vonDetlef Georgia Schulze 02.08.2022

Theorie als Praxis

Hier bloggt Detlef Georgia Schulze über theoretische Aspekte des Politischen.

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Im zweiten Teil meiner Artikel-Serie zur Kapitalismus-Theorie von Nancy Fraser bezog ich mich kurz auf die Zeitverwendungs-Erhebung des Statistischen Bundesamtes für die Jahre 2012/2013. In der jetzigen Artikel-Serie geht es ausführlicher um Methoden und Ergebnisse dieser und vorausgehender Erhebungen sowie um neuere, ähnliche Studien.

Im ersten Teil von Freitag, den 24.6. ging um methodologische und begriffliche Klarstellungen sowie den Befund: „Obwohl Frauen mehr (entlohnte und unentlohnte) Arbeit als Männer leisten, haben sie ein geringeres Einkommen als Männer.

Hier geht es nun zunächst kurz um den Einfluß der Haushaltsform auf die Hausarbeitsverteilung und Veränderungen in der Haus- und Erwerbsarbeitsverteilung im zeitlichen Verlauf von 2001/02 – 2012/13. Danach geht es dann ausführlicher um ein scheinbares statistisches Paradox: Während der durchschnittliche Erwerbsarbeits-Zeitaufwand der Gesamtbevölkerung steigt, sinkt der durchschnittliche Erwerbsarbeits-Zeitaufwandes der Erwerbstätigen. – Es wird erklärt, wie beides zusammenpaßt.

Im abschließenden dritten Teil wird es dann um Veränderung bis in die Anfangszeit der Covid-19-Pandemie hinein und um die finanziellen Auswirkungen der Veränderungen des Erwerbsarbeitsaufwandes gehen. Zum Schluß werden die empirischen Ergebnisse zusammengefaßt und politische Schlußfolgerungen gezogen.

Einfluß der Haushaltsform auf die Hausarbeitsverteilung

Wir wissen bereits: Frauen leisten mehr Hausarbeit; Männer leisten mehr Erwerbsarbeit; Frauen leisten auch in der Summe mehr (bezahlte und unbezahlte) Arbeit.

Hier wird nun gezeigt: Auf diesen Unterschiede hat die jeweilige Haushaltsform, in der die Befragten leben, wenig Einfluß.

Alleinlebende

Für die Alleinlebenden weicht der Erwerbsarbeits-Zeitaufwand der Männer (3:20 vs. 3:19 Std.:Min.) und Hausarbeits-Zeitaufwand (3:38 vs. 3:49 Std.:Min.) von Frauen kaum vom Durchschnitt aller Männer bzw. Frauen ab. (11 Min. von 3:49 Std.:Min. sind 4,8 %; 1 Min. von 3:19 Std.:Min. sind sogar nur 0,5 %).

männliche Personen weibliche Personen
Durchschnitt nur Alleinlebende Abweich. in Min. / in % Durchschnitt nur Alleinlebende Abweich. in Min. / in %
Erwerbsarbeit 3:19 3:20 + 1 + 0,5 2:09 2:18 + 9 + 7,0
Hausarbeit 2:24 2:32 + 8 + 5,6 3:49 3:38 – 11 – 4,8
Summe 5:43 5:52 + 9 + 2,6 5:58 5:56 – 2 – 0,6

Hausarbeit = (amtlich) Haushaltsführung und Betreuung der Familie; Abweichung in % = Abweichung (der Alleinlebenden) in Prozent des Durchschnitts

Beim Erwerbsarbeitszeit-Aufwand von Frauen und dem Hausarbeits-Zeitaufwand von Männern zeigt sich dagegen relativ ein etwas deutlicherer Unterschied:

  • Während im Durchschnitt aller Frauen nur 2:09 Std.:Min. für Erwerbsarbeit aufgewandt werden, sind dies unter den alleinlebenden Frauen 2:18 Min.

  • Während im Durchschnitt aller Männer nur 2:24 Std.:Min. für Hausarbeit aufgewandt werden, sind dies unter den alleinlebenden Männern 2:32 Min. (ebd., 11 und 35). (8 Min. von 2:24 Std.:Min. sind 5,6 %; 9 Min. von 2:09 Std.:Min. sind sogar 7 %.)

In den weiteren Tätigkeitsbereichen, die sich als „Arbeit“ oder als „arbeits-bezogen“ auffassen lassen, gibt es – wie im Durchschnitt aller Frauen und Männer – kaum Unterschiede zwischen alleinlebende Frauen und Männer:

  • Für Qualifikation und Bildung wenden alleinstehende Männer 11 Minuten am Tag; Frauen 10 Minuten am Tag auf.

  • Für Ehrenamt und freiwilliges Engagement wenden unter den Alleinstehende beide genannten Geschlechter 8 Minuten auf.

  • Für Unterstützung anderer Haushalte wenden alleinstehende Frauen vier Minuten pro Tag mehr auf als Männer (12 Minuten versus 8 Minuten).

  • In der Summe aller fünf genannten Teilbereiche beträgt der Unterschied 7 Minuten (6:26 versus 6:19) (Tabellenband mit den Ergebnissen der Zeitverwendungserhebung 2012/13, S. 35 f. + eigene Berechnung der Summen und der Unterschiede).

Alleinlebenden, die 65 Jahre oder älter sind

Selbst bei denjenigen Alleinlebenden, die 65 Jahre oder älter sind und bei denen – wegen Rente – Erwerbsarbeitsverpflichtungen kaum noch eine Rolle spielen, bleibt ein Unterschied von ca. einer Stunde zwischen dem Hausarbeits-Zeitaufwand von Männern und Frauen (3:23 vs. 4:25 Std.:Min.; ebd., 51).

Als Ursachen kommen mindestens zwei Faktoren in Betracht: 1. Kulturelle Prägung / Sozialisation. 2. Die höheren Erwerbseinkommen von Männern führen auch zu höheren Renten und erleichtern die Inanspruchnahme von Dienstleistungen.

Alleinlebenden 18- bis 29-Jährigen

Zu den alleinlebenden 18- bis 29-Jährigen liegen für die Erwerbsarbeitszeiten keine verläßlichen Angaben vor; der Hausarbeitsaufwand der Frauen ist auch in dieser Altersgruppe um ca. eine Stunde höher als der von Männern (ebd., 39) – allerdings auf niedrigerem Niveau: 2:32 (Frauen) vs. 1:34 (Männer); der Geschlechterunterschied fällt also relativ sogar noch stärker ins Gewicht als bei den Ältesten.

Paare mit Kindern

Bei Paaren mit Kindern sind die Unterschiede zwischen Männern und Frauen – in allen Altersgruppen – deutlich stärker ausgeprägt als im Bevölke­rungsdurchschnitt: Die Männer leisten noch mehr Erwerbsarbeit; die Frauen noch mehr Hausarbeit (ebd., 91, 95, 99 und 103).

Daß auch die Frauen, die in Paarbeziehungen mit Kindern leben, etwas höhere Erwerbsarbeitszeiten als der Durchschnitt der Frauen haben, ist ein bloßer Alterseffekt, da in den Durchschnitt auch die SchülerInnen- und RentnerInnen-Jahrgänge eingehen, die aber als Eltern betreuungsbedürftiger Kinder keine Rolle spielen:

Wird der Vergleich zwischen dem Frauen-Durchschnitt und den Frauen in Paaren mit Kindern alters-spezifisch vorgenommen, sind die Erwerbsarbeitszeiten der letzteren unterdurchschnittlich:

männliche Personen weibliche Personen Differenz
Erwerbsarbeit Hausarbeit Erwerbsarbeit Hausarbeit Erwerbsarbeit Hausarbeit
Std.:Min. Min. Std.:Min. Min. Std.:Min. Min. Std.:Min. Min. Std.:Min. Min. Std.:Min. Min.
Durchschnitt 3:19 199 2:24 144 2:09 129 3:49 229 – 1:10 – 70 + 1:25 + 85
– 18 bis 29 Jahre 3:55 235 1:19 79 3:12 192 2:23 143 – 0:43 – 43 + 1:04 + 64
– 30 bis 44 Jahre 5:16 316 2:31 151 3:13 193 4:44 284 – 2:03 – 123 + 2:13 + 133
– 45 bis 64 Jahre 4:20 260 2:38 158 2:56 176 4:00 240 – 1:24 – 84 + 1:22 + 82
nur Paare mit Kindern (insg.) 5:20 320 3:01 181 2:26 146 5:46 346 – 2:54 – 174 – 2:45 + 165
– 18 bis 29 Jahre k.A. k.A. 3:50 230 k.A. k.A. 6:56 416 k.A. k.A. + 3:06 + 186
– 30 bis 44 Jahre 5:29 329 3:02 182 2:27 147 5:52 352 – 3:02 – 182 + 2:50 + 170
– 45 bis 64 Jahre 5:14 314 2:51 171 2:45 165 5:08 308 – 2:29 – 149 + 2:17 + 137

k.A. = keine Angabe durch das statistische Bundesamt, da die fraglichen Werte zu unsicher sind.

.

Veränderungen im zeitlichen Verlauf (2001/02 – 2012/13)

Von 2001/02 zu 2012/13 kam es sowohl bei den männlichen als auch den weiblichen Befragten zu einem Anstieg des Zeitaufwandes für Erwerbsarbeit – bei den weiblichen stärker ausgeprägt.

  • Für Männer hat sich der Hausarbeitsaufwand im gleichen Ausmaß (7 Min.) vermindert wie der Erwerbsarbeitsaufwand erhöht.

  • Bei den Frauen betrugen beide Veränderungen 25 Minuten (ebd., 145).

Die Verschiebung von der Haus- zur Erwerbsarbeit dürfte unter anderem ein Effekt der Agenda 2010-Politik sein, die Arbeitslose verstärkt in prekäre Er­werbsarbeit drängten:

„Seither [Seit 2005] ist die Erwerbstätigenquote bis 2019 auf 54,3% angestiegen. Dieser erhebliche Zuwachs beruht jenseits konjunktureller Entwicklungen unter anderem auf strukturellen arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen. Dazu zählen die Kürzung von Lohner­satzleistungen und die mit den Hartz-Reformen beabsichtigte effizienter gestaltete Ar­beitsvermittlung sowie die Anhebung des Renteneintrittsalters durch erhöhte Regelalters­grenzen und reduzierte Möglichkeiten zu Frühverrentungen“ (https://www.destatis.de/DE/Methoden/WISTA-Wirtschaft-und-Statistik/2022/02/entwicklung-arbeitseinkommen-lohnquote-022022.pdf?__blob=publicationFile, S. 81)

„Durch die Zunahme der Teilzeitquote reduzierte sich ceteris paribus die Zahl der geleisteten Arbeitsstunden, der Anstieg der Marginalitätsquote bis zur Mitte des Betrachtungszeitraums drückte die durchschnittlichen Löhne und Arbeitsstunden.“ „Das war mit den Hartz-Reformen ab 2002 durchaus beabsichtigt, um die damals höhere Unterbeschäftigung strukturpolitisch abzubauen.“ (ebd., 82 mit FN 6)

Zum Unterschied zwischen dem durchschnittlichen Erwerbsarbeits-Zeitaufwand der Gesamtbevölkerung (ab 10 Jahren) und dem durchschnittlichen Erwerbsarbeits-Zeitaufwand der Erwerbstätigen

Zu beachten ist, daß es sich bei der Zeitverwendungs-Erhebung des Statistischen Bundesamtes um Angaben pro Person – unabhängig vom Erwerbsstatus – handelt. Das heißt:

▪ Ein Anstieg des gesamtgesellschaftlichen Erwerbsarbeits-Zeitaufwandes zeigt sich – bei in etwa gleich groß bleibender Bevölkerung ab 10 Jahren – auch beim individuellen Erwerbsarbeits-Zeitaufwand.

Entwicklung von EinwohnerInnen- und Erwerbstätigen-Zahl

Die EinwohnerInnenzahl der BRD ist von 2001 bis 2012 (also von der zweiten zur dritten Zeitverwendungserhebung) sogar gesunken; die Zahl der EinwohnerInnen, die 10 Jahre oder älter sind (also die Altersgruppe, die für die ZEV befragt wird), ebenfalls. Die Zahl der EinwohnerInnen ab 15 Jahre war dagegen nach Korrektur der Fortschreibungs- und Mikrozensus-Zahlen durch den Zensus 2011 wieder in etwa genauso hoch wie 2001/02 (Bevölkerungsfortschreibung):

Schaubild 8: Die Bevölkerungszahl (insg. und ab 10 Jahren) war zur Zeit der Zeitverwendungserhebung (ZEV) 2012/13 niedriger als zur Zeit der ZEV 2001/02. Die Zahl derjenigen, die zum jeweiligen Zeitpunkt 15 Jahre oder älter waren, war dagegen 2012/13 wieder in etwa genauso so hoch wie 2001/02.

▫ Für die EinwohnerInnenzahl liegen mehrere leicht unterschiedliche Zeitreihen vor (s. dazu meinen Artikel Zur statistischen Mehrfach-Existenz der EinwohnerInnen der Bundesrepublik): Laut der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen (VGR), in denen auch die Zahlen zu den Erwerbstätigen, aber keine alter-spezifischen Angaben enthalten sind, sank die EinwohnerInnenzahl (in 1.000) der BRD von 2001 bis 2012 von 81.517 auf 80.426 (2013: 80.646) – also um 1,34 %.

▫ Laut Bevölkerungsfortschreibung, die auch alters-spezifischen Angaben enthält, sank die Bevölkerungszahl von 82.440 auf 80.426 (2013: 80.646) – also um 2,3 %.

▫ Die Zahl derjenigen, die 10 Jahre oder älter sind, sank ebenfalls leicht von 74.376 auf 73.547 (2013: 73.759) – also um 1,11 %.

▫ Laut Mikrozensus, der ebenfalls alters-spezifischen Angaben enthält, sank die Bevölkerungszahl von 82.277 auf 80.413 (2013: 80.611) – also um 2,3 %.

▫ Die Zahl derjenigen, die 15 Jahre oder älter sind, sank leicht von 69.826 auf 69.707 (2013: 69.996) – also um 0,2 %.

▫ Die Zahl der „Arbeitnehmer“ (abhängig Beschäftigten, einschl. BeamtInnen) ist dagegen lt. Volkswirtschaftliche Gesamtrechnungen von 35.690 auf 37.440 (2013: 37.790) gestiegen – also um 4,9 %.

▫ Die Zahl der Erwerbstätigen (also einschließend der Selbständigen und der Mithelfenden Familienangehörigen) ist sogar noch stärker gestiegen: von 39.717 auf 41.962 (2013: 42.285). Dies war ein Anstieg um 5,65 %.

▫ Dadurch stieg der Anteil der Erwerbstätigen an der Gesamtbevölkerung von 48,7 % im Jahre 2001 auf 52,2 % im Jahre 2012.

▫ Damit ist klar, daß ein Sinken der individuellen Durchschnitts-Erwerbsar­beitszeit – verbunden mit der deutlich gestiegenen Zahl von Erwerbstätigen – zu einem Anstieg der Erwerbsarbeitszeit im Bevölkerungs-Durchschnitt führen kann.

Schaubild 9: Die Zahl der Erwerbstätigen insg. und der abhängig Beschäftigen („Arbeitnehmer“) insb. war – nach einer zwischenzeitlichen Delle – 2012/13 höher als 2001/02; von 2013 bis 2019 stiegen beide Werte. In den Pandemie-Jahren 2020/21 waren beide Werte etwas niedriger als 2019.

 

Arbeitszeitrechnung des Instituts für Arbeitsmarkt – und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit

▫ Es gibt eine dritte Statistik (in dem Fall: des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit): Sie nennt außer den Erwerbstätigen und abhängig Beschäftigten auch deren Erwerbsarbeitszeit im Durchschnitt pro (erwerbstätige bzw. abhängig beschäftigte) Person („Arbeitszeit“ genannt) und für alle (erwerbstätigen bzw. abhängig beschäftigten) Personen („Arbeitsvolumen“ genannt).

Rechnerisch gilt im Prinzip:

Arbeitszeit x Personen = Arbeitsvolumen

bzw.

Arbeitsvolumen / Personen = Arbeitszeit.

Die von der Bundesagentur für Arbeit genannten Zahlen für die abhängig Beschäftigten (und folglich auch für die Erwerbstätigen) weichen leicht von den bisher genutzten Zahlen in den Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen Tabelle 1.12 ab; in Tabelle 1.13 sind sie aber identisch. Der Unterschied zwischen den IAB-Daten und VGR-Tabelle 1.13 einerseits und VGR-Tabelle 1.12 andererseits liegt am Unterschied zwischen dem sog. Inlandskonzept in der Arbeitszeitrechnung und Inländerkonzept in Tabelle 1.12 (s. dazu meinen Artikel Die Erwerbsarbeitszeit pro EinwohnerIn und auch die Erwerbsarbeitzeit pro EinwohnerIn ab 10 Jahren ist seit 2005 stark gestiegen, Abschnitt „Ein statistisches Problem: Inlands- versus Inländerkonzept“). Der Unterschied, der dem staatsgrenzen-überschreitenden PendlerInnen-Saldo entspicht, fällt aber nicht groß ins Gewicht:

Schaubild 10: Die Erwerbstätigen-Zahl laut der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen Tabelle 1.12 des Statistischen Bundesamtes und laut der Arbeitszeitrechnung des IAB weichen leicht voneinander ab (um bis zu 150.000 von ca. 40 Millionen); der Unterschied entspricht dem PendlerInnen-Saldo.
Achtung die y-Achse der größeren Graphik beginnt nicht bei Null, sondern erst bei 33.750, um die geringen Unterschiede zwischen beiden Zeitreihen überhaupt erkennbar zu machen.

Ungeachtet der leichten Abweichungen können wir nun die vom IAB genannten Arbeitsvolumina auf die Bevölkerungszahl aus den Volkswirtschaften Gesamtrech­nungen und auf die EinwohnerInnen, die 10 Jahre oder älter sind, aus der Bevöl­kerungsfortschreibung beziehen [*]. Dann ergibt sich folgendes Bild:

Effekt der gestiegenen Erwerbstätigen-Zahl auf den Erwerbsarbeits-Zeitaufwand pro EinwohnerIn

  • Die Arbeitszeit (in der ARZ des IAB gemeint: Die Erwerbsarbeitszeit) pro EinwohnerIn bzw. pro EinwohnerIn, der/die 10 Jahre oder älter ist, ist von 2001 bis 2012 tatsächlich gestiegen (s. sogleich die vier unteren Kurven),

  • obwohl die Arbeitszeit pro erwerbstätige oder abhängig beschäftige Person in dieser Zeit gesunken ist (s. sogleich die beiden oberen Kurven).

Schaubild 11: Die beiden unteren blauen Kurven zeigen einen Anstieg des Erwerbsar­beits-Volumens pro EinwohnerIn (gestrichelte Kurve) und pro EinwohnerIn ab 10 Jahren (Kurve mit Kreuzen).
Mit „Arbeitszeit“ ist die (durchschnittliche) individuelle Erwerbsarbeitszeit gemeint; mit „Arbeitsvolumen“ die (gesellschaftliche) Summe der individuellen Erwerbsarbeitszeiten.
Die beiden unteren roten Kurven dienen vor allem der Illustration mathematischer Zu­sammenhänge; inhaltlich hat es wenig Sinn, die Erwerbsarbeitszeit ausschließlich der abhängig Beschäftigten (statt: aller Erwerbstätigen) auf die Gesamtbevölkerungszahl bzw. die Zahl der EinwohnerInnen, die 10 Jahre oder älter sind, zu beziehen.

Noch etwas können wir erkennen: Auch nach 2012 stieg die Arbeitszeit pro Ein­wohnerIn bzw. pro EinwohnerIn, der/die 10 Jahre oder älter ist (siehe noch einmal die unteren vier Kurven) – jedenfalls bis zum Beginn der Covid-19-Pandemie (und des Ukraine-Krieges). Das heißt: Ohne Pandemie und Krieg wäre insoweit damit zu rechnen, daß die Zeitverwendungserhebung, die gerade durchgeführt wird, ei­nen höheren Zeitaufwand pro befragte Person für Erwerbsarbeit ergibt, als dies im Rahmen der Erhebung 2012/13 der Fall war. Das tatsächliche Ergebnis ist dage­gen – eben wegen Pandemie und Krieg – schwer vorherzusehen; genaueres wer­den wir wissen, wenn die IAB-Arbeitszeitrechnung für das noch laufende Jahr vor­liegt.

Erwerbsarbeitszeit pro erwerbstätige bzw. abhängig beschäftige Person

  • Wird dagegen ausschließlich mit den Erwerbstätigen (statt mit der Gesamt-Bevölkerung oder der Bevölkerung ab 10 Jahren) gerechnet, so führten u.a. die Hartz-Reformen, aber auch ein langfristiger historischer Trend zu einem Sinken des individuellen Erwerbsarbeits-Zeitaufwandes:

    • Der gesamtgesellschaftlichen Erwerbsarbeits-Zeitaufwand stieg,

    • aber die Zahl der Erwerbstätigen stieg noch stärker.

    • Der individuelle Erwerbsarbeits-Zeitaufwand pro erwerbstätige Person sank folglich. Letzteres sehen wir in der folgenden Graphik an den sin­kenden, gestrichelten Kurven:

Schaubild 12: 2005 hatte das gesamtgesellschaftliche Erwerbsarbeitsvolumen einen Tiefstand erreicht; seitdem steigt es wieder. Da gleichzeitig aber die Zahl der Erwerbstä­tigen und der abhängig Beschäftigten noch stärker steigt, nimmt die Arbeitszeit pro erwerbstätige bzw. abhängig beschäftigte Person ab (grau- und rot-gestrichelte Kurven).

2006 und 2007 gab es zwar auch einen kurzzeitige Anstieg der durch­schnittlichen Jahresarbeitszeit (siehe die leichten Höcker in den gestrichel­ten roten und grauen Kurven in vorstehender Graphik). Dies dürfte aber – wegen der Kurzzeitigkeit – kein dauerhafter Effekt der Hartz-Gesetzgebung gewesen sein, sondern an dem recht starken Anstieg des realen Bruttoin­haltsproduktes (BIP) in diesen beiden Jahren gelegen haben (auf einem an­deren Blatt steht die Frage, ob dieser BIP-Anstieg – als Einmal-Effekt vom Wirksamwerden der Hartz-Gesetze beeinflußt war); siehe zu dem recht starken Anstieg des realen BIP 2006 und 2007 die durchgehende hellblaue Kurve in der folgenden Graphik (die durchgehende hellblaue Kurve gehört zur rechten y-Achse)

Schaubild 13: Von 2006 bis zum Beginn der Covid-19-Pandemie stieg sowohl die Zahl der abhängig Beschäftigen (rot-gepunktete Kurve) als auch der Zahl der Erwerbstätigen insgesamt (graue Kurve). Die Zahl der Selbständigen sowie Mithelfenden Familienangehörigen (gelb-gepunktete Kurve) stieg bis 2011 und stinkt seitdem wieder (in den letzten beiden Jahren lag sie sogar unter dem Mittelwert für die Jahre 1991 – 2021).

 

Aufklärung des scheinbaren, statistischen Paradoxes

Das angesprochene, scheinbare Paradox klärt sich also wie folgt auf:

  • Das gesamt-gesellschaftliche Erwerbsarbeitsvolumen stieg von 2001/02 bis 2012 (und auch danach).
  • Die Bevölkerungszahl stieg zu dieser Zeit nicht. Daraus folgt zwangsläufig ein Anstieg des Erwerbsarbeits-Aufwandes pro EinwohnerIn.
  • Da gleichzeitig aber die Zahl der erwerbstätigen EinwohnerInnen deutlich stieg – und zwar: noch stärker als das Arbeitsvolumen –, sank die Jahres-Erwerbsarbeitszeit pro erwerbstätige Person trotz des steigenden Arbeitsvolumens.

————-

Im folgenden dritten Teil wird es – anhand der Daten des IAB – zunächst um die geschlechts-spezifische Entwicklung des Erwerbsarbeits-Zeitaufwandes bis 2019 und dann um Veränderungen – auch hinsichtlich der Hausarbeit – bis in die Anfangszeit der Covid-19-Pandemie hinein und um die finanziellen Auswirkungen der Veränderungen des Erwerbsarbeitsaufwandes gehen.


[*] Diese Rechnung (einfach das Arbeitsvolumen durch die beiden genannten Bevölkerungszahlen zu dividieren) beinhaltet allerdings – wie schon angedeutet – kleine Ungenauigkeiten:

  • Wegen es schon angesprochenen Unterschiedes zwischen Inlands- und Inländerkonzept wäre es besser, wir würden das Arbeitsvolumen von den InländerInnen (also von den Menschen, die in der BRD wohnen) kennen. Das ist aber nicht bekannt oder jedenfalls nicht veröffentlicht; wir müssen daher mit dem im Inland geleisteten Arbeitsvolumen Vorlieb nehmen.
  • In Bezug auf die Bevölkerung ab 10 Jahren kommt hinzu, daß wir diesbzgl. keine Zahl aus den Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen haben und uns deshalb mit der – für die Zeit vor 2011 zu hohen (da keine rückwirkende Korrektur anhand des Zensus 2011) – Zahl aus der Bevölkerungsfortschreibung begnügen müssen.

Es kann versucht werden, beide Ungenauigkeit rechnerisch abzumildern; dies habe ich dort: https://datawrapper.dwcdn.net/aaN3l bzw. https://www.datawrapper.de/_/aaN3l (für die Gesamt-Bevölkerung) und dort: https://datawrapper.dwcdn.net/NiaJ6 bzw. https://www.datawrapper.de/_/NiaJ6 (für die Bevölkerung ab 10 Jahren) gemacht. Auch dort sehen wir den Anstieg von 2001/02 bis 2011/12 (s. dazu noch einmal meinen Artikel Die Erwerbsarbeitszeit pro EinwohnerIn und auch die Erwerbsarbeitzeit pro EinwohnerIn ab 10 Jahren ist seit 2005 stark gestiegen, nunmehr die Abschnitte „Die Entwicklung der Erwerbsarbeitszeit von 2001/02 bis 2012/13“ und „Vergleich des Ergebnisses meiner Berechnungen mit den Zahlen der Zeitverwendungserhebung des Statistischen Bundesamtes“) und weiter bis 2019.
Da aber trotzdem Ungewissheiten und Ungenauigkeiten übrigbleiben, beschränke ich mich im hiesigen Artikel auf die einfache und daher ohne weiteres nachvollziehbare Division des (wenn auch: Inlands)Arbeitsvolumens durch die Zahl der EinwohnerInnen (insg. bzw. ab 10 Jahren).

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