vonMesut Bayraktar 10.10.2019

Stil-Bruch

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Seit Sonntag Abend macht eine Schlagzeile des SPIEGEL die Runde. Das zuvor stolz verkündete »Klimapaket« der Bundesregierung ist im Nachgang abgeschwächt worden. Verbindlichkeitserklärungen wurden in Absichtserklärungen geändert. Das Versprechen zum Beispiel, bis 2050 Treibhausneutralität in der Bundesrepublik zu „erreichen“, wurde mit der Formulierung, dass das Ziel jetzt nur noch „verfolgt“ werden solle, ersetzt – allen Protesten zum Trotz.

Die Bundesregierung agiert gewohnheitsmäßig nach den Gesetzmäßigkeiten des Kapitals, während Extinction Rebellion im Windschatten von Fridays for Future ihren radikalen Protest des zivilen Ungehorsams, der zu begrüßen ist, begonnen hat.

Gleichzeitig lese ich in der Zeitung von den Aktivitäten des größten Klimakillers: das Militär. Nächstes Jahr sollen mit der militärischen Großübung »Defender 2020« 37.000 US-Streitkräfte über Deutschland nach Polen und ins Baltikum verlegt werden. Das ist die umfangreichste Verlegung von Soldaten aus den USA nach Europa in den vergangenen 25 Jahren. Die Bundesrepublik soll dabei „logistische Drehscheibe“ sein. Was wollen die hier? Was wollen sie in Osteuropa?

Zudem wurde bekannt, dass der Umfang von genehmigten Rüstungsexporten durch die Bundesregierung bis Ende September im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um mehr als sechs Milliarden Euro auf einen neuen Rekordwert gestiegen sei. Hauptabnehmer sind Ungarn, wo die Bundesregierung unter der Federführung der rechtskonservativen Fidesz der Abschottung der Festung Europa beihilft, und Ägypten, wo eine Militärdiktatur regiert, denen die Bundesregierung dadurch im Jemen-Krieg und im Krieg auf der Sinai-Halbinsel zum Mord und zu Menschenrechtsverletzungen beihilft. Andere Empfängerländer, die auch am Jemen-Krieg oder an anderen Kriegsplätzen beteiligt sind, will ich gar nicht erst nennen.

Da frage ich mich, warum der politisch farblose Protest von XR nur über das bestehende Wirtschaftssystem spricht, ohne sich gegen es auszusprechen, ist es doch das Kraftfeld der strukturellen Naturausbeutung. Auch frage ich mich, ob Verkehrsblockaden, die den Dieselfahrer eher nerven und seinen Charakter vielmehr verkleinbürgerlichen und verhärten, als sein Verhalten zur Veränderung zu bewegen, die richtigen Orte sind, wenn man mehr als bloß ein Appell an die Herrschenden senden möchte.

Wäre es da nicht in der Sache konsequenter und politisch angemessener, man blockierte etwa nach dem Vorbild der Aktivisten am Hambacher Forst Banken, Betriebstore, Rüstungsproduzenten und Militärstützpunkte, die vom Krieg leben, während die Beherrschten und die Natur daran zugrunde gehen? Der größte Klimakiller, der auch Menschen ermordet und an beidem profitiert, sind Rüstungsindustrie und Krieg.

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https://blogs.taz.de/stilbruch/2019/10/10/der-groesste-klimakiller-sind-ruestungsindustrie-und-krieg/

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kommentare

  • Diese Truppenübungen werden mit Bruchteilen eines Prozents in unsere CO2-Bilanz eingehen, der zivile Verkehr ist dagegen mit 22% dabei. Da wird also schon an der richtigen Stelle protestiert.

    Außerdem ist es nicht so leicht praktikabel, den militärischen Teil z.B. des Frankfurter Flughafens zu besetzen, jenseits der Sicherheitskontrollen.

  • Ich erwarte XR-Blockaden nicht in U-Bahnen oder im Nahverkehr. Sondern bei Truppenmanövern, in China, in Indien – nämlich dort, wo unsere jähliche CO2-Reduktion in wenigen Tagen durch 1.400 neue Kohlekraftwerke geradezu verfrühstückt wird.

  • Lieber Autor,
    Da fragen Sie sich leider Fragen, die XR längst in anderen Fragen hat aufgehen lassen.
    „Wir leben in einem toxischen System“ bezieht sich nicht allein auf das Wirtschaftssystem.
    Und selbst wenn es so wäre, sind Wirtschaft und Militär in der westlichen Welt nicht trennbar. Rheinmetal, Airbus, Siemens. Fällt Ihnen was auf?

    Die Antwort auf Ihre Frage bezüglich derVerkehrsblockaden klammert leider die wichtigere Frage aus, wie man eine Gesellschaft so verändert, dass „Banken, Betriebstore, Rüstungsproduzenten und Militärstützpunkte“ nicht existieren.

    Ein Protest vor Heckler&Koch wird geräumt.
    Eine Blockade vor dem Ard-Hauptstadtstudio lässt taz.-Autoren Kommentare schreiben.

    Es ist eben der Sache NOCH angemessener und konsequenter, das Thema auf die Straße zu bringen.
    Dauerhaft. Anders kann in der Aufmerksamkeitsökonomie keine Veränderung stattfinden.

    Über die Dimensionen und den „größten Klimakiller“ gibt es andere Auffassungen, als Ihre. Und Zahlen.
    Was nicht heißt, dass wir Krieg und Militär nicht vehement kritisieren. Im Gegenteil.
    Nur sehen wir die Konflikte als Symptome des Systems.
    Den Schnupfen heile ich nicht, indem ich Nasenspray benutze.

    Falls Sie Lust haben, das ganze etwas ausführlicher zu besprechen, kontaktieren sie gerne eine unserer größeren Ortsgruppen.
    Mfg,
    ein XR-Rebell

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