nun ernsthafte Sorgen, doch nicht, um die eigene berufliche Existenz, die künstlerische Profilierung, kurz um das eigene Ego und dessen, was wir damit zu sagen haben, sondern viel mehr um die gesamte Gesellschaft und unseren globalen Zusammenhalt.
Umso mehr bin ich enttäuscht und traurig,  vom Verhalten und Handeln, das ich von Einzelnen widerfahren mitbekommen habe. So habe ich beispielsweise von manchen Kollegen und Kolleginnen erfahren, dass große Theater, Kulturinstitutionen, Filmteams, etc., die Zeit nutzten und trotz öffentlicher Beschlüsse, zumindest so lange es irgendwie möglich war, weiterprobten, filmten, etc.
Es ist schade, wenn ausgerechnet jene, die sonst keine Gelegenheit auslassen, um als moralische Instanz die Finger zu heben, um die Gesellschaft und Politik an den Pranger zu stellen, die kollektive Solidarität derart mit Füßen treten und allgemein-gültige Gesundheitsvorschriften missachten. Es bleibt eben nur bei Beteuerungen der Menschlichkeit im Feuilleton oder im Internet, von denen, die sonst an vorderster Stelle in der verbalen Front stehen.

Am Anfang der Krise hörte ich oft das Schlagwort CHINA. Das war weit genug weg, auch in meinen eigenen Gedanken. Mit den ersten Infektionsfällen innerhalb Europas wurde die Gefahr etwas greifbarer und damit auch die eigenen Angst vor dem Unbekannten, dem Ungewissen und vielleicht auch vor der existenziellen Bedrohung. Über die Angst spricht man nicht gerne, man schiebt sie von sich, möchte sie nicht sehen, sie ist unschön, hässlich. Auch ich gehörte in dieser Zeit zu jenen, die ihre eigene Angst, die immer wieder schwach aufflammte, mit (Schweine-)Grippe-Vergleichen, geringen Mortalitätsraten und der weiten räumlichen Distanz – es gab ja in der Vergangenheit immer wieder mal Anzeichen einer Epidemie, die doch weitaus gefährlicher waren und letztendlich doch lokal im Keim erstickt werden konnten – wegstieß. Ähnliche Beteuerungen im Austausch mit Freunden und gegenseitige Bestätigungen in diesem Punkt, waren stets Balsam und Anlass, die eigene Angst vor Veränderung gekonnt wegzustoßen. Doch tief in meinem Bewusstsein und meinen Reflexionen, wusste ich, weshalb ich diese Form der Corona-Konversation bevorzugte.

Es bleibt ein diffuser Zustand der Leere. Eine Situation, die sich nur schwer greifen und in Worte fassen lässt und nicht so Recht mit der strahlenden Frühlingssonne in Einklang zu bringen ist.
Vielleicht ist gerade dieses Nicht-Begreifen-Wollen, dieses Nicht-Registrieren-Wollen und Können, die innere Resilienz, die die Erinnerung an Vergangenes hochhält und sich vehement gegen die neuen Herausforderungen aufbäumt, uns zum Anderen aber auch schützt und besonnen reagieren lässt.
Besonnen reagieren – aus diesem Grund bleibe ich zu Hause!
Den gegenwärtigen Notstand können wir nur meistern, wenn wir grenzenlos denken und solidarisch füreinander einstehen. Dies gebührt auch und insbesondere der Respekt, gegenüber der älteren Generation, den Risikopatienten, unseren Großeltern, die z. T. noch den verheerenden Weltenbrand des Zweiten Weltkriegs miterlebt haben und die für uns diese grenzenlose Freiheit und diesen Wohlstand errichtet haben.
Was wollen und was können wir Ihnen dafür jetzt zurückgeben? Ich glaube Achtung, Respekt und Verantwortung sind ein allzu geringes Opfer, im Gegenteil, sie sind unsere Pflicht.

Jetzt ist es an der Zeit, unsere Zeit, unsere Krise des 21. Jahrhunderts. Die Historie lehrt uns, dass es ca. alle 100 Jahre zu großen Einschnitten und Umwälzungen in Gesellschaften kommt und jetzt sind wir an der Reihe. Wie werden wir das meistern und wie geht es weiter? Es ist ein letzter Hilfeschrei und vielleicht unsere letzte Chance radikal umzudenken. Die Krisen von morgen sind bereits absehbar und werden mit rigoroser Härte zuschlagen. Aktuell sehe ich noch den Schweif der Sonne, das Morgen am Horizont, doch dahinter liegt nur die ewige Nacht.
Es liegt in unseren Händen. Wir können uns nun nicht nur die nötigen Fragen stellen, nein, wir erleben und erfahren sie hautnah am eigenen Leibe. Es kann nicht immer nur höher, schneller und weiter gehen. Die Natur und Umwelt kann aufatmen, sie braucht uns auch nicht wirklich. Wie handeln wir danach? Werden wir die Maschinerie wieder anschmeißen, den Motor treten und zum Erhitzen bringen, bis die Barometer in die rote Zone ausschlagen? Werden wir auf der Überholspur aufholen, was uns das Jahr 2020 abverlangt hat?!

Es ist einzig unsere Entscheidung. Ich bleibe positiv. Alle bisherigen Warnungen wurden gekonnt ignoriert, vielleicht bleibt uns jetzt genau das, die letzte entschiedene Option, den Reset-Knopf zu drücken. Der mathematische Zirkel, die ökonomischen Spiralen unsere Start- und Landebahnen, in denen wir, wie in der Kugelbahn in festen Bahnen tanzen, spulen vorwärts auf die Zielgerade. Die augenblickliche Leere kann ein Katalysator des Kollektivs sein. Dieser Zustand kommt erzwungenermaßen und ungewollt von Außen. Wir können nicht fliehen und ausweichen. Alles was uns bleibt sind Wochen der Ruhe und des Stillstands. Also ausreichend Zeit, zur Reflexion und zur Schaffung einer eigenen, unserer eigenen Ethik, eines Bewusstseins und um sich mit der eigenen Endlichkeit auseinanderzusetzen. Was ist die Stellung unseres Egos in der Gesellschaft?

Zuletzt möchte ich an dieser Stelle noch allen Menschen danken, die an vorderster Front stehen und den Fortbestand unseres öffentlichen Lebens gewährleisten. Es sind die stillen Helden des Alltags, die aufoperungsvoll die Stellung halten, während ich nun die Zeit habe, bequem diesen Text zu tippen. Auch unseren Politkern möchte ich an dieser Stelle danken.
Die enorme Verantwortung, die mit ihrer Position einhergeht und den Entscheidungen, mit all den moralischen Konflikten inbegriffen, die an diesen Tagen getroffen werden, muss wahnsinnig viel abverlangen. Ich bin wahrlich kein Befürworter unserer Politik und sehe auch die falschen Kompromisse und den Pakt mit der Macht, den diese Ämter einfordern, doch jetzt sehe ich vor allem die Menschen hinter dieser Maskerade.
Menschen, die sich niemals eine derartige Situation gewünscht haben, ich glaube keiner von ihnen und trotzdem Handeln. Was ist der Antrieb? Ich glaube nicht nur die Sucht nach Dopamin und Herrschaftsgewalt, die mit dieser Position einhergehen. Ich sehe eine Form von staatsmännischen Idealismus und Ehrlichkeit, die in der Verzweiflung geboren wird. Die Politik ist letzten Endes auch nur unser Abbild, wir haben sie uns geschaffen.
Ich kann mir an dieser Stelle deshalb auch nicht das Privileg herausnehmen und Kritik verüben, ihm Nachhinein und aus der Distanz der eigenen vier Wände, vor dem eigenen Computer, ist man immer schlauer, doch wie würden wir mit dieser Aufgabe und Bürde umgehen?

Danke! Viel Gesundheit und vor allem viel Kraft und Energie für das Morgen! Lasst uns den inneren Eiswall durchbrechen und endlich Menschen sein, die nicht dort weitermachen, wo sie aufgehört haben.

Anzeige

Wenn dir der Artikel gefallen hat, dann teile ihn über Facebook oder Twitter. Falls du was zu sagen hast, freuen wir uns über Kommentare

https://blogs.taz.de/gnu/aus-der-viruszelle/

aktuell auf taz.de

kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.