vonkirschskommode 06.02.2020

Kirschs Kommode

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Eine Leserin oder ein Leser – ich habe keinen Namen – merkt zu meinem letzten Beitrag aus der Schublade Kybris an, dass man ihn vielleicht nicht gerade mit dem Bild einer Skulptur versehen sollte, die eine Vergewaltigung darstelle. Damit ist ein Dilemma getroffen, von dem allerdings nur ahnt, wer die ganze Skulptur kennt. Mir ging es bei der Bildauswahl um den Ausschnitt, um die Ansicht der Hände, um die in Haut und Fleisch gedrückten Finger. Diese Detailansicht ist unzählige Male fotografiert worden, denn sie ist, für sich genommen, betörend schön. Nichts deutet darauf hin, dass diese lustvoll und energisch zugreifenden Hände verletzen und zwingen, nichts darauf, dass Haut und Glieder die sie packenden Hände nicht empfangen. Aber kann man einen Bildausschnitt unabhängig vom Rest des Bildwerks für etwas stehen lassen, wofür das gesamte Bildwerk nicht steht?

Die Skulptur ist von Bernini, vom Beginn des 17. Jahrhunderts und sie steht in Rom in der Villa Borghese. Sie heißt auf Italienisch Ratto di Proserpina, was auf Englisch mit Rape of Proserpine, auf Deutsch mit Raub der Proserpina wiedergegeben wird; aus dem englischen Titel, sicherlich schon ein paar hundert Jahre im Gebrauch, kann man schließen, dass die Figurengruppe eine Vergewaltigung zeige, im modernen Englisch heißt rape eben das. Dass eine Gewalttat dargestellt wird, verleugnet aber auch der deutsche Titel nicht. Proserpina ist die Göttin Kore oder Persephone, die Tochter der Getreidegöttin Demeter, in die sich der Unterweltgott Hades verliebt und der er beim Blumenpflücken auflauert. Berninis Werk zeigt den Moment, in dem die Frau in Hades Hände fällt (das englische Adjektiv rapacious bedeutet raffgierig). Der vom Künstler ausdrucksstark gestaltete Widerstand Proserpinas verweist allerdings gleichzeitig auf noch etwas, auf den Fortgang der Geschichte, auf die Verzweiflung Proserpinas, in der Unterwelt, im Totenreich leben zu müssen. Wie so oft bei den alten Griechen endet die mythologische Erzählung mit einem Kompromiss: Die trauernde Demeter lässt kein Getreide mehr wachsen, bis die Tochter wieder auf die Erde zurückkehrt. Seitdem lebt Proserpina in beiden Welten, im halbjährlichen Wechsel. Bis in unsere Zeit hielt sich an manchen Orten des Balkans der Brauch, eine Getreidepuppe als Symbol der Göttin im winterlichen Feld einzugraben, und im Frühjahr, wenn das Getreide gekeimt war, wieder aus: Einmal im Jahr muss Proserpina in die Unterwelt hinab und zu Hades zurück. Der olympische Klatsch weiß nichts von ehelichen Konflikten zwischen ihr und dem Totengott, wohl aber, dass sie sich eine Zeit lang mit Aphrodite den Adonis teilte.

Berninis berühmte Figurengruppe vollständig im Blick kann ich nicht unbedingt sagen, dass ich mein Beitragsbild geschickt ausgewählt habe. Der Kummer ist, es gibt keine oder kaum andere Bilder. Jedenfalls kaum so gute. (Oder sind sie für mich nur sehr zu schwer zu finden.) Was ich in der Detailansicht zu sehen gewillt bin, leidenschaftliches Ergreifen und Ergriffensein, hätte ein Bernini Anfang des 17. Jahrhunderts niemals ohne die Einbettung in einen Kontext tradierter mythologischer Erzählungen gestalten können und dürfen. Die Mythen handeln aber von der Unterwerfung der Frau, der weiblichen Gottheiten und ihrer Kulte. Sie sind darüber hinaus über die Jahrhunderte fast ausschließlich von männlichen Künstlern interpretiert worden. Die überlieferten Bilder sind einseitig und enthalten den weiblichen Blick auf das Geschehen normalerweise nicht. So bleibt mir nichts, als zu hoffen, Bernini habe, als er Hades Hände auf Proserpinas Haut unendlich zart und zupackend zugleich gestaltete, etwas von einem möglichen anderen Geschlechterverhältnis geahnt und im Vorgriff zum Leben erweckt. Aber es ist eine Notlösung. Ich erhebe ein Detail des Kunstwerks über das Kunstwerk in seiner Gesamtheit. Ich will Proserpina genommen, aber nicht unterworfen. Die Skulptur zeigt ihre Unterwerfung. Ich komme aus dem Dilemma nicht heraus.

***

Die zum Teil recht religiösen Teilnehmerinnen und Teilnehmer meiner Deutschkurse weise ich manchmal darauf hin, dass in der Bibel steht, Gott habe den Menschen als Mann UND Frau erschaffen, nicht als Mann ODER Frau. Jeder Mensch ist eine Mischung, Hades Hände sind Frauenhände, Proserpinas Schenkel Männerschenkel. Ergreifen und Ergriffensein lassen sich den Geschlechtern nicht zuordnen, nur ihrem Verkehr miteinander. Auftritt also einer Frau, die sich nimmt, was sie will. Ihrer An- und Zugriffslust entspricht die lustige Form des immer griffigen Abzählreims:

Dickmadam

Eine kleine Dickmadam,
als ich mal zum Quicki kam,
gab mir Schnaps und lachte,
als ichs dann nicht brachte;
lachte, bis das Sofa brach
und ich blau am Boden lag.

Eine kleine Dickmadam
hatte mal kein Höschen an.
Ich fand eine Rundung,
an ihr schnell Gesundung,
fand im Runden einen Spalt,
dieses Spiel wird niemals alt.

Eine kleine Dickmadam
wollt mal einen zweiten Mann,
unten den, den oben,
zweifach sie zu loben.
Seither geb ich doppelt mich;
hoff nur, sie verzählt sich nicht.

Eine kleine Dickmadam
zog mich mal an sich heran.
Hat in ihre Wogen
tief mich eingesogen.
Hör von ferne, wie sie spricht:
Raus bist du noch lange nicht!

 

 

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