vonChristian Ihle 10.10.2007

Monarchie & Alltag

Neue Bands und wichtige Filme: „As long as the music’s loud enough, we won’t hear the world falling apart“.

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Heute: Der andere Libertine taucht erstmals ohne Doherty auf. Wie bei Doherty bleibt zu konstatieren: nur eine Seite der Medaille. Erstmals erschienen im April 2006 im Online-Fanzine Motorhorst.

The Gang of Gin. And Milk.
Eine Geschichte auf dem Weg von Waterloo nach Albion

What I Like Most About You, Pete, Is Your Girlfriend And Your Shoes.

Im Herbst letzten Jahres erschien das erste Post-Libertines-Werk, Dohertys Down In Albion. Wie zu erwarten war, konnte es nie an überzogene kommerzielle Erwartungen anknüpfen, hatte aber gerade durch seine Unzugänglichkeit, seine Brüche einen Charme und eine holprige Qualität, die nur allzu selten von Plattenfirmen glatt gebügelten Releases erreicht wird.

Ladiiies and Gentlemen! Mister Carlos Barat!

Ein halbes Jahr später steht die Ankunft des zweiten Libertine bevor: Carl Barat hat mit dem Libertines-Stamm-Drummer Gary Powell und dem Doherty-Tour-Ersatz Anthony Rossamondo seine Dirty Pretty Things gegründet, die von Didz Hammond vervollständigt werden, der für Carls Band extra die in manchen Kreisen durchaus hoch geschätzten Cooper Temple Clause verließ.
Was bringt er nun mit, der Carl? Ein erster Vorgeschmack war die mit großem Pop geschriebene „Bang Bang You’re Dead“ Single, der Promo-Albumsampler mit fünf weiteren neuen Songs bestätigt die Vermutungen: Im Gegensatz zu Ramshackle Pete bringt Carlos im positiven (wie negativen) Sinne aus Waterloo ein Album im Stil des Libertines-Debüt „Up The Bracket“ mit.

And all the memories of the pubs and the clubs and the drugs and the tubs
we shared together
will stay with me forever

Im Grunde scheint sich Carl noch weniger von den Libertines lösen zu können, was im ersten Moment überrascht, da doch Peter immer als der erschien, der die Welt der Libertines so verinnerlichte, dass man ihn sich nie ohne Albion vorstellen konnte. Während uns aber Doherty auf Down In Albion beim Abstieg in die Hölle zusehen ließ und auf Vinyl presste, was vom einstmals blue-eyed boy, dem stylish kid in the riot, dem Boy in the Band übrig geblieben war, und für jeden ersichtlich zu einem Wrack wurde, dessen einziger Halt seine Lieder sind, der eine Zeile wie „So fuck forever. If you don’t mind.“ mit einer – Paradox – aggressiven Gleichgültigkeit singen konnte und Glaubwürdigkeit innerhalb des Nichts („What’s the use between death and glory? I can’t tell between death and glory“) behielt, sehnt sich Barat nach den Good Old Days. Wenn es bei Pete mehr denn je if you’ve lost your faith in love and music the end won’t be long heißt und zweifelsohne klar ist, dass nur die beiden, Love and Music, ihn halten, ist Carl der romantischen Verklärung des Vergangenen letztendlich wohl sogar näher.

Well, tell me baby, how does it feel?
I know you like the roll of the limousine wheel

Natürlich kann man ihm auch Kalkulation vorwerfen: die Libertines, die Tragik des Scheiterns, ohne die England eben nicht mit all den unfassbar erfolgreichen Gitarrenbands überschwemmt wäre… die Libertines, die doch eigentlich da stehen müssten wo die Arctic Monkeys jetzt thronen, ohne die es die Razorlights dieser Welt nie geschafft hätten… sie haben immer im rechten Zeitpunkt alles hergeschenkt. Kann man Barat nun böse sein, wenn er die Früchte einsammeln mag, in dem er mit „Waterloo To Anywhere“ ein Album im Geiste von Up The Bracket veröffentlicht? Wenn er all das holprig-stolpernde, das Peter in die Beziehung einbrachte, das auf Down In Albion ohne das Korrektiv Barat erstmals ungeschönt zu Tage trat, aber sehr wohl schon als Writing On The Wall auf „The Libertines“ nicht zu übersehen war, weglässt und im übertragenen Sinne wie in seinem signaturetune wieder „I get along, singing my song. People tell me I’m wrong. Fuck ’em“ singt? Eigentlich nicht, denn: you fucking love it. Don’t you?

A problem,
here comes a problem

Eigentlich. Denn im Grunde bricht es nur wieder das Herz, aufs neue. Gerade weil Waterloo To Anywhere so sehr im Geiste von Up The Bracket gespielt ist, aber Doherty in jeder Sekunde fehlt. Klar, Deadwood, Bang Bang You’re Dead oder Gin & Milk, auch You Fucking Love It sind allesamt Songs klassisch britischen Punks, wie sie seit 1977 selten besser gemacht wurden und es macht eine unheimliche Freude, Carl wieder unbelastet aufspielen zu hören, aber ist manchmal zu nahe an Up The Bracket, als dass man jemals die Libertines verdrängen könnte.

And everywhere I’m walking like a cyclone.
But don’t mind me.

Hat man sich auf Down In Albion gewünscht, einer (Barat) würde kommen, Pete am Kragen packen und durchschütteln, wieder gerade hinstellen und die Crackpfeife aus der Fresse schlagen, damit wenigstens etwas Ordnung in dieses himmlische Chaos käme, so sehnt man sich andererseits bei den Dirty Pretty Things, dass Doherty durch den Raum stolpert, über den Mikrofonständer fällt und Barat ein Book Of Albion, ein Tagebuch mit hunderten kaum leserlichen Lyrics in die Hand drückt, damit auch Carl etwas zu sagen hat, wenn er singt.

Don’t look back into the sun
now you know that your time has come
and they said it would never come for you

Zwingt man sich, die Dirty Pretty Things als neue Band zu sehen und versucht trotz aller Ähnlichkeiten das erdrückende Libertines-Bild aus dem Kopf zu verbannen, dann bleibt am Ende ein Triumph für Barat stehen. Dass Waterloo To Anywhere kaum nach nirgendwo, sondern geradewegs to success führt, bedarf keiner prophetischen Künste. Die Dirty Pretty Things werden hinsichtlich der Vekaufszahlen aus 12 Meter auf die Babyshambles pissen, keine Frage. Dass die Lyrics nie Dohertys Höhen erklimmen, geschenkt, dafür haben wir dessen Akustikpaket und nehmen mit Freuden wahr, dass Herr Doherty zwischen all den Gerichts- und Gefängnisaufenthalten, Grazbesuchen und Paparazzijagden wieder Zeit findet, Songs zu schreiben: das im Januar debutierte „The Blinding“ ist der beste Beweis.

Es bleibt schmerzenden Herzens anzuerkennen, dass 2+2 eben nicht 5, sondern 3 ist: Barat und Doherty waren zusammen ein Songwriterduo, das die britische Rockmusik in diesem Jahrzehnt revolutionierte. Doch wie Lennon und McCartney waren sie zusammen ein Songwriterduo, das die britische Rockmusik revolutionierte – allein sind sie immer wieder zu faszinierenden Leistungen fähig, doch fehlt Doherty das Korrektiv, jemand der ihn hält, auf dass er sich nicht in den Abgrund stürzt und fehlt Barat das Chaos, die Willfährigkeit, sich in den Abgrund zu stürzen.

(Christian Ihle)

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Die Pete-Doherty-Woche? Was soll das bitte?

Die Zweifel, ob Mr Peter Doherty noch eine weitere Platte veröffentlichen würde, begleitet ihn bereits seit Jahren. Noch länger beschäftige ich mich mit dem Phänomen Doherty – genau genommen seit der Veröffentlichung der Libertines-Debütsingle im Jahr 2002.
Über die Jahre sammelten sich für verschiedene Publikationen immer wieder Texte an, die versuchten, den Doherty-Problemkreis zu erörtern. Da nun die dritte Phase des Doherty-Schaffens mit der Veröffentlichung des neuen Albums beginnt (das erste ohne Stammproduzent Mick Jones, das erste bei einem Major-Label, das erste, das tatsächlich in erster Linie erfolgreich sein will) folgt in dieser Woche eine kleine Rückschau auf frühere Texte.

Teil 1: Time For Heroes, Anfang 2005
Teil 2: Up The Bracket, Oktober 2002
Teil 3: The Gang Of Gin. And Milk., April 2006
Teil 4: Why Did You Break My Heart?, Mai 2006
Teil 5: Anywhere In Albion, September 2006
Teil 6: König wider Willen, Februar 2007
Teil 7: Das Ende des Konjunktivs, Oktober 2007

Weiterlesen:
* My Favourite Records… mit Adam Ficek (Babyshambles)

Plattenkritiken:
* The Libertines – Best Of
* Babyshambles – Shotters Nation

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https://blogs.taz.de/popblog/2007/10/10/pete-doherty-woche-3-the-gang-of-gin-and-milk/

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