vonMesut Bayraktar 24.06.2021

Stil-Bruch

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Ende 2017 in Frankreich erschienen, gewann der 1986 in Nantes geborene Mahir Guven mit seinem Debütroman „Grand Frère“ mehrere Preise, unter anderem den Prix Goncourt du premier roman 2018. Im selben Jahr erschien der Roman in deutscher Übersetzung von André Hansen mit dem Titel „Zwei Brüder“. Anders als in Frankreich fand der Roman hierzulande keine breite Öffentlichkeit. Ob das am spezifischen Geschmack des deutschen Feuilletons oder den andersgelagerten Lebensumständen liegt, sei dahingestellt. Tatsache ist, dass der Roman sowohl thematisch als auch sprachlich von schmerzlicher Dringlichkeit und explosiver Schreibwut zeugt. Vor dem Hintergrund des Bürgerkriegs in Syrien seit 2011 handelt der Roman von religiösem Fundamentalismus, sozialer Segregation, rassistischer Klassengewalt und von Glaube, Verrat, Bruderliebe.

Hauptstadt hinter einer Windschutzscheibe

„Denkt er etwa, das Leben ist ein Film? Dass man einfach so mitten in der Nacht zurückkommt, ohne Vorwarnung? Für wen hält er sich? Und er steht im Flur, nass wie ein streunender Hund.“ Plötzlich ist er da, der kleine Bruder, der vor Jahren in Syrien abgetaucht ist und in die Fänge der Mudschaheddin gerät. Er ist wieder in Paris.

Während dieser Zeit beförderte der große Bruder User des Online-Vermittlungsdienstes Uber quer durch Paris mit seinem eigenen Auto. Nicht selten erinnern seine von Wut und Enttäuschung, vom Stolz der Jugend und Hunger auf Besseres erfüllten Gedanken an Travis Bickle aus dem Film „Taxi Driver“, gespielt von Robert de Niro. Nur ist er nicht Kriegsrückkehrer aus Vietnam Mitte der 1970er, sondern ein im sozialen Kriegsgebiet namens „Banlieue“ aufgewachsener Syrer im 21. Jahrhundert. Auf Kommandobefehl eines patentierten Algorithmus erlebt er die Hauptstadt hinter seiner Windschutzscheibe, vor allem die Reichenviertel der Bourgeoisie. Zugleich legt ein anonymes Rankingverfahren den Tauschwert seiner Arbeitskraft fest, ohne dass er sich dagegen wehren kann, wird es doch als Freiheit zugunsten aller verkauft. Hirn und Muskeln vom stummen Zwang einer App zermartert, von dem die einzigen Gewinner die nichtstuenden Eigentümer sind, erstickt er seine Seele im Rausch von Cannabis – auch um die Nächte zu überstehen. „Ich rollte mir eine Tüte, um den Sandmann zu beschwören. Mary Jane abzufackeln, um schlafen zu können, das ist für Mutlose. (…) Gras vernebelt die Nächte wie ein Hammam. Es ist dunkel, feucht, man sieht nicht sehr weit und alles geht ganz langsam.“ Opium des Volkes, auch wenn das bei Karl Marx noch eine Metapher ist, gemünzt auf die Religion. Sie ist schon lange das Gegenteil ihrer selbst geworden: pure Wirklichkeit.

Auch das schafft der Roman, dem datengetriebenen Kapitalismus auf den Zahn zu fühlen und die radikalen Ausbeutungspraktiken von Plattform-Unternehmen greifbar zu machen, wie es kaum ein Sachbuch könnte. Indessen streikt der Vater der beiden ungleichen-gleichen Brüder mit der Taxigewerkschaft gegen Uber und Co. um bessere Bezahlung und Arbeitsbedingungen. Bittere Ironie in einer Klassengesellschaft. Die Gewalt macht vor nichts Halt, erst recht nicht vor Vater-Sohn-Beziehungen.

Erlösungen sind keine Lösung

Auf der anderen Seite ist der kleine Bruder. Er ist still, ein teilnahmsvoller Beobachter, beschäftigt mit tiefen, quälenden Gedanken. Er schlägt diskrete Töne an und ist zugleich kompromisslos in seinem Idealismus. Er arbeitet als medizinische Hilfskraft in einer Klinik. Während der Große unter angepassten Vorzeichen in die Fußstapfen seines Vaters tritt, fühlt dieser sich schon seit der Kindheit von Büchern, Ideen und dem Zentralbegriff aller Religionen angezogen: Erlösung. Er hält es in Frankreich nicht mehr aus. Den politischen Islam für sich gefunden, verschwindet er eines Tages, um das Volk seiner Vorfahren zu befreien, auch wenn er ahnt, dass die Suche nach einer Erlösung keine Lösung ist. Er geht nach Syrien, arbeitet im Gefechtsgebiet als Arzt ohne Abschluss für Rebellen, heiratet eine Unbekannte, wird Vater und gerät unerwartet in eine Situation, in der man ihm einen Kalaschnikow in die Hände drückt, was er nicht ablehnen kann. Als Flüchtling kehrt er dann zurück nach Paris und bringt die ganze Familie in Gefahr. Nach Charlie Hebdo, nach Bataclan, nach Nizza steht nämlich jeder arabisch aussehende Mensch, egal ob Französisch oder nicht, unter Generalverdacht, insbesondere die subalternen Schichten im Banlieue, die von der Polizei, der Justiz, der Politik und dem französischen Staat als potenzielle Terroristen, Dschihadisten, Staatsfeinde behandelt werden.

Was soll der große Bruder also machen? Wenn er seinen kleinen Bruder nicht meldet, macht er sich wegen Beihilfe oder gar wegen Mittäterschaft schuldig. Wenn er ihn meldet, verrät er ihn und seine Familie. Und was, wenn der kleine Bruder doch nicht vom religiösen Fundamentalismus abgekehrt, nicht von den Mudschaheddin abgehauen ist, sondern sie ihn getarnt als syrischen Flüchtling nach Paris geschleust haben – als Teil einer Schläferzelle? In solchen Konfliktachsen bewegt sich der Roman von Guven, der mit zwei jungen Stimmen erzählt, was es bedeutet in einem Land zu leben, das täglich von Demokratie schwätzt und den Nährboden von Hass pflügt, damit der politische Islam säen kann und der französische Imperialismus Gründe für die Grandeur de la France bereitstehen hat. Entsprechend sind die kompakten Kapitel abwechselnd betitelt mit Großer Bruder und Kleiner Bruder.

Sprache der Straße

Was den Roman besonders ausmacht, ist die Sprache. Sie ist von unbedingter Härte, Rücksichtslosigkeit und erschütternder Ehrlichkeit, insbesondere, wenn der große Bruder erzählt. Die Sprache ist vergleichbar mit „Das Ende von Eddy“ von Édouard Louis – nur unmittelbarer und mit Straße aufgeladen. In der Tat lassen sich beide Romane als ergänzende Teile nebeneinanderlegen. Während Louis über die Gewalt der Armut als Arbeiterkind in der Picardie Nordfrankreichs schreibt, erzählt Guven von zwei jungen Arbeitern aus dem Banlieue, für die die Gewalt der Stoff ist, aus dem die Wirklichkeit gemacht ist.


Der vorliegende Text erschien erstmals in der deutsch-türkischen Wochenzeitung »Yeni Hayat/Neues Leben« vom 05.05.2021. Mit freundlichem Einverständnis der Redaktion ist der Text nun auch im taz.stilbruch zu lesen.

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