vonMathias Schwardt 20.04.2023

Von wegen Kultur

Obskure Musik, B-Movies und der Stand der Kultur: ein Blog von Mathias Schwardt. Foto: Peter Herrmann / unsplash

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Viel ist geschrieben und gesagt worden über den „Streit“ bei Deutschland sucht den Superstar zwischen Dieter Bohlen und Mit-Jurymitglied Katja Krasavice. Der „Pop-Titan“ (Bild-Zeitung) hatte im Casting Kandidatin Jill sexistisch beleidigt, Krasavice gab sich auf Social Media empört. Jetzt ist die Staffel vorbei, und zwei Fragen drängen sich auf: Warum wurde Bohlen von RTL nicht sofort nach dem Vorfall rausgeworfen? Warum gibt es eine weitere Staffel mit Bohlen?

Nun kann man argumentieren, DSDS sei genauso wie Heidi Klums zutiefst frauenfeindliches SAT.1-Format Germanys Next Topmodel schlicht und einfach Trash. Man muss die Shows ja nicht anschauen. Doch wenn Trash automatisch Sexismus bedeutet, sagt das viel aus über den sogenannten Kulturstandort Deutschland. Gegen das Top-down-Machtsystem alter Männer kommt keine MeToo-Debatte an.

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RTL ist ein klassisches Beispiel. Mit einer Beteiligung von mehr als 75 Prozent ist Bertelsmann, Europas zweitgrößter Medienkonzern, Mehrheitsgesellschafter der RTL Group. Manager Thomas Rabe hat eine Machtfülle, von der Regierungschef:innen in demokratischen Staaten nur träumen können. Die wichtigsten Posten des 57-Jährigen: Vorstandsvorsitzender von Bertelsmann, CEO der RTL Group, Vorsitzender der Geschäftsführung von RTL Deutschland. Laut Medienberichten gilt er als Mann der Zahlen. Mit anderen Worten: Die Qualität ist egal, solange der Umsatz stimmt.

Entsprechend radikal sachlich geht Rabe vor. Das zeigt momentan das Beispiel Gruner + Jahr. Nach der Fusion mit RTL Deutschland ist geplant, 23 Magazine des Verlags wegen zu geringer Rendite einzustellen und weitere zu verhökern. 500 Arbeitsplätze „fallen weg“, wie Entlassungen im Branchenchargon heißen. Weitere 200 Angestellte sollen zusammen mit einigen Magazintiteln an neue Eigner quasi mitverkauft werden. Mitarbeitende bezeichnen Rabe nun als „Totenvogel“. Er wird es verschmerzen können.

Angesichts des G+J-Kahlschlags verwundert es zunächst, warum RTL das Format DSDS entgegen früherer Ankündigungen nicht beerdigt. Probleme mit den Quoten gibt es schon seit längerem. Ein Rettungsversuch war krachend gescheitert. Nach der 18. Staffel hatte RTL sein jahrzehntelanges Zugpferd Dieter Bohlen mit dem Hinweis rausgeworfen, die Show solle familienfreundlicher werden. Doch mit Ersatzmann Florian Silbereisen lief es 2022 noch schlechter. Trotzdem beerdigte der Sender das Format nicht. Und machte sich gründlich lächerlich, als er Bohlen als plötzlichen Quoten-Heilsbringer für die Jubiläumsstaffel zurückholte. Weniger Ideen kann man nicht haben. Außerdem wurde klar, dass sich die Verantwortlichen wie vermutet einen Dreck um Familienfreundlichkeit scheren. Die Aktion war ein Offenbarungseid.

Und jetzt? Zwar sind die Quoten nach Bohlens Begnadigung insgesamt wieder besser geworden. Doch es darf getrost bezweifelt werden, dass die Steigerung wirklich entscheidend mit dem Krawallbruder zu tun hatte. Vor allem für die wichtige Gruppe der jüngeren Zuschauer taugt Influencerin, Sängerin und Buchautorin Katja Krasevice (26) – sie war ganz neu in der Jury – überdeutlich mehr zur Identifikationsfigur als der 69-Jährige. Das sehen die RTL-Granden, denen Veränderung wie allen Stockkonservativen suspekt ist, anders: In der kommenden Staffel darf Bohlen wieder den Chefexperten spielen, während Krasevice draußen ist.

Besonders auffällig war, dass RTL den zurückgeholten Vom-Hof-Gejagten in den diesjährigen Live-Shows feiern ließ wie einen Gott. Als hätte es den Sexismus-Vorfall mit Kandidatin Jill nie gegeben. So funktioniert es halt, das System alter Männer: Der BWL-Gebrauchsmusiker passt mit seiner Blut-Schweiß-Tränen-Philosophie und seiner Vorliebe für knappe Kleidchen perfekt zu einem Sender, der unterhaltungstechnisch in der Steinzeit hängengeblieben ist.

RTL hält Sexist Bohlen die Stange: Für Katja Krasevice wäre das ein sehr guter Grund gewesen, sich vorzeitig aus der Jury zu verabschieden. Alternativ hätte sie auch eine Live-Show dazu nutzen können, auf Konfrontationskurs mit dem Berufsjugendlichen zu gehen. Doch wirklich offen redete die Influencerin nur im Netz. Vielleicht gab es Druck von RTL, vielleicht fehlte ihr der Mumm. Oder sie hofft auf ein weiteres Engagement für den Sender und ordnete sich deshalb dem System unter. In jedem Fall hat sie es mit ihrem Verhalten gestützt. SheToo.

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