vonPeter Strack 28.07.2026

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Der „Servicio Nacional de Áreas Protegidas“ (SERNAP) ist für die Verwaltung der bolivianischen Naturschutzgebiete zuständig. Die Behörde sei korrumpiert gewesen, als sie ihr Amt als Direktorin übernommen habe, beklagt Cecilia Miranda Chávez. Sie sei deshalb zu einer Umstrukturierung gezwungen gewesen. Ihr Ziel: Den Parkhüter*innen würdige Bedingungen zu ermöglichen, neue Ranger auszubilden und den SERNAP trotz begrenzter staatlicher Mittel finanziell abzusichern. Die Naturschutzgbiete will sie besser vor Drogenhandel, illegalem Bergbau, Landbesetzungen und Tropenholzschmuggel bewahren. Im Folgenden Ausschnitt aus einem Interview mit ihr in der Online-Zeitschrift Revista Nómadas.

von Revista Nómadas

Wie ist die Situation im Nationalen Dienst für Naturschutzgebiete SERNAP?

Ich habe am 19. Dezember vergangenen Jahres mein Amt angetreten und war zu harten Interventionen gezwungen. Der SERNAP funktionierte fast ohne Regeln, war wirtschaftlich am Ende, es gab viele Hinweise auf Korruption und das Ansehen lag am Boden. Die laufenden Verträge habe ich aber erst einmal respektiert. Von den 580 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern haben nur 174 feste Stellen.

Cecilia Miranda, Foto: Revista Nómadas

Wie viele Parkhüter und Parkhüterinnen gibt es?

Es sind um die 300, von denen weniger als ein Drittel einen feste Anstellung haben. Als ich mein Amt übernahm, war das wie auf ein Schlachtfeld zu gehen. Man verweigerte mir Information, ignorierte mich, man behinderte den Zugang zur Datenverarbeitung, Unterlagen verschwanden… Es gab viel Widerstand aus der Zentrale, aber auch aus den Naturschutzgebieten. Ich war nicht willkommen und meine erste Aufgabe war es, das Haus zu ordnen und auf die Einhaltung der institutionellen Regeln zu pochen. Ich bin auf kriminelle und erpresserische Netzwerke gestoßen. Sie bedrohen mich und geben Informationen weiter, deren Vertraulichkeit wichtig für den Erhalt der 23 Schutzgebiete sind.

Wer steckt dahinter?

Es sind Mitarbeitende des SERNAP. So war ich dann auch gezwungen, Personal zu entlassen. Selbstverständlich hat jeder das Recht, sich zu verteidigen, zumal es schwierig ist, Beweise für die Korruption vorzulegen. Aber ich gehe davon aus, dass die Mehrheit der Mitarbeitenden an Korruption beteiligt war. Jeden Tag bekomme ich neue Beschwerden von Personen, die aus der Behörde heraus erpresst wurden.

Ich finde Arbeits- oder Consultingverträge oder Parkmanagment-Pläne mit ernsthaften Hinweisen auf Korruption. Gerichtsverfahren wurden nicht ordnungsgemäß auf den Weg gebracht. Bei der Besetzung von Leitungsfunktionen gab es zwar offiziell eine Ausschreibung, aber alles war manipuliert. Es wurden Bestechungsgelder gezahlt. Das ist vermutlich kein Geheimnis. Öffentliche Ämter wurden gekauft. Ich habe auch eine ganze Reihe von Direktoren der Naturschutzgebiete entlassen müssen. Und selbstverständlich laufen deshalb Klagen gegen meine Person, als oberste Autorität des SERNAP.

 Sind auch mafiöse Strukturen mit im Spiel?

In den vergangenen Jahren hatte die Ernennung der Direktoren oder Direktorinnen mit politischen Quoten zu tun. Manchmal waren es Interkulturelle (Siedler), sie kamen auch aus der CIDOB (Dachverband der indigenen Tieflandvölker) oder dem CONAMAQ (Dachverband der indigenen Hochlandgemeinden). Der SERNAP war politische Pfründe. Und leider haben sich manche mit mafiösen Netzen verbunden, die bis heute präsent sind.

Aspekte wie der Holzschmuggel oder die CCU (Certificado de Compatibilidad de Uso) sind sehr anfällig für Korruption. Diese Zertifikate sind keine Genehmigung. Aber der SERNAP bestätigt damit, dass eine Aktivität dem Nutzungsplan entspricht. Es geht um Forstwirtschaft, Bergbau, Tourismus oder den Zugang. Ich habe nur drei Personen, die all das überprüfen. Das Budget reicht nicht aus.

Foto: Revista Nómadas

Gibt es auch Gutes im SERNAP?

Etwa 20 Prozent des Haushalts des SERNAP wird vom bolivianische Staat abgedeckt. Aber der ist bankrott. Deshalb hat der SERNAP im Augenblick eher die Perspektive, eigene Einnahmen für die Naturschutzgebiete zu generieren. Es hat über viele Jahre Unterstützung der Entwicklungszusammenarbeit gegeben, etwa von der FUNDESNAP-Stiftung (die externe Gelder kanalisiert) oder von der Wildlife Conservation Society und anderen Institutionen. Es gibt Bündnis-Plattformen, die Vorschläge zur nachhaltigen Finanzierung des Systems der Naturschutzgebiete entwickelt haben.

Wie kann diese nachhaltige Finanzierung erreicht werden?

Der Tourismus könnte großes Potential bieten. Aber vor allem muss der Auftrag der Schutzgebiete zurückgewonnen und neu positioniert werden. In der Verfassung von 2009 finden wir erstmals die Anerkennung der Naturschutzgebiete mit ihren vier Funktionen: Für die Umwelt, Soziales, die Kultur und die wirtschaftliche Funktion. Wir müssen damit beginnen, den Beitrag der Naturschutzgebiete für die Volkswirtschaft und für die Bevölkerung zu quantifizieren. Nicht nur in Bolivien, sondern für die ganze Welt. Wir teilen unsere Ökosysteme und Biome wie die Amazonasregion, den Chaco und das Pantanal mit den Nachbarländern und alle sind grundlegend für das Leben des Planeten.

Parkwächter Marcos Uzquiano im Einsatz, Foto: Revista Nómadas

Wie ist die Situation der Parkwächterinnen und Parkwächter?

Für mich haben sie in meinem Berufsleben immer Priorität gehabt. Ich bin im Jahr 2000 Mitgründerin der Asociación Boliviana de Agentes de Conservación (ABOLAC), der Vertretung der Ranger, gewesen. Und mein ganzes Leben hatte ich mit ihnen zu tun. Von den 300 derzeitigen Rangern habe ich 200 selbst ausgebildet. 15 Jahre lang habe ich Fortbildungen für den SERNAP durchgeführt und den Lehrplan mitentwickelt, der vom Erziehungsministerium anerkannt wurde. Die gute Nachricht ist, dass wir gerade mit der Forstfakultät der staatlichen San Simón Universität von Cochabamba einen Lehrplan erstellt haben, der die Professionalisierung auf dem Facharbeiterniveau fortführt.

Von den derzeitigen Rangern, die ich mit ausgebildet habe, stehen viele kurz vor der Rente. Wir benötigen also Nachwuchs mit einer neuen Perspektive zur Positionierung der Naturschutzgebiete. Wir müssen die institutionellen Werte, die Ethik und das Engagement für den Naturschutz zurückgewinnen.

Wie gehen sie mit den Gefahren gegen die Naturschutzgebiete um?

Die Bergwerkswirtschaft ist eine große Bedrohung, ebenso der illegale Holzeinschlag oder die Waldbrände. Es gibt das Problem der wilden Ansiedlungen oder des Fischens. Die Mechanismen der Beteiligung der Bevölkerung funktionieren nicht richtig. Aber viel gefährlicher ist der Drogenhandel und die Ausbreitung der Kokaanbauflächen innerhalb der Naturschutzgebiete. Derzeit gibt es auch eine Debatte um die Erdgasförderung, vor allem in Tariquía. Das muss im Rahmen der nationalen Prioritäten analysiert werden.

Die Naturschutzgebiete sind in den letzten beiden Jahrzehnten zu Niemandsland geworden, das von illegal wirtschaftenden Gruppen kontrolliert wird. Den Rangern wurde Autorität genommen.

Versuche, die Kontrolle zurückzugewinnen, Foto: Revista Nómadas

Wo sind die gefährlichsten Gegenden?

Drogenhandel gibt es in vielen Zonen. Etwa im Herzen des Naturparks Noel Kempff Mercado. Auch im Madidi finden wir geheime Landebahnen für Flugzeuge und an vielen anderen Stellen. Wir haben leider nicht die Mittel, um Kontrollflüge machen zu können. Auch im Naturpark Carrasco gibt es die Drogenproblematik, oder in Tariquia (im Süden Boliviens).

In Tariquía?

Im Naturpark Tariquía wird illegal Holz geschlagen und gefischt und es gibt Handel mit Marihuana. Wir haben leider die Kontrolle verloren. Viele Naturschutzgebiete liegen in Grenzregionen. Dort gibt es Schmuggel. Im Altiplano etwa im Reservat Eduardo Avaroa an den Grenzen zu Chile und Argentinien. Dort werden auch Fahrzeuge geschmuggelt.

Wir versuchen, die Rechtsstaatlichkeit zurückgewinnen und gegen die illegalen Geschäfte vorzugehen. Aber das ist sehr gefährlich und ich kann das Leben meiner Leute nicht aufs Spiel setzen. Vor ein paar Wochen wurden wieder schwere Maschinen in das Munizip Apolo von La Paz gebracht. Alle wussten Bescheid. Aber was soll der SERNAP dagegen tun? Ich habe mit den Leuten im Madidi-Nationalpark gesprochen und empfohlen, keinen Widerstand gegen die Bergarbeiter zu leisten. Sie sind gewohnt, zu tun, was sie wollen und die anderen zu misshandeln. Die Ranger sind nicht bewaffnet und im ganzen Munizip Apolo gibt es gerade mal drei Polizisten.

„Empfohlen, keinen Widerstand zu leisten“, Schweres Gerät für den Goldbergbau im Madidi-Nationalpark, Foto: Revista Nómadas

Wir bringen zwar Gerichtsprozesse auf den Weg. Dafür müssen wir mit Staatsanwaltschaften, Gerichten, Polizei und anderen Ministerien zusammenarbeiten. Aber der Kampf gegen die illegale Wirtschaft braucht auch Zeit und Ressourcen. Das Budget ist vielleicht das Wichtigste, und dass wir uns mit den anderen staatlichen Stellen über die sozialen, kulturellen und wirtschaftlichen Funktionen Bedeutung der Naturschutzgebiete einig werden. Wir müssen erreichen, dass unsere Arbeit in den Naturschutzgebieten respektiert wird.

Wie kann man diesen Bewusstseinswandel erreichen?

Zum einen muss die Institution wieder nach gesetzlichen Regeln funktionieren, effizient und transparent arbeiten. Sie muss Glaubwürdigkeit zurückgewinnen. Und wir benötigen Bündnispartner, die die Arbeit finanziell absichern. Unter den Jugendlichen gibt es eine hohe Sensibilität für Umweltfragen. Aber sie sind mit Entwicklungsmodellen konfrontiert, die dem Naturschutz entgegen stehen. Da muss ein Ausgleich gefunden werden.Wir sind zwar keine Entwicklungsorganisation, aber wir müssen mit anderen zusammenarbeiten, damit die Dorfgemeinden ihre Lebensbedingungen in einer Weise verbessern können, die das natürliche und kulturelle Erbe schützt.

Übersetzung und Kürzung von Peter Strack, mit freundlicher Genehmigung der Revista Nómadas. Das vollständige Interview auf Spanisch ist über diesen Link einzusehen.  

Parkwächter, links ihr Sprecher Marcos Uzquiano, Foto: Revista Nómadas

„In weniger als zwei Jahren sind sechs Ranger gestorben“

Marcos Uzquiano ist Sprecher von ABOLAC. Die Vereinigung der bolivianischen Parkwächterinnen und Parkwächter fordert dringend Gespräche mit der Regierung. Denn ihr Arbeitgeber, der SERNAP, verweist in Bezug auf die Erfüllung der Arbeitsrechte und der Stärkung des Nationalpark-Systems auf die geringen Haushaltsmittel (siehe obiges Interview). Fehlende Soziale Absicherung und niedrige Gehälter, räumt Uzquiano ein, führten zu sinkender Motivation für den eigenen Auftrag. Doch statt mit den Naturschützer*innen verhandelt die Regierung derzeit mit dem Bergwerkssektor. Dem geht es vor allem um den erweiterten Zugriff der Goldkooperativen und internationalen Bergwerksindustrie auf die Naturschutzgebiete und dies mit geringen Steuern und Abgaben, wenn sie überhaupt etwas zur Staatskasse beitragen. Zudem solle der Staat auf rechtliches Vorgehen gegen illegale Bergwerke verzichten. Nicht nur im Parlament gibt es große Bedenken. Das folgende Statement von Uzquiano stammt aus einem Gespräch mit der Zeitschrift Revista Nómadas:

Die Ranger müssen sich häufig kriminellen Banden entgegenstellen, die illegal Bergbau betreiben oder mit Wildtieren handeln. Auch Drogenbanden sind eine permanente Gefahr, abgesehen von den üblichen Risiken wie den Tropenkrankheiten, von einer Schlange gebissen zu werden oder Unfällen bei den Bootsfahrten. Bei der Löschung von Waldbränden leiden die Ranger unter den hohen Temperaturen, Rauchvergiftungen oder gar Erstickungsgefahr. Häufig fehlt für einen sicheren Einsatz die nötige Ausstattung. In nicht einmal zwei Jahren sind sechs Ranger bei ihrer Arbeit umgekommen.

Einsatz beim Waldbrand, Foto: Revista Nómadas

Weiter zu machen wie bisher, würde die Vernachlässigung der Naturschutzgebiete nur noch verschlimmern. Denn das organisierte Verbrechen setzt sich dort immer mehr fest. Und das gefährdet nicht nur die Ökosysteme, die Flüsse, Wälder, Berglandschaften, sondern auch die Gesundheit der lokalen Bevölkerung.

Wir fordern keine Privilegien, sondern dass die Naturschutzgebiete und die Ranger die nötige Aufmerksamkeit bekommen; all das, was uns Leben, Luft, Wasser gibt und den Dorfgemeinden die Möglichkeit, sich in Harmonie mit der Natur, den Pflanzen und der Artenvielfalt zu entwickeln. Aber leider haben wir von der Regierung bislang keine Antwort bekommen.

Der Auszug wurde von Peter Strack übersetzt, hier das ausführliche Interview auf Spanisch

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