Zur Lithium-Problematik für Bauerngemeinden und Umwelt und den bislang weitgehend ergebnislosen Versuchen ihrer Industrialisierung in Bolivien haben wir bereits früher berichtet. Auch zum zunehmenden Einfluss Chinas. Nach dem Regierungswechsel im November 2025 machen sich auch wieder deutsche Unternehmen Hoffnung, in Bolivien in das Geschäft mit dem Lithium einzusteigen. Und die deutsche und andere europäische Regierungen sehen bessere Chancen zur Sicherung der Versorgung mit diesem für die Elektromobilität immer noch wichtigen Rohstoff. Der geopolitische Streit verdecke jedoch leicht die Sicht auf die konkreten Folgen in den Ländern, in denen die größten Lithium-Vorkommen sind, sagt das Zentrum für Dokumentation und Information Bolivien CEDIB.
Gemeinsam mit Latinoamérica Sustentable (LAS), einer auf chinesische Investitionen spezialisierten ecuadorianischen Umweltorganisation, hat das CEDIB deshalb 2024 eine Fachtagung organisiert. Im Folgenden Ausschnitte aus dem Beitrag des Ökonomen Pablo Villegas.
von Pablo Villegas
Die weltweite Lithiumgewinnung wuchs zwischen dem Jahr 2013 auf 2023 von jährlich 35.000 auf 180.000 Tonnen. Die nachgewiesenen Reserven stiegen von 13 auf 28 Millionen Tonnen. 2013 gingen 35 Prozent der Produktion noch in Keramik- und Glasfabriken. 2023 wurden 87 Prozent bereits für die Herstellung von Batterien verwendet. Laut Weltbank ist die Speicherkapazität von Energie grundlegend für die Versorgung mit erneuerbaren Energien. Vor allem dann, wenn die Sonne gerade nicht scheint und auch kein Wind weht.
China: Vorreiter der Energiewende oder Gefahr?
Die Produktion von Batterien ist dementsprechend im letzten Jahrzehnt gigantisch gewachsen. Und China spielt dabei eine zentrale Rolle. Die Batterien werden vor allem in Elektro- und Hybridfahrzeugen eingebaut, deren Produktion ebenfalls erheblich zugenommen hat.

Liegt der Anteil Chinas beim Lithiumbergbau noch bei 13 Prozent, produziert China bereits 70 Prozent der Batterien. Und von den 14 Millionen neuen Elektrofahrzeugen im Jahr 2023 wurden 59 Prozent in China hergestellt. 40 Prozent der weltweit erneuerbaren Energie wurde im gleichen Jahr in China produziert, nur 10 Prozent in den USA, je 5 Prozent in Indien und Brasilien, sowie 4 Prozent in Deutschland (IRENA).

Doch trotz seiner Fortschritte bei der Energiewende weg von fossilen Treibstoffen wird China als eine Gefahr dargestellt. Nicht aufgrund von Befürchtungen, dass das Land Rückschritte machen könnte, sondern aus Sorge, dass China seine dominante Marktposition gegenüber möglicher Konkurrenz ausnutzen könnte. Deshalb kommen auch Forderungen auf, China aus der Lieferkette von Rohstoffen für Batterien in den Vereinigten Staaten herauszunehmen. Neben den erwähnten 59 Prozent beim Lithium produziert China 68 Prozent des Nickels, 73 Prozent des Kobalts, 93 Prozent des Mangans und praktisch 100 Prozent des Graphits.
Das Problem ist dabei, dass geopolitische Interessen die Energiewende torpedieren.
Die Bedeutung Südamerikas
Südamerika sei wichtig für die USA wegen der Rohstoffe und seltenen Erden, sagte die Chefin des Kommandos der Vereinigten Staaten für den Süden, die Generalin Laura Richardson, im Januar 2023 in einem Interview für den Atlantic Council. 60 Prozent des Lithiums auf der Welt befinde sich im Dreieck Argentinien, Bolivien und Chile. Richardson verwies auch auf die großen Erdölreserven. Und in der „grünen Lunge“ der Amazonasregion befänden sich 31 Prozent der weltweiten Süßwasserreserven. „Es gibt viel zu tun.“ Denn die Region spiele eine wichtige Rolle für die Nationale Sicherheit der USA, so Richardson. Dabei seien ihre Aktivitäten nicht rein militärischer Natur. Als Beispiel nannte sie Sitzungen mit den US-Botschaftern in Argentinien und Chile, sowie dem Strategieverantwortlichen des Bergbauunternehmens Livent und dem Vizepräsidenten für globale Operationen von Albemarle. Der Konzern ist weltweit einer der führenden Produzenten von Lithium und Lithiumverbindungen. Dabei sei es darum gegangen, wie es den Unternehmen im Lithium-Dreieck gehe, welche Herausforderungen es gebe und auch um den Druck von Seiten Chinas. „Wir befinden uns in der westlichen Hemisphäre in strategischer Konkurrenz mit der Volksrepublik China und Russland“, so Richardson schon vor drei Jahren. In 25 Ländern gebe es Infrastrukturprojekte mit China, nur vier seien nicht in der Belt and Road Initiative (neue Seidenstraße). In 17 Staaten gebe es Tiefwasserhäfen. In 24 Staaten sei Huawei mit 3G und 4G-Netzen präsent. Fünf verfügten bereits über 5G-Infrastruktur. Das alles sei sehr besorgniserregend „in der Arbeit mit unseren Ländern“. Und in Bezug auf die militärischen Aspekte, betonte Richardson, ihre Partner wüssten, dass die USA vertrauenswürdig und handlungsfähig seien. Die Ukraine sei ein Beispiel dafür.
Technologischer und industrieller Rückstand der USA
Die Haltung der Generälin spiegelt dabei vor allem den technologischen und industriellen Rückstand der Vereinigten Staaten. Simon Moores vom Informationsdienst Benchmark Minerals informiert seit Jahren über den Vorsprung Chinas. 2020 sagte er, dass man sich bei den Batterien mitten in einem weltweiten Wettlauf befinde. Die USA seien dabei eher Zuschauer. Deshalb hatte Präsident Donald Trump schon im Juli 2019 den nationalen Notstand im Bergwerkswesen ausgerufen und angeordnet, die Frage von Subventionen für einheimische Unternehmen sowie Zölle oder andere Beschränkungen für Importe aus China und aus anderen „gegnerischen“ ausländischen Staaten zu prüfen. In einer Regierungsanordnung vom 30. September 2020 erkannte Trump an, dass die USA nicht über die Kapazitäten verfügen würden, die nötige Menge an kritischen Mineralien zu verarbeiten. Bei 31 von 35 kritischen Mineralien werde mehr als die Hälfte der nötigen Menge importiert. Bei 14 seien die USA komplett auf Importe angewiesen. „Unsere Abhängigkeit bei vielen kritischen Mineralien von nur einem Land, der Volksrepublik China, ist besonders besorgniserregend“, so Trump damals. Im Jahr zuvor hatte er die Energy Resource Governance Initiative (ERGI) des US-Außenministeriums gestartet, um andere Länder für den Informationsaustausch und beim Aufbau sicherer Lieferketten mit ins Boot zu holen. Es begann mit Kanada, Australien, Botswana, Peru, Argentinien, Brasilien, der Demokratischen Republik Kongo, Namibia, den Philippinen und Sambia.
Militärische Aspekte der Energiewende
Es handelt sich um eine Politik mit militärischem Charakter. Denn immer wieder wird auf den Defense Production Act (DPA) aus dem Jahr 1950 zurückgegriffen. Er gibt dem Präsidenten weitgehende Befugnisse, die nationale Industrie zu regulieren, damit sie für die Verteidigung notwendige Güter zur Verfügung stellt. Für Kritiker wie die Americans for Prosperity Foundation gebe das Gesetz dem Präsidenten die Macht, die industriellen Grundlagen zur nationalen Verteidigung zentral zu planen. Dies aber ohne die nötigen Kontrollen, Gegengewichte und Transparenzmechanismen. Das mache Missbrauch und Missmanagment möglich.
Deutlich wird ein Widerspruch zwischen den geopolitischen Interessen und der dem Ziel der Energiewende. Wozu führt das in den USA? Bei einer Debatte des renommierten Think Tank „Center for Strategic & International Studies“ (CSIS) im Juni 2024 wurde über die Forderung der staatlichen Autoritäten diskutiert, einen Zeitraum für die Nutzung von Elektrofahrzeugen vorzugeben. Dazu sagte der Senator der Republikaner James Lankford, es sei eine Sache eine Bestimmung zu erlassen, aber eine andere, tatsächlich die Kapazitäten zu haben, sie umzusetzen. Man könne nicht einfach sagen, man werde über genug Nickel und Lithium sowie die Produktionskapazitäten verfügen, um den gesamten Bedarf zu decken, und gleichzeitig hohe Zölle auf chinesische Produkte ankündigen. Ohne die entsprechenden eigenen Produktionskapazitäten würden die Importe so unzumutbar teuer. So werde man die Chinesen nicht los. Die gesetzten Fristen würden ohne ausreichende eigene Kapazitäten oder Lieferketten mit befreundeten Staaten die Abhängigkeit von China nur noch erhöhen.

Die beiden letzten Regierungen der Vereinigten Staaten haben die Abkoppelung von der chinesischen Industrie und die Rückkehr der Produktionskapazitäten ins Inland versucht. Die waren Jahrzehnte zuvor in Länder mit niedrigeren Lohnkosten wie China oder befreundete Staaten ausgelagert worden. Eine Studie der Zentralbank von New York weist darauf hin, dass die Regierung der Vereinigten Staaten verbietet, Waren und Dienstleistungen an eine Liste chinesischer Firmen zu liefern, die man als Gefahr für die nationale Sicherheit und die Außenpolitik ansieht. So soll verhindert werden, dass rivalisierende Staaten, insbesondere China, an Spitzentechnologie kommen. Das führe jedoch dazu, dass für manche Firmen, die eigentlich geschützt werden sollten, die möglichen Kunden eingeschränkt werden und sie selbst Nachteile bei der Entwicklung der neuen Technologien haben. Sobald die chinesischen Empfänger den Ausfuhrkontrollen unterliegen, sei es wahrscheinlich, dass die US-Firmen die Geschäftsbeziehungen abbrechen. Das habe negative Auswirkungen auf die Aktiengewinne. 130 Milliarden Kapital würden so vernichtet. Es gebe weniger Kredite. Auch würden Rentabilität und Beschäftigungszahlen sinken. Und auch wenn die Lieferketten unterbrochen worden seien, gebe es keine Belege dafür, dass die Produktion in die USA rückverlagert oder die Lieferketten mit befreundeten Staaten gestärkt worden seien.
Die vergleichsweise vorsichtigen Formulierungen der Studie können die Kollateralschäden der Schutzmaßnahmen nicht verdecken. Die realen Bedingungen der Produzenten gehen mit der Politik nicht einher. Das mag an fehlender Effizienz liegen oder dass die Regierenden statt der Entwicklung der Produktionskapazitäten geopolitische Ziele im Blick haben. Das ist bei allen kritischen Mineralien so und deshalb für die Maßnahmen zur Energiewende relevant. Laut Worstall auf „The Register“ (2019) glauben die Verantwortlichen zwar, es sei „Teil der Regierungskunst, sicherzustellen, dass die Produzenten ihre Rohstoffe bekommen.“ Dabei handele es sich aber um eine stark im 19. Jahrhundert verankerte Vorstellung, die damals zu all den Kolonien geführt habe, um die Kontrolle über die Rohstoffe zu gewinnen. Doch zum Glück, so Worstall, nehme seit einem halben Jahrhundert Abstand von dieser Vorstellung.
China in der Produktionskette für Lithium-Batterien
Die Produktionskette für Batterien hat vier Stufen: Bergbau, chemische Verarbeitung und Raffinierungsprozess, Produktion von Kathoden und Anoden und schließlich die Batterieherstellung. In der ersten Stufe ist China noch nicht so präsent. Die stärkste Präsenz ist in Australien, wo China ein Viertel des Kapitals der Firma Talison Lithium hält, weit weniger als der US-Konzern Albermale. In Chile hält chinesisches Kapital 23 Prozent des Konsortiums SQM, aber kein chinesisches Unternehmen taucht bei den Bergbauinvestitionen für den Zeitraum von 2023 bis 2032 auf. Die größten ausländischen Investoren kommen aus Kanada, Japan und Australien. In Argentinien kommen sie aus den USA, Australien und Japan. Die Situation in Bolivien ist anders gelagert. Die staatliche Produktion von Lithiumkarbonat, das teilweise exportiert wird, befindet sich seit über zehn Jahren noch in der Pilotphase. (siehe den Beitrag „Vom Scheitern einer guten Idee“ ). Und was Verträge mit ausländischen Investoren angeht, sind selbst die fortgeschrittensten Verhandlungen noch nicht unterschriftsreif oder haben noch nicht die nötige Genehmigung durch das Parlament.

Was bedeuten diese Zahlen in Bezug auf die Rolle chinesischer Unternehmen im Lithium-Bergbau? Wir haben bereits erwähnt, dass die Beteiligung Chinesischer Unternehmen in der Phase des Bergbaus noch gering ist. Ganz anders als in den folgenden Etappen. Im Vergleich zu den anderen Ländern, die nicht über die Weiterarbeitungskapazitäten verfügen, wird klar, dass der Hauptabsatzmarkt der Lithium-Bergbauunternehmen unabhängig von ihrer staatlichen Zugehörigkeit in China liegt. So argumentiert im Jahr 2018 auch Mosciatti: „Die Chinesen von Tianqui und die US-Amerikaner von Albemarle sind tatsächlich Verbündete und Geschäftspartner. Über ein Abkommen beuten sie das Bergwerk in Australien aus (…) und Albemarle fördert bereits in einem Teil des Salzsees von Atacama (in Chile). Gemäß der Informationen in den USA hat Albermarle auch eine Vertriebsvereinbarung mit den Chinesen, sprich Tianqui. Damit sind sie keine Konkurrenten.“ Es ist die selbe Firma Albermarle, die bei ihren Treffen mit der US-Kommandeurin für die südliche Hemisphäre über aggressives Auftreten und chinesischen Druck gesprochen hatte.
Das Verhältnis unter den Konzernen unterscheidet sich also vom Diskurs der verantwortlichen Politiker etwa der USA. In Ungarn ist das ganz ähnlich. Es gibt ein Miteinander von VW und BMW mit chinesischen Konzernen, von deren Treffen Kovács 2024 im Eurasian Magazin berichtet. Das bedeutet in anderen Worten, dass die chinesischen Batterie-Hersteller keineswegs verzweifelt versuchen müssen, auch den Bergbau selbst zu kontrollieren. Vielmehr ist die geopolitische Problematik wesentlich umfassender. Sie hängt von der Position jedes der Länder in der Produktionskette ab.
Die Welt befindet sich in einem grundlegenden Wandel. Die bisherige geopolitische Vormacht kämpft dabei gegen die neue Macht. Und das hat Folgen für die Energiewende.
Der Aufsatz von Pablo Villegas aus dem Tagungsband „El rol de china en la extracción del litio en América Latina, Aspecto y retos socioambientales, tecnológicos y geopolíticos“ (Hrsg. Oscar Campanini, CEDIB/La Libre, Cochabamba 2025) wurde von Peter Strack mit freundlicher Genehmigung des Autors für Latinorama gekürzt und übersetzt. In der PDF des Buches finden sich auch die Einzelbelege. Auf deutsch siehe auch den Themenschwerpunkt „Energiewende für wen?“ der ila-Zeitschrift.