vonMathias Broeckers 23.10.2013

taz Hausblog

Wie tickt die taz? Das Blog aus der und über die taz mit Innenansichten, Kontroversen und aktuellen Entwicklungen.

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Werber, Vertriebsmann, Verleger, Gestalter, Hersteller, Herausgeber, Aktionskünstler, Autor, Erzähler, Blogger… Dies sind  nur einige der Tätigkeitsfelder, die sich als Berufe oder Berufungen dieses Mannes aufzählen lassen, und für viele, ja für die meisten Menschen, reicht ein Leben für die Bewältigung dieser multiplen Tasks vermutlich nicht aus –  Jörg Schröder aber, der am 24. Oktober  seinen 75. Geburtstag feiert, hat sie nicht nur schon alle mit Bravour (und der hohen Kunst des erfolgreichen Scheiterns) gemeistert, er ist auch nach wie vor munter dabei. Gerade ist mit „Kriemhilds Lache“ sein neuestes Buch erschienen, mit Auszügen aus dem kulturhistorischen Mammutwerk „Schröder erzählt“,  an dem er mit seiner Kooperateurin und Lebenspartnerin Barbara Kalender seit 1990 arbeitet.

1311_LViermal im Jahr erreichen die im Desktop-Publishing liebevoll hergestellten Folgen  etwa 350 Subskribenten der Serie, die mittlerweile auf  über 3.000 Seiten angewachsen ist. Dass sie im Buchhandel nicht erhältlich ist, hat einen guten Grund, denn Schröder erzählt nichts Fiktionales, sondern Realgeschichte, er deutet nicht an, sondern nennt Ross und Reiter beim Namen – und das brachte ihm, nachdem er Ernst Herhaus 1972 in „Siegfried“ erzählt hatte, wie es unter der Gürtellinie des hochmögenden Literatur- und Kulturbetriebs zugeht, eine Masse an Unterlassungsklagen und Zensurforderungen ein, deren Akten ganze Regalmeter füllten. Sachlich und zurückhaltend zu bleiben, wo es doch auch direkt und persönlich geht, war Schröders Sache nicht – und so erfand er für „Schröder erzählt“ den literarischen Direktvertrieb und ist seitdem von Gerichtsklagen verschont geblieben. Die ersten Geschichten unter diesem Titel erschienen schon ab November 1982 gelegentlich  in der taz, die von Schröder damals vor einer Klage bewahrt wurde, die sein Ko-Autor Uwe Nettelbeck angedroht hatte. Der Grund: wir hatten eine Schröder-Geschichte über amerikanische Atomwaffen in Vogelsberger Wasserwerken nachgedruckt, die in Uwe Nettelbecks Zeitschrift „Republik“ erschienen war – und dies nicht nur ungefragt, sondern auch mit so zahlreichen Sazzfehlern gespickt, dass der penible Republik-Herausgeber schier ausrastete und mit dem Kadi drohte. Der ebenfalls im Vogelsberg lebende taz-Autor Helmut Höge schaltete Schröder als Vermittler ein, der uns das Copyright nachträglich gewährte. So kamen wir nicht nur mit einem fehlerfreien Zweitdruck davon, sondern fuhren in der Folge  auch öfter nach Fuchstal-Leeder, um uns Schröders Geschichten direkt für die taz erzählen zu lassen. Jörg-Schröder.jpg

Kurz zuvor hatte er den von ihm am 18. März 1969 gegründeten legendären „März“-Verlag, den Karl-Heinz Bohrer 1972 als „den kulkturrevolutionären Verlag der BRD“  beschrieben hatte, und der dennoch (oder deswegen?) schon zweimal in die Insolvenz gegangen war, zum dritten Mal wieder gegründet – und hätten Schröders Hyper-Aktivismus und der bukowskische Lebensstil seiner frühen Jahre 1987 nicht ihren Tribut in Form von zwei Herzinfarkten gefordert, gäbe es den Verlag wohl noch heute. Denn seine Nase und sein Händchen für avantgardistische Literatur, Pop  und Politik hat Jörg Schröder ebensowenig verloren wie seinen wachen Geist,  sein Mundwerk und seinen Humor, mit denen er in seiner seriellen Biographie dem Zeitgeist und der Realität aufs Maul schaut.  So war es selbstverständlich, dass der zum Blogwart mutierte ehemalige taz-Kulturredakteur den ehemaligen Verleger (das Foto oben zeigt beide auf der Buchmesse 1983) sofort zum Blogger machen wollte, als die taz 2006 ihre Blogs einrichtete, und es war klar, dass ein alter Medienfuchs wie Schröder die Möglichkeiten dieses neuen Mediums sofort erkennen würde. Seitdem schreibt er mit  Barbara Kalender einen der meist gelesenen Blogs auf taz.de. Schon deshalb sind wir dem Jubilar zu Dank verpflichtet, darüber und weit über die taz hinaus haben aber auch Literatur und Kultur in Deutschland dem Lebenswerk Jörg Schröders viel zu verdanken – und so verbeugen wir uns vor dem Geburtstagskind, wünschen Gesundheit, Glück und Segen  und singen im Chor: Ad multos annos!

(Fotos: Barbara Kalender)

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https://blogs.taz.de/hausblog/immer-radikal-niemals-konsequent-zum-75-geburtstag-von-joerg-schroeder/

aktuell auf taz.de

kommentare

    • Bild ist nicht „salonfähig“. Sie ist in der Regel unterstes mediales Niveau. Bringt Bild zur Abwechslung eine relevante Nachricht, gehört die mit der Zange aufgegriffen, abgeklopft und weiterverbreitet. Warum auch nicht. Der Rest soll schön da bleiben, wo er herkommt. Im Kiosk. Zum Vergammeln.

  • Glückwunsch zum Geburtstag! Auch nachträglich an Helmut Höge zum 66. Geburtstag! Stand gestern in der Zeitung.

    Ich bereue aufrichtig, damals nicht gelebt zu haben. Das Los der späten Geburt. Na ja, dafür lese ich gerne über vergangenes Geschehen.

    A propos vergangenes Geschehen. Das würde ich als taz-Leser sehr gern noch verstehen: Was hat die taz heutzutage für eine Beziehung zum Springer-Verlag? Von dem Diekmann-Relief weiß ich. Das finde ich etwas flach. Ich meine, wenn ich mir wie gestern die taz im Supermarkt kaufe, sehe ich daneben Morgenpost, Welt, Bild und so weiter.

    In mir tut sich in solchen Momenten ein Widerspruch auf. Warum ist das noch mal igitt? Falsch? Böse? So unmittelbar kann ich mir das nicht beantworten. Erst wenn ich auuuuuushole – da war doch was, Springer hetzte gegen die 68er. Boulevardjournalismus. KONZERN.

    Nur, ist das heute noch zeitgemäß? Zeit lässt Gras wachsen. Die taz ist heute doch selbst ein Konzern. In dem Redaktionsstatut der Zeitung wird das so süß mit „taz-Gruppe“ umschrieben. Gras wachsen lassen …

    • Beziehungen zum Springer-Verlag gibt es keine, außer der geographischen Nachbarschaft in derselben Straße, weshalb auch das Diekmann-Relief an der taz-Wand Sinn macht, denn der Bild-Chef kann es von seinem Büro aus sehen.
      Die taz ist auch kein „Konzern“ – mit taz-Gruppe sind die Unternehmesteile – Verlag, Stiftung, Le Monde Diplomatique usw. – gemeint, die alle unter dem Dach der taz-Genossenschaft vereint sind.

      • Doch, dem widerspreche ich. Die taz ist aus diesen Gründen ein Konzern:

        1. Mit über 200 Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen sind Sie im Zeitungsbereich riesig. Mit Sicherheit arbeiten hunderte andere Menschen mehr für niedrige oder gar keine Löhne – Stichwort Praktikanten und Outsourcing in Kleinstunternehmen – für die taz. Das waren rund 120 Praktikanten im Jahr bei Ihnen, richtig? Bekommen die für ihre Arbeit nichts oder gar nichts oder genug zum Leben?

        2. Sie bestehen aus mehr als sechs einzelnen Unternehmen
        http://www.taz.de/fileadmin/verlagsdateien/pdfs/geno_pdfs/Unternehmensstruktur_taz.pdf

        3. Sie haben ein Kapital von mindestens 11 Millionen Euro.
        http://download.taz.de/MitgliederInfo23_Web.pdf , S. 10

        4. Sie hatten 2012 einen Umsatz von weit mehr als 25 Millionen Euro.
        http://download.taz.de/MitgliederInfo23_Web.pdf S. 13

        5. Sie sind in unzählige Abteilungen untergliedert.
        Das wurde Anfang der Woche auf der ersten Seite von tazzwei beschrieben. Jede Abteilung mache ihr Ding innerhalb ihrer Zuständigkeit. Gartenzäune beschreibt das nett spießbürgerlich. Immer mehr Spezialisierung der Angestellten tritt es genauer. Der Sinn für das Ganze geht verloren. Ich wette ein Gummi für euren Springer-Penis an der Hauswand: den Teufelkreis Entfremdung von der eigenen Arbeit kennt die Mehrheit der Angestellten der taz. Lebensweltlich könnte das dann in den Gedanken nach der Arbeit so klingen: Ich mach dort doch nur meinen Job. Überhaupt Jobs. So ein Marketing-Begriff. Kein linkes Wort.
        Das ist eine linke Haltung zum Beispiel: http://www.taz.de/!114880/
        Gereon Asmuth, der Autor mit der Haltung. Sie besetzten damals Häuser und berichten heute über die letzten besetzten Häuser (Liebig 14): Stimmen Sie der Meinung des Blogwarts zu? Ist die taz kein Konzern?
        Maik Söhler, Sie beschreiben sich als Defätist. Sie schreiben über Kapitalismus und fordern „Wir wollen endlich neue Scheiße“.
        http://www.taz.de/!125706/
        Sind Sie sich über die wirtschaftlichen Bedingungen bewusst, unter denen Sie in der Produktion der Zeitung arbeiten? Warum Sie noch nebenbei arbeiten müssen, wie Sie es in Ihrer Kolumne über Ihre Kinder einmal beschrieben? Achtung Fangfrage, können Sie erklären wie eine Bilanz aufgestellt wird? Nein? Wissen Sie überhaupt, aus was die „Scheiße“ besteht, über die Sie schreiben? Nichts gegen Ihre Kolumne, die lese ich immer.

        6. Kaum jemand von Ihnen wird schlüssig den Begriff Konzern definieren können. Na?
        Schnell mal im Lexikon nachschlagen? Das waren doch die anderen mit mehr Geld – die paar läppischen Millionen Euro der taz – stimmt’s? Die Bösen in den Gut-Böse-Geschichten, die die taz so täglich verkauft.
        Die bösen „Nazis“ sollte man umbringen, stand erst vor wenigen Tagen in einer – Wie-sollten-sie-am-besten-sterben-Liste auf tazzwei. Klare Kante. Menschenrechte für alle? Nö.
        Die bösen BesitzerInnen von Immobilien, die die armen Mieterinnen und Mieter mit erpresserischen Geldforderungen aus ihrem Zuhause verdrängen. Wie viel ist Ihre Immobilie noch mal wert, wenn Sie sie wie überlegt, künftig vermieten wollen?
        blogs.taz.de/hausblog/2013/09/16/eine-neue-heimat-fuer-die-taz/
        Bestimmt bieten Sie linken und alternativen Projekten dann Sozialtarife an … Interessiert Sie nicht, weil das irgendjemand in der Geschäfsführung entscheidet? Darüber spricht man nicht? ICH BIN NICHT ZUSTÄNDIG!

        Und schließlich die Geschichte des bösen Axel-Springer-Konzerns. Mit dem sind Sie inzwischen mehr verbändelt, als Sie sich eingestehen werden. Ihre täglichen Nachrichten der DPA? Die DPA sitzt in der Immobilie von Axel-Springer … Geld sparen. Die Unabhängigkeit bleibt natürlich erhalten. „Beziehungen zum Axel-Springer-Verlag gibt es keine … “

        Alles sehr schönes Storytelling. Faktencheck Fehlanzeige.

      • Doch, dem widerspreche ich. Die taz ist aus diesen Gründen ein Konzern:

        1. Mit über 200 Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen sind Sie im Zeitungsbereich riesig. Mit Sicherheit arbeiten hunderte andere Menschen mehr für niedrige oder gar keine Löhne – Stichwort Praktikanten und Outsourcing in Kleinstunternehmen – für die taz. Das waren rund 120 Praktikanten und Praktikantinnen im Jahr bei Ihnen, richtig? Bekommen die für ihre Arbeit nichts oder gar nichts oder genug zum Leben?

        2. Sie bestehen aus mehr als sechs einzelnen Unternehmen.
        www. taz. de/fileadmin/verlagsdateien/pdfs/geno_pdfs/Unternehmensstruktur_taz.pdf
        Zwischen den Web-Adressen sind Leerzeichen, aufdass mein Kommentar peut-être nicht als Spam abgefangen wird.

        3. Sie haben ein Kapital von mindestens 11 Millionen Euro.
        download. taz.de /MitgliederInfo23_Web.pdf , S. 10

        4. Sie hatten 2012 einen Umsatz von weit mehr als 25 Millionen Euro.
        download. taz.de /MitgliederInfo23_Web.pdf S. 13

        5. Sie sind in unzählige Abteilungen untergliedert.
        Das wurde Anfang der Woche auf der ersten Seite von tazzwei beschrieben. Jede Abteilung mache ihr Ding innerhalb ihrer Zuständigkeit. Gartenzäune beschreibt das nett spießbürgerlich. Immer mehr Spezialisierung der Angestellten tritt es genauer. Der Sinn für das Ganze geht verloren. Ich wette ein Gummi für euren Springer-Penis an der Hauswand: den Teufelkreis Entfremdung von der eigenen Arbeit kennt die Mehrheit der Angestellten der taz. Lebensweltlich könnte das dann in den Gedanken nach der Arbeit so klingen: Ich mach dort doch nur meinen Job. Überhaupt Jobs. So ein Marketing-Begriff. Kein linkes Wort.
        Das ist eine linke Haltung zum Beispiel: http://www. taz.de /!114880/
        Gereon Asmuth, der Autor mit der Haltung. Sie besetzten damals Häuser und berichten heute über die letzten besetzten Häuser (Liebig 14): Stimmen Sie der Meinung des Blogwarts zu? Ist die taz kein Konzern?
        Maik Söhler, Sie beschreiben sich als Defätist. Sie schreiben über Kapitalismus und fordern „Wir wollen endlich neue Scheiße“.
        http://www. taz.de /!125706/
        Sind Sie sich über die wirtschaftlichen Bedingungen bewusst, unter denen Sie in der Produktion der Zeitung arbeiten? Warum Sie noch nebenbei arbeiten müssen, wie Sie es in Ihrer Kolumne über Ihre Kinder einmal beschrieben? Achtung Fangfrage, können Sie erklären wie eine Bilanz aufgestellt wird? Nein? Wissen Sie überhaupt, aus was die „Scheiße“ besteht, über die Sie schreiben? Nichts gegen Ihre Kolumne, die ist sehr empfehlenswert.

        6. Kaum jemand von Ihnen wird schlüssig den Begriff Konzern definieren können. Na?
        Schnell mal im Lexikon nachschlagen? Das waren doch die anderen mit mehr Geld – die paar läppischen Millionen Euro der taz – stimmt’s? Die Bösen in den Gut-Böse-Geschichten, die die taz so täglich verkauft.
        Die bösen „Nazis“ sollte man umbringen, stand erst vor wenigen Tagen in einer – Wie-sollten-sie-am-besten-sterben-Liste auf tazzwei. Klare Kante. Menschenrechte für alle? Nö.
        Die bösen BesitzerInnen von Immobilien, die die armen Mieterinnen und Mieter mit erpresserischen Geldforderungen aus ihrem Zuhause verdrängen. Wie viel ist Ihre Immobilie noch mal wert, wenn Sie sie wie überlegt, künftig vermieten wollen?
        blogs. taz.de/ hausblog/ 2013/09/16/eine-neue-heimat-fuer-die-taz/
        Bestimmt bieten Sie linken und alternativen Projekten dann Sozialtarife an … Interessiert Sie nicht, weil das irgendjemand in der Geschäfsführung entscheidet? Darüber spricht man nicht? ICH BIN NICHT ZUSTÄNDIG!

        Und schließlich die Geschichte des bösen Axel-Springer-Konzerns. Mit dem sind Sie inzwischen mehr verbändelt, als Sie sich eingestehen werden. Ihre täglichen Nachrichten der DPA? Die DPA sitzt in der Immobilie von Axel-Springer … Geld sparen. Die Unabhängigkeit bleibt natürlich erhalten. „Beziehungen zum Axel-Springer-Verlag gibt es keine … “

        Alles sehr schönes Storytelling. Faktencheck Fehlanzeige.

      • Wirklich gar keine Beziehungen?
        Wenn ich mich recht entsinne, ist die oberste Repräsentantin der taz, Ines Pohl, vor einiger Zeit (anläßlich des Frauentages?) zu meinem allergrößten Erstaunen in der Bild-Chefredaktion aufgetaucht und hat Kai Diekmann und seine Spießgesellen mit taz-Espresso versorgt, was entsprechend medial begleitet wurde.
        Ferner ist Diekmann taz-Genosse.
        Darüber hinaus hat die taz die ein oder andere ganzseitige Bild-Werbung geschaltet.
        Also hört mir auf mit dem Märchen von „keinen Beziehungen“ zum Springer-Verlag.

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