vonPeter Strack 25.11.2021

Latin@rama

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Die indigenen Völker gelten gemeinhin als die wichtigsten Schützer der verbleibenden Urwälder. Dies  ist ein wichtiger Bestandteil aller Bemühungen, der Klimakatastrophe zu begegnen. Um diese Funktion besser erfüllen zu können, bräuchten sie jedoch Finanzierung, argumentiert Tomás Candia, Präsident des autonomen Verbandes der indigenen Tieflandvölker Boliviens (CIDOB autónoma). Diese habe man jüngst auf der jüngsten Klimawandel-Konferenz COP26 in Glasgow zugesagt bekommen. Auch die bolivianische Regierung forderte dort mehr Zahlungen der reichen Länder. Geld allein bringt jedoch keinen Wandel. Dass die Interessen der Regierungen bei all dem nicht deckungsgleich mit denen der indigenen Organisationen sein müssen, zeigt das folgende Interview mit dem Chiquitano Candia, der selbst in Glasgow war. Wir haben ihn nach den Konferenzergebnissen gefragt.

Tomás Candia in einem Sitzungssaal am Rande der COP26, Foto: Privat

Candia: Wir gehen erst einmal davon aus, dass nun getan wird, was in Glasgow beschlossen wurde. Und es war wichtig, als Teil der Delegation der COICA, der Koordination der indigenen Organisationen des Amazonasgebietes, für Bolivien in Glasgow zu sein. So konnten wir unsere Forderungen und Vorschläge zum Schutz der Natur vorstellen. Neun Mitgliedsorganisationen der COICA waren vertreten. So haben wir uns unter anderem mit einem französischen Ministeriumsvertreter aber auch der Interamerikanischen Entwicklungsbank getroffen.

Wir wünschen uns, dass die Unterstützung zur Erhaltung der Regenwälder direkt an die indigenen Organisationen geht und nicht über die jeweiligen Regierungen unserer Länder vermittelt wird. Denn so viele Jahre haben sie die Regierungen finanziert und kein Cent ist bei den indigenen Völkern angekommen. Dabei sind sie die eigentlichen Beschützer von Natur und Umwelt. Sie benötigen Mittel, um in den Schutzgebieten der Amazonasregion präsent zu sein. Es ist deshalb nötig, dass wir selbst in engeren Austausch mit den Geberländern und Organisationen treten.

Die Glasgow-Vereinbarungen betonen die Beteiligung zivilgesellschaftlicher Gruppen, namentlich der Kinder und Jugendlichen, Frauen und indigenen Gemeinden. Die USA, Großbritannien, Niederlande, Norwegen und Deutschland haben eine solche direkte Finanzierung auch zugesagt. Es ist jedoch politisch brisant, wenn ausländische Regierungen oder multilaterale Geber die nationale Regierung außen vor lassen. Zumal die bolivianische besonders bemüht ist, die finanziellen Ressourcen entlang ihrer eigenen Leitlinien zu kanalisieren. Durch das NRO-Gesetz, dessen Prüfung der Konformität mit dem Recht auf Organisationsfreiheit seit vielen Jahren beim Interamerikanischen Menschenrechtsgerichtshof anhängig ist. Oder jüngst durch das Gesetz 342, der Fünfjahresplan zur wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung Boliviens. Gegen dessen Bestimmungen gab es heftigen Protest von Regionalregierungen, Universitäten und Opposition. Sie würden die in der Verfassung angelegte Dezentralisierung aushöhlen.

Candia: Einige wie die Interamerikanische Entwicklungsbank haben uns in den Gesprächen bereits eine direkte Förderung angekündigt. In jedem Land soll eine Fachperson finanziert werden, um mit den indigenen Organisationen Projektvorschläge zum Schutz der Natur auszuarbeiten. Hinzu kommen finanzielle Verpflichtungen zur Organisationsstärkung und der Erstellung einer Bestandsaufnahme der Bedürfnisse der Gemeinden. Auch beim von China gegründeten Grünen Fond zur Erhaltung der Biodiversität erwarten wir direkte Zahlungen ohne Vermittlung der nationalen Regierungen. Das ist ein Fortschritt. Wenn wir nicht nach Glasgow gefahren wären, würden wir vielleicht heute noch auf einen Gesprächstermin warten.

Gespräche in den Hallen, Foto: privat

Sie waren der einzige Vertreter der bolivianischen indigenen Gemeinden? Der Tacana Adolfo Chávez wurde am Flughafen von Santa Cruz vorläufig festgenommen, so dass er nicht reisen konnte.

Candia: Der Bruder Chávez sollte als Sekretär für internationale Beziehung des Dachverbandes COICA reisen, nicht als Vertreter Boliviens. Sie haben ein altes Ausreiseverbot wegen eines Prozesses gegen ihn neu aktiviert.

Die bolivianische Regierung hatte mit ihrer eigenen Delegation in Glasgow unabhängig von uns Treffen. Aber unsere Aufgabe ist es nicht, unserer Regierung zu applaudieren. Wir verfolgen unsere Agenda und wollten deutlich machen, wie wichtig eine direkte Zusammenarbeit mit den indigenen Organisationen ist.

Plakat der COICA von Glasgow

Aus der Sicht des Umweltschutzes ist es vielleicht besser, wenn sie als einziger Vertreter der autonomen indigenen Organisationen Boliviens nach Glasgow gereist sind. Aber mit mehr Personen wäre auf einer solchen Großkonferenz vielleicht auch mehr zu erreichen gewesen?

Candia: Die COICA hat nicht die Mittel, um mehr Personen zu finanzieren. In Bolivien hat die Regierungspartei zudem Organisationen, die uns früher unterstützt hatten, außer Landes geschickt. In Ecuador oder Brasilien konnten sie bleiben. Deshalb sind ihre Delegationen vermutlich auch größer und ihre Forderungen sichtbarer.

Hinzu kommt die Spaltung der indigenen Organisationen in Bolivien. Jüngst sind wir 600 Kilometer marschiert, um den Schutz unserer Territorien im Tiefland gegen illegale Landnahmen einzufordern (siehe den früheren Beitrag „Mit der Geduld am Ende“ auf latinorama). Für die Regierung scheint es jedoch Indígenas erster und zweiter Klasse zu geben. Dabei müssten sie eigentlich für alle regieren und auch die Alten und Jungen anhören, die hier im Tiefland marschiert sind. Aber dafür hat der politische Wille gefehlt.

Am 24.11. hat es laut Zeitungsberichten ein Treffen mit dem Vizeminister für innere Sicherheit gegeben. Bei dem wurde vereinbart, dass die Marschierer aus der Chiquitanía, die wie die anderen Gruppen auch seit über acht Wochen in Santa Cruz ausharren, nach Hause zurückkehren. Dafür habe sich die Regierung verpflichtet, Arbeitsgruppen einzurichten, um die Sicherung der indigenen Territorien in Angriff zu nehmen (zu den Hintergründen der Landproblematik siehe dieses frühere Interview zu Boliviens interner Kolonisierung auf Latinorama).

Candia: Dies sind keine Indígenas, die ihre kollektiven Territorien sichern wollen. Es sind Kleinbauernfamilien, denen es um individuelle Besitztitel geht. Die übrigen haben bislang nichts vereinbart.

Kurz vor der Klimakonferenz in Glasgow hat eine bewaffnete Gruppe von 70 Maskierten auf den Ländereien von Las Londras innerhalb der Forstreserve von Guarayos eine Gruppe von Journalist*innen und begleitende Polizei bei einem Ortstermin angegriffen und mehrere Stunden lang zur Geisel genommen und bedroht. Inzwischen laufen sogar Strafverfahren. Zwischenzeitlich gab es Verhandlungen mit der bewaffneten Gruppe. Trotzdem hat es jüngst bei der Festnahme des vermutlichen Anführers der Aktion erneut bewaffneten Widerstand seiner Gefolgsleute gegeben. Es gibt auch Ermittlungen gegen den regionalen Direktor des Agrarreforminstituts, der mit den illegalen Siedlern von Las Londras kooperiert haben soll. Sind das Anzeichen, dass der Staat nun bereit ist, gegen die Landmafia vorzugehen?

Candia: Das Verfahren gegen den regionalen Direktor des Agrarreforminstituts ist eine Nebelkerze. Das Institut weigert sich bis heute, zu den Sitzungen des departamentalen Agrarkomitees zu kommen, das zuständig ist für die Definition der Bodenpolitik. Die Regierung sieht sich in der Schuld ihrer Unterstützer*innen aus Oruro, Potosí oder Cochabamba. Als wir nach Santa Cruz marschiert sind, wurden wir und die Polizei auch angegriffen. Und nichts ist passiert. Aber kaum hatten wir in Roboré illegale Siedler aus dem Naturschutzgebiet herausgeholt, gab es eine Anzeige: Gegen uns. Wenn sie Land sichern, dann für ihre eigenen Anhänger.

In Bolivien werden dagegen diejenigen verfolgt, die die Landbesetzungen, die Übergriffe der Regierung oder die Landnahme für Agroindustrie oder für den Bau von Staudämmen bekannt machen. Deshalb bleibt uns derzeit nichts anderes, als uns auf unser Selbstbestimmungsrecht zu besinnen. Zusammen mit unseren Altvorderen werden wir in unserem eigenen Indigenen Parlament in den nächsten Tagen Beschlüsse fassen, die uns helfen, unsere Territorien zu verteidigen.

 

Präsident Luis Arce Catacora bei seiner Rede in Glasgow, Foto: LuchoxBolivia

Kritik am grünen Kapitalismus: Zur Position der bolivianischen Regierung

Anders als früher üblich hat die bolivianische Regierung bislang keine der Vereinbarungen von Glasgow unterzeichnet. Weder zu Ernährung und Klima noch zu Wäldern oder zur Begrenzung der Methanemissionen. Alles sind Problemfelder in Bolivien.

Man habe nicht unterschrieben, weil nicht gleichzeitig Finanzmittel zur Verfügung gestellt worden seien, begründete der Leiter der offiziellen bolivianischen Delegation, Diego Pacheco, in einem Interview mit der BBC diese Entscheidung. Und weil der Fokus im Diskurs nicht auf den Regenwäldern als Lebensgrundlage für die Bevölkerung läge, sondern als Kompensationsinstrument für CO2 Emissionen.

Dass Bolivien im Jahr 2019 an zehnter Stelle der Staaten lag, die in Bezug auf die Fläche am meisten Urwald verlieren, erklärte er mit der Notwendigkeit, auch das Auskommen der Bewohnerinnen und Bewohner sichern zu müssen.
Der bolivianische Präsident Luis Arce sprach in seiner Rede auf der Konferenz von einem neuen Kohlenstoffkolonialismus. In dem wolle wieder einmal der Norden die Regeln vorgeben.Stattdessen müssten die historischen Beiträge zur Kohlenstoffemission die Grundlage sein für eine gleichberechtigte Verteilung der Nutzungsansprüche. Anderseits betonte er auch, dass jetzt bald Lösungen gefunden werden müssten und er auf neue Finanzierungszusagen hoffe. Das „Gute Leben“ sei die Alternative zum grünen Kapitalismus.

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