vonChristian Ihle 15.10.2007

Monarchie & Alltag

Neue Bands und wichtige Filme: „As long as the music’s loud enough, we won’t hear the world falling apart“.

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Dass von allen Zeitschriften ausgerechnet GQ zu Beginn 2007 bei mir anfragte, ob ich nicht einen Text über Doherty „jenseits aller Junkie-Klischees“ schreiben könne, verwundert dann doch. Nächste Woche: Warum Twin Peaks die beste Fernsehserie ever (EVER!) ist – in der Men’s Health…
Später wurde dieser Text im leichten Remixgewand auch in einem kleinen, aber feinen Leipziger Fanzine veröffentlicht.

König wider Willen

„What a waster“ und „The man who would be king?” sind die Titel zweier Songs, die das Yellow Press-Phänomen Peter Doherty in einer Zeit schrieb, als er noch nicht mit Kate Moss liiert und der Hatz der Revolverblätter preisgegeben war. Beide spiegeln auch heute noch wieder, was Doherty ausmacht: Er ist die wichtigste Figur in der britischen Musikszene. Der Mann, dem alle zu Füßen liegen würden, wenn er nur nicht den Hang hätte, alles wieder aufs Neue zu versauen. Der Mann, der König sein könnte.

The Good Old Days

In seinen frühen, guten Tagen war Doherty noch der Sänger, Cheftexter und Gitarrist der Libertines, der wildesten und besten britischen Band seit den Stone Roses oder den Smiths. Im Jahr 2007 ist er der „Junkie-Freund“ von Kate Moss und bestenfalls noch als Frontmann der Babyshambles bekannt, einer chaotischen Truppe, die trotz der ubiquitären Medienpräsenz ihres Sängers kaum Platten verkaufen kann und in deren Line-Up es mehr Umbesetzungen als auf Borussia Dortmunds Trainerbank gibt.

Dabei fing alles so gut an. 2002 erschien „Up The Bracket“, das Debütalbum der Libertines, und es war, worauf ganz England gewartet hatte: eine britische Antwort auf die New Yorker Band The Strokes, die damals auf der Insel Massenhysterie auslöste. Eine Band urbritischen Zuschnitts zudem, die sich gleichermaßen aus dem Agitprop der Jam, der Garagenräudigkeit der Clash, der präzisen Beobachtungsgabe der Kinks wie der Schöngeistigkeit der Smiths speiste.

Auch über die Musik hinaus reichte der Einfluss der vier Briten: Die Libertines waren die ersten, die das Prinzip Internet verstanden und weit vor MySpace die offene Kommunikation mit ihren Fans suchten. Vor allem gelang es ihnen, diese virtuellen Bande in das echte Leben hinüberzuretten. In ganz London spielten sie spontane Guerilla-Gigs, die sie vorab nur ihrer Fanschar im Netz angekündigt hatten – in winzigen Pubs, in den Wohnzimmern der Fans oder gar gleich zu Hause, in den so genannten „Albion Rooms“.

Die Libertines wurden zum Zentrum einer jungen, sich etablierenden Szene Londons. Als 2004 das Zweitwerk veröffentlicht wurde, waren die Erwartungen enorm. Wieder bestätigten die Libertines all ihre Vorschusslorbeeren und feierten ihr erstes Nummer-Eins-Album. Doch die Drogensucht Dohertys nahm zu und mit ihr die bandinternen Spannungen, was in dem Einbruch Dohertys in die Wohnung seines Bandmitglieds und alten Freundes Carl Barât gipfelte. In dessen Folge verbrachte er auch das erste Mal Zeit hinter Gittern.

What Katie Did

Die Libertines waren Geschichte, doch Doherty eroberte Kate Moss’ Herz – und von nun an findet der Rock’n’Roll-Zirkus unter dem Brennglas der britischen Tabloids statt, die die deutsche Boulevardpresse traditionsgemäß an Schärfe und Hetze noch übertreffen. Obwohl Doherty natürlich weiter Musik veröffentlicht, liest man nur noch Geschichten über Kate, Crack und Kokain.

Doherty war früher bereits kein Kind von Traurigkeit, doch seit Beginn der Kate-Liaison steht sein Leben derart im Blickfeld der Öffentlichkeit, dass selbst der Elton John hörende Sun-Leser von nebenan mit dem fertigen Typen an der Moss’schen Seite etwas anfangen kann.

Leider allerdings nicht mit seiner Musik, die er nun unter dem Banner der Babyshambles veröffentlicht, die hervorragend wie verstörend ist, nihilistisch in der einen Minute, lebensbejahend in der nächsten und einen Blick in den Abgrund, in die Tiefe erlaubt, aber von kaum jemandem gekauft wird. Deshalb ist auch der zynische Vorwurf, Doherty würde das Rocknrollertum nur inszenieren, falsch: warum auch, er hat ja nichts davon.

Doch immer, wenn man wieder einmal die Hoffnung aufgegeben hat, Doherty würde sein Versprechen einlösen und die britische Popmusik zu neuen Höhen führen, gelingt es ihm erneut, alle zu überraschen.

Rückkehr der Libertines

Er stellt ein komplettes Album mit unveröffentlichten Songs kostenlos ins Internet, das so gut ist, dass es bei vernünftigem Marketing seine künstlerische Renaissance bedeutet hätte. Oder er spielt – wie Mitte April in London – aus dem Nichts, unangekündigt und völlig überraschend zum ersten Mal seit drei Jahren ein Konzert mit seinem früheren Bandkollegen und Mitsongwriter Carl Barât. Die Folge war ein mittleres kulturelles Erdbeben auf der Insel, das wieder einmal beweist: Er ist the man who would be king. Wenn er nur wollte.

(Christian Ihle)

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Die Pete-Doherty-Woche? Was soll das bitte?

Die Zweifel, ob Mr Peter Doherty noch eine weitere Platte veröffentlichen würde, begleitet ihn bereits seit Jahren. Noch länger beschäftige ich mich mit dem Phänomen Doherty – genau genommen seit der Veröffentlichung der Libertines-Debütsingle im Jahr 2002.
Über die Jahre sammelten sich für verschiedene Publikationen immer wieder Texte an, die versuchten, den Doherty-Problemkreis zu erörtern. Da nun die dritte Phase des Doherty-Schaffens mit der Veröffentlichung des neuen Albums beginnt (das erste ohne Stammproduzent Mick Jones, das erste bei einem Major-Label, das erste, das tatsächlich in erster Linie erfolgreich sein will) folgt in dieser Woche eine kleine Rückschau auf frühere Texte.

Teil 1: Time For Heroes, Anfang 2005
Teil 2: Up The Bracket, Oktober 2002
Teil 3: The Gang Of Gin. And Milk., April 2006
Teil 4: Why Did You Break My Heart?, Mai 2006
Teil 5: Anywhere In Albion, September 2006
Teil 6: König wider Willen, Februar 2007
Teil 7: Das Ende des Konjunktivs, Oktober 2007

Weiterlesen:
* My Favourite Records… mit Adam Ficek (Babyshambles)

Plattenkritiken:
* The Libertines – Best Of
* Babyshambles – Shotters Nation

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