„Das Bolivien der Zukunft“ ist der anspruchsvolle Titel einer Ende 2025 veröffentlichten Aufsatzsammlung der Friedrich-Ebert-Stiftung. Darin geht es um Vorschläge für eine post-extraktivistische Wirtschaft. Die zentrale Frage: Wie können in Bolivien – nachhaltig, sozial und umweltverträglich – Einkommen und Arbeitsplätze geschaffen werden, ohne die Natur auszubeuten? Dass der neue Wirtschaftsminister José Gabriel Espinoza Yañez kein Unbekannter in der Stiftung ist, klingt bei den ersten Reformversprechen der neuen Regierung durch. Einige Vorschläge der Autorinnen und Autoren tauchen sogar im Regierungsprogramm auf. Nur im landwirtschaftlichen Sektor beschränkt sich das Regierungsinteresse erst einmal auf „Grüne“ Finanzierungsmechanismen, während gleichzeitig immer noch der herkömmliche Extraktivismus der Agroexportindustrie dominiert. Ähnliches gilt für den Energiesektor. Ohne Rücksicht auf die Natur geht es wohl vor allem darum, kurzfristig Einnahmen zu generieren, um die Wirtschaft zu stabilisieren.
Doch bevor in „Das Bolivien der Zukunft“ die Vorschläge entwickelt werden, legt Herausgeber Daniel Agramont-Lechin auf fast hundert Seiten eine keineswegs Mut machende Bestandsaufnahme vor: Das Wirtschaftsmodell der fast 20 Jahre regierenden „Bewegung zum Sozialismus“ (MAS) habe nur so lange Armut gemindert, wie hohe Rohstoffpreise auf dem Weltmarkt Staatseinnahmen generiert haben, mit denen Transferzahlungen und neue Infrastruktur finanziert werden konnten.
Der im internationalen Vergleich überdurchschnittlich hohe “Government Take“ habe jedoch Investitionen zur Entdeckung neuer Gasvorkommen verhindert. Währenddessen boomt die Goldgewinnung im illegalen Sektor vor allem auf Kosten der Natur und der menschlichen Gesundheit. Und sie generiert kaum Staatseinnahmen. Die angestrebte Diversifizierung der Wirtschaft sei nicht vorangekommen. Statt die Wirtschaftspolitik anzupassen, wurden die Devisenreserven aufgebraucht. Das Handels- und Haushaltsdefizit stieg ebenso wie die Inflation und Staatsverschuldung.

Grüne Finanzierungsinstrumente
Auch bei den ersten Lösungsvorschlägen, die ab Seite 100 mit Instrumenten „grüner“ Entwicklungsfinanzierung in Form von Ökofonds oder CO2-Kompensationsmechanismen beginnen, überwiegt die Skepsis von Santiago Penedo und Alicia Bustillos Ardaya: Trotz des hohen Umweltpotentials des Landes seien die institutionellen Voraussetzungen noch nicht gegeben, um solche Gelder in größerem Umfang in Anspruch nehmen zu können. Es fehlten Rechtssicherheit und Monitoring-Instrumente, um Ergebnisse zuverlässig zu dokumentieren. Die Beteiligungs- und Kontrollmechanismen vor Ort seien mangelhaft. Zumal Bolivien zu den Staaten mit der höchsten Entwaldungsquote weltweit gehört und wenig getan wurde, um die Artenvielfalt zu erhalten. Das Land sei spät dran bei diesen Finanzierungsmöglichkeiten.
Und die würden ohnehin nicht mehr lange Zeit zur Verfügung stehen. Es sei auch eine andere Einstellung nötig. Der Schutz der Wälder und die Rückgewinnung der Bodenfruchtbarkeit dürfe nicht nur als Konzession gegenüber externen Akteuren angesehen werden. Sondern man müsse ihn als Investition in eine neue Wirtschaft verstehen, in der das natürliche Kapital nicht ausgebeutet werde, sondern Aktivposten sei. Immerhin habe es im März 2025 eine erste zertifizierte „grüne“ Anleihe in Höhe von 14,8 Millionen US-Dollar für Solarprojekte in Santa Cruz und Potosí gegeben.

Möglichkeiten der Klimafinanzierung für die Energiewende sind auch das Thema von Marcelo Arroyo. Der Energiesektor stehe vor allem wegen Transport und Industrie derzeit noch an zweiter Stelle der Sektoren mit den höchsten CO2 Emissionen in Bolivien. Die Erzeugung von „grünem“ Wasserstoff hält Juan Pablo Calderón im folgenden Beitrag aufgrund der hohen Sonnenstrahlung vor allem im Altiplano für einen der erfolgversprechendsten Wege. Aber auch hier stehe Bolivien erst ganz am Anfang. Und wieder stellt sich die Frage nach den institutionellen und gesetzlichen Voraussetzungen für möglicherweise interessierte Unternehmen, die über die Technologie verfügen. Auch könne der Staat die nötigen Investitionen derzeit nicht selbst aufbringen.
5 Milliarden US-Dollar würden für ein geplantes privates Projekt in Oruro in der ersten Etappe kalkuliert. Die Rentabilität hänge bei diesen Summen nicht vom Inlandsmarkt, sondern vom Export ab. Der müsse die lokale Versorgung subventionieren. Das Projekt könne jedoch 5000 Arbeitsplätze schaffen. Allerdings müsse das Personal dafür erst noch geschult werden. Unter den Solar-Panelen könne mit einem Bewässerungssystem auch Gemüse, Blumen oder Safran produziert werden, was weitere Beschäftigungsmöglichkeiten erschließe.
Anfang Januar kündigte Energieminister Mauricio Medinaceli ein Energiegesetz und ein sogenanntes „Grünes Gesetz“ an, mit denen Solarstrom aber auch die Energiegewinnung über Biomasse gefördert werden soll. Letzteres ebenso wie bei der Treibstoffgewinnung ist wegen der dafür zusätzlich benötigten Agrarflächen umstritten. Auch die Förderung von „Grünem Wasserstoff“ ist geplant. Die will man mit internationalen Anleihen finanzieren.

Startups
Der Sammelband macht sich aber auch Gedanken um neue Arbeitsmöglichkeiten mit geringem Investitionsbedarf. So im Beitrag über Startups. Auch die benötigen, so Laura Zeraín und Antonio Riveros, allerdings einen Staat, der ein geeignetes Umfeld schafft. Initiativen insbesondere von jungen Leuten müssten finanziell gefördert und diese im besten Fall auch noch mit dem akademischen Sektor vernetzt werden. Chile, Peru, Kolumbien und Uruguay werden als erfolgreiche Beispiele genannt. In Bolivien gebe es zwar einzelne erfolgreiche Startups etwa im Logistik- oder Recyclingsektor und eine kostengünstige Prothesen-Werkstatt. Doch nötig sei eine zielgerichtete Politik zur Schaffung qualifizierter Arbeitsplätze. Interessant seien vor allem strategische Sektoren wie die Bioökonomie, nachhaltiger Tourismus, erneuerbare Energien oder „intelligente“ Landwirtschaft. Wichtig sei vor allem, die nachfolgenden Generationen mit digitalen Kompetenzen aber auch mit Softskills wie unternehmerischem Denken für die Arbeitswelt der Zukunft vorzubereiten.
Dabei hätten jüngste Untersuchungen ergeben, dass es schon bei den nötigen Lese- sowie Problemlösungsfähigkeiten bolivianischer Abiturient*innen erhebliche Mängel gibt. Eine Reform der Bildungseinrichtungen sei nötig. „Die Staaten, die eine Führungsposition in der Wissensökonomie einnehmen, haben diese nicht dadurch erreicht, dass sie darauf gewartet haben, dass der Markt die Herausforderung bewältigt, sondern die, die sich getraut haben, die Innovation auf kollektive Ziele auszurichten“, heißt es im Text in Bezugnahme auf die Wirtschaftswissenschaftlerin Mariana Mazzucato vom University College London.

Digitalisierung
Die weitere Digitalisierung des Staatsapparates war ein beliebtes Versprechen im Wahlkampf und wird von der Autorin Darinka Vásquez zusammen mit der Nutzung künstlicher Intelligenz als Schlüsselelement zur Senkung der Kosten, zu einer Verbesserung der Dienstleistungen und auch der Ankurbelung der Wirtschaft angesehen. Auch wenn in Bolivien bereits 92 Prozent der Bevölkerung über Mobiltelefone verbunden und viele sehr aktiv in den Netzwerken sind, sei das Land mit Blick auf die Netzgeschwindigkeit immer noch Schlusslicht und liege auch weit hinten bei der digitalen Alphabetisierung und digitaler Sicherheit. Ob die durch die neue Regierung angekündigte Öffnung des Internet-Marktes für US-amerikanische Satellitenanbieter wie Elon Musks Starlink angesichts der Preise tatsächlich eine Alternative für die Mehrheit der Bevölkerung sein kann, oder nur die Gewinnspannen des staatlichen ENTEL-Konzerns mindern mag, wird sich zeigen müssen.
Anschließend stellen Alex Ojeda und Valeria Peredo Möglichkeiten der Generierung von Einnahmen mit geringen Investitionssummen durch Software-Entwicklung vor. 2008 wurde in Cochabamba mit Jalasoft ein Unternehmen gegründet, das erstmals in dem Sektor in Bolivien auf den internationalen Markt ausgerichtet war. Hier finden Programmierer*innen eine geregelte Arbeit. Ihr Wettbewerbsvorteil: Sie verdienen nur ein Fünftel des vergleichbaren Einkommens in den USA. Aber das ist immer noch deutlich mehr als sonst im Land üblich. Die meisten kommen allerdings aus Privatschulen. Insgesamt hätten nur weniger als fünf Prozent der Abiturient*innen in Bolivien bei Tests die Mindestanforderungen in den „exakten“ Wissenschaften erreicht. Das niedrige Niveau setze sich an den Universitäten fort, weshalb Jalasoft den Neueinsteiger*innen zunächst ein Fortbildungsprogramm anbietet. Hinzu kommen Events zur Software-Entwicklung und einschlägige Fortbildungsveranstaltungen im Rahmen von Netzwerken. Solche Initiativen könnten vom Staat aufgegriffen oder gefördert werden, um das lokale Angebot für den internationalen Markt zu verbessern, heißt es. Tatsächlich hat die neue Regierung 10.000 Stipendien durch US-Konzerne des digitalen Sektors für bolivianische Jugendliche, sowie die Gründung zweier Technologie-Zentren in El Alto und Cochabamba angekündigt.

Müll zu Geld machen: Kreislaufwirtschaft
Nachhaltige wirtschaftliche Initiativen mit hohem Mehrwert verspricht das vierte Kapitel des Buches. Es beginnt mit einem Text von Diego Boulocq Saavedra über zirkuläres Wirtschaften, insbesondere Recycling. Es ist das Gegenteil des vorherrschenden Extraktivismus. Dies wird am Beispiel der Firma Mamut aus Cochabamba gezeigt, die mit dem Recycling von Reifen vor allem zur Herstellung von Bodenbelägen begonnen und 20 Prozent seiner Gewinne in Forschung investiert hat. Von der Regierung erwartet der Firmengründer, Prinzipien zirkulärer Wirtschaft bei Ausschreibungen und der Entwicklungsplanung zu berücksichtigen. Auch sollte sie sich per Gesetzgebung und Steuermechanismen mehr für Mülltrennung und Recycling einsetzen. Die immensen Mengen an Plastikmüll wollte Xavier Iturralde aus La Paz schon vor Jahren in Dieseltreibstoff umwandeln. Doch da er bei der Vorgängerregierung auf taube Ohren gestoßen sei, hat er seine erste Fabrik in Paraguay gebaut. Nun hofft der Ingenieur, der sich auch auf das Bürgermeisteramt von La Paz bewirbt, auf die neue Regierung. Die hat mit der Streichung der Treibstoffsubventionen zumindest schon einmal die Rentabilität des Vorhabens verbessert.

Kreativität als Wachstumsmotor?
Auch die Kreativwirtschaft habe Potential als Innovations- und Wachstumsmotor, erklärt Santiago Laserna Fernández im folgenden Beitrag. Er unterscheidet dabei den künstlerischen-kulturellen Sektor von Firmen, die neue Produkte oder Lösungen entwickeln. Dabei stechen in Bolivien Bereiche wie Design von Kleidung oder Möbeln, aber auch der – derzeit gleichwohl wenig innovative – Bildungssektor, Tourismus und die Gastronomie hervor. Letztere hat in der neuen Regierung erstmals ein eigenes Vizeministerium bekommen. Laserna zählt dazu sowohl Straßenstände als auch die wenigen Gourmet-Restaurants. Zur Kreativwirtschaft werden aber auch die traditionellen Heiler oder Weisen, Psychologie, Kommunikation, Kunst und Musik, Literatur, Architektur, Fotografie, Design, Forschung, Sport, Spielzeug Verkauf und Unterhaltungsindustrie oder Internetcafés gezählt. Mit einem Fünftel der Beschäftigten Boliviens ein nicht geringer Anteil, auch wenn Lasernas sehr weit gefasste Definition mit Vorsicht zu genießen ist. Der Frauenanteil sei bei Spielzeugproduktion, Tanz, Gastronomie und Mode am höchsten, bei Musik, Fotografie und Technologie, vor allem Computer-Dienstleistungen, am niedrigsten. Dass der Kreativsektor ein überdurchschnittliches Bildungs- und auch ein leicht überdurchschnittliches Einkommensniveau haben, leuchtet ein. Doch die breite Definition des Sektors erschwert Laserna, Schlussfolgerungen zu ziehen, wie von hier tatsächlich Wachstumsimpulse gegeben werden können.

Agroforst als Alternative zum Agrarextraktivismus
Im zehnten Kapitel umreißt Rubén Collao Chancen und Grenzen der Agroforstwirtschaft, vor allem in der Amazonas- und den subtropischen Regionen: Kaffee, Kakao, Paranuss, Asaí, Copoazú… (siehe auch diesen früheren Beitrag auf Latinorama). Der Exportwert der Paranuss habe sich seit der Jahrtausendwende vervierfacht, schreibt Collao. Über ein Zehntel würden dabei nach Deutschland, fast ein Drittel in die Niederlanden exportiert. Hinter der Menge der erwirtschafteten Devisen der Paranuss liegt der Exportwert des Kaffees. Von dem leben immerhin 17.000 Familien vor allem im Munizip Caranavi im Norden von La Paz. Doch anders als bei der Paranuss, ist beim Kaffee ein Rückgang des Exportvolumens zu verzeichnen, obwohl die Versorgungslage auf dem Weltmarkt knapper geworden ist. Collao führt das auf fehlende Konkurrenzfähigkeit zurück.

7500 Familien leben wiederum vom Kakao. Die Region Altobeni ist dabei durch ihre agroökologische Produktion, die mit der Schokoladenproduktion der El Ceibo-Kooperative verbunden ist, besonders erfolgreich. Zu dem Erfolg haben in den letzten Jahren auch starke Preissteigerungen am Weltmarkt beigetragen.
Mit seinem Fokus auf tropische Exportprodukte kommt bei Collao jedoch das große Potential von Agroforst in den Berg- und Täler-Regionen Boliviens zu kurz. Agroforst ist dort nicht nur ein Weg, die Fruchtbarkeit von durch den Klimawandel degradierten Böden zurückzugewinnen. Es ist auch eine Option einer rentablen Produktion gesunder Nahrungsmittel für den Inlandsmarkt.

Eine Voraussetzung dafür, dass die Agroforstwirtschaft an Bedeutung gewinnt, wäre neben gezielter technischer und organisatorischer Unterstützung jedoch, der fortschreitenden Waldzerstörung sei es durch Goldminen oder extraktivistische Agro-Exportindustrie Einhalt zu gebieten. Doch dass steht derzeit nicht auf der Prioritätenliste der neuen Regierung. Das vor Weihnachten verabschiedete Wirtschaftspaket, gegen das die Zentralgewerkschaft derzeit protestiert, brachte viele Belastungen für die Mittel- und Unterschichten. Der Agroindustrie dagegen erfüllte es fast alle ihre Wünsche.
Nachhaltiger Tourismus
Das ist anders beim nachhaltigen Tourismus, für den Andrés Aramayo und Ana Lucía Vidaurre Valdivia im elften Kapitel eine Zukunftsvision entwerfen. Er benötige vergleichsweise geringe Investitionen, habe vergleichsweise geringe Umweltkosten und erziele einen hohen Beschäftigungseffekt. Zwar sind die Zahlen seit den 1990er Jahren mit Ausnahme des Rückgangs während der COVID-Pandemie jährlich um die 10 Prozent angestiegen, doch geringer als in Chile, Perú oder Kolumbien. Bolivien biete weniger Kriminalität und niedrigere Kosten, habe jedoch eine schlechtere Infrastruktur, geringere Rechtssicherheit und mehr Umweltprobleme als andere Länder der Region. Hinzu kommt das Risiko häufiger Straßenblockaden.

Foto: Veronika Kern
Öko- und Abenteuer-Tourismus hätten in Bolivien ebenso Potential wie die Gastronomie. Das könne durch staatliche Politik, Verbesserung des Internets, finanzielle Fördermaßnahmen, Identifizierung von Nischen besser genutzt werden. Hilfreich wäre auch eine stärkere Berücksichtigung in der Wirtschafts- und Naturparkplanung sowie zentrale Angebote und Werbemaßnahmen für eine „Marke Bolivien“. Die jüngste Streichung der Visumspflicht für Besucher*innen unter anderem aus den USA und Israel dürften ein erster Beitrag der neuen Regierung sein. Die Autorin und der Autor empfehlen dabei jedoch, nicht auf Massen-, sondern auf hochpreisigen Qualitätstourismus zu setzen. Doch auch hier priorisiert die neue Regierung im Zweifelsfall extraktivistische Aktivitäten, so wie jüngst die Erkundungen des brasilianischen PETROBRAS-Konzerns an Wasserquellen im Naturschutzgebiet Tariquia im Süden des Landes, in dem ansonsten sogar Fischen, Jagen und das Fällen von Bäumen verboten sind.

Noch als Bürgermeister von Tarija hatte Rodrigo Paz jegliche extraktive Tätigkeit definitiv ausgeschlossen. Jetzt als Präsident lässt er protestierende Umweltschützer, die die Zufahrt versperren, von der Polizei wegräumen. Es ginge nur um den Zugang zu einem anderen Gasfeld, es seien keine Gasfelder in Tariquia selbst geplant, so Paz. Das wiederum wird von Umweltschützer*innen wie Miguel Miranda vom Zentrum zur Dokumentation und Information Boliviens CEDIB bestritten. Nicht nur seien Gasfelder geplant, es gebe bereits Bohrungen im Kerngebiet von Tariquia.
Elektromobilität
Schon vor der Streichung der Subventionen für Diesel und Benzin sah Carlos Soruco Deiters im letzten Beitrag des von der Friedrich Ebert Stiftung herausgegebenen Buches ein hohes Potential für die Elektrifizierung des Verkehrs. Dies auch angesichts der Lithiumreserven Boliviens und einem Überschuss bei der Stromproduktion. Zudem gibt es mit Quantum Motors in Cochabamba bereits eine Produktionsstätte für Elektroautos, Kleintransporter und Motorroller. Die sind immer häufiger auf den Straßen Boliviens zu sehen. Weitere Firmen könnten zum Beispiel in Form öffentlicher-privater Kooperationen folgen, argumentiert Soruco. Allerdings haben schon die früheren Regierungen bislang vergeblich versucht, das Recht zur Ausbeutung der Lithium-Vorkommen an die Verpflichtung zu knüpfen, Batterien in Bolivien selbst zu produzieren, geschweige denn Fahrzeuge.
Gleichwohl gibt es auch hier die Notwendigkeit einer übergreifenden staatlichen Politik der Elektrifizierung, einschließlich des Ausbaus der Elektro-Tanksäulen. Soruco schlägt einen verpflichtenden Mindestanteil von Elektrofahrzeugen vor allem im öffentlichen Verkehr vor. Doch der ist in Bolivien bislang weitgehend privatwirtschaftlich organisiert, was die Durchsetzung der Vorgaben erschwert.

Die von Soruco vorgeschlagene Senkung von Zöllen für Elemente, die im Land nicht produziert werden, hat die Regierung bereits angeordnet. Hilfreich wären auch Anreize wie der erleichterte Zugang von Elektrofahrzeugen für die Innenstädte, so Soruco. Mit Investitionen in Höhe von 500 Millionen US Dollar könnten innerhalb von fünf Jahren 12.500 neue Arbeitsplätze geschaffen werden, ist Soruco überzeugt. Ein Teil der Gelder müsse dabei in die Ausbildung von Fachkräften im Bereich der Elektromobilität gehen, am besten mindestens die Hälfte Frauen. Die Investitionssummen könnten aus Grünen oder Klimafonds, bzw. Klima Krediten mit niedrigen Zinsen kommen. Die bundesdeutsche Kreditanstalt für Wiederaufbau hatte ein solches Vorhaben schon unter der Vorgängerregierung mit der Stadtverwaltung von Sucre geplant. Und die Elektrifizierung des Fahrzeugparks ist nun auch Teil der Strategie der neuen Regierung. Auch wenn, wie Energieminister Medinaceli betont, die Umsetzung möglicherweise noch Zeit braucht, weil die wirtschaftliche Stabilisierung derzeit im Vordergrund stehe. Das „Bolivien der Zukunft“ soll zumindest hier anscheinend noch warten.
Daniel Agramont-Lechín (Koordination), „La Bolivia del futuro. Innovación y diversificación post-extractivista“, Friedrich-Ebert-Stiftung, La Paz 2025.
Der spanischsprachige Sammelband kann unter diesem Link kostenlos heruntergeladen werden.

Die Menschen in Bolivien stacken fleißig Sats für Ihre Zukunft und die Broschüre erwähnt Bitcoin nicht mal.
Es sei ihnen gegönnt.
Geben wir ihnen den Vorsprung vor Europa.