vonkirschskommode 17.12.2019

Kirschs Kommode

Komplett K: Kommodenfächer & Kurzwaren, Krimi & Kinder, Klasse & Küche, Kybris & Kirche, K-Wörter & Komfort.

Mehr über diesen Blog

Am 14. 12. 2016 an C. N. in B. Die Frage ist, ob sich seither irgendetwas geändert hat:

Ich bin mir nicht sicher, ob unsere Nacht- und Taggedanken zu Deutschland ein vollständiges Bild abgeben. Das ist sehr schwer zu beurteilen, wenn man mittendrin steckt, seine Begegnungen hat, seine Schwätzchen, sein durchaus Angenehmes im täglichen Miteinander. Das, was ich dir schildere, bricht da ein. Es kommt mir vor, als ob immer öfter, aber wie lange die kommende Eiszeit brauchen wird, um mich wirklich zu ereilen, ist nicht abzusehen. Das ist das Täuschende, Verwirrende an solchen Situationen: Ist es so schlimm, wie es in Momenten aufscheint? Ist es doch nicht so schlimm? Ist es längst viel schlimmer?

Ich bin mir auch nicht sicher, ob die konstatierte soziale Kälte in Ländern wie Bolivien nicht doch in vielen Fällen um ein Vielfaches größer ist als hier. Der Kampf ums Überleben macht die Leute nirgendwo besser. Und der Zynismus der oberen Klassen im Umgang mit den unteren ist, stelle ich mir vor, außerhalb Westeuropas zumindest viel sichtbarer, kulturell akzeptierter.

Ich weiß also nicht, ob eure konkreten Lebensbedingungen in Deutschland nur schlimm sein müssten. Selbst im wahrscheinlichen Hartz-IV-Fall: Die Mitarbeiter in den Jobcentern sind im Regelfall dankbar, Kunden wie dich und mich zu haben, nämlich solche, die wissen, was sie wollen, sich ausdrücken können, Umgangsformen haben, die mit der komplizierten rechtlichen Materie einigermaßen klarkommen etc. Die Hartz-Gesetze sind kafkaesk, sozusagen mit eingeschriebener Absicht: Unwissenheit und Hilflosigkeit, besonders die hilflose Wut ziehen vollkommen sinnlose Strafen nach sich. Doch wer sich schlaumacht und sich nicht fürchtet, hat tatsächlich nichts oder wenig zu befürchten; ihm oder ihr gegenüber blühen die am Regelwust nagenden grauen Mäuse in den Jobcentern regelrecht auf.

Ich glaube, was es sich so schwarz anfühlen lässt, ist die ideologische Offensive, dass jeder sich selbst der Nächste zu sein und sein Raubgut vor jedem Angriff zu verteidigen habe. Das ist das Neue. Die üblichen Verbrämungen der Raubgesellschaft, all die schönen Rechtfertigungen, dass einem der Wohlstand als ein hart erarbeiteter zukomme, dass er mit zum allgemeinen beitrage etc., verschwinden, um einem achselzuckenden, kaltschnäuzigen „Pech gehabt, Glück gehabt“ Platz zu machen, gegen das das bislang übliche, sattsam bekannte Gerede von der Leistungsgesellschaft, nämlich dass Leistung sich lohne müsse, hochmoralisch ist. Es ist, als ob die verbrecherische Basis des Wirtschaftens plötzlich ungefiltert und ohne Abmilderung in den ideologischen Überbau einbreche, sich zu ihr bekannt würde, weshalb – siehe den Wahlsieg von Trump – den Massen immer der zynischste Politiker als der ehrlichste erscheint, weil er ohne irgendwelchen Sozialklimbim ausspricht, wie es wirklich ist. Der Kannibalismus des Systems kehrt in die Zentren zurück und die populistische Rechte begrüßt ihn als alternativlos und Wahrheit: Rette sich, wer kann, erschlage deinen Nachbarn, vorsichtshalber, dass er dir nichts wegnimmt, oder falls er hat, was du nicht hast. Vor diesem Hintergrund bekommen die einzelnen, sozial kalten Handlungen Symbolcharakter und Strahlkraft, während das menschlich gut Funktionierende melancholisch als Echo vergangener Zeiten genommen wird. Aber ist das die ganze Wahrheit?

Anzeige

Wenn dir der Artikel gefallen hat, dann teile ihn über Facebook oder Twitter. Falls du was zu sagen hast, freuen wir uns über Kommentare

https://blogs.taz.de/kirschskommode/brief-an-einen-freund-im-ausland/

aktuell auf taz.de

kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.