vonChristian Ihle 16.03.2010

Monarchie & Alltag

Neue Bands und wichtige Filme: „As long as the music’s loud enough, we won’t hear the world falling apart“.

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Respekt? Respekt? Na dann viel Spaß! Respekt? Respekt? Wofür denn das! Respekt? Respekt? Na dann viel Spaß! Dein scheiß Respekt, was bringt das? Respekt? Respekt? Verpiss dich bloß! Ehre? Ehre? Wenn ich das schon höre! Ehre? Ehre? Wenn ich so einen Scheißdreck höre! Jetzt hör mir mal zu, du Arsch!

… schreit uns Peter Hein in der letzten halben Minute des neuen Fehlfarben-Albums „Glücksmaschinen“ entgegen. Und ganz ehrlich: gibt es etwas beeindruckenderes als eine Gruppe alter Männer, die sich immer noch auflehnen, die eben nicht akzeptieren wollen?

fehlfarben

Und genau darum geht es Fehlfarben 2010. Schon im Titelsong „Glücksmaschinen“ seziert Hein Lebenswege früherer Mitstreiter. Damals auf den Barrikaden stehend, heute die Kinder hüten. Den Garten pflegen. Nicht mit Hein, er ist immer noch da draußen, das latent soziopathische seines Charakters schlägt wieder und wieder durch.

Glücksmaschinen ist nun bereits das dritte Album seit der Fehlfarben-Reunion Anfang des letzten Jahrzehnts, zählt man Live- und Tribute-Werke mit, sind wir gar schon bei Veröffentlichung Nummer Fünf. Und, es mag ein schlimmes Zeugnis für die jüngeren Kollegen sein, spätestens mit „Glücksmaschinen“ sind die Fehlfarben bissigere Kommentatoren unserer Zeit geworden als die vielen anderen, an die doch eigentlich schon vor 20, 25 Jahren die Fackel weiter gereicht wurde, mit der man das Scheißsystem hätte anzünden sollen!

Neben Hein leben die Fehlfarben 2010 musikalisch vor allem vom Basspiel Michael Kemners und den (prägnant auf den Punkt produzierten) Keys & Synthies von Pyrolator. Überhaupt ist Produzent Moses Schneider nach dem neuen Tocotronic-Album gleich ein weiterer Geniestreich gelungen, der den orientierungslos mäandernden Sound des Fehlfarben-Vorgängeralbums vergessen lässt.

Was sich allerdings das Label Tapete und/oder die Band dabei gedacht haben, ausgerechnet den zweitschlechtesten Song des Albums, den beeindruckend öden Stampfer „Wir warten“ als Single auszukoppeln, bleibt ein Rätsel. Schlimmer sind nur noch Heins Überlegungen zu Facebook und Internetüberwachung, bei denen man ihm dann doch zurufen möchte: „Lass gut sein, Opa!“ – aber wenn’s um das Leben 1.0, die echte Welt da draußen und um uns alle geht, die wir in der „Stadt der 1000 Tränen“ leben müssen, da ist Peter Hein immer noch der direkteste Kommentator, den wir hierzulande haben. Respekt! Respekt? Dein scheiß Respekt, was bringt ihm das? Mal lieber die Platte kaufen, wenigstens dieses Mal!

Anhören:
* Respekt
* Glücksmaschinen
* Stadt der 1000 Tränen (hier als kostenloser Download)

…alle jedenfalls weit besser als das hier:
[youtube]http://www.youtube.com/watch?v=-Zi5HK6L3Ao[/youtube]

Fehlfarben im Popblog:
* Das Nein als Prinzip: Fehlfarben in concert
* Album des Monats Februar 2009 – Platz 2: „Hier und Jetzt – Live“
* Plattenkritik Handbuch für die Welt
* Die 10 besten Songs 2009

Im Netz:
* Indiepedia
* MySpace

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