vonChristian Ihle & Horst Motor 26.11.2007

Monarchie & Alltag

Neue Bands und wichtige Filme: „As long as the music’s loud enough, we won’t hear the world falling apart“.

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The Libertines – Time For Heroes: The Best Of

2002. Zwei Jungs und ihre beiden Freunde veröffentlichen endlich ihre Debütsingle auf dem hochgeschätzten Rough Trade Label, der Mutter aller Independent-Firmen Englands, erzählen in Interviews herrlichen, undruckbaren Unsinn über gay sex und rent boys, albion und arcadia, verhindern dank des Ausdrucks „two bob cunt“ jegliches Radioairplay ihrer Debütsingle und spielen bei ihrem ersten Vorband-Gig bei den in England zur damaligen Zeit enorm erfolgreichen The Vines statt ihrer Songs einen einzigen 20-minütigen-Jazz-Jam bis sie von der Bühne gebuht werden.
2007. Der ehemalige Sänger der oben genannten Band steht an Bekanntheit Elton John nicht nach, hatte das berühmteste Model der Welt zur Beinahefrau, veröffentlicht zum ersten Mal auf einem Majorlabel ein Album, das niemanden erschreckt, wirkt bei den MTV EMA Awards wie der nüchternste und vernünftigste Musiker in einem Panoptikum an zugedröhnten Rockgestalten und seine vormalige Band, die Retter der Romantik des Rock’n’Roll, veröffentlichen eine Best Of Compilation.
You’ve come a long way, baby.

Nun also “Time For Heroes: The Best Of The Libertines”. Und Time for heroes ist es, fürwahr. Ein Best Of Album kann maximal so gut sein, wie der Pool an Songs, den die Band in ihrer Lebenszeit schrieb. Um es kurz zu machen: The Libertines belegten drei Jahre in Folge bei meinen Endjahreslisten Platz 1: von der Offenbarung der Debütsingle „What A Waster“ 2002 zum schnellen Fix zwischen zwei Alben „Don’t Look Back Into The Sun“ 2003 bis zum bitteren Farewell „What Katie Did“ 2004. Nichts hatte in meinen letzten fünf Lebensjahren soviel Bedeutung und Einfluss wie die Songs von Doherty und Barat. Da kann eine Best Of doch nur überwältigen?
Der Titel „Time For Heroes“, Name des vielleicht zentralen Songs der Libertines-Geschichte, ist in genau der angemessenen Art pathetisch und steht natürlich auf der Haben-Seite. Realismus war nie Dohertys Ding, die Illusion und Selbstmystifikation dagegen umso mehr. Zudem hätte „Up The Bracket“ als Titel verwirrt, „What A Waster“ fehlgeleitet, „Mayday“ eventuell neue, aber unzufriedene Hörergruppen erschlossen… Rough Trade hat die richtige Wahl getroffen.
Die Songs stehen selbstredend außerhalb jeder Diskussion, sie klingen frisch wie aus dem Presswerk. Ob die wilden, chaotischen Punk-Songs „Mayday“, „The Delaney“ (beides frühe b-Seiten) oder „What A Waster“, die späten, wehmütigen Abschiedsnummern „Can’t Stand Me Now“ und „What Became Of The Likely Lads“ oder die verquere Popbrillanz von „Time For Heroes“ und „Don’t Look Back Into The Sun“ – nichts im britischen Pop des letzten Jahrzehnts kann diesen Liedern das Wasser reichen. Über die beiden letztgenannten schrieb der NME wunderbar treffend sie wären voll von „teary-eyed, blood-stained magical whimsy that made Shakespeare readers of a generation of Oasis fans“. Vielleicht die schönste Definition, warum The Libertines tatsächlich einst eine Band waren, deren Einfluss weit über ihre Musik hinausging.
Aber abgesehen von der durchgehenden Brillanz der Songs, wozu sollte irgendjemand dieses Album kaufen wollen? Zwei Alben und zwei zusätzliche Singles – exakt so lang ist die offizielle Libertines-Release-Geschichte, wohingegen die inoffiziellen oder obskureren Veröffentlichungen eine ganz andere und vor allem viel längere Story erzählen würden, die so viel mehr zu bieten hätte als dieses Album.
Wer immer in den letzten 5 Jahren britische Musik gehört hat, wird den Libertines begegnet sein. The Smiths 1983, The Stone Roses 1989, Oasis 1995, The Libertines 2002. Man kam nicht daran vorbei und kennt diese Songs, liebt sie oder hasst sie. Wenn Du, armes Leserschwein, tatsächlich die halbe Dekade unter einem Stein gelebt haben solltest und den Werdegang der Libertines nicht verfolgen konntest, ist Dir nur anzuraten, dich stante pede in den nächsten Onlineshop zu begeben und das Debütalbum zu kaufen, um die Entwicklung und letztendlich auch die Größe der Band verstehen zu können. Erst wenn Du weißt, wo die Libertines bei „Up The Bracket“ waren, wirst Du verstehen können, warum unser Herz zerriss als sie „What Became Of The Likely Lads“ sangen. Und im Grunde geht es auch den langjährigen Bewunderern nicht anders: das Best Of Album provoziert ja doch nur, „Up The Bracket“ aus dem Regal zu holen, den Regler auf 11 zu stellen, den Gin zu öffnen und die ersten Bloodpaintings zu erstellen.
Letzten Endes passt die Compilation natürlich zu Doherty/Barat: was die Zuneigung zu den Libertines immer über einfache Bewunderung zur Liebe erhob, war das ewige Scheitern, das nie ankommen, das „snatching defeat from the jaws of victory“ Prinzip. Kein Wunder also, dass auch ein Best Of Album scheitert.
„Time For Heroes“ wird nicht die letzte Veröffentlichung aus dem Libertines-Backcatalog sein, aber mit Sicherheit die unwichtigste. Wir warten auf eine B-Seiten-Sammlung (und lasst euch gesagt sein: sie wäre besser als das zweite Libertines-Album), meinetwegen ein Akustik-Sessions-Best-Of oder, endlich, das wahre Debütalbum: die Legs 11 Demos, die nicht einmal im Netz vollständig zu haben sind, die Libertines vor der Strokesifizierung zeigen und einen völlig neuen Blick auf Doherty und Barat erlauben. Plattenfirmen dieser Welt: es gibt genügend Schätze, die es zu veröffentlichen gilt – also lasst uns so lange unser Geld. Wir kaufen, wenn ihr liefert. (Christian Ihle)

Anhören:
* What A Waster
* Time For Heroes (hier)
* Don’t Look Back Into The Sun (hier)

Im Netz:
* Indiepedia

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Scout Niblett – This Fool Can Die Now

Wäre Scout Niblett ein Vogel, wäre sie winzig, rot-schwarz, depressiv und überall zuhause. Dabei lächelt die Songwriterin aus Portland auf fast jedem Photo. Grund: ein starkes viertes Album.

Da hat sich die zarte Songwriterin aber etwas ausgedacht: einfach mal bei Will Oldham anfragen, ob das denn geht. Mit Zusammenarbeit, und so. Dass Bonnie „Prince“ Billy überhaupt ein Telephon besitzt und dann auch noch rangeht, ist schon ein Wunder. Aber dass er seinen
schmächtigen, ausgezehrten Songwriterkörper auch noch ins Studio schleppt – das grenzt an ein Wunder. Auf „This Fool Can Die Now“ geben die beiden insgesamt vier Duette – zwei davon Cover – und sie gehören zu den besten Stücken des Albums. In ihnen herrscht so viel brüchige
Lebensweisheit, die ansteckt und beflügelt, zwischen dumpfen Gitarrenriffs und Streichern hervorquellend, immer am Rande des Wahnsinns, kurz vor dem Abstieg in die menschliche Vorhölle. Klar, wer sich auf dem Cover mit Laserstrahl aus den Augen und im Booklet mit Bergziege ablichten lässt, liefert nicht gerade amerikanischen Proto-Folk.

Aber das sollte man inzwischen von Scout Niblett gewohnt sein. Leider lässt sich auch feststellen, dass „This Fool Can Die Now“ am Ende etwas ausfranst und an Gewicht verliert. Das liegt weniger an Oldhams Präsenz am Anfang des Albums als vielmehr an Nibletts gar so exaltierter Weltfremdheit. Trotzdem: mit ihrem vierten Werk hat sie wohl ihr bestes geliefert. Wenn jetzt nicht, wann dann? Bei solcher Prominenz? (Robert Heldner)

Anhören:
* Kiss
* Moon Lake

Im Netz:
* Homepage
* MySpace

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Rilo Kiley – Under the Blacklight

„More Adventurous“ aus dem Jahr 2004 wirkt heute wie ein Omen. Der Bruch beschränkte sich damals noch auf den Wechsel zum Major. Bei „Under The Blacklight“ wirkt er sich jetzt auch auf das musikalische Schaffen aus.

Arme Jenny Lewis. Ihre Rolle im Showbusiness hat sie noch immer nicht gefunden. Entrückt wirkte die Ex-Kinderschauspielerin zwar schon immer, inzwischen hat sie aber so viele musikalische Rollen gespielt, dass man ihr eine eigene Persönlichkeit kaum mehr abnimmt. Zumindest wenn sie so offensiv ausgespielt wird wie auf dem vierten Album. Statt Folk und Country hat Lewis sich jetzt ins Glitzerkostüm geworfen. Und das ist an einigen Stellen viel zu eng. Rilo Kiley sind jetzt keine knuffige Indie-band auf Saddle-Creek mehr, sondern eine bombastische Disco-Albernheit mit großem Plattenlabel im Rücken. Kein Wunder, dass
sich die Klischees vom Ausverkauf an Majors immernoch so hartnäckig halten, wenn unter deren Ägiden solche Alben veröffentlicht werden. In amerikanischen Blogs wird ja gern mal geschimpft – aber bei Rilo Kiley wurde der Ton verächtlich. Und das hat einen ganz einfachen Grund:
„Under the Blacklight“ ist das schlechteste Rilo Kiley Album. Und es ist Disco.

Fatal. Da kann Jenny Lewis noch so gute Texte schreiben, das neue Werk wirkt uninspiriert und anbiedernd. Die Single „Moneymaker“ war ein Fehlgriff mit nettem Hook, „Breakin Up“ allerdings so konstruiert, wie man sich den Pop vom Kiley’schen Kaliber nie und nimmer vorgestellt hätte. Das Abba’eske „Give a Little Love“ beerdigt am Schluss dann auch das fehlerhafteste Album der Bandgeschichte. Man muss kein brennender Traditionalist sein, wenn man fordert: weg mit den Synthies, zurück zur Gitarre. Das war nämlich immer durch die Bank gelungen. Die Songs „The Angels Hung Around“ und „Silver Lining“ beweisen das und rufen glanzvolle Zeiten in Erinnerung. (Robert Heldner)

Anhören!
* Moneymaker
* Silver Lining

Im Netz:
* Homepage
* MySpace
* Indiepedia

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