vongnu 25.03.2020

GNU – Literarische Grotesken

Damals wie Heute das zynische Lächeln über die menschliche Irrfahrt. | © Fabian Fox Fotografie

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Ich widme diesen Text allen, die gemeinhin, durch ihr außerordentliches, politisches Engagement für Mensch und Umwelt bestechen und in diesem Sinne keine Möglichkeit auslassen, um darüber in den Sozialen Netzwerken zu toben. Die Mitläufer der trendgesteuerten Massen, die doch in Zeiten des Notstandes, ihre persönliche Freiheit ausgelassen weiter zelebrieren und das egoistische Wohlergehen, dann letztendlich doch über die kollektive Solidarität einer Gesellschaft stellen, um einer erzwungenen Konfrontation mit der eigenen Leere zu entgehen. Jetzt wird ein Raum geschaffen, der unausweichlich eine tiefe Auseinandersetzung mit dem eigenen Bewusstsein erzwingt. Der Festkomplex ist lahmgelegt.
Wir brauchen nun Akzeptanz und Verständnis für die Situation. Für uns Menschen.

VORWORT
Wie zeichnet man Stillstand?
Eine einleitende Fragestellung und eine banale Antwort, die das Potenzial dieser Geschichte komplett zu relativieren scheint. Eintauchen und es zugleich zulassen. Extreme, es gibt keine Mitte, Aufgehen können wir stets nur in Extremen. Dieser unbeirrbare, feste Glaube, das einfache Dogma, das nur selbst und alleinig den Anspruch auf Richtigkeit hat, während es zugleich alles andere abtut und entledigt. In der Mitte ist es so eine Sache, alles scheint dort komplexer – es erfordert die Fähigkeit, einen differenzierten Blick auf die Dinge zu haben. Eintauchen und sich nicht dagegen wehren, nicht ankämpfen. Die brickelnde Flüssigkeit drückt auf die Arme, die Beine, den gesamten Körper. Eintauchen, wohlig und schwer umschließt uns eine zarte, feucht-warme Umarmung. Wir müssen es nur zulassen und können dann sogleich in die Bedeutungslosigkeit sinken. Die Akzeptanz des Alkohols füllt sich gut an.  Es ist das warme Bier. Es geht an die Brauereien.

1.  MAI in einer süddeutschen Universitätsstadt
Happy Birthday und der Abend darf nicht enden.
Die einzige Spielregel ist der Alkoholkonsum. Mit dieser Anmoderation startete ich in meine Geburtstagsparty. Es sollte ursprünglich ein Jux, wenngleich auch einer mit fadem, politischen Beigeschmack werden.
Ich wurde ein Jahr älter, Tassen voll mit guten Vorsätzen und tollen Träumen schepperten aus dem Wandregal und zerschellten auf dem Boden der Realität, auf den Fliesen der Gram.
Meine Kondition erübrigte sich und gliederte sich damit in einen gesamtgesellschaftlichen Trend. Es stand wirklich nicht gut um uns. Ein neuer Windhauch musste her, mir ging die Puste aus, die Luft zum Atmen.
Drastische Maßnahmen, die den Karren wenigstens auf der Ziellinie der Abwährtsgeraden nach unten befördern und beschleunigen würden. Gegen die Stagnation.
Es war sprichwörtlich eine Schnapsidee, doch ein soziales Experiment, das im privaten Rahmen meiner Geburtstagsparty startete und in seiner potenten, revolutionären Sprengkraft, die Grenzen unseres Zusammenlebens ausloten sollte.
Vor den Massen war ich noch nie ein guter Rhetoriker, ein politisches Amt oder ehrenamtliches Engagement fielen dann schonmal weg. Außerdem sollte nichts den Anschein ernsthafter Politik vermitteln, hier war die Verdrossenheit zu groß und was einmal im Parteiensystem gebrandmarkt wurde, blieb es auch.
Das ganze musste den Anschein eines ganz und gar unpolitischen Aktes haben, nur so bestünde eine grundsätzliche Chance, dass der Rattenfänger-von-Hammeln-Effekt zünden würde.
Ich lud zur großen Runde.

»Motto: Das Leben hart feiern. 28. Jahre Schmerzensgeld. Wer reihert, geht arbeiten. Es gibt Bier – palettenweise. Wer arbeitet, hat keinen Spaß. Wer keinen Spaß hat, nun ja – kann man sich denken. Braucht es nicht. Zieht euch warm an. An all die 80´s Bitches und Adidas-Jogginghosen-Junks wir starten die Alkoholrevolution und feiern xxx Jahre Prohibition. Alles hat ein Ende. Für die Atzen da draußen, Hochprozentiges!«

Es ging los. Wir waren acht. Zu wenige, aber genug, um einen Verein zu gründen. Wir stießen an. Fünf Paletten Bier, die Rucksäcke und Discounter-PET-Tragetaschen beladen, voller Kurs auf die Bars der Stadt. Aus dem Ghettoblaster knallten die besten Eurotrash-Hits der Jahrtausendwende. Der Berg Bier ruft.
Wir soffen einfach drauf los, das Bier war süffig, ein bisschen, wie die Apfelsaftschorle nach dem Halbmarathon, ging gut runter. Wir hatten uns nicht wirklich viel zu sagen. Alles alte Weggefährten, Veteranen im Geschäft, doch nun im Abseits stehend, der familiären Verpflichtungen wegen oder des strukturellen Exils. Ich bin hängengeblieben, war für immer 23, der denkende Demagoge. Etwas Glanz aus der alten Zeit, wir schwelgten in Erinnerungen, vergaßen die Last und genossen die Ausflucht. Echte Freundschaft entledigt sich der wortreichen Wendungen.
Nach drei Stunden war mir kotzübel, ich zündete mir eine Menthol-Kippe für den frischen Atem an.
Der erste stieg aus, er war schon immer eine Pussy und konnte sich noch nicht mal für einen fast-halben-runden aufraffen. Ich hatte eine Idee.

ICH-Erzähler: Thomas, hier hast du mein Handy. Was du damit sollst. Du filmst jetzt alles, was hier passiert, ok? Das wird eine Botschaft. Am Ende cutten wir das beste aus dem Material zusammen und laden es ins Netz hoch. Wird eine Botschaft. Alright?!

Was nun folgen sollte, war eine Aneinanderreihung von Szenen:
-Cut-
Die eingeschworene, festliche Gemeinde versammelt sich und eröffnet die Dionysischen Festspiele. Sie bilden ein Rondell, hissen die Dosen und warten auf die Ansprache.

ICH-Erzähler: Leute, Danke. Ihr seid hier, das bedeutet mir einiges. Danke. Ihr seid der Wahnsinn. Danke. Ihr seid hier. Morgen ist frei. Also steht dem Heute nichts im Wege. Es gibt heute aber kein Morgen. Nie wieder. Wir zelebrieren diesen heiligen Tag. Die Horns nach oben. Wir gedenken jenen Tagen, an denen das Pils noch in den Getränkeautomaten der Industriebetriebe verfügbar war. Es war eine bessere Zeit. Die latente Sucht erschwerte uns die Leiden der Last und Arbeit. Wir werden heute die Ministranten des Alkohols sein. Lasst uns teilen den Stoff, das Blut, für das ehrliche Brauereien ihren Schweiß vergossen haben und lasst uns bringen die laue Luft des Hefeduftes unter unsere Brüder und Schwestern.

Die Biere wurden geext. Der Gerstensaft läuft in lechzende Schlünder. Nacheinander landet zerdelltes Weißblech auf den Kopfsteinpflaster der Shoppingmeile.
-Cut-
ICH-Erzähler: Geile Atzen.

Frank: Hey, was willst du?

Sie bedrängen den Studierenden Bernhard, der mit einem Fußpils durch die Innenstadt flaniert und so die Wege der feierwütigen Gruppe kreuzt.

Bernhard: Was geht bei euch?

ICH-Erzähler: Wir arbeiten uns hier durch die Tüten. Willst ein Export?

Bernhard: Jup.

Frank: Was bist du für ein Vogel?

Chris: Huldigst du das Reinheitsgebot?

Bernhard: Das einzige ehrliche Gesetz in dieser Bananenrepublik.

ICH-Erzähler: Hast du noch was vor?

Frank: Lernen?

Bernhard: Frankfurter Schule.

Frank: Neue Schule.

ICH-Erzähler: Du bist politisch?

Bernhard: Ja, schätze schon.

Frank: Du sagst ja?

Bernhard: Ich bin politisch. Ja, ich bin politisch.

Chris: Nimm noch ein Bier.

Frank: Exen!

Chris: Wir haben was vor.

Frank: Du bist doch politisch, oder?

Chris: Nimm noch ein Bier und jetzt hisse die Fahne des Alkohols.

ICH-Erzähler: Wir richten uns heute zugrunde.

Bernhard: Das ist die Zersetzung von Wehrmaterial. Verdammt, wir verweigern uns. Wir zerstören uns selbst, vorher, bevor der Staat uns zuvorkommt. Die einzig radikale Möglichkeit, um sich aus der Volkspflicht zu ziehen.

Frank: Lass, doch den Penner.

ICH-Erzähler: Thomas, Hallo, hier, Filmen. Wie heißt du?

Chris: Das ist Bernhard.

Frank: Höre auf zu lachen.

ICH-Erzähler: Du bist nüchtern, du bist der Mann, du bist der Kameramann.

Chris: Ein ädaquater Ersatz. Ein ehrlicher Junge, mit dem Herz am rechten Fleck. Er sagt, er kommt aus der neuen Schule.

ICH-Erzähler: Was machst du?

Bernhard: Studieren.

Chris: Kippe?

Bernhard: Bitte. Danke.
-Cut-
Rebecca, eines der Mädchen, der Feiergemeinde sondert sich einige Meter ab, gemeinsam mit dem Helden der Geschichte sitzt sie auf einer Parkbank unter alten Kastanienbäumen.

ICH-Erzähler: Thomas, Hey, Hallo, hier, es wird jetzt intim. Komm her, man, stelle dich ein bisschen unbeteiligt zur Seite, so als ob du dicht bist und nicht mehr richtig zuhörst. Das wird jetzt richtig deeper, intimer Scheiß, ok? Los, jetzt. Das drüben ist nur noch ne Wiederholung, ok!? Hatten wir heute schonmal. Wir wollen ein möglichst vielschichtiges Portrait, das die Köpfe der Revolution in ihrer kompletten Diversität abbildet. Wir zeigen die Menschen dahinter und das, was sie antreibt. Reality-Show.  Also – GO!

ICH-Erzähler: Hey Rebecca. Hey, na.

Rebecca: Hey, du, was geht?

ICH-Erzähler: Ja, ich glaube, ich bin ziemlich betrunken.

Rebecca: Was wird das hier? Meinst du es ernst?

ICH-Erzähler: Weiß nicht, schätze schon. Ich glaube man verrennt sich zu schnell und irgendwann kann man einfach nicht mehr zurück und wenn dann erst umkehren keinen Sinn mehr macht, wo soll man dann hin.

Rebecca: Weiß auch nicht! Hast du was vor?

Chris crasht das Gespräch und lehnt sich lachend mit dem Rücken über die Bank und steckt sein Kopf zwischen die beiden.

Chris: Kippe?

ICH-Erzähler: Nein! Ja.

Chris: Bernhard.

ICH-Erzähler: Ja, was denn? (zu Rebecca) Sorry.

Chris: Der Junge verträgt gut was. Der meint das wirklich ernst so, der macht das nicht einfach so. Total krank im Kopf.

ICH-Erzähler: Hey Chris, wir wollten uns gerade kurz unterhalten, ja? Erzähl es mir später.

Rebecca: Schon gut.

Chris trottet ab.

ICH-Erzähler: Sorry, was wolltest du mir erzählen?

Rebecca: Weiß jetzt nicht mehr.

ICH-Erzähler: Ok.

Rebecca: Weißt du, was ich wirklich meine, ist…

Chris kommt wieder, er lacht, hat zwei neue Bier in der Hand und schüttet eines über die Hosen der Beiden.

ICH-Erzähler: Jetzt ist gut. Komm schon, Alter. Reiß dich zusammen.

Chris trottet wieder weg.

Rebecca: Kippe? Du bist ziemlich dicht oder?

ICH-Erzähler: Ja. Vielleicht.

Rebecca: Auch egal. Was ich dir eigentlich erzählen wollte, ist vielleicht auch ziemlich dämlich, aber ich brauche einfach jemanden, mit dem ich das teilen kann. Du weißt, was ich meine.
Wenn ich feiern gehe, dann suche ich immer nach diesen einen Vibe, diese Stimmung, die in Gedanken so groß ist und die so präsent ist, wenn ich noch in meiner Wohnung stehe, mich fertig mache, Musik höre, vorglühe und dann ist dieses Gefühl immer weg, es kommt mir immer abhanden. Mit jeder weiteren Stunde, die in der Nacht verstreicht, weiß ich, dass sich diese Erwartung nicht erfüllen wird. Die Nächte können nicht halten, was sie versprechen. Ich will eigentlich nicht das die Partys jemals enden.
Du verstehst nicht, oder? Vielleicht sind das auch nur die falschen Versprechen unserer Träume.

ICH-Erzähler: Doch, klar. Du hast doch meine Einladung gelesen, das Motto?!

Rebecca: Was ich meine, ist etwas anderes.

ICH-Erzähler: Ja.

Rebecca: Alles wirkt so wirklich in der Nacht, alle sind sich so nahe, verstehst du. Alle Probleme verschwinden für einen Moment. Es gibt nichts mehr, was uns trennt und sobald die Sonne am Himmel steht, ist alles wieder wie früher. Ich muss nicht in die Klubs. Ich liebe es hier draußen. Ich habe jetzt etwas zu sagen, hier auf dieser Bank. Dieses Gefühl, wenn wir hier auf dieser Bank einen Abend starten, die ersten Schluck Alkohol, die alles betören. Es ist wie Magie, dieser Anfangspegel, doch dieses Gefühl ist nur so kurz da, später wieder alles nur dumpf und irgendwie auch klar, wenn ich selbst merke, wie dumpf ich und wir doch alle zusammen sind. Ich komme nicht mehr zurück auf diese Bank, egal, was ich auch tue.

ICH-Erzähler: Bin voll dabei. Sind ja jetzt da.

Rebecca: Ja, ist ja auch egal. Ich hasse es, wenn wir jetzt tanzen gehen und dann wieder alleine, vielleicht auch zu zweit oder zu dritt nach Hause gehen, in der Wohnung versacken, Musik hören und dann wieder verschwinden. Verstehst du, ich will einfach zurück. Wieder zurück, zu dieser Bank, wo der Abend angefangen hat. Und in manchen magischen Nächten ist es so, das ich vielleicht alleine, aber vielleicht auch mit euch hier bin, alle anderen sind schon zuhause oder noch in den Klubs und wenn dann so dumpf, dass sie vergessen, dass sie dumpf sind und es bald draußen hell wird. Doch wir sind dann hier, in diesem Zwischenstand, es ist keine Nacht mehr, aber auch kein Tag. Es dauert auch nur eine Stunde vielleicht. Doch wir sitzen unter den Bäumen und sind uns für den Moment wirklich nahe und manchmal kommen dann noch andere. Andere Nachtschwärmer oder Leute, die ausgegangen sind. Sie können ganz anders sein als wir, anderen Geschmack, andere Trends, andere Musik, es spielt wirklich keine Rolle, nur das sie auch zurück gehen und da sind, zurück zum Anbeginn ihres Abends und das ist das Entscheidende, nur das. Es zeigt, dass wir auch ihnen nah sind. Es braucht nicht viele Worte, es ist einfach so, wir verstehen uns.

ICH-Erzähler: Vielleicht können wir ja nach alldem wieder hierher zurück. Ich würde dir gern eine Freude machen.

Rebecca: Vielleicht. Ist auch nicht so wichtig, wollte nur mal wieder mit dir quatschen.

ICH-Erzähler: Geht mir genauso. Willst du mir noch was sagen?

Rebecca: Nee, ging mir nur um dieses Gefühl-Ding. Wollte dir das nur beschreiben.

Chris: Ladies and Gentleman, meine sehr geehrten Damen und Herren, hier ist Bernhard, ein würdiger Ehrenmann, den ich nun, wohlgemerkt nach anfänglicher Skepsis, mit offenen Armen, in unseren hochwohlgeborenen Kreise willkommen heißen darf. Stelle dich doch nochmal vor mein guter Freund.
-Cut-
Ein rastloser Streifzug durch die Nacht. Andere machen einen weiten Bogen, um die junge Gruppe. Sie wollen nicht hinsehen. Die jungen Hauptdarsteller erblicken einen Mann, der auf einer Bank unbeteiligt das Geschehen mustert und aus seiner tragbaren Musikbox Elektroswing leiern lässt. Augenscheinlich handelt es sich um einen Obdachlosen.
ICH-Erzähler: Totale Verweigerung.
Das Schicksal setzt uns allen hart zu. Ich breche das Brot mit dir, also bildlich gesprochen, besser gesagt prosten wir uns mit dem flüssigen Brot zu. Schätze heute ist dein Glückstag. Hier hast du deine Ration. Es gibt noch mehr davon. Lass uns anstoßen.

Der stumme Herr: Das sind noch ehrliche Wichser.

Thomas: Was soll die Scheiße, Kumpel. Verdammt, das ist alles oberpeinlich. Ich dachte, ich dreh hier ein paar Clips, einfach so. Ein bisschen was zu Erinnerung. Du verstehst, wenn wir in ein paar Jahren wieder hier sind. Wozu, diese ganze politische Scheiße.

ICH-Erzähler: Thomas, Hey, höre zu. Darum geht es doch gar nicht. Wir haben hier einfach ein bisschen Spaß heute. Mehr nicht. Wir trinken, wir kotzen, so wie früher. Aber lass mir doch auch ein bisschen Spaß, in Ordnung. Das ist mein Geburtstag. Das ist alles zu konfus, hier. Du filmst jetzt einfach genau das, was ich dir sage. Ich werde immer etwas zu allem kommentieren.

Thomas: Was soll der Quark?

ICH-Erzähler: Es braucht Struktur, weißt du? Das ist sozusagen eine soziale Plastik. Wir brauchen diesen roten Faden. Damit das Produkt des heutigen Abends, für das wir alle so viel investieren, auch respektiert wird. Sie müssen die Intentionen dahinter verstehen, um uns zu verstehen. Wir setzen nicht umsonst unsere Gesundheit aufs Spiel.

Thomas: Höre auf so zu reden.

ICH-Erzähler: Na, wie rede ich denn?

Thomas: Wie ein Arschloch, ich hasse es, wenn du so redest. Du redest nur so, wenn du dicht bist.

ICH-Erzähler: Wir sehen uns einfach zu selten. Ich rede immer so Thomas.
-Cut-
ICH-Erzähler: Thomas, hier, ich habe die Ehre, zwei junge Männer neben mir vorzustellen.
Beide erkennen den Irrtum, ihres bisherigen Daseins und wagen einen radikalen Umbruch, einen Neuanfang. Es sind zwei Männer, die die Sackgasse unseres Daseins erkennen und sich einer Bewegung anschließen, um die Hoffnung wieder zurückzuholen.
Links ist Bernhard. Hallo Bernhard. Sage den Leuten da draußen auch Hallo.

Bernhard: Tag!

ICH-Erzähler: Bernhard, sag schon, wieso so hast du dich uns angeschlossen?

Bernhard: Es ist eine politische Tat. Es ist die totale Verweigerung. Eine neue Dimension des Generalstreiks. Wir legen unseren Anstand und unsere Würde ab, wir hören praktisch auf zu funktionieren. Wir zeigen denen, was sie aus uns gemacht haben. Deswegen bin ich hier. Ich bin politisch.

ICH-Erzähler: Rechts hier ist Detlef.

Detlef: Mahlzeit!

ICH-Erzähler: Detlef, wie so bist du hier?

Detlef: Ihr seid alles kleine verwöhnte Hurensöhne. Ich mein dich, genau, den Wichser an der Kamera, du musst dich nicht hinter der Linse verstecken. Ihr behandelt mich, wie Dreck, genauso, wie der Rest da draußen. Das sind alles Hurensöhne, doch die behandeln mich, wie Luft. Was ist besser Dreck oder Luft? Dreck sieht man, Luft nicht.
Ich weiß, dass ihr euch verdammt nochmal lustig macht, aber ihr wisst zumindest, dass es mich gibt, das ist gut, verdammt nochmal. Außerdem habt ihr Alkohol und ich bin Alkoholiker. Ich will einfach saufen. Das ist mein stiller Protest. Es fühlt sich geil an, wenn ich voll bin und die anderen, die Nase dabei rümpfen und mir zusehen müssen. Ich fühle mich überlegen. Ihr seid solche Wichser, ich sehe mich in euch. Wir ziehen das Ding durch. Ich kann nur gewinnen. Also Kameraden, wann gehen wir auf die Barrikaden. Ich bin solange euer Mann, wie ihr den flüssigen Sold habt.

Chris: Dort wo wir hingehen, gibt es noch viel mehr davon! Das ist nur ein Ausblick! Der erste Söldner in unseren Reihen.

ICH-Erzähler: Nein, ein Überzeugungstäter. Thomas, höre auf. Danke Detlef für deine ausschweifenden Worte! Soweit hat uns also unsere Gesellschaft gebracht. Andere stehen an ihrem Rand. Die Schuldfrage wird später geklärt. Die Alkohollobby spielt jedoch auch eine Rolle, die es zu entlarven gibt.
Ich sage nur so viel, wir sind alle politisch. Wir stehen zusammen, es gibt nichts was uns trennt. Wir sagen die Wahrheit. So ist das. Ihr könnt es sehen. Ihr könnt Detlef nicht abtun, könnt nicht sagen, dass er nur seine verdrehte Version der Weltordnung darstellt, nur weil er ein Opfer ist. Ich bin kein Opfer, ich nicht. Ich bin nicht am Rand dieses Daseins und doch teile ich die gleichen Gedanken, wie er hier, dieser Mann, wie Detlef. Reicht dieses grenzenlose Denken nicht aus, um zu beweisen, dass wir die Wahrheit sagen, dass unsere Anschauung die nötige Legitimation erhält. Ich bin ein Intellektueller.

Thomas: Alter, bist du eine ekelhafte Ratte. Schick den Typen weg. Bitte.
-Cut-
Bernhard: Alter, hast du davon gehört, das ist so klasse, verdammt, erste Sahne. Es gibt schon ähnliche Projekte, das Bewusstsein wächst, die Idee gab es schon vor uns, nur nicht mit der gleichen Radikalität. Hier hast du z. B. von der Aktion gehört? Bier für den Buchenwald! Total geil! Ich war auf einer Studentenparty, traf mich mit zwei Freunden, rauchte Zigarette und wollte einfach ein paar Pils trinken und tatsächlich, dann hab ich mir das Bier gekauft. Das Bier für 2,-€ und wirklich auf dem Etikett stand es geschrieben, pro drei Bier, wird eine Buche gepflanzt und der europäische Mischwald wieder aufgeforstet. Eine super Aktion, ich habe mich gut gefühlt, ich hatte Spaß und tat zugleich etwas gutes dabei. Ich habe gleich mehrere Biere getrunken, ohne mich dabei schlecht zu fühlen, sozusagen für das große Ganze.
-Cut-
Frank: Hey, ich muss dir was sagen! Ich wollte es eigentlich schon die ganze Zeit tun, aber irgendwie hat es sich nicht so ergeben.

ICH-Erzähler: Betrifft es die Revolte!

Frank: Nein, gar nicht.

ICH-Erzähler: Es ist intim? Thomas?!

Frank: Ich wollte es euch eigentlich schon die ganze Zeit sagen.

ICH-Erzähler: Hey Thomas, mach die Kamera aus, das ist privat.

Thomas: Jetzt auf einmal, vorhin auf der Bank…

Frank: Nein, ist schon ok?

Rebecca: Was ist den jetzt? Willst du es nicht sagen?

Frank: Doch, aber ich bin ziemlich betrunken. Scheiße nochmal, ich habe schon dreizehn Weizen.

Rebecca: Heute ist irgendwie der Spirit da. Im Alkohol ist man doch wirklich ehrlich.

Frank: Ok, ich habe mich ja von meiner Freundin vor kurzem getrennt, ihr kanntet sie nicht wirklich, ich war ja oft raus und so.

ICH-Erzähler: Hey, alles gut. Komm her. Ich umarme dich.

Frank: Darum geht es nicht. Alles was ich immer wollte, war das hier mit euch. Früher, mehr gab es bis dato nicht für mich.

ICH-Erzähler: Ich kann mich dem auch wieder hingeben, voll und ganz, das endet nicht so schnell, jetzt wo es hier keine Optionen mehr gibt. Wir können uns getrost kaputt machen.

Frank: Ich bin so glücklich über das alles hier. Die Alte will keinen Kontakt mehr zu mir, hat mir aber gesagt, dass ich Vater werde. Sie ist schwanger. Kumpel, ich werde Vater. Es gibt euch und mein ungeborenes Kind, ich habe einfach so eine große Scheiß Angst, dass ich mein Kind nicht kennenlernen darf. Ich meine doch, ein Kind, das braucht doch seinen Vater, ich brauch doch meinen auch noch, oder?

Rebecca: Redet doch einfach. Das versteht jeder.

Chris: Dein Sohn wäre bestimmt sehr stolz auf dich, wenn er dich jetzt so sehen könnte.
-Cut-
Chris: Wir haben jetzt vier Uhr früh, ich komme gerade wieder mal klar. Warum, bin ich überhaupt hier? Ich dachte, wir wollen deinen Scheiß Geburtstag feiern? Was wird das? Wann gehen wir endlich in den Klub? Es ist schon fast morgens und wir laufen die ganze Nacht mit irgendwelchen Pennern rum, die ich nicht kenne. Die Penner stören mich langsam man. Wir verteilen an dieses Pack nur unser Bier und du labberst irgendwas von Politik, von der ich nichts verstehe.
Wir gehen jetzt in den Klub.

Frank: Du kommst da nicht rein, die sortieren aus.

Chris: Das du da nicht reinkommst ist mir klar.

Frank: Mit wem warst du das erste mal drinnen?

Chris: Ich kann das verstehen, die Selektion ist wichtig, weißt du, ich verstehe das vollkommen, das die Betreiber nicht jeden reinlassen können. Es ist wichtig, dass man mit der Konformität des Seins bricht, anders ist, alternativ ist. Die Türsteher haben einen Riecher für sowas, die sind darauf abgerichtet, die sind wie Hunde, die machen nichts anderes, Kollege. Die schauen, wer welches Leben führt und wer sich auflehnt, das ist die Prüfung, der wir uns alle stellen müssen. Die Wahrheit tut manchmal weh, doch sie ist auch die Erkenntnis zugleich, der erste Weg der Besserung, wenn du nicht reinkommst, dann mag das für dich hart sein, doch dann weißt du zugleich, woran du noch an dir arbeiten kannst. Die Menschen sind fair, nächstes Wochenende hast du schon eine neue Chance. Fuck the System.

Frank: Ich war in dem Laden doch schon.

Detlef: Ich habe keinen Bock mehr, wenn ihr mich nicht mehr bezahlt.

ICH-Erzähler: Die Brauerei.

Chris: Was ist das?

ICH-Erzähler: Der Ort an dem das Bier gebraut wird.

Chris: Und der Klub.

Bernhard: Der Klub ist spitze. Dort können wir endlich unter uns sein. Es ist ehrlich, es kommen keine Anderen rein.

ICH-Erzähler: Ihr seid verblendet, dass ihr nicht den Weg erkennt, den wir einschlagen müssen, ich sagte, die Brauerei. Der Klub von dem ihr sprecht, ist eine Lüge, die große Lüge der Nacht. Es ist der Puff des Kapitalismus, ein mieser Marketinggag, der euch suggeriert, am richtigen Ort in der falschen Welt zu sein. Eine künstliche Verknappung, die doch nur die Nachfrage weckt. Ein beschissenenes Marketingkonzept und Tausende fallen rein, am Ende sogar der Klub selbst. Sie haben sich in ihrer eigenen Werbemaschinerie verrannt.
Und ein paar intolerante Hurensöhne sagen euch, ob ihr cool seid oder nicht. Ich weiß nicht, ob dieser Abend euch irgendetwas gebracht hat. Ich weiß nicht, ob ihr wirklich die Idee verstanden habt. Eure Augen müssten andernfalls bei dem Wort Brauerei leuchten.

Detlef: Ich dachte es geht um Alkohol.

ICH-Erzähler: Sehr gut, ich bin bei meinen neuen Freunden.

Chris: Was denn?

ICH-Erzähler: Die Brauerei. Ich sagte, die Brauerei und ihr macht nichts. Es ist unser Ziel, ein Ort, der keinen Glanz nötig hat. Still und grau liegt sie da in der Nacht. Doch es ist die unermüdlich ackernde Maschine, die uns mit ihren dampfenden Kesseln versorgt. Ich dachte, ihr verfallt augenblicklich in Entzücken, nachdem ihr die Brauerei gehört habt.

Chris: Wer geht mit in den Klub?

ICH-Erzähler: Die Brauerei ist ehrlich. Du weißt, was du bekommst. Die Brauerei ist transparent, sie produziert Güter nach Tradition und Reinheitsgebot. Es ist eine Revolution, meine Kameraden. Es war am Anfang ein Spiel, eine, meine Geburtstagsparty. Doch es geht weiter. Wir beschlagnahmen unser Gut. Wir besetzen die Brauerei und müssen nichts weiter tun, als zu trinken. Nur trinken, weiter trinken. Die Behörden kommen und werden uns ficken. Doch wir sind nicht gewalttätig. Nein, es ist Sonntag. Wir klettern nur über den Zaun und trinken das, was schon im Hof, auf die Auslieferung wartet. Doch bevor wir hochgehen, alkoholkrank werden oder die Staatsanwaltschaft mitsamt der Juristerei der Brauerei am Hals haben, wird die Boulevardpresse über diese Kuriosität doch ausführlich berichten. Es ist der Aufmacher der gemischten Meldungen aus aller Welt und ich werde diese Plattform zu verwenden wissen. Die Menschen werden begreifen, was der Alkohol mit uns macht und uns folgen, sie werden auch zur Flasche greifen, doch dieses eine mal bewusst. Dieses Videoband, Applaus an Thomas, ist unser Manifest. Es wird die sozialen Netzwerke fluten. Alle wollen und werden Teil dessen sein.
Die Brauerei. Also versteht ihr es jetzt, die Brauerei! Wer folgt mir?

Frank: Mein Kind.

Chris: Hey Bro, ich bin im Klub, zieh eine Line Pep. Du weißt, wenn ich mich schon aufraffe für den ganzen Scheiß, muss es sich lohnen. Am Montag kremple ich diesen ganzen Up-Fuck-Lifestyle wieder um und mache Sport. Du weißt, wo du mich findest, falls du es dir bis dahin anders überlegst. Adieu.

ICH-Erzähler: Ich habe nichts anderes erwartet. Frank?

Frank: Sorry. Ich muss gehen, muss mit meiner Ex telefonieren.

Rebecca: Keine Ahnung.

ICH-Erzähler: Aber Bernhard? Wir beide, dass ist doch Bestimmung?

Bernhard: Kumpel, du bist total weird man. Ich bewundere dich, aber du, jetzt weiß ich wirklich…

ICH-Erzähler: Ja und weiter? Die Brauerei?!

Bernhard: Ich habe nächste Woche Prüfungen.

ICH-Erzähler: Du schreibst Arbeiten und lässt dich dafür benoten?

Bernhard: Ja, schätze schon. Ich mein so ein Zeugnis hast du dein ganzes Leben.

Chris: Kommst du mit Bernhard?

Bernhard: Noch kurz.

Detlef: Hast du noch ein Bier?

ICH-Erzähler: Es ist gut zu wissen, dass man sich auch in langen Weggefährten zu täuschen vermag und dann doch die findet, die es braucht. Ah, Ah, Thomas, du bleibst, mein passiver Zeuge der Zeit.
-Cut-
Sie sitzen wieder unter der Parkbank mit den Kastanienbäumen, von zuvor. Detlef nuckelt an seiner Flasche.

Detlef: Hast du noch was?

ICH-Erzähler: Die Brauerei.

Detlef: Dann kommst du morgen wieder. Du kommst unter?

ICH-Erzähler: Die Brauerei.

Detlef: Hat Spaß gemacht, wirklich, nimm es nicht so krumm. Vielleicht sehn wa uns wieder.

ICH-Erzähler: Ja. Ciao. Thomas?

Thomas: Läuft!

ICH-Erzähler: Das ist meine Botschaft. Der Konsum frisst uns von innen heraus auf und kehrt unser inneres Wesen nach außen. Entgegensteuern lässt sich nur, in dem man dieses System und seine Gegebenheiten, ich glaube vorher fiel die Begrifflichkeit Spielregeln, akzeptiert und durch extremen Konsum, den eigentlichen Konsum abbremst und etwas entgegensetzt.
Ich kann nicht mehr, ausgeschlossen! Wie lange ich noch dabei bin? Von Getränk zu Getränk, doch zu spät, um auszusteigen. Ich glaube viele, die ich früher als haltungslos oder unpolitisch beschrieben hatte, hatten vor uns diese eine Idee und zelebrieren diesen konsequent Akt von Donnerstag bis Samstag, ohne zu wissen, was dahinter liegt. Die dionysischen Festspiele.  Ich glaube, ihnen fehlt nur die Radikalität, um ihre Aktionen auszuweiten. Schade, doch die Revolution duldet keinen Kompromiss. Wir harren aus.

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