30.12.2010 von Helmut Höge
Auf einem Kongress in London meinte der Verleger der “New York Times” Arthur Sulzberger Jr.:
“Wir werden irgendwann in der Zukunft aufhören, die ‘New York Times’ zu drucken. Das Datum steht noch nicht fest.” Während der Gründer der Wirtschaftsnachrichtenwebsite “Business Insider” Sulzbergers Äußerung für bemerkenswert hält: “Das klingt zwar zuerst selbstverständlich, aber in Wahrheit ist es ein Riesending”, schätzt der Spiegel, dass das Ende der NYT-Printausgabe – und damit aller anderen großen Printmedien – vielleicht schon 2015 kommen könnte.
Aber die Bäume sollten sich darüber nicht zu früh freuen, denn spätestens danach droht ihnen ihre Verarbeitung zu Bio-Energie.

New Yorker Dampfpoller bei Nacht

New Yorker Spatz zwischen Kleinstpollern, die das Grinden von Skateboardfahrern auf einer Mauer verhindern sollen. Photos: Philipp Goll

Noch völlig pollerfrei: New York um die Jahrhundertwende. Photo: Archiv Peter Grosse
28.12.2010 von Helmut Höge
Flughafen-Poller und Pylone:

Drei rote Pylone am Flughafen Leipzig/Halle bei Nacht
“Die deutschen Flughäfen schlagen im Anti-Terror-Kampf ein ,Profiling’ nach Risikogruppen vor”, meldeten die Nachrichtenagenturen – vor Weihnachten. Und ich danach nun: Der Bremer Flughafen hat das schon mal angetestet. Er ist klein, aber fein und gehört einer Stadt, die aus Paranoia Wert schöpfen kann (nur noch).
So schickte Radio Bremen z. B. am 11.9. 2001 sofort einen Ü-Wagen zu einem kleinen Bürokomplex am Bahnhof, den man pompös “World Trade Center” genannt hatte, der jedoch nahezu unvermietbar war. Stündlich meldete der Sender daraufhin: “Noch ist hier am WTC alles ruhig!”
Bis zum Mauerfall flog man Weihnachten für 70 DM subventioniert von Westberlin nach Bremen, das wurde mir zur lieben Gewohnheit. Als ich jedoch jetzt nach dem Fest dort einchecken wollte, wurde ich beiseitegenommen – von einem Herrn mit Halbglatze, der sich als “Salm-Schwader, Profiler” vorstellte. Er druckste… weiter lesen
22.12.2010 von Helmut Höge

Den Acker abpollern
Das Wort wurde gerade zum Wort des Jahres gewählt, von irgendeinem Sprachgremium. Ich verband damit bisher Bürgerinitiativen gegen alles mögliche und Bürgerproteste wie die gegen “Stuttgart 21″ oder gegen die Castor-Transporte, gegen Gen-Mais, -Kartoffeln und -Weizen z.B..
Mußte allerdings zugeben, dass auch die ganzen ehemaligen Linken und Ex-Hausbesetzer in den Kneipen links und rechts der Kreuzberger Oranienstraße protestieren – und zwar à la Sarrazin. Schon nach dessen Interview in der “Lettre” hörten man andauernd “Das muß man doch mal sagen dürfen!” Gemeint war damit, dass man auf die ganzen verdammten Ausländer, in Sonderheit die Kreuzberg-Neuköllner Türken und Araber kulturell herabsehen und sie politisch unkorrekt benennen durfte. In einer neuen Galerie in S.O 36 – mit netter, aber unverkaufbarer Kunst, fragte ich die Galeristen, wie sie das denn ökonomisch hinkriegen würden, mit der Miete, dem Strom und allem drum und dran. Ja, das sei ein Problem, meinten… weiter lesen
21.12.2010 von Helmut Höge
Sechs Schnappschüsse aus dem Beitrittsgebiet (von Westlern):

OstlerIn 1 (Rügen)
“Geh nach Sibirien junger Mann, dort wachsen dir die Gürkchen ins Maul,” riet Maxim Gorkij einst einem Arbeitslosen. Der isländische Innenminister Ögmondur Jonasson veröffentlichte 2010, kurz vor seiner Ernennung, einen Artikel, in dem er die Ostwerweiterung der EU auf die Suche nach “Lebensraum” zurückführte. Im Gegensatz zu diesem Naziplan handelt es sich bei der jetzigen “Osterweiterung” um die Erschließung eines “Investitionsraumes”, der sich zum “Leben” hin sogar erst einmal verschließt: Millionen “Ostler” verlassen ihn nämlich – gen Westen, um dort als Schlachter, Monteur, Maurer oder Händler wenigstens kurzfristig etwas Geld zu verdienen.
In Rumänien kann man diesen Prozeß symbolisch so darstellen: Der Genpflanzen-Konzern “Monsanto” rückte flächendeckend ein – und zigtausend Rumänen zogen als Erntehelfer in den Westen. Der umgekehrte Sog, von Westlern in den Osten, blieb weitgehend aus, trotz Propandaphrasen – wie z.B. des “Woche”-Redakteurs… weiter lesen
14.12.2010 von Helmut Höge

“Nichts so schwer wie das Selbstverschwinden. Muß gelingen.” (Lothar Schöne “Der Fall Sahlheimer”, ein “Uni-Mainz-Krimi”)
“Die Sichtbarkeit fliehen. Denn je später uns die Sichtbarkeit findet, umso stärker findet sie uns.” (Unsichtbares Komitee “Der Kommende Aufstand”, ein “Paris-Rimbaud-Krimi”)
Die Literaturwissenschaftlerin Sylvia Bovenschen veröffentlichte 2008 einen Erzählband mit dem Titel “Verschwunden”. “Etwas oder jemand ist verschwunden. Für immer fort. Plötzlich, unerwartet. Obgleich wir wissen, dass alles irgendwann aus unserem Leben verschwindet – und auch wir selbst aus dem Leben verschwinden -, rechnen wir nie damit. Verschwinden, das Verb, verbindet das Verschwindende noch mit dem Jetzt, mit der Gegenwart. Es impliziert eine Aktivität (oder die Illusion davon), die tröstlich ist. Wenn etwas verschwunden ist, so ist das unwiderruflich. Trostlos. Und niemals vorstellbar, bevor es so weit ist. Silvia Bovenschens Buch ‘Verschwunden’ widmet sich diesem Unvorstellbaren,” heißt es in einer Rezension des Deutschlandradios “Kultur”.
Das ehemalige Nachrichtenmagazin “Der Spiegel” interviewte 2010… weiter lesen
13.12.2010 von Helmut Höge

Die Frau des Apothekers neben ihrer morgendlichen Tablettenration

Die Frau des Apothekers neben ihrer abendlichen Tablettenration
In der U-Bahn habe ich gestern die fünfte Werbung für Medikamententests gelesen. Eine war von einer Bio-Firma, die Tester für ein neues Mittels gegen Depressionen auf Johanniskraut-Basis suchte. Eine andere war von einer Firma, die die im Auftrag eines Arzneimittelherstellers Versuchspersonen rekrutierte. Bei der dritten ging es um das Testen eines neuen Empfängnisverhütungsmittels, und bei der vierten suchte BayerSchering “junge Frauen, Nichtraucherinnen, nach der Menopause” für einen Medikamententest. Alarmiert wurde ich durch die fünfte Werbung, auf der ich nur einen Satz las: “Testen Sie schon heute die Medikamente von morgen!” Da wird der in größter Geldnot sich für solche Experimente hergebende Mensch auch noch für dumm verkauft: Testen Sie schon heute etwas kostenlos, was sich die anderen erst später kaufen können – das klingt fast nach Avantgarde.

Drei dänische Pharmavertreter stoßen… weiter lesen
12.12.2010 von Helmut Höge

Berlin – Stadt der kurzen Wege (1)
In Regionalkrimis werden die Fälle oft und gerne von Quasi-Amateuren bearbeitet – Rechtsanwälte, Antiquitätenhändler, Journalisten, neugierige Nachbarn, beschäftigungslose Intellektuelle, sogar dreiste Drogenabhängige. Sie ersetzen sozusagen die hierzulande seltenen Privatdetektive. Es gibt daneben auch noch linksaufklärerisch motivierte Ermittler, nicht selten im Kollektiv.
In der regionalkriminellen Wirklichkeit ist das z.B. der Berliner Ermittlungsausschuß. Er hilft festgenommenen Demonstranten, sucht Zeugen und kümmert sich ggf. um einen Anwalt für sie. Außerdem erteilt er Rechtshilfe, mitunter auf Veranstaltungen, wo Vertreter des EA dann u.a den Ratgeber “Was tun, wenn’s brennt?” verteilen, wie die BZ kurz vor dem 1.Mai 2010 empört berichtete – und dabei von “Treffen potenzieller Gewalt-Demonstranten” sprach.
Bei Demonstrationen ist der EA telefonisch erreichbar. Inzwischen hat der Verein bei tausenden von Verfahren geholfen. Er wurde 1980 nach der brutalen Räumung des besetzten Hauses am “Fraenkelufer 48″ gegründet. Vor allem, weil die Einsatzbeamte nicht… weiter lesen