vonGerhard Dilger 18.01.2026

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Kurz nach dem US-Überfall auf Venezuela samt zweistündigem Bombardement von Caracas wurde über das nächste militärische Ziel von Donald Trump spekuliert. Am Tag der Entführung von Nicolás Maduro hatte er noch gedroht, Kolumbiens Staatschef Gustavo Petro solle „auf seinen Arsch aufpassen“. Tags darauf legte er nach: Kolumbien werde von einem „kranken Mann“ geführt, der „gern Kokain herstellt und es an die USA verkauft. Das wird er nicht mehr lange tun“.

Dann jedoch wurde der „kranke Mann“ aus den USA angerufen, unmittelbar bevor er auf einer von ihm einberufenen Massenkundgebung in Bogotá auftreten wollte. In dem später von Petro als „historisch“ bezeichneten 55-minütigen Gespräch mit Donald Trump gelang es ihm offenbar, die Gefahr einer Intervention zu bannen. Bis dahin hatten beide ihre Differenzen vorzugsweise über Internetplattformen ausgetragen.

Nun aber erklärte der US-Präsident, dieses Telefonat sei ihm „eine große Ehre“ gewesen, sogar ein Treffen im Weißen Haus stellte er in Aussicht. Bemerkenswert, haben es dorthin doch bisher weder die Mexikanerin Claudia Sheinbaum noch Luiz Inácio Lula da Silva aus Brasilien geschafft.

Im August, so sieht es die kolumbianische Verfassung vor, wird Petro als Präsident abgelöst. Dass sich Trump bei der Präsidentenwahl Ende Mai wie in Argentinien und Honduras zugunsten des ultrarechten Kandidaten einmischen wird, gilt als ausgemacht. Zudem hatte Petro nach der jüngsten UN-Vollversammlung auf der Straße  mit einer Kufiya um die Schulter agitiert und alle US-Soldaten zum Ungehorsam aufgefordert, sie sollten ihre Gewehre lieber „auf Tyrannen und Faschisten“ richten. An der Charakterisierung der US-Migrationsbehörde ICE als „faschistisch“ will er weiter festhalten.

Gustavo Petro und Rogers Waters unweit des UN-Hauptquartiers. Foto: Reuters.

Seit einem Jahrhundert sind Kolumbiens Regierungen Washingtons enge Verbündete in Südamerika. Sie schickten Soldaten in den Korea-Krieg (1950–1953) und unterstützten Margaret Thatchers Feldzug um die Falklands/Malvinas 1982. Auch dem Diktat des in den 1970ern von Richard Nixon ausgerufenen „Krieges gegen die Drogen“ folgten die Kolumbianer grundsätzlich. Allein der linksliberale Präsident Ernesto Samper (1994–1998) ließ Mitte der 1990er Jahre den gewünschten Eifer vermissen und wurde – wie Petro vor einigen Monaten – von der damaligen US-Regierung mit Sanktionen belegt.

Auch unter Joe Biden blieben die Beziehungen zwischen Bogotá und Washington harmonisch. Erst im Mai 2025, nach monatelangen Wortgefechten mit Trump über die Behandlung von Kolumbianern in den USA und dem Konflikt über Strafzölle, schloss sich Gustavo Petro in Peking der chinesischen Infrastruktur-Initiative „Neue Seidenstraße“ an. Seit seinem Amtsantritt 2022 nahm er in der UNO und auf zahlreichen anderen internationalen Foren kein Blatt vor den Mund und geißelte den überwiegend auf Repression setzenden US-Drogenkrieg als kontraproduktiv.

Die Gelder aus dem Kokainhandel sind der wichtigste Brennstoff des Mehrfrontenkriegs im unwegsamen Andenland. Paramilitärs, der mächtige „Golf-Clan“ und Guerillagruppen wie Abspaltungen der Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens (FARC) oder das Heer zur Nationalen Befreiung (ELN) kämpfen in mehreren Landstrichen erbittert um die Vorherrschaft im Narco-Geschäft, etwa im Catatumbo, der nördlichen Grenzregion zu Venezuela.

Jedenfalls ist Petros Lieblingsprojekt – der „totale Frieden“ – in weite Ferne gerückt. Besonders zerrüttet ist das Verhältnis des Ex-Guerilleros zu den ELN-Rebellen, die sich längst wieder durch Entführungen finanzieren. Innenminister Armando Benedetti erklärte sogar, Trump und Petro seien sich einig, gemeinsam und hart gegen die ELN vorzugehen, die traditionell beiderseits der 2.200 Kilometer langen Grenze zwischen Kolumbien und Venezuela enge Beziehungen zu venezolanischen Militärs sowie zu Caracas und Havanna pflege.

Auf X forderte der linke Präsident seine neue venezolanische Kollegin Delcy Rodríguez auf, sich diesem Vorhaben anzuschließen: „Die Narcos müssen entwaffnet werden“. Demnächst will Petro seine „Freundin“ Rodríguez in Bogotá empfangen. Ein Übergang mit einer gemischten Übergangsregierung hin zu freien Wahlen könne Venezuela keinesfalls von außen her auferlegt werden, sagte er der spanischen Tageszeitung El País.

„Er tut das, was er denkt“, scherzte Petro nach dem Telefonat mit Trump, „er ist auch pragmatisch, sogar mehr als ich“. Besonders folgender Satz habe ihm gefallen: „Ich weiß, dass man viele Lügen über Sie erfunden hat, mir geht es genauso“.

Welche konkreten Folgen sich aus der neuen Männerfreundschaft ergeben, etwa für die künftige Rolle Petros im Dreieck Washington–Caracas–Bogotá, könnte bei dem Staatsbesuch in Washington zum Thema werden, der nun laut Petro am 3. Febraur stattfinden soll. Thema: Der – gemeinsame? – Kampf gegen die Drogenmafia.

Trump und Außenminister Marco Rubio haben jetzt erst einmal Kuba ins Visier genommen. 32 der 56 Militärs, die Nicolás Maduro bewacht haben und bei dessen Entführung getötet worden sind, waren nach Angaben aus Havanna Kubaner. Erdöl gegen Sicherheitsdienste – das sei der Deal zwischen Venezuela und der Karibikinsel gewesen, „ABER JETZT NICHT MEHR“, schrieb Trump auf Truth Social, von nun an gebe es „NULL“ Erdöl oder Geld aus Venezuela.

Staatschef Miguel Díaz-Canel konterte umgehend: Kuba werde seit 66 Jahren von den USA angegriffen und sei bereit, „das Vaterland bis zum letzten Blutstropfen zu verteidigen“.

Dies ist die aktualisierte Version eines Artikels, der vor kurzem im Freitag erschienen ist.

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