vonkirschskommode 02.01.2020

Kirschs Kommode

Komplett K: Kommodenfächer & Kurzwaren, Krimi & Kinder, Klasse & Küche, Kybris & Kirche, K-Wörter & Komfort.

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Was bisher geschah: Kommissar Wengath fragt sich, ob er auf Staatsanwalt Nebelung hören soll und aufstecken. Einige der Spuren, die er hatte, sind bei einer groß angelegten Hausdurchsuchungsaktion wahrscheinlich zerknüppelt worden. Beim Nachgehen einer anderen, wird er von zwei muskelbepackten Männern eines privaten Wachdienstes unsanft aufgehalten: Mit dem Gerichtsmediziner Dr. Siechner, der ihm zuvor ein Projektil hatte zukommen lassen, soll er offenbar auf keinen Fall reden. Seit die Leiche von Dellmann, einem Polizisten aus Berlin, auf dem gesprengten Grab von Ludwig Erhard gefunden worden war,  wird der Fall nichts als unübersichtlicher. Aber Wengaths Kollegin Lene Marcks hatte die Idee ins Theater zu gehen, um dort nach den Affenkostümen zu fragen, in denen die Grabattentäter, einmal in der Öffentlichkeit aufgetreten waren. Und prompt öffnet sich dort wieder eine Tür.

Wen haben Sie denn enteignet?
Lene Marcks mit Sommersprossen gepunktete Hand strich über das Holzfurnier seines Vitrinenschranks. Grün war ihr Kleid jetzt am Abend und es glänzte wie Samt. Ein Kleid aus Nickistoff, nachgiebig und weich, die Nase wollte er hinein stecken, es wie ein großes, nicht zu pralles Kopfkissen mit beiden Armen umschlungen halten: Was war ihm flau nach diesem Tag. Den Rücken hatte er sich im eiskalten Auto verzogen, die Arme hatten ihm Kolbe und Breker verrenkt. Und der Frust. Und der Theatersessel. Er unterdrückte ein Gähnen:
Ich? Niemanden. Ein Inflationsgewinn der Familie meines Vaters. Aber als meine Eltern sich scheiden ließen, blieb das Rokokozimmer bei meiner Mutter. So ziemlich als Einziges außer mir und dem Weinkeller.
Und aus diesem sagenhaften Weinkeller wollen Sie mir nach unserem Theaterabend noch ein Glas anbieten?
Sie wandte sich halb, mit seiner schönen Wölbung umschmeichelte der Schrank die Hüfte im Nickikleid, während ihre Hand fortfuhr, das Holz zu streicheln. Wenn sie jetzt oben noch eine der geschwungenen Glastüren öffnete: – – ! Dann hielte der Rokokoknilch sie im Arm wie eine Tanzpartnerin. Vierfüßig flink, ein dackelbeiniger Zentaur, würde er sie im Zimmer herumschwenken, sie an ihrem Arm herumpirourettieren lassen, seinen unteren Türspalt gegen ihr Becken pressen: Oh, verfickt! Und er stand nur hölzern im Rahmen der Küchentür, die etikettlose Flasche Roten in der Faust. Raspelte morsch die Geschichte vom Duft herunter, der seiner Mutter angehangen hatte, wenn sie ihm den Gute-Nacht-Kuss aufdrückte:
Nein, den ersten sagenhaften Weinkeller hat meine Mutter alleine ausgetrunken bis ich so siebzehn war. Ungefähr 3000 Flaschen, die sie in zwei kleinen Kellerverschlägen zweienhalb Meter hoch gestapelt hatte. Und alle zwei Tage musste ich runter, Nachschub holen.
Jetzt sah sie ihn tatsächlich an wie die tanzende Frau ihren eifersüchtigen Mann am Rand der Tanzfläche. Mit leicht zurückgelegtem Kopf über ihre Schulter. Belustigt:
Sie Armer.
Und fortgesetztes Pusseln am anderen Mann. Ehe er überhaupt dazu kam, die Geschichte vom zweiten Weinkeller seiner Mutter – den sie sich erheiratet hatte, gerade rechtzeitig, bevor die letzte Flasche des ersten ausgetrunken war – auch nur anzufangen: Da war sie schon wieder versunken, Lene Marcks ganz schrankumfangen. Wenn sich wenigstens die restlichen Möbelstücke zurückgehalten hätten! Aber nein. Seine schmale Kommode wölbte ihre Schubladenbrust nach vorn, trippelte zierlich auf das Tanzpaar zu, dabei sich wiegend, damit die Porzellanvignetten mit den Schäferszenen im schwachen Schein der Stehlampe schillern konnten. Und sein Schreibtisch am Fenster schien so vergnügt dem Treiben zuzusehen, dass seine von einem bronzenen Zäunchen eingefasste Schreibfläche breit wie ein goldzahnblitzendes Grinsen dalag. Wengath rutschte mit dem Rücken am Türpfosten nach unten, stellte die Flasche vor sich auf den Boden und zog im Sitzen die Knie an. Große dunkle Augen in ihre Richtung: Sie fuhr mit dem Fingernagel bewundernd über den gläsernen Wellenbogen in der Schranktür, sah aber nicht durch die Scheibe zu ihm hindurch.

Im Theater, als der Pausenvorhang fiel, hatte es ein Getrappel gegeben, Topfdeckel klirrten durch das Beifallrauschen, Holzlöffel klöterten in Blechtöpfen. Dann hatte ein Grüppchen Frauen auf der Vorderbühne gestanden, bat mit dünnen Stimmen um Aufmerksamkeit. Las in den verstummenden Rumor vom Zettel ab: Die Polizei hatte bei einigen von ihnen Werke im Wert von insgesamt mehreren hunderttausend Mark zerstört. Ihnen Unterlagen weggenommen, die sie zum Weiterarbeiten brauchten. Hatten sie also Beteiligungen an Ausstellungen, Wettbewerben, Kunst am Bau absagen müssen. Und jetzt fehlte ihnen Geld, um die Ateliermieten zu bezahlen. Sie waren am Ende, wirklich am Ende.
Bewegung kam in den warmen Theatermuff, Türen wurden aufgezogen, Helligkeit klaffte überall ins Auberginedunkel der Wände. Zuschauerkolonnen schoben sich durch die Sitzreihen, klumpten vor den Ausgängen zusammen und bröckelten in Paare aufgelöst ins Lüsterlicht des Foyers weg. Die Küchengeräte am langen Arm trotteten die Frauen hinterher. Nur drei oder vier Zuschauer hatten sich bei ihnen nach Einzelheiten erkundigt, der übliche Sturm von Nichtbeachtung, der allenthalben bei dergleichen Gelegenheiten losbrach. Wengath hatte sich in seinen Sitz verkrochen, bis auch die letzte der Frauen durch die Tür verschwunden war. Und seitdem arbeitete ihm wieder ein hydraulisches Teil im Magen herum: Gelungener Theaterabend.
Von diesem Balu Balu Balu, das sie gesehen hatten, mal ganz zu schweigen. Ein alberner Bilderbogen, der darüber zusammengehalten wurde, das in ihm Grün stets Gürn, Gelb Gleb, Rot Tro und Blau eben Balu hieß. Das Publikum fands lustig. Einmal, als es, wie immer ohne viel Zusammenhang mit dem vorab Gesagten, plötzlich um gürne, glebe oder troe Beeren ging – worauf der Haufen baluer Schauspieler anfing, rhythmisch skandierend über die Bühne zu stampfen – da ließen die Zuschauer sich sogar zu Schunkeln und Mitklatschen im Takt hinreißen:
Take up the White Man’s burden / send forth the best you breed; / go bind your sons to exile / to serve your captive’s need; / to wait in heavy harmness / on fluttered folk and wild, / your new caught, sullen peoples, / half devil and half child. — : !!
Das brüllten sie auf der Bühne heraus, die Baluen, mehrere Male diesen Text, während sie zackigst im Kreis marschierten. Bis vom Bühnenhimmel an die zwanzig Stühle herabgeschwebt kamen, die der Theatertrupp sofort besetzte und mit ihnen gefährlich zu schaukeln anfing: Mit dem Schrei: Kipp! nach hinten über, mit: Link! wieder nach vorn (– Missing! Missing! Missing! brummte es dazu bassen aus dem Souffleurskasten). Als dann noch ein braun (oder barun?) angestrichenes Kind von einem Kippelschoß zum anderen hüpfte, wobei es etwas von einer Mowglipackung piepste, die ein Jeglicher zu tragen habe, da tobten um ihn herum die Leute im Parkett und auf den Rängen vor Begeisterung. War ja zugegebenermaßen auch Alles bnut und bunt genug, außerdem so flott musikalisch und nett artistisch. Und vielleicht hätte sogar er seinen Spaß daran gehabt, wenn nur die Texte auf Kurdisch oder Japanisch gewesen wären. Oder in sonst einer ihm unbekannten Sprache. Aber den Mischmasch aus Deutsch und Englisch konnte er entschlüsseln. Und fand ihn ungefähr so spaßig wie das alte Kinderlied von den zehn kleinen Negerlein: Sechs Fälle hatte es allein in diesem Jahr in Berlin und Umgebung gegeben, in denen Jugendliche das Lied verängstigten schwarzen Fahrgästen in der S-Bahn vorgesungen hatten, leutselig, laut und lustig. Die Ermittlungen waren aber jedes Mal eingestellt worden. Mit der Begründung, die Jugendlichen hätten schließlich nicht davon ausgehen können, dass Schwarze Deutsch verstünden. Insofern könne man das Absingen eines Kinderliedes auch nicht als Drohgebärde bewerten. Aber vielleicht meinten die von Balu Balu Balu ihre Textmontage ja auch kritisch, irgendwie ungenau auf die neueste Mode des weißen Mannes bezogen, seine Truppen zur Wahrung der Menschenrechte in Bewegung zu setzen. Oder manchmal eben auch nicht. Mal im Programmheft nachsehen.
Nach der Vorstellung hatte die Marcks ihn durch ein Gewirr von Gängen und über steile eiserne Treppen bis in einen winzigen Raum dirigiert. Der war offensichtlich wegen seines Fensters da, von dem aus Bühne und Bühnenportal einsehbar waren: Ein flacher Erker, direkt unter die schwer lastende Decke des Zuschauerraums geklebt, dunkel verglast, und die Scheiben so eingesetzt, dass der Blick durch sie nach unten fiel, in den Abgrund bis hinunter ins Parkett. Vor dem Fenster stand ein Schaltpult, darüber, notdürftig auf seinem Drehstuhl zusammengefaltet, beugte sich ein Zweimetermensch. Der Inspizient, hatte Lene Marcks ihm erklärt, Knut Speichert, ein nie gespielter Komödienautor, der ein Gedächtnis aus Granit hatte für alles, was in Berlin die letzten zehn Jahre auf der Bühne zu sehen gewesen war. Und er griente auch sofort wissend, auf Affenkostüme angesprochen, ja, wurde richtig munter, als er davon erzählte, durchfuhrwerkte mit seinen lang und breiten Händen den kleinen Raum:
Der hat noch den Regiepreis dafür gekriegt, der Arsch! So einen Karl-Ludwig-Sand-Preis zur Förderung junger Regisseure. Für den Wahnsinnseinfall, alle Personen in das gleiche Gorillakostüm zu stecken. In einer Verwechslungskomödie, wo es nur darauf ankommt, dass der Zuschauer immer weiß, wer wer ist! War das Publikum, issjalogisch, so dumm wie die Genasführten auf der Bühne. Und wurde über alles gelacht im Theater, bloß nicht über die Witze des Autors. Ein Todesurteil für den, der schreibt heute Kochbücher.
Und auf Wengaths Zwischenfrage, wo das gewesen war, schnellte das lange Elend mit dem Oberkörper hoch und schoss unter der Raumdecke mit dem Kopf auf seine Besucher zu:
Na, hier! Hier, hier, hier im Theater! Nirgendwo anders, so eine exquisite Scheiße kriegen Sie nur bei uns zu sehen! Die Sachen sind bestimmt noch im Fundus.
Dass der aber auch nirgendwo anstieß! Und roch dabei stark nach Suff. Unwillkürlich fragte sich Wengath, wie viel von seiner Lebenszeit er wohl in diesem Kabuff verbracht haben mochte, um sich darin unfallfrei zu bewegen. Wo doch in die paar Kubikmeter Luft vor dem Ausguckfenster auf die Bühne zu allem Überfluss noch eine komplette Einrichtung hineingestaucht war: Eine Sitzecke mit Tischchen, Sesselchen, Klemmlampe, ein Kühlschrank und eine Kochplatte; die Türpolsterung war ein Bett zum Herunterklappen und nippesbestippte Bücherregale hingen an jedem unverstellten Fleck der Wand. Wahrscheinlich war das Langbein vor etlichen Jahren eines schönen Tages einfach nicht mehr nach Haus gegangen. Um nach der Wiedervereinigung seine Wohnung gewinnbringend untervermieten zu können oder so etwas.

Die Schranktür klappte:
Ist Ihnen nicht gut?
Neben ihm stand eine der allerletzten Flaschen aus dem Weinkeller seiner Mutter, lange Jahre aufbewahrt für einen ganz besonderen Anlass. Er selbst hing wie so ein Fünfzehnjähriger am Fußboden herum: Mal ausprobieren, wie mit Weltschmerz gefüllte Augen auf Mädchen so wirken. Wie benahm er sich eigentlich?! Und schnell versuchte er wieder hochzukommen:
Nein, nichts. Mir liegt nur das Langbein im Magen, der Inspizient.
Das war nicht mal gelogen. Das Langbein hatte ihm eine neue Fährte verschafft. Wenn er die Person fände, die Zugang hatte oder gehabt hatte zum Fundus der Volksbühne und die irgendwie bekannt war mit den so gebeutelten 21 Künstlerinnen, dann war er vermutlich bei der SAF. Er würde dem also nachgehen müssen. Überwacht von Vigilia, von Nebelung, sogar von Schwittmann. Und wahrscheinlich würde Schwittmann sein Vorgesetzter werden, Nebelung ihn alle fünf Minuten anrufen, um ihn zur Sau zu machen und Vigilia ihm die Arme doch noch auskugeln.
Sein Rücken tat ihm aber zu weh, verspannt wie der war, er kam nicht hoch: Peinlich! Um auf die Füße zu kommen, müsste er sich zur Seite kippen lassen, auf allen Vieren zum Stuhl kriechen, sich an dem hochziehen, den Handrücken, sobald eine Hand frei wurde, ins Kreuz gepresst, gegen den stechenden Schmerz, der, wie er wusste, sofort da sein würde. Vermutlich würde er aufstöhnen müssen und gefährlich schwanken würde er auch: Jetzt schaute er tatsächlich hilflos zu ihr hoch. Sie lehnte mit ihrem Po immer noch am Rokokomöbel und lächelte ihn milde an:
Vielleicht gehen Sie besser ins Bett.

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