vonkirschskommode 13.02.2020

Kirschs Kommode

Komplett K: Kommodenfächer & Kurzwaren, Krimi & Kinder, Klasse & Küche, Kybris & Kirche, K-Wörter & Komfort.

Mehr über diesen Blog

Was bisher geschah: Kriminalkommissar Wengath hat Hunger aber keinen Appetit, als er nach einem langen Arbeitstag, inklusive Flug nach Stuttgart und Zugfahrt nach Karlsruhe, loszieht, um den Wachmann zu vernehmen, der den Pathologen Dr. Siechner an jenem Tag abends in seinem Büro sitzend aufgefunden hatte, an dem Unbekannte den Doktor vor Wengaths Nase in einen schwarzen Golf GTI gezogen und mit ihm davongebraust waren. Als der Kommissar in das runde Gesicht des Wachmanns blickt, wird ihm klar, was er essen möchte: indisch, mit fettgebackenem Plusterbrot. Doch soweit kommt es nicht. Zwei große Pranken packen ihn an der Schulter, zwei Männer links und rechts heben ihn aus dem Stuhl, der Wachmann durchsucht ihn. Und als er nicht findet, was sie haben wollen, fragt ihn einer der beiden, Breker oder Kolbe, was sie nun mit ihm machen sollten. Sie hätten da so einen Fahrstuhl, mit dem man auch Schlitten fahren könne.

Beine aus Nudelteig (frisch gemachtem): Halfen die eigentlich in Wundern der Technik zu bestehen? Wahrscheinlich würden sie weich werden, schlapp machen, einknicken in dem ganzen Wasser, das an ihm herablief: Al dente, falls er noch einen Rest Widerstand bewahren konnte. Aber auch den Zahn würden sie ihm ziehen: Nichts so unzuverlässig wie der eigene in Angst und Schrecken versetzte Körper, wo war denn nur der Stuhl? Breker riss ihn am Mantel an sich heran:
Sie haben etwas aus Siechners Zimmer mitgenommen, das uns gehört und Sie sagen uns, wo wir das finden.
Er sackte zu Boden, nahm die Hände über den Kopf, das Gesicht zwischen die Knie. Sie zerrten ihn hoch, drückten ihn auf einen Stuhl. Der Magen boxte ihm in die Speiseröhre hinauf, um die Augen tanzte von schwarzen Fetzen verwirrtes Licht. Ferner: In den Händen entsetzliches Kribbeln, Beine, wie gesagt. Sie sollten ihr Projektil haben! Von ihm aus! Aber das Projektil hatte Lene. Und er hatte Lene nicht gefragt, wem sie es geben würde. Als Leiterin der wissenschaftlichen Abteilung der Kripo in Ostberlin – was sie gewesen war, bevor sie per Gnadenerlass halbtags im Archiv Papiere sortieren durfte – hatte sie Verbindungen, die er nicht kannte, kalt gestellte Kommunisten, Geheimdienstler im inneren Exil, er konnte Kolbe und Breker nichts sagen, ein Ballistiker, ein Schusswaffenexperte, Adresse, Alter, Aussehen, keine Ahnung, wie kam er hier bloß wieder raus? Es ist aber auch nicht gerade bekömmlich, ein zweites Mal an und zwischen die gleichen Schlägertypen zu geraten. Beim ersten Mal kennt man es immerhin noch nicht und es wird einem erst hinterher übel:
Ich –
Es ging mühsam, die Stimme gehorchte nicht, die hochgeboxte Magensäure hatte den Kehlkopf zerfressen, Luft hatte er auch nicht.
Herr Wengath, regen Sie sich doch nicht gleich so auf.
Kolbe nahm einen Stuhl, setzte sich vor ihn, Breker setzte, schalten wir mal wieder auf manierlich, sich zu Alves an den Tisch:
Wir möchten Ihnen lediglich eine Arbeitsteilung vorschlagen. Sie machen weiter mit Ihren Affen, wir kümmern uns um den Fall Dellmann. Wenn Sie aus Herrn Siechners Büro, gegen dessen Willen übrigens, etwas mitnehmen, was zum Fall Dellmann gehört, dann denken wir, am Besten Sie händigen uns das aus und wir gehen als Freunde auseinander.
Wengath nahm die Hände vor die Augen, presste sie dagegen. Das Kribbeln in den Fingern nahm ab, das Dunkel erlöste die Augen davon, flackerndes Licht zu sehen, vielleicht wussten sie gar nicht, dass es überhaupt ein Projektil gab, hatten nur die Vogelfreundin ausgefragt:
Es war für mich, was mir Dr. Siechner hingelegt hatte.
Aber er musste bei allem so nah an der Wahrheit bleiben wie möglich, sonst käme er nie davon:
Ein eingedellter Tennisball, mit ein paar Schreibstiften zum Männchen hingelegt.
Jetzt hatten Führers Bodybuilder, Kolbe und Breker, sogar Pfannekuchen Alves den gleichen Ausdruck im Gesicht – unterschiedlich breit gezogen, bei Alves am breitesten, schon weil er sich drum bemühte, alles genau wie die Großen zu machen: Will der uns verarschen?
Die improvisierte Hieroglyphe für Dellmann.
Schlauer Hund, der Siechner, las sich simultan in drei Wachmannsmienen. Vielleicht waren sie doch zu beeindrucken, ließen ihn unbeschädigt wieder laufen.
An einem der Kugelschreiberarmen eine Botschaft für mich befestigt, ein Zettel.
Keine kleine Probentüte?
Uha! Bis zu diesem Detail hatte die Vogelfreundin sie informiert! Na, die kriegte kein Vogelbuch von ihm, wenn sie bei den Arschlöchern plauderte und bei ihm war sie spröde! Und sein Neffe Jens hatte sogar eine Originalzeichnung von Lars Jonsson erwogen, Asio otus zett Bee oder auch buho buho, selbstverständlich gerahmt. Aber was wusste er schon, was Kolbe und Breker mit ihr angestellt hatten, Vorsicht:
In einer Tüte, stimmt. Eine kleine Probentüte. Und die Botschaft war auf ein Pralinenpapier geschrieben, gold außen und winzig klein zusammengefaltet.
Kolbe erhob sich, stürzte auf ihn zu, klemmte ihm seinen Germanenschädel vor die Nase:
Pralinenpapier! In der Tüte war ein Projektil!
Danach habe ich gesucht und Dr. Siechner wusste auch, dass ich danach suche.
Und was stand drin, in der Botschaft?
An Kolbe vorbeigeschnarrt, vom Tisch aus: Breker. Lauerte, auch er. Glaubte ihm kein Wort. Und wenn sie ihm glaubten, sie würden sich nur wieder an Siechner halten wegen des Projektils, was sagte er also?:
Ich kann nichts mehr für Sie tun. Nur dieser Satz. Ich denke, Dr. Siechner hat das Projektil vernichtet. Verschwinden lassen. Er wollte mich abhalten, weiter danach zu suchen.
Wo hatten sie das Seil her?, schwuppdiwupp, war er eingeschnürt wie eine Sobrasada, vulgo mallorquinische Parprikawurst in schnurumwundenen Dickdarmwülsten, der Mantel schlug Wellen, im Wellental lief immer ein Seil, immer noch eins. Und die Wogen teilten sich abermals, verebbten zu Wellenrippchen, eingesponnen wurde er wie eine Raupe: Wurst, Woge, Kokon. Sie stießen ihn von einer Metapher in die nächste, mit der selben grausamen Werbefernsehenflinkheit, mit der sich dort tanzende schlanke junge Frauen in Zuckerersatzstoffdosierdosen – ja, wirklich: in Zuckerersatzstoffdosierdosen! – verwandelten. Der Pfannekuchen öffnete einen pfannenschwarzen Wandschrank, Breker knipste das buttergelbe Licht weg, ein großer Monitor knisterte auf, weiße Streifen rasten über ihn hin, Kolbe nahm den Stuhlkokon an der Lehne, ruckte ihn in die beste Sichtposition, eine Hand zerrte Wengaths Nackenhaar, nur Kopf hoch, das haben wir doch gleich:
Und immer brav auf die Mattscheibe schauen, Herr Wengath!
Aber das war Siechner! Siechner, das aufgeknöpfte hellblaue Hemd hing ihm aus der Hose, das Haar in Strähnen ihm ins Gesicht, Mund und Augen riss er auf, hyperventilierender Fisch außerhalb des rettenden Wassers. Oder sang er? Riss die Arme auseinander, große Oper, seid umschlungen, Millionen. Und wilde Blicke um sich her. Wo war das? Krankenhaus. Da standen Betten. Nein, nicht Betten. Das waren Bahren! Mit silbriggrauen Planen üppig verhangene Katafalke, unordentlich standen sie, ineinander verkeilt, wie Autoskooterautos, was war bloß passiert? Aber das war auch nicht das Leichenschauhaus. Siechner, was machte Siechner? Jetzt schleuderte er nicht mehr die Arme von sich, diesen Kuss der ganzen Welt, jetzt stieß er mit dem Becken vor und zurück in die Luft. Das war der Autopsiesaal! Die Operationslampen flammten auf, kreisten angestoßen, Siechner Lightshow: Brüder, überm Sternenzelt! Graues Nackt türmte sich da auf dem Operationstisch, Beinberge, Busenberge, die Welt ist voller Dicker, Bauchfaltenberge, Siechner: Hüftschwung, zackig vor, zurück, vor, zurück, aber zielstrebig auf die Dicke zu, was will er? Ein Tänzchen? Er breitet die Arme aus: Muss ein gütger Vater wohnen! Nimmt den Fleischberg, schwingt ihn herum, schwoft, die Dicke hängt ihm steif im Arm, stößt mit den Füßen an die Katafalke, flitzen weg, schwoft, greift ihr an die Brust, will sie hochwippen, wippwapp, da klatscht die Dicke zu Boden, Siechner versteinert, steht da, steht, der Mund bricht ihm auf, muss kotzen, nein, weint, steht da, weint wie ein kleines Kind. Und da kennt man den Mann nun schon so lange.
Die Bilder waren weg, Fernsehlicht aus, Schneegestöber und graues Rauschen. Kolbes Kralle löste sich aus Wengaths Nackenhaar, schlug ihm sanft gegen den Hinterkopf, ja, darfst wieder nach unten schaun, Opferchen. Und Breker sagte liebenswürdig:
Scheußlich, nicht wahr?
Im wieder ausgegossenen Buttergelb saß Pfannekuchen, merkwürdig grau, wie nur halb ausgebacken. Hatte das Band wohl auch noch nicht gesehen, nur draußen Schmiere gestanden, als sie die Aufnahmen machten. Breker grinste mit Erzeugerstolz, Stück Arbeit, hamwa jeleistet:
Das Tier im Mann. Es gibt da kleine Pillen, die es kräftig befördern. Aber dass wir eine solche Nummer vorgelegt bekommen, überstieg alle unsere Erwartungen.
Er stand auf, um vor Wengath auf und ab zu gehen:
Sie haben diesen Verbündeten nicht mehr, Herr Wengath Und Sie haben auch sonst keinen. Wenn Ihnen überhaupt noch einer helfen kann, der Saff das Handwerk zu legen, sind das nur noch wir. Und verstehen Sie mich nicht falsch, das würden wir auch gerne machen. Wenn es nach uns geht, werden Sie den Fall erfolgreich abschließen, befördert werden, eine lukrative Pension beim Ausscheiden aus dem Beruf, alles ist drin. Aber der Preis muss klar sein, nichts mehr in Richtung Dellmann, keinen einzigen Schritt.
Sehen Sie sich lieber genauer bei Herrn Speichert um. Wirklich, mit Speichert haben Sie Ihren guten Riecher unter Beweis gestellt.
Kolbe ging nachlässig durch die Seiten von einem der Manuskripte, Ehrhorn und Einhorn. Was wohl heißen sollte: Wir wissen Alles. Er schob auch gleich gönnerhaft hinterher:
Issn heißer Tipp von uns.
Sie hatten seinen Fall im Griff. Sie hatten ihn im Griff. Beide Male besser als er selbst. Es war vorbei. Natürlich war es Wahnsinn deswegen zu schreien. Aber er schrie:
Ich will hier raus!
Er war drei Jahre alt, höchstens eine Woche aus den Windeln war er. Und er musste mal. Aber auf den Stuhl hatten sie ihn gesetzt, Stuhlarrest: Böser Junge! Hatte ein Kind geschubst, schäm dich, und es hörte nicht auf zu weinen, das Kind, Siechnerkind, so lange, wie es weinte, durfte er nicht vom Stuhl. Schrie er also auch, angesteckt, denn es hörte nie mehr auf zu weinen, das Kind, schrie er also auch:
Ich will weg hier! Weg! Weg!
Sie sind vielleicht eine Nervensäge, Wengath. Sowatt Labielitt.
Kolbe, Breker, Alves, der Ton war weggeschaltet, wie in Watte, Ohrenwatte, das Licht verschwamm im Wasserbad, vom Körper war nur noch das Rauschen des Kreislaufs übrig. Und sein Kopf wiederholte immerzu als Panikdämpfer: Du bist kein Kind, wie kommst du auf den Unsinn, du bist kein Kind. Er sah die Flasche, wie sie auf ihn zukam, eine Hand, die seinen Kiefer griff, und Flüssigkeit spürte er, wie sie in ihn hineinlief, aus dem Mund lief, das Kinn hinab, es brannte am Hals, das Unterhemd klebte an der Haut fest. Die Flasche hing riesengroß über seiner Nase, Blasen stiegen drin auf, platzten, nein, er wollte nicht husten, ans Zäpfchen, an den Gaumen, an die Zahnreihen schlug ihn die Flasche, wenn er hustete, er wollte nur schlucken, schlucken, es brannte auf der Haut und in der Kehle, schlucken, die Flasche sank, sie verbanden ihm die Augen.

Anzeige

Wenn dir der Artikel gefallen hat, dann teile ihn über Facebook oder Twitter. Falls du was zu sagen hast, freuen wir uns über Kommentare

https://blogs.taz.de/kirschskommode/keine-kunst-19/

aktuell auf taz.de

kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.