vonGerhard Dilger 15.06.2026

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Von Stephan Havel, Buenos Aires

Berta, eine kolumbianische Freundin, schrieb mir gestern eine emotionale, ziemlich aufgewühlte Nachricht. Sie macht sich große Sorgen um ihr Heimatland. Am 21. Juni findet dort die Stichwahl um das Präsidentenamt statt. Es treten gegeneinander an: Iván Cepeda, ein linker Senator, und Abelardo de la Espriella, ein rechtsradikaler Rechtsanwalt und Millionär. Cepeda will eine Sozialpolitik zugunsten ärmerer Bevölkerungsschichten und eine Fortsetzung der Verhandlungen mit bewaffneten Gruppen, um das Land zu befrieden. De la Espriella ist erklärtermaßen ein Bewunderer des argentinischen Präsidenten Milei sowie von Trump (USA) und Bukele (El Salvador). Sein Wahlprogramm liest sich wie das seiner reaktionären Kumpane. Er will die Probleme Kolumbiens mit populistischen Sprüchen und Lügen, mit Mileis Kettensäge und den Rechtsstaat aushebelnder Polizei- und Militärgewalt lösen. De la Espriella hat den ersten Wahlgang überraschend mit 43 Prozent knapp vor Cepeda gewonnen. Hier der Brief an meine Freundin:

Liebe Berta,

Viele Grüße aus Argentinien! Auch hier herrscht Endzeitstimmung, auch hier lavieren sich die einfachen Leute durch eine permanente Krise.

Vor drei Jahrzehnten, als wir uns in Bogotá kennengelernt haben, lebte und arbeitete ich in Kolumbien. Die 1990er Jahre waren extrem anarchisch und gewalttätig, der Alltag von enormer Anspannung geprägt. Trotzdem habt Ihr, Du und Deine Landsleute, Euch mir und allen Ausländern gegenüber immer freundlich und zuversichtlich gezeigt. Mehrere Drogenkartelle führten damals Krieg gegen den Staat, drei marxistisch orientierte und gegeneinander konkurrierende Guerillaheere verteidigten weite Gebiete des Landes mit Waffengewalt – gegen die nationale Armee und gegen ihre linksradikalen Rivalen. Auch paramilitärische Privatheere mischten in diesen Territorialkonflikten mit und begingen grausame Verbrechen gegen Zivilisten.

Wie ich höre und lese, ist die Lage heute dank intensiver Friedensbemühungen einiger vernünftig und besonnen eingestellter Regierungen etwas besser. Aber der Frieden ist für viele Kolumbianer nach wie vor eine Utopie, etliche Provinzen sind weiterhin in der Hand bewaffneter Banden. Und nun macht sich, wie Du schreibst, ein selbsternannter nationaler Messias namens de la Espriella anheischig, „das Vaterland zu verteidigen“ und vor dem Untergang zu retten. Seine Bewegung, die Defensores de la Patria, preist genau die simplifizierenden und undurchdachten Patentlösungen an, mit denen hier in Argentinien 2023 das selbsternannte Wirtschaftsgenie Milei an die Macht kam, gewählt von Durchschnittsbürgern, die nach Jahrzehnten enttäuschter Hoffnungen endlich einmal alles richtig machen und einem „starken Mann“ ihr Vertrauen schenken wollten. Einem, der Klartext redete, einem, der nicht korrupt war.

Ich kann nur davor warnen, Rattenfängern wie Milei auf den Leim zu gehen. Argentinien ist nach drei Jahren seiner Regierungsarbeit tiefer in der Krise als jemals zuvor. Die nationale Industrie kollabiert, da sie mit den Billigimporten aus China nicht konkurrieren kann. Jeden Tag melden Dutzende Fertigungsbetriebe Konkurs an, seit dem Regierungsantritt von Mileis Partei La Libertad Avanza haben schon Tausende Betriebe dichtgemacht und ihre Mitarbeiter zur Arbeitslosigkeit verdammt. Sichtbar wird das im Alltag: Auf den Straßen von Buenos Aires lagern und kauern auf Schritt und Tritt obdachlose Familien, die die Passanten um Almosen anbetteln. Sie schlafen bei Regen und bei Temperaturen von sieben Grad unter irgendeinem Dachvorsprung auf dem Bürgersteig und sind komplett perspektivlos.

Gleichzeitig mauscheln der Präsident und seine Regierungsmitglieder mit Kryptowährungsspekulanten, um sich illegale Millionengewinne zu sichern. Etliche werden mit Taschen voller Bargeld festgenommen, das sie von Firmenchefs für Gefälligkeiten erhalten haben. Der frühere Regierungssprecher und jetzige Kabinettschef Adorni besitzt plötzlich mehrere Luxusimmobilien und Konten im Ausland, die er 2023 noch nicht besaß.

Heimlich, still und leise hat Milei der Trump-Regierung die Kontrolle über die Förderung von Litium und anderen Rohstoffen zugeschachert und ermöglicht, den US-Geheimdiensten und dem US-Militär Handlungsfreiheit, wo immer sie wollen. Milei übergibt das Land ohne Skrupel der Trump-Administration und US-Konzernen. Er war in den drei Jahren seiner Regierung mehr als zwanzigmal in den USA zu Besuch.

Die Provinzen Argentiniens aber hat er so gut wie nie betreten, abgesehen von einigen Wahlkampfveranstaltungen. Als es im Sommer 2025 wochenlang fürchterliche Waldbrände in Patagonien gab, hat er sich erdreistet, ein Foto zu veröffentlichen, das ihn zusammen mit Feuerwehrleuten im heroischen Kampf gegen die Flammen zeigt. Dieses Bild hat er mit künstlicher Intelligenz generiert und online gestellt, um den Bürgern zu suggerieren, wie sehr ihm das Wohl der Natur und der Bürger am Herzen liegt.

Milei richtet das öffentliche Schulwesen und die international hochangesehenen öffentlichen Universitäten durch Unterfinanzierung systematisch zu Grunde. Gleiches gilt für das Gesundheitswesen. Er und seine Leute wollen einen Nachtwächterstaat, der sich nicht um die einfachen Menschen kümmert, sondern um die Gewinnmargen der Milliardäre. Das ist gemeint, wenn er immer und immer wieder brüllt: „¡Viva la libertad, carajo!“ Es geht um die Freiheit der Reichen, sich schamlos zu bereichern – auf Kosten der Kinder, der Rentner:innen, der Arbeitnehmer:innen.

Liebe Freundin, ich könnte über den skrupellosen und gefährlichen Irrsinn, den diese Regierung hierzulande anrichtet, noch viele weitere Seiten füllen. Es ist uferlos. Ich hoffe, dass Deine Landsleute am 21. Juni nicht den selben Fehler begehen wie die Argentinier:innen Ende 2023. Rechtsradikale Politiker haben neben scheinbar einfachen Lösungen für drängende Probleme nichts zu bieten außer: Hass, Spaltung der Bevölkerung, faschistoide Ausgrenzung von Minderheiten, Menschenverachtung.

Legen wir ihnen das Handwerk!

latin@rama empfiehlt hierzu:

Hi compas!

Your favourite Colombians are fundraising to get the Left elected again in Colombia.

On May 31, we lost round 1 of the presidential elections by 3 percentage points. We have until June 21 to mobilize aggressively and get Cepeda and Quilcué elected.

Transportation costs are a real challenge in the rural areas where the Left is strongest.

YOU can help the Left win by making sure rural voters get to the polls! 🚌🛶

It is our duty to win. Solidarity forever, with much love from Colombia!

Contribute here: tinyurl.com/Cepeda-Vote
View the full appeal: tinyurl.com/Cepeda-2026
Share IG call: tinyurl.com/IG-Cepeda

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