vonkirschskommode 18.02.2020

Kirschs Kommode

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Manchmal muss ich an Hölderlins Eichbäume denken: Fesselte nur nicht mehr ans gesellige Leben das Herz mich, / Das von Liebe nicht lässt, wie gern würde ich unter euch wohnen! Ja, Pustekuchen, ans gesellige Leben fesselt mich weniger das Herz. Vielmehr ist es der Umstand, dass ich mir meinen Lebensunterhalt verdienen und somit mich unfreiwillig in einer Sphäre bewegen muss, die meine Kräfte bindet, mir Interesse und Einsatz abverlangt. Und das nicht nur, weil mein Stolz mir gebietet, noch dort, wo ich bloß hingestellt bin, gut zu arbeiten, sondern auch, weil im Arbeitsalltag immer die Drohung zu spüren ist, dass diese Möglichkeit, mir das Nötige zum Leben zu verdienen, bald vorbei sein könnte und jede andere, die ich dann ergreifen müsste, schlimmer wäre. Ich bin der Welt abhanden gekommen – ja, könnte ich! Rückerts Weltverlorenheit und Hölderlins Waldutopie konnten nur von Leuten tief empfunden werden, die sich um ihr Auskommen wenig Sorgen machen mussten.

So ist es weder etwas wie Hölderlins Wald noch etwas wie Rückerts entlegenes Gebiet, der Himmel seiner (von Gustav Mahler später gehobenen) Lieder, wohin ich mich gedichtsweise zu sehnen getraue. Das Licht einer besseren Zukunft fällt bei mir auf recht gewöhnliche Dinge, auf Möbel und Heimtextilien, in all ihrer Schönheit unerhaben und zugänglich. Die Wirkung dieser Beleuchtung ist heiter; ungeachtet aller großen Sehnsucht geht es keinesfalls feierlich zu:

Dein Mann geht hinaus …

Ruhig und einladend die Zimmer,
jeder Stuhl ruft sein: Verbleib!
Doch es ist genau wie immer:
Schluss ist jetzt mit Zeitvertreib.

Ach, das Sofa. Ach, die Kissen.
Ach, das Bett, schön zugedeckt.
Werden sie mich nicht vermissen,
mich, im Außer Haus versteckt?

 

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