vongnu 06.09.2018

GNU – Literarische Grotesken

Damals wie Heute das zynische Lächeln über die menschliche Irrfahrt. | Foto: prawny@fotolia.de

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»Mutter?«
»Ja«.
Behutsam antwortet sie mir. Ich studiere ihre Gesichtszüge. Krank sieht sie aus, violette Augenringe und abgemagert ist sie. Der Schädel tritt hervor, die gelbe Haut spannt sich wie Leder über das Knochengerüst.
»Wann kommt das Wunder? Das Wunder, von dem du mir erzählt hast?«
Aufmerksam mustere ich ihre Reaktion, ihr Körper bebt. Sie hat Angst, denkt wohl ich bin zu jung.
Schließlich bringt sie unter zitternden Lippen, »bald« hervor.
»Du flunkerst aber auch nicht Mutter, du weißt ich bin nicht mehr so jung.«
»Bald wird alles gut.«
»Mutter, erinnerst du dich noch, als ich klein war, da hast du mir immer erzählt wie Jesus geboren wurde.«
Stille. Ihre Augen glitzern.
Sie ringt sich zu einem »Ja« durch.
»Warum ist Jesus gestorben, wenn er vom lieben Gott kam?«
»Das waren die Menschen, sie wollen keinen Gott, sie wollen selber alle Götter sein.«
»Ich will kein Gott sein, Mutter, die Bürde wäre zu schwer.«
Sie lächelt zum ersten mal seit Langem und gibt mir einen sanften Kuss auf die Stirn.
»Mutter, vor einigen Tagen hat der Himmel geleuchtet, war das der Weihnachtsstern.
Danach hat es einen Tag geschneit, graue Flocken Mutter. Glaubst du Jesus wird noch einmal geboren, um den Menschen die Bürde zu nehmen?«
Sie fängt an zu weinen.
»Vielleicht kommt er, wenn Gott gnädig ist. Lege dich jetzt schlafen.«
»Und das Leuchten, Mutter. War es ein Wunder?«
»Vielleicht.«
Ich beschließe still zu sein und mustere sie erneut.
»Du schaust wie eine Eule.«
Sie nimmt mich in ihre Arme, heiße Tränen rinnen über meinen Rücken.
Dann plötzlich leuchtet es wieder, grell, danach alles schwarz. Mutter ist still, der
Druck ihres Armes lässt nach. Ich werde auch still. Alles ist still. Jetzt weiß ich es, das
Leuchten war kein Wunder.

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kommentare

  • Was für ein gelungener Block von Gnu. Trefflich beschreibt er die Irrfahrten der Menschheit, heute aktueller denn je. Wertfrei, nachdenklich, poetisch.

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