vongnu 29.12.2020

GNU – Literarische Grotesken

Damals wie Heute das zynische Lächeln über die menschliche Irrfahrt. | © Fabian Fox Fotografie

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Da ist der aufgedunsene Mond, das unentwegt dümmlich dreinschauende Babygesicht. Das bin ich.
Hier ist alles, wie ein Kinofilm. Alles zieht schnell vorbei und es gibt sehr viel auf einmal zu sehen.
Dann ist da ein Mensch, entblößt. Der Mensch erinnert mich stark an mich. Und das ist das eigentliche verrückte daran.
Meine Persönlichkeit trennt sich in zwei Scheiben. Ich bin der Mond zum einen und der nackte Mensch zum anderen. Ich betrachte und erlebe die Szenerie zugleich.
Der Mensch, also ich, friert. Es ist arschkalt. Ich renne ziemlich ziellos umher. Wohl wissend, wenn mir nicht bald einer den rettenden Mantel reichen wird, es ein rasches Ende mit mir nehmen muss und ich an Ort und Stelle krepieren werde. In der kalten Einöde türmt sich eine riesige Mauer auf, ein gigantischer Wall, geschliffen aus Packeis. Kleine Stufen sind in die Mauer gehauen. Vielleicht ist das die letzte Hürde, die ich gehen muss. In einem Kraftakt und am ganzen Leib bibbernd, nehme ich den anstrengenden, steilen Weg treppauf. Das Ding ist an die 300 m. hoch, aber komplett gerade, steil und nur mit wenigen Stufen versehen. Oben angekommen wird es nicht besser. Kein warmes Hochplateau, kein Tässchen Kamillentee. Die Mauer ist ein Damm. Das dunkle Wasser dahinter liegt da, wie ein Spiegel, ruhend, aber nicht gefroren. Jetzt passiert etwas komisches. Ich schaue nach oben, direkt zum Mond, der immer noch unentwegt über allem schwebt. Ich starre direkt in sein kaltes Gesicht. Das ist wie ein Blick in mein Innerstes, in meine Seele, jetzt, wo der Mond meinen Blick bemerkt und ihm standhält. Doch da ist kein Vorwurf, er ist ein kleines Kind, der Mond, er versteht nichts über das hier unten und was das zu bedeuten hat.
Es ist verrückt und total bescheuert, aber ich schaue mich an und ich schaue zugleich zurück. Und damit meine ich nicht diesen nackten, verfrorenen, heruntergekommenen Körper. Nein, beide Blicke gehen durch die Oberfläche. Die Zeit fällt aus. Jetzt kommt die Kälte brutal zurück. Ich weiß bereits, dass ich den Weg nach unten nicht mehr schaffen werde. Warum denn auch? Ich bin hier, um zu sterben. Jetzt springe ich ins Wasser und mein schlaffer Körper sinkt. Ich tue das direkt hinter der Eis-Mauer und mit weiten, offenen Augen, ich spüre den Weg zum Grund, sehe ihn klar vor mir. Jetzt, nach ca. einem Drittel des Weges wird mir heiß, richtig wohlig warm. Kurz vor dem Kältetod, zieht sich noch einmal der Körper zusammen und es wird sehr heiß, so als ob einem ein erhitztes Opiat in die Venen fährt und sich schleichend im Körper ausbreitet – von den Zehen bis zur Nasenspitze.
Die Mauer vor mir ist seltsamerweise transparent, ich sehe also, was nun vor mir liegt, dort wo ich zuvor war, und weiß nicht, wie ich das übersehen konnte.
Da ist ein warmer Raum, doch ich bin im kalten Guckkasten, die Hitze von außen strahlt so sehr, dass sie mich in meinem kalten Gefängnis noch zu wärmen vermag. Ich sehe nackte Körper, Menschen, umschlungen, intensiv beim Akt zugange, alle sind friedlich und nur zu einem Zweck da. Das Schauspiel fasziniert mich, ich kann den Blick nicht abwenden und hänge in der Luft, höre auf zu sinken.
Ich muss etwas unternehmen, doch ich kann nicht, ich bin gebannt und paralysiert. Einmal schaue ich noch hoch, ich bin noch nicht zu tief unter der Oberfläche. Der Mond sendet ein paar gleißende schwache Strahlen in die Finsternis des Wassers. Aber nicht hell genug, die Kachelöfen vor mir prickeln, ich vergesse das Kindsgesicht, schaue nur, vergesse das Atmen.
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