Von Diana Constanza Castillo Mürrle
Als Kind wusste ich, dass Deutschland etwas mit mir zu tun hatte. Aber ich wusste nicht genau, was. In der Schule sollten wir den Namen unserer Mutter aufschreiben. Für meine Mitschülerinnen und Mitschüler war das eine einfache Aufgabe. Ich wusste jedoch nicht, wie ich den Namen meiner Mutter schreiben sollte. Sie hieß Irmgard. Die Lehrerin, die sie kannte, sagte zu mir:
— Schreib einfach Irma. Das ist leichter.
Damals verstand ich nicht, warum es in meiner Familie so viele andere Namen gab. Ich verstand auch nicht, warum alle meine Großmutter Muty, also Mutti, nannten oder warum meine Mutter zu meinem Großvater Vati sagte, obwohl ihn alle Don Juan nannten und er eigentlich Hans hieß.

Auch unser Weihnachtsfest war anders. Während die meisten meiner Mitschülerinnen und Mitschüler kolumbianische Weihnachtslieder sangen, schmückten wir einen Weihnachtsbaum und sangen O Tannenbaum. Wir aßen Bremer Klaben, ein traditionelles Bremer Weihnachtsgebäck, das wir in einem Geschäft namens Metropol kauften. Zu Ostern nahmen wir bemalte Eier mit in die Schule und weckten damit die Neugier der anderen Kinder.
Wir waren eine etwas andere Familie

Ich hatte eine ganz besondere Beziehung zu meinem Großvater. Als ich ein Kind war, nahm er mich mit in die Vereinigten Staaten, um einen seiner Söhne, meinen Onkel Alfred Mürrle, zu besuchen. Dort lernten wir seine ganze Familie kennen, die ebenfalls den Nachnamen Mürrle trug. Seine Kinder hießen Mürrle, wir dagegen Castillo.
Auch unser Nachname machte uns anders. In Kolumbien konnte fast niemand Mürrle richtig schreiben, und merkwürdigerweise passiert das bis heute auch in Deutschland häufig. Viele Jahre lang verzichtete ich darauf, meinen zweiten Nachnamen zu verwenden, um mir die ständigen Erklärungen zu ersparen, obwohl es in Kolumbien üblich ist, beide Familiennamen zu tragen.
Erst mit der Zeit begriff ich, dass diese kleinen Besonderheiten meiner Kindheit Spuren einer Geschichte waren, die lange vor meiner Geburt begonnen hatte. Einer Geschichte, die Bremen und Kolumbien miteinander verband, zwei Weltkriege durchquerte und von Migration, Verlusten, Schweigen und schließlich von Identität erzählte.
Die Auswanderung aus Bremen
Viele Jahre später erzählte mir meine Mutter, dass ihr Vater, Hans Mürrle Klemm, im Jahr 1920 nach Kolumbien ausgewandert war. Diese Entscheidung war von den Umständen jener Zeit geprägt. Bremen hatte gerade den Ersten Weltkrieg hinter sich und befand sich in einer tiefen wirtschaftlichen und sozialen Krise. Armut, Arbeitslosigkeit, Inflation und die Unsicherheit über die Zukunft veranlassten Tausende Deutsche dazu, in anderen Teilen der Welt nach neuen Möglichkeiten zu suchen. Mein Großvater war einer von ihnen.
Einer seiner Brüder hatte eine Anstellung auf einer Zuckerrohrplantage in der Nähe von Cali gefunden und entschied sich, gemeinsam mit Hans und einem weiteren Bruder nach Kolumbien auszuwandern. Die einzige Schwester der Familie blieb in Bremen. Die drei Brüder überquerten den Atlantik mit dem Schiff, passierten den Panamakanal und gingen in Buenaventura an Land. Da es damals noch keine Straße gab, die den Hafen mit dem Landesinneren verband, setzten sie ihre Reise auf Maultieren bis nach Santander de Quilichao fort, wo sich die Zuckerrohrplantage befand.

Leben in Cali
Im Laufe der Jahre bauten sich die drei Brüder fernab der norddeutschen Heimat und der weißen Weihnachtsfeste ein neues Leben in den Tropen auf. Auch mein Opa entschied sich, in Kolumbien zu bleiben. Dort lernte er meine Großmutter Licenia Grueso kennen, mit der er eine Familie gründete. Einer seiner Brüder heiratete ebenfalls eine Kolumbianerin, während der andere unverheiratet blieb. So entstanden die kolumbianischen Wurzeln der Familie Mürrle.
Mein Großvater, der bereits als Fünfzehnjähriger nach Kolumbien gekommen war, fand nach und nach seinen Platz in seiner neuen Heimat. Zunächst arbeitete er als Vertreter für Bayer und eröffnete später in Pasto ein Geschäft für landwirtschaftliche Produkte. Kolumbien wurde zu seinem Zuhause. Dort wurden seine Kinder geboren, dort baute er sich ein neues Leben auf und lebte viele Jahre ohne größere Schwierigkeiten.
Er liebte den Fußball. Sein Herz schlug zwar für deutsche Mannschaften, doch auch América de Cali hatte einen festen Platz in seinem Herzen. Oft ging er mit meiner Mutter ins Stadion, um die Spiele zu sehen.
Der Zweite Weltkrieg erreicht Kolumbien
Als meine Mutter etwa vierzehn Jahre alt war, veränderte der Zweite Weltkrieg das Schicksal unserer Familie, die sich inzwischen in Cali ein neues Leben aufgebaut hatte.
Bis dahin war Deutschland für sie vor allem das Land ihres Vaters, die Sprache, die zu Hause gesprochen wurde, und einige familiäre Traditionen. Doch der Krieg änderte das grundlegend.
Nachdem Kolumbien die diplomatischen Beziehungen zu Deutschland abgebrochen und den Krieg erklärt hatte, erließ die kolumbianische Regierung 1943 das Dekret Nr. 2643, das Überwachungsmaßnahmen und die Internierung von Staatsangehörigen der als feindlich eingestuften Länder erlaubte. In diesem Zusammenhang und unter dem Einfluss der von den Vereinigten Staaten geförderten „Black Lists“ (Schwarzen Listen) wurden zahlreiche in Kolumbien lebende Deutsche ihrer Freiheit beraubt.
Mein Großvater war einer von ihnen. Gemeinsam mit ihm wurde auch sein ältester Sohn, mein Onkel Alfred, inhaftiert. Zunächst wurden beide in einem Internierungszetrum in Cachipay festgehalten. Später brachte man sie in das Hotel Sabaneta in Fusagasugá, das der kolumbianische Staat in ein Lager für deutsche Staatsangehörige umgewandelt hatte. Ihr einziges „Vergehen“ bestand darin, die deutsche Staatsangehörigkeit zu besitzen.
Die Internierung meines Großvaters und meines Onkels veränderte das Leben unserer Familie grundlegend. Meine Großmutter, die sich bis dahin ausschließlich um den Haushalt gekümmert hatte, musste sich plötzlich allein um ihre drei Kinder kümmern: meine Mutter, meinen Onkel Alfred und meinen jüngsten Onkel Hans, der als kleines Kind ein Auge verloren hatte. Gleichzeitig musste sie einen Weg finden, die Familie finanziell zu versorgen.
Hinzu kam die Angst, als Deutsche erkannt zu werden. Meine Großmutter hatte das Gefühl, beobachtet und belauscht zu werden. Dieses Misstrauen und diese Unsicherheit prägten den Alltag der Familie.
Meine Mutter musste ihre Schulausbildung abbrechen – eine der größten Enttäuschungen ihres Lebens – und begann schon in jungen Jahren zu arbeiten, um zum Lebensunterhalt der Familie beizutragen. Später fand sie eine Anstellung in einem Reisebüro. Um meinen Großvater und ihren Bruder besuchen zu können, zog die Familie nach Bogotá.

Erst viele Jahre später begriff ich, wie tief diese Erfahrungen meine Mutter geprägt hatten. In meiner Kindheit wurde kaum über Deutschland gesprochen.
Meine Mutter und Deutschland
1957 heirateten meine Eltern, Irmgard Mürrle und Luis Ernesto Castillo. Mein Vater wollte, dass meine Geschwister und ich die Deutsche Schule besuchten. Meine Mutter lehnte das jedoch entschieden ab. Viele Jahre lang glaubte ich, Deutschland interessiere sie einfach nicht. Erst später verstand ich, dass ihre Ablehnung aus einer viel tieferen Wunde entstanden war. Nach der Internierung ihres Vaters und ihres Bruders war Deutschland für sie untrennbar mit Angst, Verlust und einem Lebensabschnitt verbunden, an den sie sich nicht erinnern wollte.

Deshalb besuchte ich eine von einem Schweizer gegründete Schule und studierte später Pädagogik in der französischsprachigen Schweiz.
Ausgerechnet dort wurde mir bewusst, dass Diskriminierung und Grenzen viele Formen annehmen können. Als meine älteste Tochter geboren wurde, wollten die Schweizer Behörden sie des Landes verweisen. Da ich lediglich eine Aufenthaltsbewilligung als Studentin besaß, hatte ich keinen Anspruch auf Familiennachzug. Ich erinnere mich noch genau an meine Reaktion:
— Wie kann das sein? Meine Tochter ist doch hier geboren.
Ich musste vor Gericht ziehen, damit sie bei mir bleiben konnte. Ich gewann den Prozess.
Doch an dem Tag, an dem ich mein Studium abschloss, stand die Polizei vor meiner Tür. Man teilte mir mit, dass meine Aufenthaltsbewilligung abgelaufen sei und ich die Schweiz gemeinsam mit meiner Tochter verlassen müsste. Obwohl ich bereits ein Stellenangebot einer internationalen Gewerkschaftsorganisation hatte, entschied ich mich, nach Kolumbien zurückzukehren.
Meine Tochter war damals erst vier Jahre alt und stand kurz davor, eingeschult zu werden. Ich wollte nicht, dass sie sich in dem Land, in dem sie geboren worden war, als Ausländerin fühlte. Diese Erfahrung bestärkte eine Überzeugung, die mich bis heute begleitet: Rechte sollten niemals allein davon abhängen, wo ein Mensch geboren wurde oder welchen Pass er besitzt.
Ein Reisepass für meine Mutter
1998 begann ich für die Kinderrechtsorganisation terre des hommes Deutschland in Kolumbien zu arbeiten. Einige Jahre später reiste ich regelmäßig beruflich nach Deutschland. Während eines dieser Aufenthalte fragte ich den deutschen Konsul, ob meine Mutter Anspruch auf einen deutschen Reisepass habe. Seine Antwort war eindeutig: Sie habe keinen Anspruch, weil sie niemals als deutsche Staatsangehörige registriert worden sei.
Diese Erklärung ließ mich jedoch nicht los. Ich begann, die Geschichte meiner Familie zu recherchieren, und stellte fest, dass meine Mutter sehr wohl Anspruch auf die Anerkennung ihrer deutschen Staatsangehörigkeit hatte.

Sie selbst wollte das Verfahren nie einleiten. Für sie war Deutschland das Land ihres Vaters, aber zugleich auch das Land, dessen Krieg das Leben unserer Familie für immer verändert hatte.
Ich ließ dennoch nicht locker. Es ging mir nicht nur um einen Reisepass. Ich hatte das Gefühl, meiner Mutter damit einen Teil ihrer Geschichte zurückgeben zu können. Das Verfahren dauerte fast zwei Jahre.
Trotz zweier Weltkriege und der vielen vergangenen Jahrzehnte fanden die Behörden in Bremen die Geburtsurkunde meines Großvaters Hans ohne Schwierigkeiten. Das beeindruckte mich sehr. Während des gesamten Verfahrens wurden wir außerdem vom Deutschen Konsulat in Bogotá unterstützt.
Als der Reisepass schließlich eintraf, gab ich ihn meiner Mutter und sagte: „Mach damit, was du möchtest. Bewahre ihn auf, zerreiße ihn, verbrenne ihn oder benutze ihn. Es ist allein deine Entscheidung.“
Ich habe nie versucht, sie davon zu überzeugen, sich als Deutsche zu fühlen. Nach allem, was sie erlebt hatte, konnte nur sie selbst entscheiden, welchen Platz Deutschland in ihrem Leben einnehmen sollte. Zunächst blieb der Reisepass unbenutzt. Doch eines Tages entschied sie sich, ihn zu verwenden. Ohne es zu ahnen, begann damit ihre Versöhnung mit einem Teil ihrer eigenen Geschichte.
Die Reise, die einen Kreis schloss
Inzwischen lebte ich bereits mit meinem deutschen Ehemann und unseren beiden Töchtern in Deutschland. Wir trafen uns in Bonn, unserem damaligen Wohnort, und unternahmen von dort aus eine Reise durch verschiedene Regionen Deutschlands. Eines unserer Ziele war Bremen, die Geburtsstadt meines Großvaters. Es war eine Reise zu unserer eigenen Geschichte.
Wir suchten den Ort, an dem einst das Haus meiner Urgroßeltern gestanden hatte. Das Gebäude existierte längst nicht mehr, doch die Nachbarhäuser standen noch. Wir gingen durch die Straßen und versuchten uns vorzustellen, wie das Leben der Familie ausgesehen haben musste, bevor mein Großvater nach Kolumbien auswanderte.
Während unseres Spaziergangs begann meine Mutter, Geschichten zu erzählen, von denen wir nie zuvor gehört hatten. Plötzlich sagte sie einen Satz, der mich tief bewegte:
„Wir schickten Kaffee aus Kolumbien nach Bremen. Mit dem Erlös halfen wir, das Dach des Familienhauses zu finanzieren.“
Dieser Satz veränderte meinen Blick auf die Geschichte meiner eigenen Familie. Bis dahin hatte ich die Migration als eine Bewegung von Deutschland nach Kolumbien verstanden. Nie hatte ich darüber nachgedacht, dass dieselbe Familie Jahre später von Kolumbien aus dazu beitrug, das Leben der Angehörigen in Bremen wieder aufzubauen. Mir wurde bewusst, dass Migration niemals eine Einbahnstraße ist.

Menschen nehmen Erinnerungen, Bindungen und Verantwortung mit. Auch wenn sie auf der anderen Seite des Ozeans leben, bleiben sie Teil der Familiengeschichte und des Lebens derjenigen, die zurückgeblieben sind.
Neugier statt Schmerz
Mit der Zeit verstand ich noch etwas anderes: Die Erholung Deutschlands nach den beiden Weltkriegen war auch deshalb möglich, weil Millionen Deutsche in anderen Ländern Zuflucht, Arbeit und neue Perspektiven fanden. Diese Länder nahmen nicht nur Menschen auf. Sie ermöglichten ihnen, sich ein neues Leben aufzubauen, ihre Familien zu unterstützen und die Verbindung zu ihrer Heimat aufrechtzuerhalten. Heute bereichern die Nachkommen dieser Auswanderinnen und Auswanderer mit ihren Erfahrungen, ihren Sprachen und ihren unterschiedlichen kulturellen Prägungen auch die deutsche Gesellschaft.
Auch für meine Mutter veränderte diese Reise den Blick auf Deutschland. Zum ersten Mal sah ich sie durch die Stadt ihres Vaters gehen – nicht mehr mit Angst oder Schmerz, sondern mit Neugier und Zuneigung. Deutschland war für sie nicht länger nur das Land, das sie mit der Internierung ihres Vaters und ihres Bruders verband. Es wurde wieder zu dem Ort, an dem die Geschichte unserer Familie begonnen hatte.
Ich denke, diese Reise schloss einen Kreis. Sie löschte die Vergangenheit nicht aus. Aber sie machte es möglich, sie mit anderen Augen zu betrachten. Und ohne dass wir es damals ahnten, bereitete sie auch mich darauf vor, meine eigene Geschichte besser zu verstehen.

Als ich erkannte, dass diese Geschichte auch meine war
Bis dahin hatte ich immer geglaubt, dies sei die Geschichte meiner Mutter und meines Großvaters. Die Auswanderung aus Bremen, die Internierung während des Krieges, das Schweigen, das meine Kindheit begleitet hatte, und die Versöhnung meiner Mutter mit Deutschland – all das gehörte für mich zur Geschichte meiner Familie.
Nie hätte ich gedacht, dass es auch ein Teil meiner eigenen Geschichte war. Im Laufe der Jahre begann ich, mich mit dem deutschen Staatsangehörigkeitsrecht zu beschäftigen. Ich wollte verstehen, warum meine Mutter ihre deutsche Staatsangehörigkeit hatte anerkennen lassen können und welche Bedeutung dies für unsere Familie hatte.
Bei einem Besuch meiner Mutter im Deutschen Konsulat in Bogotá fragte eine freundliche Konsularbeamtin meinen Bruder, warum er eigentlich keinen deutschen Reisepass habe. Wir wussten zu diesem Zeitpunkt nichts von der neuen gesetzlichen Regelung. Erst danach erfuhren wir vom § 5 des Staatsangehörigkeitsgesetzes (StAG), der im August 2021 in Kraft getreten war. Mit dieser Bestimmung schuf Deutschland einen Rechtsanspruch, um verschiedene historische Ungerechtigkeiten des früheren Staatsangehörigkeitsrechts zu korrigieren. Dazu gehörte auch die Benachteiligung deutscher Mütter, die ihre Staatsangehörigkeit über Jahrzehnte hinweg nicht in gleicher Weise wie deutsche Väter an ihre Kinder weitergeben konnten.
Meine Mutter gehörte zu dieser Generation von Frauen. Ich war eines ihrer Kinder. In diesem Moment wurde mir bewusst, dass mein Ausschluss von der deutschen Staatsangehörigkeit kein Verwaltungsfehler gewesen war. Er war die Folge einer Gesetzgebung, die der deutsche Staat heute selbst als ungerecht anerkennt.
Staatsbürgerschaft als Recht und Anerkennung

Als ich meine Erklärung zur Deutschen Staatsbürgerschaft nach § 5 StAG abgab, hatte ich nicht das Gefühl, um ein Privileg zu bitten. Ich hatte vielmehr das Gefühl, die Anerkennung eines Teils meiner eigenen Geschichte einzufordern. Als ich schließlich die Urkunde erhielt, die meine deutsche Staatsangehörigkeit bestätigte, empfand ich eine Emotion, die sich nur schwer beschreiben lässt.
Es war nicht die Freude über einen neuen Pass. Und ich hatte auch nicht das Gefühl, plötzlich Deutsche zu werden. Ich hatte vielmehr das Gefühl, dass ein Teil meiner Identität, der immer existiert hatte, endlich offiziell anerkannt wurde.
Diese Anerkennung hatte aber auch eine ganz konkrete Bedeutung. Zum ersten Mal konnte ich alle Rechte und Pflichten einer deutschen Staatsbürgerin wahrnehmen. Ich konnte gleichberechtigt am demokratischen Leben des Landes teilnehmen, in dem ich lebe, arbeite, Steuern zahle und einen Teil meines Lebens aufgebaut habe. Vor allem aber konnte ich wählen. Als ich zum ersten Mal meine Stimme bei einer deutschen Wahl abgab, war das ein sehr bewegender Moment. Es war weit mehr als die Ausübung eines Wahlrechts.
Es war der Abschluss einer Familiengeschichte, die ein Jahrhundert zuvor begonnen hatte, als mein Großvater Bremen verließ, um in Kolumbien eine Zukunft zu suchen, und die sich mit seiner Internierung und der seines Sohnes Alfred während des Zweiten Weltkriegs fortsetzte; mit den Ängsten meiner Mutter und mit einer Gesetzgebung, die sie als Frau benachteiligte. Dieser Stimmzettel bedeutete für mich weit mehr als eine politische Entscheidung. Er war die Anerkennung einer Familiengeschichte – und einer Staatsangehörigkeit, die immer Teil meiner Identität gewesen war.
Die zwei Länder und zwei Kulturen in mir
Viele Jahre lang glaubte ich, mich zwischen Kolumbien und Deutschland entscheiden zu müssen. Heute weiß ich, dass das nicht so ist. Ich bin das Ergebnis einer Familiengeschichte, die in Bremen begann, sich in Kolumbien fortsetzte und Generationen später nach Deutschland zurückkehrte. Ich trage die Erinnerung an beide Länder, zwei Kulturen und zwei unterschiedliche Lebenserfahrungen in mir.

Die Anerkennung meiner deutschen Staatsangehörigkeit hat mich nicht verändert. Sie hat mir geholfen zu verstehen, wer ich immer gewesen bin. Identität ist mehr als ein Dokument oder ein Reisepass. Sie entsteht aus Erinnerung, Familie, Sprache, Beziehungen und den Erfahrungen, die wir selbst machen und von früheren Generationen erben. Sie wird auch durch historische Ereignisse geprägt, auf die wir keinen Einfluss haben.
Mein Großvater glaubte, Europa hinter sich gelassen zu haben. Doch der Zweite Weltkrieg holte ihn ein und veränderte das Leben meiner Mutter und unserer ganzen Familie. Viele Jahre später kehrte meine Mutter nach Deutschland zurück – nicht, um ihre Vergangenheit zu vergessen, sondern um sich mit einem Teil ihrer Geschichte zu versöhnen. Gemeinsam gingen wir durch die Straßen Bremens und verstanden, dass unsere Familiengeschichte gleichermaßen zu Deutschland wie zu Kolumbien gehört.
Heute bin ich diejenige, die in Deutschland lebt. Meine Tochter und mein Enkel sind hier zu Hause. Ich arbeite in Deutschland, zahle Steuern, engagiere mich in der Gesellschaft und kann meine Rechte und Pflichten als Bürgerin dieses Landes uneingeschränkt wahrnehmen. Gleichzeitig bleibe ich eng mit Kolumbien verbunden – dem Land, in dem ich geboren wurde und in dem ich gelernt habe, was Solidarität, soziale Gerechtigkeit und der Einsatz für die Menschenrechte bedeuten.

Ich habe nie empfunden, dass die eine Identität die andere ausschließt. Im Gegenteil. Beide ergänzen einander. Vielleicht fällt es mir deshalb schwer, politischen Stimmen zu folgen, die Migration als Bedrohung darstellen oder Identität auf Herkunft oder ethnische Zugehörigkeit reduzieren. Die Geschichte meiner Familie erzählt etwas anderes.
Vor etwas mehr als hundert Jahren waren es Tausende Deutsche, die ihre Heimat verließen, um anderswo eine Zukunft zu finden. Mein Großvater war einer von ihnen. Länder wie Kolumbien nahmen diese Menschen auf und gaben ihnen die Möglichkeit, sich ein neues Leben aufzubauen. Viele blieben mit Deutschland verbunden und unterstützten ihre Familien von der Ferne aus – so wie meine Familie, die von Kolumbien aus half, das Dach des Hauses in Bremen zu finanzieren.
Heute verlaufen viele Migrationsbewegungen in die entgegengesetzte Richtung. Auch meine Geschichte gehört zu diesen Geschichten des Aufbruchs und der Rückkehr. Ich glaube, dass gerade diese verflochtenen Lebensgeschichten Deutschland bereichern. Die deutsche Gesellschaft besteht heute nicht nur aus denen, die geblieben sind, sondern auch aus den Nachkommen derjenigen, die einst auswanderten und später zurückkehrten oder die neue Brücken zwischen Ländern und Kulturen schlagen. Diese vielfältigen Identitäten sind kein Widerspruch. Sie sind Teil der Geschichte Deutschlands und seiner Gegenwart.
Deshalb verstehe ich Identität nicht als Grenze, die Menschen voneinander trennt. Ich verstehe sie als Brücke zwischen Generationen, Kulturen und Ländern. Heute weiß ich, dass ich nicht weniger Kolumbianerin bin, weil ich Deutsche bin. Und ich bin nicht weniger Deutsche, weil ich in Kolumbien geboren wurde. Ich bin ganz Kolumbianerin. Ich bin ganz Deutsche. Und genau diese geteilte Identität macht mich zu der Person, die ich bin.