GEWALT-Interview: „In mir wütet eine große Zerstörungskraft“, aber „ich weiß nun auch, dass meine Verletzlichkeit eine Waffe ist“

Stammleser sind sicher schon das eine oder andere Mal über die Band GEWALT gestolpert, die wir bereits häufiger besprochen haben. Sänger Patrick Wagner hat schon einiges im Musikbusiness erlebt: er war mit Surrogat die wesentliche Berlin-Band der Jahrtausendwende, gründete & verlor zwei Independent-Labels (Kitty-Yo und Louisville), arbeitete zwischendurch auch bei einer Major-Plattenfirma und war die letzten Jahre von der Bildfläche verschwunden.

Gemeinsam mit Helen Henfling und Yelka Wehmeier ist Wagner nun GEWALT. Die Großmeister der RocknRoll-Dekonstruktion gehen ihren eigenen Weg, verweigern sich den üblichen Verwertungszyklen und veröffentlichen nun ihre vierte 7-Inch-Single – die erste auf dem Hamburger Noise-Rock-Label Fidel Bastro. Heute abend spielen GEWALT auch in Hamburg anlässlich des 25. Label-Geburtstages von Fidel Bastro (ein Interview zu „20 Jahre Fidel Bastro“ gibt es übrigens hier zu lesen).

Ein guter Anlass, ein längst überfälliges Gespräch mit GEWALT zu führen. Mit Gitarristin Helen und Sänger Patrick treffe ich mich in Berlin-Mitte in einer Bar und die nächsten Stunden (zwei on the record, zwei+ off the record) geht es dann flugs durch die letzten zwanzig Jahre deutsche Musikgeschichte, die Verdorbenheit des Business und warum GEWALT alles anders macht. Im Folgenden der erste Teil unseres Gesprächs, Part 2 folgt nächste Woche – und so geht die Geschichte:

Wie kam es zum Namen GEWALT?

Patrick: Das war von vornherein klar. Der Name musste etwas sein, das keine Ausreden zulässt. Wenn man GEWALT heißt, kann man unmöglich mediokre Musik machen. Es muss entschlossen sein. Der Bandname ist ein Prüfsiegel. Wir können immer fragen: IST DAS GEWALT? Auch jeder Text, jedes Video, jeder Auftritt muss dem Namen GEWALT entsprechen.

Wann habt ihr mit GEWALT angefangen?

Helen: Erst Ende 2015.

Ich habe ein bisschen in alten Interviews gesucht und dabei eines von vor gut 10 Jahren gefunden, in dem es heißt:

Hast du vor, irgendwann mal wieder als aktiver Musiker auf die Bühne zu gehen und wenn ja: unter welchen Voraussetzungen bzw. in welchem Rahmen?

Patrick: Auf keinen Fall – ich möchte nie wieder dafür verantwortlich sein, Leute bei einem Konzert unterhalten zu müssen. Seltsamerweise fragen gerade sehr viele Leute nach Wagner und Surrogat – es freut mich, dass wir eine Lücke hinterlassen haben, aber ich mag nicht mehr dieses „here we are now, entertain us“.

Was war dann der Anlass, doch wieder etwas zu machen?

Patrick: Ich war eine zeitlang ziemlich lost. Ich hatte damals das Gefühl, dass ich Schaden anrichte, sobald ich irgendwo reingehe. In mir wütet einfach eine große Zerstörungskraft. Ein Freund von mir hatte aber eine Veranstaltung, die hieß Fuck Up Night – also ein Abend, auf dem Leute über ihr Scheitern reden. Er hat mich überredet, dass ich dort vom Ende meines eigenen Labels Louisville erzähle. Ich hatte vorher nie groß reflektiert und als ich vor dem Publikum gesprochen habe, war das mein griechischer Chor und ich habe zum ersten Mal meine eigene Geschichte erzählt.

Über die Zeit baut man sich ja eine Geschichte, die man selbst glaubt. Ich habe zum Beispiel bis dahin immer gedacht, dass irgendjemand anderes Schuld war. Als ich zum Beispiel bei Kitty-Yo rausgegangen bin, habe ich immer sehr viel Schuld bei meinem Partner gesucht. Ok, das stimmt auch, er hat so ziemlich alles falsch gemacht, was man falsch machen konnte, aber ich hätte ja trotzdem nicht rausgehen müssen.
Ich war damals 29 und hatte Angst vor der Verantwortung für all die Leute, deren Gehalt ich bezahle. Ich wollte damals doch eigentlich nur Bier trinken und Mucke machen und auf einmal war ich verantwortlich dafür, dass die ihr Brot auf den Tisch bekommen. Erst als ich bei der Fuck Up Night auf der Bühne vor Publikum stand, habe ich gemerkt, dass ich das kann und es mir Spaß macht.

Ich wollte aber nie wie Jochen Distelmeyer beamtenmäßig mein Künstlerleben absitzen. Sprich: man hat nichts zu sagen und sagt aber trotzdem immer wieder etwas. Ganz ehrlich: Distelmeyer hat seit der „Old Nobody“ nicht einen vernünftigen Satz aufs Papier gebracht – und wieviel Platten hat er trotzdem gemacht??

Es ist nicht persönlich gemeint, es gibt sicher viele andere für die das auch gilt. Aber Distelmeyer fällt mir bei dem Thema immer ein, weil er auch musikalisch so irre uninteressant ist.
Bei Surrogat war mir schon wichtig – und bei Gewalt sogar noch mehr:
es wird nur etwas geschrieben, wenn es sich schreibt!

Ich will einfach nie mehr dasitzen und denken: ich muss noch einen Text schreiben, weil ich eine Platte machen muss. Außerdem mag ich meine Surrogat-Texte immer noch sehr und hatte Angst, dass ich nicht gut genug bin im Vergleich zu meiner Vergangenheit.

Was mir an deinen Texten schon zu Surrogat-Zeiten aufgefallen ist, dass Du die Fähigkeit hast, Slogans zu texten. Aber unbequeme Slogans, denn sie werden nicht zu Platitüden. Zum Beispiel wird auf der neuesten Single „So geht die Geschichte“ als Schluss-Schrei einer langen Story repetitiv „DAS NEUE GOLD HEISST PFAND“ wiederholt, was ja im besten Sinn ein unbequemer Slogan ist. Gleiches gilt für „Szene einer Ehe“, in dem der Text ja nur aus „Was? Was ist denn? Was. Willst. Du. Denn. Von mir?“ besteht

Patrick: Szene einer Ehe hatte ursprünglich einen viel längeren Text, der mir aber dann doch zu privatistisch erschien. Deshalb habe ich es radikal auf diese drei, vier Zeilen gekürzt. Umgekehrt aber bei „So geht die Geschichte“ – wenn hier der Text kurz wäre und ich würde nur „Ich habe meinen Job verloren / Das neue Gold heißt Pfand“ singen, dann wäre das eine Platitüde. Aber in Verbindung mit der langen Geschichte und unerträglichen Nähe, die der Text aufbaut, darf ich am Ende in diesen Slogan rutschen, da der Song aus einer individuellen Geschichte des Niedergangs ein allgemeines Bild zeichnet, das wiederum einen Zugang erlaubt. In Baden-Württemberg kann den Song ja niemand nachvollziehen, aber in Berlin ist das Alltag!

Helen: Aber weißt du noch, als wir kürzlich in Reutlingen gespielt haben, und uns Typen Pfandflaschen als Geschenk mitgebracht haben? *lacht*

Wie schreibst du denn Texte? Spontan zwischendurch oder Nick-Cave-Style: früh um 8 ins Büro und dann ordentlich durchschreiben, bis der Gong klingelt?

Patrick: …so macht das ja auch Dirk von Lowtzow. Ich schreib dagegen hauptsächlich im Kopf und fange seit kurzem an, mir einzelne Sätze ins Handy zu schreiben. Ein Unterschied von GEWALT zu meiner alten Band ist übrigens: bei Surrogat haben die anderen Mitglieder meine Texte null interessiert, Helen und Yelka wollen dagegen immer wissen, was ich sage, was ich singe.

Ich finde an Euren Liedern auch erstaunlich, dass ihr den Mut zur Leere habt. Es gibt kaum eine Band, bei der mir das so auffällt. Die Nerven vielleicht noch – die ihre Leere im Gegensatz zu Euch aber nicht mit Stille erzeugen, sondern mit einer Lärmwand.

Helen: Aus meiner Sicht sind die Neubauten auch so gestrickt.

Wie kommt euer Sound zustande?

Patrick: Im Gegensatz zu Helen & Yelka bin ich ja ein völliger Dilettant am Instrument. Ich kann ja nichts anderes. Zur Not könnte ich vielleicht gerade noch eine Akustik-Platte hindrechseln…

Helen: …die du dann GESTALT nennen könntest …
*beide lachen*

Patrick: Eigentlich war der Sound gleich von Beginn an da. Als Helen eingestöpselt hat, das Feedback durch den Raum ging, war klar: das muss und wird jetzt ballern. Die beiden ersten Stücke, die wir gespielt haben, waren „Pandora“ und „Szene einer Ehe“. Bei den neueren Liedern wie „Tier“ spiele ich selbst gar keine Gitarre mehr und hat Helen die Riffs geschrieben – wie auch in „So geht die Geschichte“.

Du trittst mit deinem rostbefleckten Hochzeitsanzug auf…

Patrick: Der Hochzeitsanzug ist Teil der Band.

…dann nehm ich an, dass er auch eine Bedeutung hat?

Patrick: Mich erinnert der Hochzeitsanzug an die Vergänglichkeit von allem. Ich habe ihn ja mal getragen, im Glauben, dass ich mit dieser Frau für immer und immer zusammen sein will. Aber das ist, nun ja, nicht so gelaufen. Deshalb ist der Hochzeitsanzug nun auch mit Rost befleckt, eingelaufen, wird nie gewaschen und stinkt wie Hölle. Der Hochzeitsanzug zerfällt nach und nach und er steht für die Vergänglichkeit: dass du nichts festhalten kannst. Dass es nur den nächsten Moment gibt.

A propos Vergänglichkeit – zum Ende deiner Louisville-Zeit hast du einen wundervollen Rant über die Musikindustrie geschrieben:

“Verzweiflung pur – jetzt müssen wir das Navel Album verschenken, damit es gehört wird – denn so wie´s aussieht verkaufen wir grad mal 10 000 – 20 000 Stück und darauf können wir angesichts der Qualität dieses Albums durchaus verzichten.

Patrick lacht laut

„Natürlich ist uns das komplett gleichgültig, was nervt an diesem Geschäft, ist weniger die Tatsache, dass man sich komplett verschuldet, sondern dass man auf allen Ebenen mit komplett überlasteten und unfähigen Vollidioten zu tun hat, die einem offen ins Gesicht lügen.“

GEWALT hat ja nun eine – nennen wir es mal – ungewöhnliche Veröffentlichungsstrategie. Vier 7-Inch-Singles, kein Album in Sicht. Das letzte Mal als wir uns unterhalten haben, war die Idee eines Albums noch im Gespräch, Patrick wollte aber GEWALT am liebsten als Singles-Band durchziehen.

Patrick: Wir bleiben bei den Singles. Wir haben gerade die fünfte Single „Limiter“ mit Tobi Siebert aufgenommen.

Das wird aber interessant. Tobi Siebert (u.a. Sänger von Klez.E) ist ja eher für einen ausformulierten Sound wie auf dem letzten großartigen Klez.E-Album bekannt…

Patrick: Bei uns gar nicht. Er war praktisch der Radikalste, mit dem wir zusammengearbeitet haben. Er hat alles noch lauter gemacht, alles live, nichts nachproduziert. Ich habe ihn noch gefragt: „Und Tobi, wann mischen wir?“ und Tobi meinte nur: „Euch mischt man nicht. Euch nimmt man einfach auf!“ *lacht*

Eure Singles werden auch alle auf kleinen, geilen Labels wie Fidel Bastro oder In A Car veröffentlicht. Ist das eine bewusste Entscheidung gegen die Musikindustrie nach deinen vielen Erfahungen?

Patrick: Ja. Mit der Musikindustrie wollen wir nichts zu tun haben. Das interessiert uns auch überhaupt nicht.

Helen: Ich finde außerdem, dass Singles wirklich besser zur Zeit passen. Das Album ist doch over.

Patrick: Allein wenn ich mir vorstelle, dass mir irgendeiner von der Musikindustrie wieder etwas von „Veröffentlingsstrategie“ und „Timing“ erzählen würde. Welches Timing denn?? Es ist immer alles direkt JETZT!

Ihr seid auch nicht auf Spotify…

Patrick: Unsere Labels kümmern sich halt nicht drum und mir ist das völlig egal. Ich sehe Spotify als Verramschung von Musik und dass eben wie immer andere Leute mit deiner Musik Geld verdienen.
Ich finde es auch gerade gut, dass niemand für unsere Musik „arbeitet“, sondern nur Freizeitheimer, die eben Bock darauf haben. Trotzdem ist „So soll es sein“ ausverkauft, „Szene einer Ehe“ war ausverkauft, „Tier“ sicher auch…

Welche Auflage habt ihr denn?

Patrick: Das waren jetzt immer 500er Auflagen, bei „Szene einer Ehe“ haben wir eine zweite Auflage nachgepresst.
Unser Königslied wird aber „Wir sind sicher“. Das war das einzige Stück, das ich in meinen letzten 15 bandfreien Jahren gespielt habe. Für mich ist es neben „So geht die Geschichte“ der Gewalt-Song. Und hier wollten wir auch wirklich mal kein Liverecording, sondern im Studio so opulent wie möglich aufnehmen. Diesmal auch mit Samples. Ich habe Richard Wagner und Miles Davis gesampled, beides übereinandergelegt *lach*

Wo soll das erscheinen?

Patrick: Hier wollen wir etwas anderes machen. Und das ist eben auch der Vorteil im Vergleich zu einem Album. Wir können uns praktisch für jeden Song das ideale Umfeld suchen. Und so bekommt jedes Lied auch den Platz, den es verdient. Wir machen ja auch zu jedem Song ein Video. Macht ja sonst auch keiner.
Aber bevor ich mich mit ’nem Plattenlabel treffe oder mit dem Promoter Abendessen muss und eine „Strategie“ durchspreche, fahr ich lieber nach Cottbus, setz mich in den Sand und dreh ein Video.

Die Leute wollen es in Deutschland halt immer amtlich haben. Schön ein Album und wenn es eine LP gibt, dann berichten auch mal Musikexpress und Spex darüber, und das ist dann die Bestätigung, dass wirklich „etwas“ passiert ist. Da fühlen sich die Leute dann bestätigt in ihrer Musikliebhaberei, können vielleicht noch sagen „die kannte ich vorher schon“ und dann natürlich „früher waren sie aber besser“.

Helen: Und das zweite Album geht dann natürlich gar nicht mehr!

Patrick: Unsere Band dagegen hat ein buddhistisches Prinzip: es geht nicht um fucking career planning! Weder für uns noch für die Leute, die uns kennen und mit der Band „mitwachsen“. Vielleicht haben wir gerade auch jetzt den Höhepunkt unseres Schaffens mit diesem Interview erreicht.
Ich finde es auch lustig, dass bisher noch kein Musikmagazin ein großes Wort über uns verloren hat…

Weil ihr eben kein Album veröffentlicht…

Patrick: Wir sind nur einmal ins Nachdenken gekommen, als uns das Sounds of Subterrania – Label angesprochen hat, die unter anderem meine Lieblingsband Human Abfall veröffentlicht haben. Der Typ macht auch nur verrückte Sachen, wie eine in Zement eingemauerte Platte, bei der man erst das Cover zerschlagen muss, um das Album hören zu können. Immerhin: Eine Single kommt jetzt bei Sounds Of Subterrania heraus.

Aber du musst Dir das mal überlegen, was das eigentlich heißt, wenn Texte in Musikzeitschriften vom Albumerscheinen abhängig sind: das ist doch so entlarvend, dass die Musikpresse nur eine Produktdurchschleifmaschine ist! Und nur weil wir nichts zu verkaufen haben – die 500 Singles verkaufen wir eh auf Konzerten und Geld verdient damit sowieso keiner – sind wir nicht vorhanden.
Wir dagegen „bemustern“ niemand, wir schicken keine fucking Mail!

Wir gehen sowieso davon aus, dass uns niemand mag. Die Grundidee der Band war immer, dass wir auf der Bühne proben und lernen. Unser Grundsatz vor dem ersten Konzert in Berlin: erst wenn wir fünf Lieder nicht können, treten wir damit auf.

Die Einstellung ermöglicht euch wahrscheinlich auch, Sachen durchzuziehen, bei denen andere Bands ein Konzert abblasen würden. Bei eurem großen, selbstveranstalteten „Homecoming-Festival“ dieses Jahr (mit Klez.E, Hope und Friends Of Gas als weiteren Gästen) ist Helen ja kurzfristig ausgefallen und ihr seid zu zweit auf die Bühne. Und bei diesem eh schon minimalistischen Sound auch noch auf die Gitarre zu verzichten und trotzdem das größte Konzert des GEWALT-Lebens zu spielen, dafür braucht es schon Eier. Diese Kompromisslosigkeit macht GEWALT so interessant für mich, der ich ja auch schon ewig Musik hört. Die Attitude, die man bei Eurer Herangehensweise spürt.

Patrick: Wir kümmern uns einfach ums Wesentliche. Negativ formuliert ist es ein „fuck it all!“, aber im Grunde ist es doch nur eine Reduktion auf den Kern des Ganzen: die Einstellung, die Texte.

Interessant ist übrigens, dass obwohl ihr „GEWALT“ heißt und du selbst sagst, dass Euer Sound „ballern“ soll, Euch jede Breitbeinigkeit, jeder Machismo abgeht. Liegt sicherlich auch an der schönen Tatsache, dass die Band nun mal zu zwei Dritteln weiblich besetzt ist, was ja leider immer noch eine Seltenheit ist. War es eigentlich Zufall, dass die Band mit 2:1 Frau vs Mann aufgestellt ist?

Patrick: Nein, wir wollten schon bewusst zu Helen & mir eine Frau dazu holen. Gerade weil GEWALT dann noch viel stärker wirkt, als wenn drei Macker auf Bühne stehen. In der Zwischenzeit weiß es leider jeder, aber am Anfang war dieses Gesicht der Veranstalter unbezahlbar: „IHR seid GEWALT??“ – nachdem wir aber den Soundcheck gemacht haben, wussten die schon, warum wir GEWALT heißen…

Von der Besetzung abgesehen, wodurch dekonstruiert GEWALT noch die Breitbeinigkeit des Rock?

Patrick: Ich bin immer verletzlich. War ich schon immer, bin ich jetzt aber noch mehr. Die fünf Jahre, die ich nur an die Decke gestarrt habe, helfen auch, verletztlicher zu werden. Ich weiß nun auch, dass meine Verletzlichkeit eine Waffe ist. Bei uns geht es immer um die Diskrepanz zwischen den Beats, der Lautheit und andererseits, dem Willen, den Texten zu folgen. Natürlich ist es leichter, wenn ein Konzert wie in der fluc.wanne in Wien ist, als es einfach religiös war. Aber auch bei anderen Konzerten bekomme ich immer noch Gänsehaut von unseren eigenen Stücken.

Helen: Ich finde ja unser Publikum auch ziemlich interessant. Das ist so gemischt, Junge wie Alte.

Erstaunlich, weil ich mich kürzlich erst mit einem Freund unterhalten habe, dass Die Nerven trotz ihres jungen Alters in erster Linie doch ein mittelälteres Publikum ziehen.

Helen: Gerade in Nürnberg war zum Beispiel das Publikum total Junge, die eine Party zu uns gefeiert haben.
Patrick: Wir ziehen halt intellektuelle Kunststudenten genauso wie Prolls.

Das Video zu „Tier“ war bemerkenswert, als hätte Hermann Nitsch sein Orgien-Mysterien-Theater in eine psychologische Gruppensitzung des Wiener Aktionismus übertragen.

Patrick: Die Gesellschaft pervertiert sich, dass mir ein kalter Schauer über den Rücken läuft. In „Tier“ versuche ich hinzuführen, wer der Mensch eigentlich ist. Was wollen wir denn eigentlich? Und warum sind wir davon so weit weg? Das findet dann auch seine Entsprechung im Video. Wir machen auch keinen „Videoclip“ zu einem Song, sondern wir filmen, was uns bewegt.

Nach dem freizügig-verstörenden „Tier“-Video konnte man in Foren wie laut.de sexistische Kommentare der untersten Schublade lesen. Dabei würde man doch denken, dass in so special interest Foren echtes Interesse an Musik vorherrscht und es in der Indie/Punk-Ecke eine Art Grundverständnis gibt, wie man miteinander umgeht. Deshalb empfand ich diese Art Kommentare als noch schockierender.

Helen: Das sind Typen, die jeden Scheiss kommentieren. Das sind deshalb noch keine Leute, die Ahnung von Musik haben oder uns verstehen würden.
Patrick: Die Typen haben genau das gemacht haben, worum es im Video geht. Sie haben sich komplett gehen lassen.

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Im zweiten Teil des Interviews: die deutsche Musikszene, Surrogat und das legendäre Video zu „Hell in Hell“ mit Boxer René Weller.


Heute Abend spielen GEWALT bei 25 Jahre Fidel Bastro in Hamburg:

GEWALT auf der Bühne:

29.09. HH Hafenklang
30.09. Kassel Randfilmfestival
15.10. Köln Gebäude9
27.10. Heidelberg Privat
28.10. Kalternpopfestival (IT)
Februar: auf Tour mit Friends Of Gas

1 Kommentar

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  1. Uralt-Sound (Tier) und so langweilig, dass mensch so fünf Sekunden zum abschalten benötigt. Leute, es gibt tausende von Bands in diesem Land, warum so etwas interviewen …