vonSchröder & Kalender 07.07.2019

Schröder & Kalender

Seit 2006 bloggen Schröder und Kalender nach dem Motto: Eine Ansicht, die nicht befremdet, ist falsch.

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Der Bär flattert in östlicher Richtung.
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Es begann mit einer Veranstaltung bei Siegfried Lokatis. Der Professor für Buchwissenschaft an der Universität Leipzig hatte uns im März 2017 in sein Bibliotop in der Hainstraße eingeladen. Später fädelte er die Übernahme des März-Archivs an die Universitätsbibliothek Leipzig ein.
Wie es weiterging: Anfang des Jahres 2019 übernahm die Universitätsbibliothek Leipzig – genauer: das Sondermagazin in der berühmten Bibliotheca Albertina – das Archiv der MÄRZ Gesellschaft e.V. Berlin. Dazu gehören Erst- und Lizenzausgaben, Sekundärliteratur, Herstellungs-, Vertriebs- sowie Buchhaltungs- und Firmenunterlagen. Außerdem erhält die UB Leipzig die Korrespondenz und die Redaktionszustände der Folgen von ›Schröder erzählt‹ seit 2005 sowie MÄRZ-affine Kunstwerke – also praktisch alles, was mit unserem Lebenswerk zusammenhängt, zu dem als ein Schwerpunkt auch das grafische Werk von Jörg Schröder gehört, nämlich dessen gelb-rot-schwarzes MÄRZ-Design.

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v.l.n.r.: Jörg Schröder, Thomas Fuchs und Martin Hochrein im Februar 2019 beim Sichten der Exponate.
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Martin Hochrein ist wissenschaftlicher Mitarbeiter der Buchwissenschaft und hat die Texte zur März-Ausstellung verfaßt in Zusammenarbeit mit den Studentinnen und Studenten der Buchwissenschaft: Ann-Marie Amthor, Lena Bichler, Maike Bretnütz, Esperanza Durann Santos, Annika Franz, Nathalie Hartdstock, Scott Heinrichs, Zhiyuan Lou, Josephin Oehme, Nele-Marie Rebmann, Stella Saric, Paul Schiller und Yezi Xia.

Die Ausstellung »Politische Literatur & unpolitische Kunst. 50 Jahre März Verlag – 100 Jahre Karl Quarch Verlag« wurde am 4. Juli 2019 im Vortragssaal der Bibliotheca Albertina eröffnet.

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Die Universitätsbibliothek Leipzig ist ist eine der ältesten Bibliotheken Deutschlands.

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Wir reisten früher an, um uns in Ruhe das Gebäude und die Räume anzusehen. Wir waren beeindruckt von der Modernität der schönen Lesesäle, die sämtlich mit WLAN/LAN und Buchscannern ausgestattet sind. Öffnungszeiten: von 8 bis 24 Uhr.

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v.l.n.r. Bibliotheksdirektor Prof. Dr. Ulrich Johannes Schneider, Barbara Kalender, Jörg Schröder und Prof. Dr. Thomas Fuchs, Leiter der Sondersammlungen und einer der beiden Ausstellungskuratoren. Foto: Thomas Kademann
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Die Ausstellung wurde eröffnet von Professor Ulrich Johannes Schneider, der die Übernahme des März-Archivs spontan unterstützt hatte. Danach sprachen die Rektorin Frau Professor Beate Schücking und Professor Thomas Fuchs führte uns in die Ausstellung ein. Er organisierte auch die März-Einlieferungen.

Bereits im Jahr 1972 (also drei Jahre nach der Sezession vom Melzer Verlag) schrieb Karlheinz Bohrer in der ›Frankfurter Allgemeinen Zeitung‹: »Dem März Verlag, seinem Erfinder Jörg Schröder und einigen seiner literarischen Helfer verdanken wir die Kenntnis eines spezifischen Teils der nordamerikanischen Literatur der sechziger Jahre, die mit dem Schlagwort ›Neue Sinnlichkeit‹ nur ungenügend gekennzeichnet ist. Heute schon steht fest, dass Titel wie ›Acid‹, der von Rolf Dieter Brinkmann und Ralf Rainer Rygulla herausgegebenen Dokumentation dieser Literatur, dass Titel wie ›Schöne Verlierer‹ von Leonard Cohen, ›Die Wiederkehr des verschwundenen Amerikaners‹ von Leslie A. Fiedler und auch Edgar Snows ›Roter Stern über China‹, um nur einige zu nennen, zu jenen Büchern gehören, die eine Epoche repräsentieren, die nicht zu den beliebigen Eintags- und Jahresfliegen gehören, die nachwirken werden.« Diese prophetischen Worte haben sich bewahrheitet, repräsentarive Beispiele dafür stehen nun nach 50 Jahren in den Vitrinen der Leipziger Ausstellung.

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Leider etwas unscharf wegen der Beleuchtung, aber man kann sehen, wie Jörg Schröder sich freut.
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Tim Grützner und Barbara Kalender. Foto: Ivo Wessel
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Das Konzept der Doppelausstellung hat Tim Grützner sehr gut gelöst. Der Ausstellungsraum wurde farblich geteilt, die rechte Seite war dem Karl Quarch Verlag vorbehalten – weiß mit schwarzer Schrift (Suisse Works). Auf der linken Seite ist der März Verlag verortet, hier ist der Hintergrund schwarz mit weißer Schrift. In den Vitrinen leuchten die gelb-rot-schwarzen Bücher mit unserer Hausschrift (Block der Schriftgießerei Berthold).

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v.l.n.r.: Jörg Schröder und Ivo Wessel, der Informatiker und Sammler von Kunst und Literatur.

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Noch andere Freunde waren gekommen, deren Fotos wir leider nicht zeigen können. Es gab zu viel Gegenlicht im Ausstellungsraum. Unser Koautor Jan-Frederik Bandel lebt mittlerweile in Leipzig. Mit ihm werden wir am 15. Oktober um 20 Uhr im Café Alibi (UB Leipzig) über den März Verlag sprechen.

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v.l.n.r.: Mac SE und claire Lenkova.
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Die Illustratorin und Künstlerin steht neben dem Cover von ›Wenn Baby bellt‹, diese Titelillustration hatte sie für ›Schröder erzählt‹ angefertigt. In der Vitrine neben ihr prangt unser alter Mac SE, damit konnten wir 1990 unser Work in Progress ›Schröder erzählt‹ beginnen. Wie es damals anfing, darüber sprachen wir unter anderem mit Ulrich Johannes Schneider. Das Interview kann man im Katalog nachlesen. Die Überschrift lautet ›Vom Mythos leben und nicht von der Stückzahl‹.

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Sowohl in der Ausstellung als auch im Katalog sind sämtliche Siegfried-Ausgaben zu sehen. Die Siegfried-Neuausgabe erschienen zuletzt im Frankfurter Verlag Schöffling & Co. Sie enthält: Jörg Schröder erzählt Ernst Herhaus (366 Seiten)  sowie ›Das ganze Leben · Jörg Schröder Vita‹ aufgezeichnet von Barbara Kalender (173 Seiten mit zahlreichen Abbildungen). Das sind insgesamt 544 Seiten.

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100 Jahre Karl Quarch Verlag.

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Gegenüber der MÄRZ-Zeile sind die Vitrinen des Karl Quarch Verlags platziert, so wie im Katalog der Text über den Quarch Verlag im Gegenschuss-Verfahren eingerichtet ist. Der Grafiker, Graveur, Holz- und Stahlstecher Karl Quarch hatte ursprünglich eine Handelslehre absolviert. Er erwarb sich seine Grafikkenntnisse als Autodidakt – so wie Jörg Schröder auch. Daher war er uns von vornherein sympathisch.

In seiner Einleitung zum Katalogtext schreibt Thomas Fuchs: »›Kunst um der Kunst willen‹, das berühmte Motto des Filmstudios Metro-Goldwyn-Mayer behauptet, dass Kunst keiner weiteren Begründung außerhalb sich selbst bedürfe. Eine solche Kunstauffassung stand im Gegensatz zur politisch oktroyierten Kunstauffassung der DDR, dass die Kunst einem höheren Ziel zu dienen habe, dem Sieg des Sozialismus, dem Kampf der Arbeiterklasse oder der Erziehung zu sozialistischen Persönlichkeiten.«

Dagegen war das Lebens- und Werkmotto von Quarch »Kunst um der Kunst willen«, nämlich für jedermann und er realisierte diese Auffassung im Laufe seiner Karriere gegen alle Widerstände der Funktionäre mit 30 bibliophilen Grafikmappen, darunter auch Werke des wohl berühmtesten Grafikers der DDR Werner Klemke, der übrigens die zweibändige Ausgabe des ›Dekameron‹ von Giovanni Boccaccio illustrierte und auch die Gesamtausstattung des Werkes übernahm. Es wurde 1957 von der Offizin Andersen Nexö in Leipzig gedruckt und erschien gleichzeitig im Aufbau Verlag (Berlin DDR) und im Verlag Günther Edenbüttel-Marissal (Westberlin).
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Die abenteuerliche Fahrt des Quarch Verlags zwischen den Klippen, welche die DDR-Kunstfunktionäre ihm aufbauten, hat Thomas Fuchs sehr interessant geschildert. Insofern ist der Quarch Verlag entgegen dem Motto »unpolitische Kunst« doch auch ein politischer Fall – ebenso übrigens wie der März Verlag, der ja auch nicht nur »politische Literatur«, sondern auch sehr viel »Ars gratia artis« verlegte. Politisch ist eben alles, was Mühe und Arbeit kostet.

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Ausstellungsdauer: 5. Juli bis 3. November 2019
eine Ausstellung der Universitätsbibliothek Leipzig
täglich 10—18 Uhr, Eintritt frei

 

Kuratorenführungen:
18.07. und 19.09. um 18 Uhr
18.08. und 13.10. um 15 Uhr

Den Katalogteil ›Politische Literatur. 50 Jahre März Verlag‹ gab Martin Hochrein in Zusammenarbeit mit den Studentinnen und Studenten der Buchwissenschaft (siehe oben) heraus.
Den Katalogteil ›Unpolitische Kunst. 100 Jahre Karl Quarch Verlag‹ gab Thomas Fuchs heraus.

Vielleicht treffen wir uns demnächst in Leipzig? Wenn nicht, kann man alles auch im Katalog nachlesen. Jeder Buchhandlung kann den Katalog bestellen – ISBN 978-3-96023-275-9.
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Alle Fotos Barbara Kalender, wenn nicht andere Fotografen genannt werden.

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MH / TF / BK / JS

 

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kommentare

  • […] Nehmt alles nur in allem: Wir betrachten unser Leipziger Depositum als Nobilitierung zum Geistesadel. * * * v.l.n.r. Bibliotheksdirektor Prof. Dr. Ulrich Johannes Schneider, Barbara Kalender, Jörg Schröder und Prof. Dr. Thomas Fuchs, Leiter der Sondersammlungen und einer der beiden Ausstellungskuratoren. Foto: Thomas Kademann. Mehr über die Ausstellung hier. […]

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