Der Wohlrab Verlag in Berlin ist ein kleiner Verlag, aber für die Geschichte der Mail Art und der künstlerischen Gegenöffentlichkeit in der DDR ein wichtiger Ort. Lutz Wohlrab, 1959 in Greifswald geboren, studierte Medizin, zog 1985 nach Berlin und arbeitet dort heute als Psychoanalytiker. Daneben ist er Verleger, Künstler und seit 1985 in der Mail-Art-Szene aktiv. Gemeinsam mit Friedrich Winnes gab er 1994 das Standardwerk Mail Art Szene DDR 1975 bis 1990 heraus.1 Seit 2007 betreibt er den internationalen Mail Artists Index mit Biografien, Arbeiten und Links zu Mail-Art-Künstlerinnen und Künstlern.2
Sein neues Buch Fluchtpunkt Kunst ist keine distanzierte historische Abhandlung. Es ist Erinnerungsbuch, Künstlerbuch, Archivstück und politisches Dokument zugleich. Man liest darin von Hoffesten, Linolschnitten, illegalen Drucken, Super-8-Filmen, Freundschaft, Verrat, Haft und von einer Kunst, die keinen offiziellen Raum bekam und sich deshalb ihre eigenen Räume schuf.
Der Titel ist genau gewählt. Fluchtpunkt meint hier nicht die Flucht aus dem Land. Wohlrab, Martin Bernhardt und Dietrich Buhrow stellten keine Ausreiseanträge. Die Kunst war ihr Fluchtpunkt. Sie druckten, feierten, filmten, verschickten, hielten Kontakt. Sie suchten nicht den Ausweg aus der Wirklichkeit, sondern einen Punkt, von dem aus diese Wirklichkeit anders sichtbar wurde.
Besonders stark ist das Buch dort, wo es zeigt, wie klein die Anlässe waren, auf die ein Überwachungsstaat mit voller Härte reagierte. Drei Hoffeste in Greifswald zwischen 1983 und 1984, Gedichte, Musik, gemeinsames Malen, ein Super-8-Film, fast 100 Gäste. Heute würde man vielleicht von studentischer Kulturarbeit sprechen. Die Staatssicherheit sah darin eine Gefahr. Aus einem Fest wurde ein Operativer Vorgang.

Ein Regime, das Feste als systemkritisch sieht, hat keine Chance zum Überleben. Das lehrt uns die Geschichte. Wenn Tanz, Gedichte, Kunstdrucke, Grafiken und Freundschaften bereits als Bedrohung gelten, ist nicht die Kunst das Problem, sondern die Angst der Macht vor jedem freien Zusammenhang.
Genau darin liegt der historische Aufbruch, den Fluchtpunkt Kunst sichtbar macht. Die Wende begann nicht erst 1989 auf den großen Plätzen. Sie wurde in solchen kleinen Räumen vorbereitet, in Höfen, Dachböden, Kirchen, Wohnungen, Druckerecken und Briefkästen. Nicht als Programm, nicht als Partei, nicht als fertige Forderung, sondern als Übung. Man traf sich. Man vertraute sich. Man stellte etwas her. Man fragte nicht um Erlaubnis.

Mail Art wird in diesem Zusammenhang zum entscheidenden Medium. Sie war mehr als Kunst per Post. Sie war ein Netzwerk ohne Zentrale, eine internationale Öffentlichkeit im Kleinen, eine Gegenbewegung zur staatlichen Kontrolle von Kunst, Ausstellung und Reise. Wo der offizielle Kulturbetrieb eng war, öffnete ein Umschlag den Raum. Ein Brief konnte von Greifswald nach Berlin, von der DDR in andere Länder, von Mensch zu Mensch gehen.3

Wohlrab beschreibt, wie er 1983 in der Evangelischen Studentengemeinde Greifswald zum ersten Mal Mail Art sah. Birger Jeschs pazifistisches Schießscheiben-Projekt kam aus Dresden nach Greifswald.4 Unter dem Dach der Kirche entstand eine Öffentlichkeit, die es außerhalb kaum geben konnte. Später folgten eigene Projekte. 1986 entstand Animals – as which do you feel yourself and others?. 1987 wurde in der Evangelischen Studentengemeinde Greifswald das Mail-Art-Projekt Vom alten Adam zum neuen Menschen gezeigt. Es kamen 230 Zuschriften aus 30 Ländern zusammen. Das war kein dekorativer Randbereich der Kunst, sondern ein internationales Netz, das die Grenzen der DDR durchlässiger machte, als es dem Staat lieb sein konnte.
Das Buch zeigt auch, wie eng Kunst, Alltag und politischer Widerspruch miteinander verbunden waren. Gedruckt wurde auf einer Wäschemangel. Texte wurden in Linoleum geschnitten. Gegen den geplanten Brunnen auf dem Greifswalder Markt wurden nachts Plakate geklebt. ATA-Päckchen wurden zu Postkunst.5 Der Staat konnte vieles kontrollieren, aber nicht jeden Einfall, nicht jede Freundschaft, nicht jedes Zeichen.

Dabei ist Fluchtpunkt Kunst kein harmloses Erinnerungsbuch. Nach der Buchpremiere von FHUNDE und Gedichte von Fukarek kam es zur Verhaftung. Dietrich Buhrow und Martin Bernhardt wurden zu Haftstrafen verurteilt, Wohlrab und Bernhardt wurden vom Studium ausgeschlossen. Die Staatssicherheit beschlagnahmte Drucke, Bücher, Fotos, Notizen und Druckstöcke. Aus Kunst wurde ein Fall. Aus Freundschaft wurde ein Beobachtungsfeld.6
Gerade deshalb berührt das Buch. Es zeigt, wie politisch Kunst werden kann, ohne politische Parolen zu brauchen. Ein Fest, ein Linolschnitt, ein kleines Buch, eine Postkarte, ein Film, ein Brief, das waren keine Nebensachen. Sie waren Formen der Selbstbehauptung. Mail Art war dabei nicht nur Stil oder Technik, sondern ein Versprechen: Du bist nicht allein. Es gibt andere. Es gibt Verbindung.
Wer eine systematische Geschichte der Mail Art erwartet, findet hier eher eine konkrete Szene. Greifswald in den 1980er Jahren, die Evangelische Studentengemeinde, die Altstadt im Verfall, der Freundeskreis um Wohlrab, Bernhardt und Buhrow. Aber gerade durch diese Konkretion wird das Buch historisch interessant. Es zeigt, wie aus vielen kleinen Gegenräumen ein gesellschaftlicher Aufbruch entstehen konnte.
Fluchtpunkt Kunst ist deshalb auch ein Buch über die Vorgeschichte der Wende. Nicht in dem Sinne, dass diese Gruppe die Wende herbeigeführt hätte. Aber sie gehört zu jener breiten, oft unsichtbaren Bewegung, in der Menschen lernten, sich der Bevormundung zu entziehen. Wer einmal erfahren hatte, dass ein selbst gedrucktes Blatt, ein Brief oder ein Fest eine eigene Wirklichkeit schafft, war nicht mehr so leicht regierbar.
Kunst ist hier ein Raum für Widerspruch, Kontaktaufnahme und Erinnerung. Vielleicht ist genau das der Fluchtpunkt, den dieses Buch meint. Nicht weg von der Welt, sondern durch die Kunst hindurch zu einem anderen Verhältnis zur Welt. Zu einem Ort, an dem Utopien formuliert werden können, die in der Realpolitik keinen Platz finden.
Die Buchpremiere und Vernissage zu Fluchtpunkt Kunst
- Die Buchpremiere und Vernissage zu Fluchtpunkt Kunst. Lutz Wohlrab im Falladahaus findet am 24. Juli 2026 um 17 Uhr im Falladahaus Greifswald, Steinstraße 59, statt.
- Die Ausstellung Fluchtpunkt Kunst läuft vom 24. Juli bis 2. Oktober 2026.
- Weitere Informationen: Falladahaus Greifswald.
Weitere Ausstellung zur Mail Art in Berlin
Parallel lohnt der Blick nach Berlin: Die ChertLüdde Gallery zeigt bis zum 25. Juli 2026 in Gallery Two die Ausstellung Robert Rehfeldt: Mail Message from my Studio. Rehfeldt war eine zentrale Figur der Mail Art in der DDR. Die Ausstellung zeigt, wie international dieses Netzwerk war und warum Mail Art gerade unter Bedingungen politischer Kontrolle wichtig wurde. Schon in den frühen 1970er Jahren zirkulierten Postkarten, Fotokopien, Stempelabdrücke und kleine Objekte durch das postalische System. Einer von Rehfeldts entfernten Partnern war der argentinische Konzeptkünstler Horacio Zabala, der in Buenos Aires nach der Rolle der Kunst inmitten extremer politischer Unterdrückung fragte und Argentinien nach dem Militärputsch von 1976 verlassen musste.7

Fußnoten
- Zu Friedrich Winnes siehe: DER SPIEGEL, Mail-Art: Knast für eine Postkarte. Der Artikel beschreibt Winnes als Berliner Mail-Artisten, der ab 1977 über Jahre von der Staatssicherheit bearbeitet wurde. Besonders deutlich wird dort, wie schon eine Fotocollage als politischer Angriff gelesen werden konnte. In einem Brief an den polnischen Mailartisten Tomasz Schulz wurde 1980 eine Arbeit mit dem Bild seiner Tochter und dem Orden „Aktivist der Arbeit“ abgefangen. Winnes entging nur knapp einer Verhaftung und erhielt eine Einreisesperre nach Polen. ↩
- Biografische Angaben zu Lutz Wohlrab und zum Mail Artists Index: Mail Artists Index, Lutz Wohlrab. ↩
- Zum Selbstverständnis der Mail Art als postalischer Kommunikation und internationalem Austausch, besonders im Kontext des Kalten Krieges: Mail Artists Index, About. ↩
- Zu Birger Jesch siehe: Mail Artists Index, Birger Jesch. Jesch war seit 1979 im Mail-Art-Netzwerk aktiv. In Fluchtpunkt Kunst wird sein Projekt International Contact with Mail Art in the spirit of peaceful coexistence als erste Ausstellung eines Mail-Art-Projekts in der DDR und zugleich als erste Mail-Art-Ausstellung in einer Kirche beschrieben. ↩
- ATA fein war ein Putz- und Scheuermittel aus der DDR, hergestellt vom VEB Waschmittelwerk Genthin bei Magdeburg. Für Leserinnen und Leser aus dem Westen ist der Produktbezug heute kaum noch selbsterklärend. Wohlrab griff das alte Verpackungsdesign auf, das schon Joseph Beuys interessiert hatte, beklebte die Päckchen mit den Buchstaben M, A, I und L und wollte sie unverpackt als dicke Postkarten verschicken. Gerade darin liegt der Witz der Aktion: Aus einem Alltagsprodukt wurde Mail Art, aus einem Reinigungsmittel ein Träger von Kommunikation. ↩
- Angaben zu Buchinhalt, Hoffesten, FHUNDE, Verhaftung, Ausschluss vom Studium und Mail-Art-Projekten nach der Repression aus dem Buch: Lutz Wohlrab – Fluchtpunkt Kunst, Verlag Lutz Wohlrab. ↩
- Zu Horacio Zabala siehe: Rodrigo Alonso, Horacio Zabala. Dystopische Architekturen und Kartografien. Der Essay ordnet Zabalas Arbeiten der frühen 1970er Jahre zwischen Kartografien und Gefängnisarchitekturen ein. Mit Schullandkarten, Stempeln, Architekturplänen und einfachen Materialien entwickelte Zabala eine konzeptuelle Bildsprache über Macht, Zensur, soziale Instabilität und die politischen Konflikte in Lateinamerika. Damit wird der Bezug zu Rehfeldts Mail-Art-Netzwerk noch deutlicher, denn auch hier wird Kunst zu einem Medium, das politische Gewalt nicht nur dokumentiert, sondern in Zeichen, Karten und Räume übersetzt. ↩
