vonChristian Ihle 21.02.2012

Monarchie & Alltag

Neue Bands und wichtige Filme: „As long as the music’s loud enough, we won’t hear the world falling apart“.

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„Als Pfarrer mit Reiseprivilegien begann Gauck ziemlich genau zu dem Moment lautstark gegen die DDR zu protestieren, als dies nichts mehr kostete, um sich hernach mit umso größerem denunziatorischen Eifer an die Aufarbeitung der DDR-Geschichte zu machen. (…) Freilich hat sich Gauck nicht erst nach seiner gescheiterten ersten Kandidatur ideologisch zwischen Martin Walser, Erika Steinbach und Stefan Effenberg verortet. Ein reaktionärer Stinkstiefel war er schon vorher.


So mag der künftige Bundespräsident keine Stadtviertel mit „allzu vielen Zugewanderten und allzu wenigen Altdeutschen“, will das „normale Gefühl“ des Stolzes aufs deutsche Vaterland „nicht den Bekloppten“ überlassen, missbilligt es, „wenn das Geschehen des deutschen Judenmordes in eine Einzigartigkeit überhöht wird“, besteht darauf, dass der Kommunismus „mit ausdrücklichem Bezug auf die DDR als ebenso totalitär eingestuft werden muss wie der Nationalsozialismus“, trägt es den SED-Kommunisten nach, das „Unrecht“ der Vertreibung „zementiert“ zu haben, indem „sie die Oder-Neiße-Grenze als neue deutsch-polnische Staatsgrenze anerkannten“, und fragt – nicht ohne die Antwort zu kennen –, „ob Solidarität und Fürsorglichkeit nicht auch dazu beitragen, uns erschlaffen zu lassen“.

Einem Apparatschik wie Wulff hätte man es hundertmal um die Ohren gehauen, Leichenberge mit Aktenbergen zu verwechseln oder alleinerziehenden Stützeempfängerinnen mangelnden Schwung vorzuhalten.
(…)

Deswegen merkt auch kaum jemand, wie viel antidemokratisches Ressentiment im Gerede vom „Konsenskandidaten“ steckt, das Gauck ins Amt tragen wird; wie viel von der autoritären Sehnsucht wenn nicht nach dem Führer, so doch wenigstens nach dem Kaiser, der mit sonorer Stimme und nachdenklicher Miene vermeintlich tabubrecherische, in Wahrheit aber gefällige Ansichten zum Besten gibt.
(…)

Schade ist nur, dass er nicht gleich am Donnerstag auf der Gedenkfeier für die Opfer der Nazimorde anstelle von Wulff in die Bütt gehen wird. Andererseits: Der nächste Dönermord oder eine andere Gelegenheit, um Ausländern die Meinung zu geigen, Verständnis für die Überfremdungsängste seiner Landsleute zu zeigen, die Juden in die Schranken zu weisen und klarzustellen, dass Nationalsozialisten auch nur Sozialisten sind, findet sich ganz bestimmt.“

(Deniz Yücel wettert in der TAZ mit verlässlichem Furor gegen den neuen Bundespräsidenten Joachim Gauck)

Edit: Hier übrigens eine ausführliche Analyse der oben genannten Zitate, die inhaltlich vielleicht erwähnt werden sollte.


Inhaltsverzeichnis:
* Teil 1: Alle Schmähkritiken über Bands, Künstler und Literatur
* Teil 2: Alle Schmähkritiken über Sport, Politik, Film & Fernsehen

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https://blogs.taz.de/popblog/2012/02/21/schmahkritik-478-joachim-gauck/

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kommentare

  • Schmähkritiken poste ich grundsätzlich wegen ihres Furors oder ihrer Wortgewandtheit, nie wegen ihres Inhaltes.
    Deshalb sind sie auch immer unkommentiert und als Zitat. Deshalb auch kein Widerspruch per se heute.

    Ich finde es unabhängig davon, aber durchaus legitim unter der Schmähkritik auf den Kontext der Zitate hinzuweisen, auf dass sich dort wiederum jeder sein eigenes Bild machen kann. Die Schmähkritik ist aber unabhängig vom Inhalt hier zurecht, weil sie so schön wütend ist.

  • Lieber Peter, Yücel ist in Deutschland geboren und besitzt die deutsche Staatsbürgerschaft und sehr religiös wirkt er auf mich offen gesagt nicht. Aber hierzulande muss man wohl schon Horst, Werner oder eben Peter heißen um als Deutscher anerkannt zu werden.

    Darüberhinaus sind Gaukcs dezidiert rechte Positionen schon lange bekannt, weswegen es auch nichts bringt, diese in rigendeinem „Kontext“ zurechtrücken zu wollen.

  • Ist es jetzt schon wieder cool, Gauck doch cool zu finden? Oder ist bei Ihnen, Christian Ihle, heute Gegenteiltag? Der Blog von Breitenbach, auf den Sie, Christian Ihle, verweisen, und Analyse verspricht endet stets im subjektiven: Jedenfalls kann ich (also Breitenbach) dieses und jenes soooo nicht herauslesen. Supi Arbeit von Euch, Jungens!

  • Der Herr Yücel zieht in einer art über den neuen BP her, die die ganze wut der Linken zeigt einen ungeliebten Kandidaten nicht verhidern zu können.
    Also wenn schon nicht verhindern, dann auf bekannte art mit Dreck
    werfen.
    Besonders schlimm, der Versuch in diesem zusammenhang die Nazimorde zu erwähnen und die gesamte Bevölkerung als doof hinzustellen, denn wenn sich alle einig sind, wird in Deutschland der falsche gewählt.
    So denkt und schreibt Yücel.
    Wenn er schon die Nazimorde erwähnt, sollte er vielleicht maldarüber nachdenken, daß in dieser zeit in Deutschland von seinen Glaubensbrüdern und Landsleuten etwa 300 sogenannte Ehrenmorde verübt worden.
    Für mich fallen solche Ehrenmorde auch in die kategorie Rassismus und Fremdenfeindlichkeit, werden doch damit Menschen hingerichtet, die nichts weiter verbrochen haben, als leben zu wollen, wie in Deutschland üblich.

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