Best Of Schmähkritik: #20 – Patrick Wagner (Surrogat, Louisville Records) über die Musikindustrie

Zur Feier von „500 Folgen Schmähkritik“ sind wir tief ins Archiv gestiegen und haben die 25 schönsten Verrisse herausgekramt, die wir in den nächsten Wochen nun noch einmal präsentieren wollen.


Heute werfen wir einen Blick zurück auf einen offenen Brief, den Patrick Wagner vom Musiklabel „Louisville Records“ veröffentlicht hat als das Ende seines Indielabels bevor stand. Wagner war zuvor schon als Sänger der formidablen Surrogat und als Chef des Hipster-Labels Kitty-Yo bekannt geworden und hat zum Ende der Louisville-Zeit diese bemerkenswerte Abrechnung mit der Musikindustrie veröffentlicht:

“Verzweiflung pur – jetzt müssen wir das Navel Album verschenken, damit es gehört wird – denn so wie´s aussieht verkaufen wir grad mal 10 000 – 20 000 Stück und darauf können wir angesichts der Qualität dieses Albums durchaus verzichten. Natürlich ist uns das komplett gleichgültig, was nervt an diesem Geschäft, ist weniger die Tatsache, dass man sich komplett verschuldet, sondern dass man auf allen Ebenen mit komplett überlasteten und unfähigen Vollidioten zu tun hat, die einem offen ins Gesicht lügen.

Da wäre z.B. Philipp (internationaler Vertriebsmanager bei K7), nach einem total coolen Treffen und quasi Handschlagdeal und nachdem er sich diverse Päckchen mit Promomaterial hat schicken lassen und auf ca 20 Mails und 10 Anrufe nicht geantwortet hat, dann meinte – Louisville Records sei einfach noch nicht bekannt im Ausland – genau das hatte ich ihm beim ersten Meeting gesagt (und stimmt Puppetmastaz haben ja nur 12 000 alben in FR. verkauft). Oder Curt (ich hab Schnupfen) von Cooperative Music der nach ähnlichem Prozedere und endlosem Hinterhertelefonieren meinte, man suche doch eher ein Elektro Label, lustigerweise aber jedesmal wenn man ihn im Nachtleben trifft meint, man solle etwas zusammen machen. Grossartig auch Leute wie Christoph von MTV – “Bei Navel könnte ich mir echt gut vorstellen, wenn das Video gut wird, dass wir da einen Newcomer Deal anbieten könnten – ca 10 000€ später, ist das Video zwei mal gelaufen und MTV lässt über Dritte ausrichten, dass man keinen Rock spiele auf MTV – als hätten sie das nicht einen Moment früher gewusst. Besser sind da schon die herrlichen Kollegen von den Printmedien – am besten aus der Rockhauptstadt München vom Musikexpress – zB. Oliver “das sind Newcomer, oder ?- Ja dann musst du mit Christoph sprechen: “ich weiss nicht ob ich da was bringen kann, es ist so viel los gerade” die Wahrheit ist, dass im März/April ausser Nick Cave und Portishead keine einzige auch nur halbwegs anhörbare Platte rausgekommen ist, da nimmt man schon mal eine Künstlerin aufs Cover die grade nur Coverversionen veröffentlicht, wenn das nicht die Musik vorantreibt? Toll auch Markus vom Radio Sender “Eldoradio” (Hörerschnitt: 4/Tag), der ganz gerne von einem erwartet, dass man für ihn und seinen beschissenen Sender und seine absolut irrelevanten Campuscharts einen Song umschreibt oder ne andre Single auskoppelt und im gleichen Atemzug sagt “Kettcar finden wir zwar auch scheisse, müssen wir aber machen”. Da sind mir die Kollegen von der Spex schon lieber, die einfach, sagen, “da machen wir nichts”, -genauso hab ich mir nen Diskurs vorgestellt. Als würde mich das interessieren, was diese, aus drittklassigen Feuilleton Schreibern zusammen-gestoppelte Redaktion, über Musik zu sagen hat. Sehr gut sind auch A&R´s bei Plattenfirmen, mit denen man vermeintlich befreundet ist, “nee, den Vertiebsdeal mit Louisville solle man auf keinen Fall verlängern” – ach Gott, bin ich froh solche Freunde in der Branche zu haben. Jetzt stellt sich zurecht die Frage, warum um Himmelswillen wir noch in diesem komplett talentfreien Bizness arbeiten. Hier ist die Antwort und bevor wir (April – April) dieses Album verschenken, schneiden wir uns lieber die Hände ab.

PS. Alle genannten Personen sind real und in unserem Verteiler.
PPS.: Wenn alle die das hier lesen sich nächste Woche das Navel Album kaufen (ja das gibt es noch), wird es zumindest das DSDS Album von Platz 2 der Charts vertreiben, und das wäre doch ein hübsches Zeichen dafür, dass nicht Hopfen und Malz kommplett verloren gegangen ist.”

(Patrick GaG Wagner, Louisville Records. Ursprünglich erschienen im April 2008)


Weitere Schmähkritiken von Patrcik Wagner:
* Patrick Wagner über M.I.A. und – erneut – die Musikindustrie
* Patrick Wagner über The Notwist



Bisherige Best-Of-Folgen:
# 25: Dietmar Dath über die Internetbemühungen etablierter Parteien
# 24: Die SZ über Urban Priol
# 23: Harald Martenstein über den Film „Henri 4“
# 22: Sascha Lobo über die Blogwelt
# 21: Eine Filmkritik zu „Transformers 2“

1 Kommentar

Die E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.

*

  1. Pingback: GEWALT-Interview: „In mir wütet eine große Zerstörungskraft“, aber „ich weiß nun auch, dass meine Verletzlichkeit eine Waffe ist“ | Monarchie & Alltag