02.03.2026
Eine Gesine Borcherdt erzählt mir in einem Hochglanzmagazin für Innenarchitektur-Liebhaber, dass Berlin in Clan-Kriminalität versinke und dass die Berliner sich das gefallen ließen, teils aus Obrigkeitshörigkeit, teils aus panischer Angst, als Faschos beschimpft zu werden. Das Magazin hat seitdem ein Eselsohr, aber nicht weil ich es sorgfältig hinein knickte, um Frau Borcherdts gewagte Behauptungen später darin wiederzufinden, sondern weil ich es angewidert auf den Fußboden schleuderte. Das, was Clan-Kriminalität genannt wird – in familiären Netzwerken begangene Taten, die Tätern aus Familien mit Einwanderungsgeschichte zugeordnet werden können (kriminell netzwerkende Familien ohne Migrationshintergrund bilden aus polizeilicher Sicht hingegen niemals Clans) – ist nach allen offiziellen Statistiken nur für einen winzigen Bruchteil aller begangenen Straftaten verantwortlich. Und wenn Berlin mit seinen 3,7 Millionen Einwohnern darin versinken kann, was ist dann überhaupt noch von ihm übrig gewesen, nachdem es den Löwenanteil der anderen Straftaten über sich ergehen lassen musste? Aber vermutlich benutzt Frau Borcherdt das Wort Clan-Kriminalität ohnehin nicht in der mehr als zweifelhaften Bedeutung, das es in der Polizeistatistik hat, sondern in einer noch viel zweifelhafteren, die, ähnlich wie Merz’ Bemerkung zum Stadtbild, darauf hinausläuft, dass die Ausländer insgesamt zu viele und insgesamt gefährlich sind, selbstredend mit Ausnahme solcher, die aus sogenannten Kulturnationen stammen sowie aus gutem Hause. So sieht Werbung für Remigration also aus, wenn sie an Besserverdienende gerichtet ist. Und genau das, dass sie bereits in Magazinen vorkommt, in denen ansonsten eher für Artefakte geworben wird, die pro Stück, ganz gleich ob Teppich, Sessel oder Vase, mit Leichtigkeit einige paar tausend Euro kosten, ist dann doch beunruhigend. Offenbar ist es inzwischen mit gutem, gar exquisitem Geschmack (und was dafür gehalten wird) völlig vereinbar, im Fall der Faschos alte Berührungsängste abzulegen; Faschos, denen noch bis vor Kurzem etwas Schmuddeliges, Ungebildetes, Grobes angehaftet hatte, für das sich die oft grün angehauchte feinere Gesellschaft lange durchaus zu fein gewesen war. Das ist wohl vorbei. Vielleicht ist es nicht gerade der goldprotzende Trump-Chic der ab morgen zur meistangesagten Mode wird, aber eine modische Neuabmischung von Versatzstücken europäischer Hoch- und Herrenmenschenkultur könnte alsbald ihre Wiederkehr feiern – zur Ausstaffierung einer Warte, von der aus mit Verachtung auf den Rest der Menschheit geblickt wird, der es zu nichts Vergleichbarem, also zu nichts gebracht hat. Die Hochglanz-Faschos sind auf Vormarsch.
Mein wütender Ausbruch hatte eine ganz unerwartete Folge für mich: Ich konnte entscheiden, dass es jetzt endgültig genug sei, dass es lange schon lange, dass ich es wahrhaftig ausgiebig genug getan hätte und dass ich es genauso gut lassen könne. Zeitungen lesen, Tageszeitungen genauer. Mich zu informieren, um meiner verhetzten Mitwelt mit Fakten Kontra geben zu können, ist zu einer Aufgabe geworden, die so wenig zu leisten ist wie das sprichwörtliche Auslöffeln des Ozean mit einem Kaffeelöffel. Die gefühlte Wahrheit, die verkäufliche, die die punktet, wird alles, was ich vorbringen kann, beiseite schieben, es widerlegen, ohne es zu widerlegen. Eine Frau Borcherdt geht lächelnd darüber hinweg, dass Berlin nicht in 851 im Jahr 2024 von der Polizei der Clan-Kriminalität zugeordneten Straftaten versunken ist und auch schlecht darin versinken konnte. Ich muss solche Zahlen weder kennen, noch täglich nachlesen, noch versuchen, mit ihnen zu argumentieren. Denn auf Tatsachen kommt es nicht an. Es zählen die Effekte.
Ins intensive Zeitungslesen hineingeraten bin ich, wie in eine Sucht, in fester wie banger Erwartung eines großen Zusammenbruchs. Ganz als könnte ich schlimmes Geschehen aufhalten, es bannen, indem ich es detailliert erfasse, gegen es andenke. Nun verstehe ich, dass ich das Näherrücken eines Kipppunkts beobachtet habe. Bis unmittelbar vor dem Kippen erschien es mir tatsächlich sinnvoll, nach Fakten zu suchen, nach Anhaltspunkten für andere mögliche Entwicklungen, nach Eingriffsmöglichkeiten, wenigstens nach begründeten Argumenten dafür. Ist der Kipppunkt aber durchschritten, ändert sich das Geschehen nicht mehr, genauer: Seine Ursachen, ob begriffen oder nicht, stehen dann fest und allein die Geschwindigkeit, mit der sich vollzieht, was angestoßen wurde, variiert noch; im Augenblick nimmt sie stark zu, am Ende des Zusammenbruchs kommt sie zum Stillstand. Die sich vor mir auftürmenden erschreckenden Ereignisse, die mich bislang in den Bann der täglichen Zeitungslektüre gezogen haben, waren schon länger nur scheinbar Ausdruck eines veränderlichen Geschehens und damit eine Täuschung. Die Chose war bereits gekippt. Die Tagesaktualität ist darüber in sich selbst verloren gegangen, die vielen, wechselvoll-schlimmen Nachrichten verschmelzen zu einer – von allen Seiten und in allen ihren Stadien eine Katastrophe. Zu deren weitläufigeren Symptomen übrigens auch Auslassungen wie die einer Gesine Borcherdt ganz und gar gehören.
Das ist nicht das Ende. Jemand ist am Ende. Mit aller Vorsicht formuliert und bei einigem eigenen Vorbehalt gegen meine Formulierung: die Beherrscher der Welt. Die Reichen und die Schönen. Sie fallen und schlagen um sich im Fall. Sie haben die Macht, viele und vieles mit sich zu reißen. Aber die Habenichtse aller Länder, so verhetzt und verroht wie sie sein mögen, sind es gewohnt, immer wieder ganz von vorn anzufangen. Bangemachen ist das Geschäft ihrer Gegner.
Ein Wort zum Iran findet sich hier.