
Berlin, 22. April 2010, Ritter Butzke.
Muss man auch erst einmal schaffen: mit quietschig-krachig-bunter Popmusik, bei der kein einziges Wort zu verstehen ist, derart zu polarisieren. Auf der einen Seite die Zyniker, die mit verschränkten Armen weit hinten stehen, sich das Spektakel Alice Castles anschauen und natürlich alles schon einmal so gehört und gesehen haben. Die das Abkupfern in der Musik erkennen und die Falschheit der Performance unterstellen. Andererseits die Jünger in der ersten Reihe, die mit fassungsloser Faszination Alice bei ihrer Einmannperformance zusehen.

Zwar mag Ethan Castles die Songs „schreiben“ oder ein Schlagzeuger irgendwo im dunklen Nichts auf der Bühne zu verorten sein, eine Liveperformance im Stroboskopfeuer bietet nur Alice – und das obwohl sie der eigentlich überflüssigste Part wäre: ihre Vocals sind schon auf den Alben kaum zu verstehen, live könnte man ihr auch das Mikrofon wegnehmen und im Soundwall wäre kaum ein Unterschied zu merken.
Und doch ist es ihre Präsenz, dieses unglaubliche Charisma und der Wille, sich – und hier wirklich buchstäblich – in diese Songs zu werfen, die Crystal Castles derzeit zum besten Live Performance Act weltweit machen.

In diese kohlschwarzen Augen zu sehen, während sie auf dem Gitter steht, während sie über die Hände der Zuschauer rollt, während sie unverständliches Kauderwelsch in ihr Mikrofon schreit – es ist nicht in Worte zu fassen, was natürlich die Idee, ein Review über ein Crystal Castles – Konzert zu schreiben, von vornherein zum Scheitern verurteilt. In diesen Augen und ihrer Performance findet sich eine Faszination des Kaputten, dieses Paradox von dystopischer Schönheit – vergleichbar vielleicht mit den ersten Szenen aus Blade Runner, wenn wir in eine Welt des Verfalls und der Unmenschlichkeit geführt werden und uns trotz der Leere und Hoffnungslosigkeit, die diese Bilder bereits vermitteln, nicht des erhebenden Gefühls von „Schönheit“ erwehren können.

Auch die alte Frage der realness, der credibility von Crystal Castles kann man mit einem Rückgriff auf die Vergangenheit beantworten: wie bei den Sex Pistols und Johnny Rotten kann man natürlich problemlos aus sicherer Distanz Songs und Auftreten als fake und gesteuert abheften.

Geht man aber wirklich in der Masse auf, erfasst einen die Aggression und Energie, die in dieser Direktheit von Performance steckt. Crystal Castles gelingt dann nämlich etwas ganz erstaunliches, zumindest bei mir: sie können mir all die Theorie, das Denken über Musik komplett aus dem Kopf blasen und nur noch über kinetische Energie und pure Wucht funktionieren – und das alles ohne Drugs und Trunkenheit.

Angesichts der beinah messianischen Verehrung, die Alice Glass aus den ersten Reihen widerfährt, und ihrer Fähigkeit, wenn schon nicht über Wasser, so doch über nasse, schwitzende Körper zu laufen, möchte ich mir gerne einen Platz beim Abendmahl reservieren.

(Text & Fotos: Christian Ihle)
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