vonChristian Ihle 19.08.2014

Monarchie & Alltag

Neue Bands und wichtige Filme: „As long as the music’s loud enough, we won’t hear the world falling apart“.

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Was es hierzulande praktisch nie gibt: einen genuinen Hype um eine junge Gitarrenband, die gerade ihr Debütalbum veröffentlicht. Und es mag ja auch sein, dass Hypes eher kritisch beäugt werden, aber manchmal würde es der hiesigen Szene schon gut tun, wenn sich alle mit Begeisterung auf eine neue Band werfen würden, statt drei Jahre und zwei Alben zu warten bis man auch wirklich sicher ist, dass die Gruppe gut und hochwertig ist, dass man auch ja nicht vorschnell begeistert war.

Umso bemerkenswerter ist deshalb das Raunen, das von Woche zu Woche stärker wird, je näher der Release des Debütalbums von Trümmer rückt. Die drei Hamburger sind schon fast zwei Jahre ein „Geheimtipp“ (bei uns einst als next big things im Frühjahr 2013 gehandelt), haben ihre Debütsingle im letzten Jahr veröffentlicht und kommen nun nach längerem Prozess doch erst jetzt bei ihrem ersten Platte an. Und, meine Herren, was ein Debütantenball!

Was die Gruppe um Sänger und Gitarrist Paul Pötsch auf ihrem ersten Album vorstellen, kommt einem Erdbeben gleich. Wann gab es zuletzt klassischen Indie-Rock mit solch sehnenden Texten, einem natürlichem Pathos und dieser geilen wilden Jugendlichkeit, wann?!? Das Wunderbare dabei ist, dass Pötschs Texte auch immer mehr wollen als nur die eigene Befindlichkeit zu besprechen und ein wenig Herzensglück zu ernten. Sie halten so Abstand zum Backstein-Pathos von Tomte oder Kettcar. Die gestreckte Faust wird immer mitgedacht, dem Aufruhr das Wort geredet.

If you want to fuck the system / You have to fuck yourself:

Ich weiß nicht mehr wohin
und ich weiß nicht mehr wo lang
und ich starte die Revolte
und ich setz das Land in Brand

und ich weiß nicht mehr wo lang
und nicht ganz genau wo hin
lieber ein offenes Ende
als ein Leben ohne Sinn

Lasst uns zur Sonne rennen
aus Worte werden Taten
ich will lieber verbrennen
als ewig hier zu warten

Pötsch ist hier ganz bei Rio Reiser, dem vielleicht letzten, der Poesie, Pathos und Revolte so zusammendenken konnte. Auch sonst werden die Referenzpunkte nicht kleiner. Musikalisch ist sicher Kante zu ihren besten Zeiten, circa „Tiere sind Unruhig“, ein Andockpunkt wie selbstredend auch die mittleren Blumfeld.

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In ihren besten Momenten, bei „Revolte“ und „Morgensonne“, bei „Wo ist die Euphorie?“ und der „1.000 Kippe“, ist diese Trümmer-Platte so wichtig und gut wie Tocotronics Frühwerk, „Keine Macht Für Niemand“ von den Scherben und Blumfelds „Old Nobody“. Ja, das letzte Drittel des Albums entwickelt nicht ganz die Wucht des Anfangs und stoppt Trümmer vielleicht kurz davor, bereits jetzt schon ihr erstes Meisterwerk abzuliefern, aber andererseits ist der Schlußsong „Morgensonne“ so Tränen-in-die-Augen-treibend-gut, dass wir hier vom legitimen Nachfolger von „Kommst Du Mit In Den Alltag“ (Original von Jetzt!, Cover von Blumfeld) sprechen dürfen.

Einem herausragenden heimischen Musikjahr mit bereits vier bemerkenswert guten Platten (Ja Panik. Die Heiterkeit. Die Nerven. Human Abfall) setzen Trümmer die Krone auf. Und im Gegensatz zu den meisten anderen Bands hat man das Gefühl, diese Trümmer könnten auch aus dem Nischenhörerghetto ausbrechen, könnten übersetzen, könnten vielleicht auch all die Tauben und Doofen da außen erreichen und so zu einer Band werden, die einer ganzen Generation eine Platte schenkt und sie auf den richtigen Weg bringt.

Setzt das Land in Brand!


(9/10)

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