vonandreas bull 21.05.2015

taz Hausblog

Wie tickt die taz? Das Blog aus der und über die taz mit Innenansichten, Kontroversen und aktuellen Entwicklungen.

Mehr über diesen Blog

Springer, Spiegel, FAZ & Co. – sie werfen sich Google und Facebook an den Hals, um zu retten, was nicht mehr zu retten ist. Damit geben sie sich selbst auf.

Zwei Nachrichten erschüttern in diesen Wochen die Welt der Medienmacher: Ende April kündigte Google an, für einen gemeinsamen Entwicklungsfonds, genannt „Digital News Initiative“, mit zunächst acht namentlich erwähnten europäischen Verlagspartnern (darunter der britische Guardian, die spanische El País, aus Frankreich Les Echos, von hier die FAZ und die Zeit, nicht aber z. B. Spiegel und Springers Bild) 150 Millionen Euro bereitzustellen.

Google will damit Entwicklungshilfe für die digital zurückgebliebene Publizistik in der Alten Welt liefern und störenden Konflikten um Leistungsschutzrechte, ausbleibende Werbeerlöse und abhandenkommende Leserschaften entgegenwirken.

Google tritt damit quasi als Generalverleger auf, der das Modell der Zukunft bestimmt, wie Journalismus nach dem Zusammenbruch des analogen Systems finanziert werden muss.

„Der Verlust der Entscheidungshoheit wird dabei dem Altar purer pekuniärer Prosperität geopfert.“

Nämlich zu den Bedingungen seines Algorithmus, und dafür lindert es mit 0,2 Prozent seines Umsatzes das Leiden der Verlage. Und diese willigen, ratlos angesichts ausbleibender Alternativen, in einem Akt primitiver protomerkantiler Problemlösungsreflexe dankbar ein.

Die zweite Meldung kommt aus der gleichen Richtung: Seit Anfang Mai bietet Facebook den Verlagen an, ihre publizistischen Stücke genau jenen Lesewilligen auf ihrem Facebook-Account anzubieten, die der Facebook-Algorithmus als für jene interessant erkannt hat – Projekt „Instant Articles“.

Dazu gibt es dann eine Provision für die Verlage für von Facebook akquirierte Anzeigen oder wahlweise 100 Prozent der verlagseigenen Anzeigen. Dieses Angebot erging zunächst quasi komplementär zum Google-Deal an Springers Bild und Spiegel Online, deren Webseiten aus Facebook-Sicht am ehesten als Nachrichtenagenturen fürs ganze Volk eine prägende Veröffentlichungskultur darstellen.

Auch hier dominiert für die darbenden Verlage die Hoffnung, das alte Geschäftsmodell, Werbeanzeigen finanzieren die Kosten für Journalisten, in die neue digitale Zeit retten zu können. Der Verlust der Entscheidungshoheit, was die Marke ihrem Publikum zeigen und zumuten will, wird dabei dem Altar purer pekuniärer Prosperität geopfert.

taz 150418 Bullanalyse_05_web
Absturz: Insbesondere die Auflagen der Springer-Blätter gehen dramatisch zurück. (Zum Öffnen klicken)

Tja, und die Kurven dort oben? Sie zeigen die Dramatik, unter der sich der Entscheidungsdruck der Verlage, ihre Selbstständigkeit und letztlich ihr Profil aufzugeben, entfaltet. Der taz ist der Zutritt zu diesem Markt, fast könnte man meinen glücklicherweise, versperrt.

Nur die großen meinungsbildenden Publikationen nehmen teil, gruselig, daran zu denken, welche Meinung da dereinst gebildet wird. Die Alternative bietet die taz selbstbewusst und auf dem Hintergrund von 36 Jahren Erfahrung mit der solidarischen Methode.

Ihre Lesercommunity finanziert von Beginn an die Unabhängigkeit ihres Redaktionskollektivs. Das ist der rote Faden unseres Modells.

Knüpfen Sie an, werden Sie Teil dieses Netzwerkes der Selbstbehauptung, werden Sie der oder die 15.000. taz GenossIn. Oder entscheiden Sie sich für ein freiwilliges Abonnement von taz.zahl ich.

ANDREAS BULL ist Geschäftsführer der taz.

Anzeige

Wenn dir der Artikel gefallen hat, dann teile ihn über Facebook oder Twitter. Falls du was zu sagen hast, freuen wir uns über Kommentare

https://blogs.taz.de/hausblog/bull-analyse-die-neuen-diener-der-datenkraken/

aktuell auf taz.de

kommentare

  • @Esmeralda

    die taz ist doch längst „mit auf den Zug“ gesprungen:

    “ (….) Facebook und Twitter verlangt mehr Einsatz an Personal und vom Personal mehr Einsatz. Genauer: Die Personalkosten stiegen um knapp 34 Prozent.“; cf.:

    https://blogs.taz.de/hausblog/2015/04/07/die-bull-analyse-verbssern-oder-sterben/

    Und „etwas {neues} Tolles“ wurde auch bereits gefunden: Das unkontrollierte Posten von irrelevanten Pingbacks: cf. vorgenannten taz-blog mit einem einzigen Leserkommentar und vierzehn (14!) absurden, werbenden Pingbacks, wie z.B.:

    „Pingback: YouTube likes kopen“

    Nichts geht mehr !
    Oder, liebe tazlerInnen, wie wär ’s mit jener Geschäftsidee:
    »taz-LeserInnen kopen«

    S. Hausers‘ Prämisse zu Pingbacks scheint jedenfalls auch nicht mehr zu gelten:

    „Wenn dagegen ein Mensch sich inhaltlich mit einem Hausblog-Beitrag auseinandergesetzt hat und diesen verlinkt, wird nicht gelöscht.“; cf.:

    https://blogs.taz.de/hausblog/2015/01/01/klick-hitliste-2014-kommentare-ueberholen-recherchen/#comment-28129

    Melkkühe aller Länder: Ver-ping-t Euch doch endlich !
    Gilt auch für: ‚QualitätsjournalistInnen‘.
    Die ‚Realität‘ findet sowieso/auch ohne Euch statt.

  • tja, und wenn Google mit seinen aktuellen Verlagspartnern etwas neues Tolles findet, dass im Webgeld für Zeitungen schafft, dann springt die taz mit auf den Zug … wie bei Twitter, Facebook, Googleplus … na ja, neugierige Artikel schaden bestimmt nicht.

  • Es würde mich stark wundern, wenn hinter dem Kommentator „Schreck lass nach“ nicht ein Mitarbeiter einer der oben genannten und kritisierten Medien, wenn nicht gar Kai Diekmann selbst steckt. ;-)

    Denn auch, wenn man Bulls Rolle als Geschäftsführer eines (kleinen) Nachrichten-Konkurrenten bedenkt, trifft seine Analyse doch zu. Die großen Zeitungen gehen aus Hilf- und Ratlosigkeit eine immer engere, äußerst unangenehme Allianz mit den Online-Monopolisten Google und Facebook ein. Das kann für einen unabhängigen Journalismus nichts Gutes bedeuten.

    Alles in allem schon ein triftiger Grund, taz-Genosse zu werden, wie es Bull in Eigenwerbung empfiehlt.

    • Huiuiui, da kann aber einer Spekulation und Verschwörungstheorie.
      Und er (bzw. sie oder es; wer weiß das schon?)ist nicht allein…

      Es sollte mich nicht wundern, wenn hinter dem Kommentator „AVeit“ nicht ein Mitarbeiter des sich im obigen Beitrag selbst beweihräuchernden Mediums, wenn nicht gar Karl-Heinz Ruch selbst steckt ;-)

      • Nö, nur ein paranoider Leser. :-)

        Und mal unabhängig von den Personen hinter den Kommentaren: Was ist an Bulls Analyse – abgesehen davon, dass er sie zur Eigenwerbung nutzt – falsch oder schlecht? Er beschreibt ja eigentlich nur Tatsachen.

  • Den Absturz der Springer-Presse nehme ich positiv als Signal der Emanzipation der Leserschaft wahr.
    Leider nimmt damit die Werbe-Abhängigkeit dramatisch zu. Ob sich die Allianz der Leit-Presse mit dem Finanzkapital auszahlt wird sich zeigen.

    Der Weg der taz, sich aus den unsere Zukunft bestimmenen Themen „heraus zu halten“ oder kritische Leser zu blockieren, wird auf die Dauer nicht tragen.

  • Oha, so verzweifelt ist die Lage?
    Ich hatte bislang geglaubt, Konkurrenten-Bashing in der hier demonstrierten Art und Weise wäre einer taz nicht würdig.

    Auf mich macht Bulls Einwurf einen extrem schlechten Eindruck. Ein weiterer Schritt, sich mit den dem plumpen und beschämenden Niveau der anderen Print-/Online-Medien gemein zu machen. Kein gutes Zeichen.

    Ein Grund mehr, eben nicht taz-Genosse oder freiwilliger Zahler zu werden.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.