vonMesut Bayraktar 13.11.2018

Stil-Bruch

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Das wohl bekannteste Buch von Iwan Turgenjew ist »Väter und Söhne.« Darin sind das Denken und die Weltsicht des Autors mit bestimmter Klarheit zusammengefasst. Anlässlich des 200 jährigen Geburtstags des Autors lohnt es sich, dieses Werk unter Berücksichtigung der historischen Situation insbesondere Russlands und des in der Literatur aufkeimenden Realismus zu belichten, zu dem zweifelsohne auch das Werk Turgenjew zu zählen ist. Ernest Hemingway hatte Mitte der 1920er Jahre in Paris die Jäger-Erzählungen gelesen. Daraufhin schrieb er einem Freund enthusiastisch: „Turgenjew ist für mich der größte Schriftsteller, den es jemals gegeben hat.“ Sicher ist Turgenjew ein großer Schriftsteller, wenn auch nicht der größte.

Die Fundamente der Welt, wie wir sie heute kennen 

»Väter und Söhne« spielt im Jahre 1859, zwei Jahre vor der Bauernbefreiung in Russland. Die Bauernbefreiung verordnete Alexander II, der 1881 durch ein Attentat der Untergrundorganisation Narodnaja Wolja („Volkswille“) umgekommen ist. Trotz dessen, dass die Befreiung des russischen Volkes von der Leibeigenschaft sowohl die Adels- wie Junkerklassen als auch die riesige Bauernklasse in den Ruin stieß, ist 1861 der historische Augenblick, mit dem das kapitalistische Zeitalter die russische Gesellschaftsordnung grundsätzlich umzuwälzen beginnt. Das Privateigentum kommt zu seinem historischen Recht. Es beginnt sich folgenschwer in den archaisch-feudalen Boden Russlands festzusetzen und markiert das Erwachen einer industriellen Warenaustauschgesellschaft im Riesenreich des Zaren.
Es ist – welthistorisch betrachtet – kein Zufall, dass im gleichen Jahr in der »neuen Welt« hinter dem Atlantik ein blutiger Bürgerkrieg ausbrach, in dem die Entscheidung fallen sollte: ob mit den Südstaatlern die gesellschaftliche Arbeit durch das Sklavensystem usurpiert oder ob mit den Nordstaatlern kapitalistisch durch das Lohnsystem monopolisiert werden sollte: ob die Konföderierten unter Jefferson Davis verlieren oder die Föderierten unter Abraham Lincoln siegen sollten. Die Fundamente der Welt, wie wir sie heute kennen, wurden gelegt.

Die Krise der Intelligenzija 

Mit dem kapitalistischen Umwälzungsprozess stürzt seinerzeit die russische Intelligenz und das Volk in eine nachhaltig politische, intellektuelle, kulturelle und gesellschaftliche Krise, welche nicht zuletzt ihren gewaltigen Niederschlag in der russischen Literatur mit wirkungsmächtiger Sendung findet – namentlich bei den Dostojewskis, Tschernyschewskis, Herzens, Tolstois, Gontscharows, Nekrassows und schließlich Turgenjews. Der Überbau erlebt infolge tektonischer Verschiebungen im Unterbau massive Erschütterungen, von denen sich die russische Gesellschaft nicht wird erholen können, ohne zugrunde zugehen und einer neuen Gesellschaft Platz zu machen. Dazu muss der Leser wissen, dass unter den europäischen Völkern besonders das russische, neben seinen Leiden aus der materiellen Rückständigkeit, einer schier barbarischen Repressionsmaschinerie des Zaren ausgesetzt war. Beispielhaft sei an die »Aufzeichnungen aus einem Totenhaus« verwiesen, wo Dostojewski die Zustände in den sibirischen „Ostrogs“ beschreibt, in denen auch er Häftling war. Der Zar verlor allerdings mit der Aufhebung der Leibeigenschaft nicht nur eine wesentliche Stütze seiner politischen Macht. Die Aufhebung der Leibeigenschaft hatte zudem eine radikale Mobilmachung und Entladung der Volksenergie zur Folge, die Jahrhunderte durch Zarengewalt und Peitsche angestaut wurde. Kein Tabu war mehr berechtigt, keine Moral unerschütterlich legitimiert, kein Prinzip war mehr von felsenfester Ewigkeit, kein Gott und Zar hatte noch den absoluten Herrschaftsanspruch. Jedes transzendentale Subjekt, ob Zar, Baron oder Patriarch, wurde in Frage gestellt. Auf den Straßen und in den Salons herrschten die Myschkins, Roggochins, Ippolits, Raskolnikovs, Stawrogins oder Wladimir wie Ivan Karamasows – man kennt diese Fragilität und das Zerbrechen des Alten vor allem aus Dostojewskis Werken und Figuren. Das russische Volk suchte nach einer Identität, und die Schriftsteller wie Intellektuellen waren die Ideenproduzenten für dieses energische, von oben per Dekret emanzipierte Volksbedürfnis nach Identität. In diesem Rahmen ist auch »Väter und Söhne« zu betrachten, das 1861 geschrieben wurde und der Versuch eines poetischen Weltausdrucks war. Der Roman ist geschichtlich sozusagen das prologische Unbehagen und Hoffen vor einer Zukunft der Wissenschaft, der Volksherrschaft, des radikalen Demokratismus, der Autonomie, des Atheismus, kurz: der emanzipatorischen Sprengkraft des Materialismus.

Ein ordentlicher Chemiker ist zwanzigmal wertvoller als jeder Poet“ 

Der Titel des Romans verweist bereits auf den Generationskonflikt zwischen der zaristischen Aristokratie, der jene Vergangenheit gehörte, in der die arbeitenden Volksklassen eine passive Knetmasse der Herrschenden waren, und der demokratischen Progression, der jene Zukunft gehören sollte, in der die arbeitenden Volksklassen eine organische Körperschaft von aktiven Subjekten sein sollten, die jede Herrschaft des Menschen über den Menschen ablehnen würde.
Der Roman handelt von zwei Freunden – Jewegenij Barasow und Arkadij Kirsanow –, die aus dem Milieu der städtischen Intelligenz kommen und ihre Väter auf dem Land besuchen. Mit ihrem Besuch beginnt ein allseitiger Reibungsprozess zwischen den beiden Generationen, in der die Jungen den politischen wie sozialen Fortschritt verkörpern und die Alten die tradierten Werte des Ancien Régime repräsentieren. Beide Parteien stehen sich mehr oder weniger in einem unversöhnlichen Antagonismus gegenüber. Besonders Basarow, Medizinstudent und experimenteller Wissenschaftler, der im Tau des Sonnenaufgangs jeden Morgen Frösche oder Insekten fangen und Pflanzen zu beschauen geht, ist selbsterklärter Nihilist: er lehnt jede Autorität ab. Kirsanow tritt hingegen als gemäßigter Liberaler auf. Damit ist der Konflikt mit den Vätern, den Grundherren, der Vergangenheit vorbestimmt – denn sie bejahen jede Autorität, weil sie Teil und Nutznießer der Autorität sind. Mit der Liebe beginnt Basarow ein irrationales Phänomen im menschlichen Wesen zu spüren, das ihn zwar in eine individuelle Krise stürzt, allerdings sein nihilistisches Weltbild nicht in Frage stellt. Basarow ist der Prototyp des neuen russischen Menschen, der negierend, fragend, denkend, arbeitend, nach vorne gehend, nüchtern Erkenntnisse sucht und sammelt, ohne sich von den schwärmerischen Sentimentalitäten der Gefühlserotiker mitreißen zu lassen. Er betrachtet die Dinge so, wie sie sind: hellsichtig, klar, nüchtern, induktiv, ohne jede Verklärung, ausschließlich unter Nützlichkeitserwägungen. Daher lehnt er Puschkin – der Typus des schöngeistigen Dichters – als Mystiker ab, der seiner Generation nichts Nützliches geben könne. Diese Haltung verdichtet sich in der Maxime: „Ein ordentlicher Chemiker ist zwanzigmal wertvoller als jeder Poet.“
Er mag Recht haben, oder nicht. Hier ist nicht der Ort, darüber zu diskutieren. Feststeht allerdings, dass die Poesie die Chemie voraussetzt, damit die Poesie überhaupt eine Existenzmöglichkeit hat. (Man denke bloß an die Herstellung von Tinte.) In Ansätzen lauert in Basarows Prosa der Immanenz die Vorstufe des Bolschewismus.

Turgenjew – Realist und Romantiker

Zieht man Basarow aus dem Roman ab, entfällt das ganze Wesen und die Bedeutung der Dichtung. Hier kann man fragen: Urteilt der Erzähler nicht über das Basarowische Ungestüm, vor dem ein Konservativer Unbehagen, ja Furcht verspüren muss? Nein, der Erzähler unterlässt eine endgültige Beurteilung über Basarows Charakter. Das macht ihn zum Realisten. Mit wohlwollender Neutralität, doch seidenfeinem Argwohn, weist er auf die Fatalität des Nihilismus hin, indem Basarow sich – so als hätte der Erzähler einen Nietzsche vorausgesehen – vor Kirsanow, bewegt durch seine Liebeserfahrung, offenbart: „Hier liege ich nun im Heuschober … Es ist ein schmales Plätzchen, das ich einnehme, unendlich winzig im Vergleich zu dem übrigen Raum, in dem ich nicht bin und wo ich nichts zu suchen habe; und das Teilchen Zeit, das ich leben werde, ist so nichtssagend vor der Ewigkeit, in der es mich nicht gegeben hat und nicht geben wird … Und in diesem Atom, in diesem mathematischen Punkt, kreist das Blut, arbeitet das Gehirn, verlangt nach etwas … Was für ein Unfug! Was für Dummheiten!“

Möglicherweise ist dies der dezente Hinweis eines Erzählers, der stilistisch in diesem Roman eine beeindruckende Synthese aus rührigem Romantizismus und sachlichem Realismus hervorzubringen vermag, dass trotz allen wissenschaftlichen Fortschritts die Wissenschaft den Menschen nicht erfüllen wird, solange der Mensch nicht mit dem Menschen assoziiert ist. Denn was soll in diesem Zusammenhang das Verlangen des „Etwas“ sein, wovon Basarow spricht und auf das der ganze menschliche Organismus hinarbeitet, wenn nicht das „Etwas“ das Menschliche sucht und einschließen will? Der Szientismus – heute mehr denn je Religionsersatz – verspricht und vermag nicht die Versöhnung der Menschheit mit sich selbst. Das 21. Jahrhundert, überwuchert mit technologischem Fortschritt, welches täglich wächst, beweist es. Die Wissenschaft ist lediglich eine historische Bedingung für die Versöhnung des Menschen mit dem Menschen. Sie ist nicht selbsttätig. Erst wenn die Menschen ihre Verhältnisse so eingerichtet haben, dass sie rationale sind, erst dann wird der wissenschaftliche Fortschritt – dialektisch – sozialer Fortschritt sein, und umgekehrt. Ist dieser Umschichtungsprozess noch nicht vollbracht, so verläuft der wissenschaftliche Fortschritt antagonistisch zum sozialen, wie man heute sieht, und dient letztlich zur Unterdrückung des sozialen Fortschritts. Er bleibt eine Bedrohung, eine Totalität der Zerstörung. Produktivkräfte schlagen um in Destruktivkräfte, solang sie nicht gesellschaftlich absorbiert werden. Daher hat der heutige, unterdrückte Mensch in den modernen Gesellschaften Angst, statt Zuversicht vor der Zukunft. In unter anderem diesem Sinn gibt der Roman dem heutigen Leser tiefe Einsichten mit auf den Weg. In diesem Sinn kann uns Basarow lehren und erziehen. Er vertypt die Spannung von Angst und Zuversicht.

Die Popularisierung des russischen Nihilismus

Mit »Väter und Söhne« hat Turgenjew den russischen Nihilismus, der in Kreisen der russischen Intelligenz (man denke an Gogol, an den Kreis um Belinski und an den jungen Dostojewski vor 1850) aufgrund der desaströsen Lage des Volkes rumorte, gesellschaftlich popularisiert. Turgenjew hat diese intellektuelle Strömung mehr oder weniger mit dem vorliegenden Roman zu einem literarischen Begriff im dialektischen Gegensatz zum liberalen oder reaktionären Panslawismus zusammengefasst, deren Vertreter u.a. Dostojewski im späten Alter wurde. Jeder Andersdenkende – ob im republikanischen, liberalen, kommunistischen oder anarchistischen Sinn – wurde seitdem von der russischen Aristokratie „Nihilist“ bezeichnet, ähnlich wie in der antikommunistischen Ära nach dem zweiten Weltkrieg jeder Andersdenkende in der westlichen Hemisphäre „Kommunist“ denunziert wurde. Turgenjew hatte damit – nolens volens – einen Kult geschaffen. Er, der in Deutschland Schopenhauers Pessimismus fand und das letzte Drittel seines Lebens in Baden-Baden verbrachte, war ein Ideenproduzent für das Zeitbedürfnis Russlands.

Nach Hegels Ästhetik kommt das »Kunstschöne«, worin sich der Geist sinnlich zur Anschauung bringt, unter drei Voraussetzungen zum Ausdruck: (1) der allgemeine Weltzustand als der äußerste Rahmen, (2) die historische Situation als die Konkretisierung des Weltzustands in einem bestimmten Raum und einer bestimmten Zeit, (3) schließlich „die Auffassung der Situation von seiten der Subjektivität und die Reaktion, durch welche der Kampf und die Auflösung der Differenz zum Vorschein kommt, – die eigentliche Handlung.“ Diese Ebenen müssen zu einem dem Inhalt nach angemessenen Verhältnis zueinander finden, damit das »Kunstschöne« vorscheinen kann. Turgenjew hat diesen Ausgleich in seinem Roman geschafft. In einer bestimmten historischen Situation brachte er die schmachtende Seele der russischen Bevölkerung zum Ausdruck. Das macht »Väter und Söhne« bedeutungsvoll. Das machte »Väter und Söhne« zum Präludium einer neuen Zukunft.
Wer Turgenjew kennenlernen will, lese »Väter und Söhne.«


Titelbild zur Wiederverwendung gekennzeichnet:
http://www.zeno.org/Fotografien/B/Atelier+Nadar%3A+Iwan+Turgenjew+(1818-1883),+Schriftsteller

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