Archive for the ‘Album des Monats’ Category

03.08.2011 von Christian Ihle
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Album des Sommers: WU LYF – Go Tell Fire To The Mountain

von Christian Ihle

WU LYF “Go Tell Fire to the Mountain” (LYF Recordings)

Von Anfang an machte die britische Band WU LYF überregional auf nicht alltägliche Weise von sich reden: Zuerst verbreiteten sie ein Foto auf dem eine Gruppe junger Typen zu sehen ist, die alle mit weißen Tüchern vermummt sind und eingehüllt in dichte Rauchschwaden auf einem Parkplatz stehen.

wu lyf

Niemand wusste, wer hinter der Band steckte oder aus wie vielen Musikern sie überhaupt bestand – aber selbst mit diesem ersten Bild vermittelten WU LYF sofort, um was es ihnen geht: Um Attitude, um Gang-Mentalität, darum, mehr zu sein, als ein paar Jungs, die gern Gitarre spielen.

Geschickt jonglierten WU LYF (“World Unite / Lucifer Youth Foundation”) stehen, auch nach ihrem unvermuteten Auftauchen mit den Konzepten “Rätsel” und “Exklusivität”, was sie zum interessanten
Gegenentwurf zur sonst herrschenden Ubiquität von Musik und Künstlerinformationen macht. Das erste Demo wurde auf wenig Stück limitiert und den Plattenlabel-Talentsuchern für horrende 50 Pfund verkauft. Fans der ersten Stunde konnten Mitglied in der sogenannten Lucifer Youth Foundation werden und dadurch exklusiven Zugang zu ihren Konzerten erhalten, die ausschließlich in einem Atelier im nordenglischen Manchester stattfanden.

Erst nach und nach lichtete sich der Nebel, einzelne Songs fanden ihren Weg auf YouTube und ließen erstaunte Fans zurück. Wann hatte man zuletzt eine junge Band gesehen, die plattenlabelunabhängig mit einem so fertigen Entwurf vor die Öffentlichkeit trat und dabei die besten Musikvideos des Jahres und die originellste Musik seit langem
präsentierte?

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Auch jetzt, ein Jahr nach dem ersten Lebenszeichen, die Gruppe außerhalb Manchesters aufgetreten ist und die Bandmitglieder mit Gesicht und Namen bekannt sind, bleibt immer noch wie bemerkenswert anders WU LYF arbeiten.

Ihre Pressemitteilungen sind keine öden Promozettel, sondern genau durchdachte, mitunter pathetische Pamphlete eines Willens zu mehr Individualität.
Ihre Songs sind immer noch schwer zu greifen. Versuche, sich … weiter lesen

23.05.2011 von Christian Ihle
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Album des Monats April – Platz 2: Josh T Pearson – Last Of The Country Gentlemen

von Christian Ihle

pearson

Es reicht ein Blick auf den bärtigen, bärtigen Josh T Pearson, um die Worte „years in the wilderness“ zu begreifen. Einst mit der unterschätzten US-Indie-Rock-Band „Lift To Experience“ für eine kurze Zeit möglicher Retter amerikanischen Rocks, verschwand Pearson für Jahre im Nirgendwo, nur um auf der hervorragenden 8mm-Musik-Compilation mit dem live aufgenommenen Song „THE CLASH“ ein derart fulminantes Lebenszeichen von sich zu geben, dass es einem die Sprache verschlug.

pearson

Wieder ein paar Jährchen später kehrt Pearson nun endlich mit einem Album zurück. „Last Of The Country Gentlemen“ erinnert dabei weder an seine alte Band noch an jene 8mm-Aufnahme, sondern ist ein Meisterwerk des kathartischen Countryfolk. Ruhig ist kein Ausdruck! Pearson, eine Akustik-Gitarre und Texte, von einer Heftigkeit und Offenheit, die einen erschaudern lassen. Sollte jemand ein zweites Sequel zum Alten Testament schreiben wollen, bitte unbedingt Josh T Pearson mit einbeziehen.
Musikalisch ist „Last Of The Country Gentlemen“ zudem ein Geschenk für alle, denen Will Oldham in den letzten Jahren doch zu viele Bongo-Trommeln und Streicherquartette im Bart gefunden hat. Erschreckend gut. … weiter lesen

16.05.2011 von Christian Ihle
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Album des Monats April – Platz 3: Cat’s Eyes – Cat’s Eyes

von Christian Ihle

Dass der Sänger der britischen Band The Horrors einen nuancierten Musikgeschmack besitzt und die Rundumbegeisterung eines wahren Nerds aufbringen kann, war schon bei den ersten beiden Alben seiner Band nicht zu überhören. Das Debüt plünderte obskure Garagenrock – Höhepunkte der 60er charmant und behände, Album Nummer zwei mischte dann noch Krautrock der Marke Neu! und britischen Post-Punk von Joy Division bis Teardrop Explodes bei.

cat's eyes

Nicht ausgelastet damit, eine der besten britischen Bands derzeit anzuführen, hat sich Faris Badwan während der Aufnahmen zu Horrors-Album Nummer Drei noch ein Nebenprojekt zugelegt, das sich weder als selbstgefälliges Egoding noch als Spaßnummer erweist.

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Im Gegenteil: schlüssig kann man im „Cat’s Eyes“ – Projekt, das Badwan mit der kanadischen Sängerin Rachel Zeffira gegründet hat, Einflüsse heraushören, die im Soundgefüge seiner Hauptband bereits vorhanden waren, aber im Horrors-Kosmos eben keinen allzu großen Platz einnehmen können. War im Horrors-Song… weiter lesen

05.04.2011 von Christian Ihle
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Album des Monats März – Chuckamuck: Wild For Adventure

von Christian Ihle

Süßer Vogel Jugend! Warum fliegst du so selten hierzulande? Warum klingen hier all die jungen Bands, die einen Plattenvertrag bekommen, nicht wie die jungen unfertigen Garagengenies, die sie sein sollten, sondern nach machtgeilen, glattgebügelten Karrieristen?
Wer singt hierzulande Lieder über Schokolade und Mädchen? Wo sind die seltsamen Burschen, die Satzzeichen vergessen und sich stattdessen hinstellen und „Ist es das“ sagen?

Mädchen aus Hamburg und Mädchen aus Verona
Mädchen aus Paris und aus Barcelona
Mädchen aus Bremen und aus Wien
Wir sind Chuckamuck und wir kommen aus Berlin!

Chuckamuck – Caroline by Christian76

Aber nun genug des Jammerns, denn Chuckamuck sind alles, was wir lange nur mit dem Fernglas sehen konnten. Eine Hand voll wilder junger Burschen aus Berlin, die fröhlich vor sich hinschrammeln, über ihre Teenage Kicks wie Schokoriegel, Zigaretten und Mädchen singen als hätte man gerade „Teenagerliebe“ der Ärzte aufgelegt, während… weiter lesen

08.02.2011 von Christian Ihle
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Schmähkritik (392): Christiane Rösinger über Til Schweiger und die “romantische Komödien”

von Christian Ihle

“Ein sehr nützlicher Imperativ bei der Gruppendiskussion “Welcher Film?” lautet dabei: “Meide die romantische Komödie!”
Hier trennt sich auch im Freundeskreis die Spreu vom Weizen. Bislang einigermaßen vernünftige, geschmacksichere Menschen finden plötzlich warme Worte für dieses zutiefst ungute Genre und überraschen mit Insiderwissen zu “Notting Hill”, “Pretty Woman”, “Haben sie das von den Morgans gehört?” und Bridget Jones Teil 1-17. Dabei ist die romantische Komödie der Trivialroman des 21. Jahrhunderts, die scheußlichste Unterabteilung des Hollywood-Films. Selbst die Familienkomödie ist noch leichter zu ertragen, weil da wenigstens meistens ein verwuschelter, schlecht erzogener Hund mit spielt.

Die romantische Komödie hingegen zementiert die heterosexuell-paarnormative Zwangsmatrix. Schon Jugendliche werden so darauf abgerichtet den Irrglauben zu übernehmen, der Sinn des Lebens … weiter lesen

23.12.2010 von Christian Ihle
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Album des Monats November – Platz 1: Girls – Broken Dreams EP

von Christian Ihle

girls broken

Es mag viel erstaunliches an den Girls, der Zweimannband aus San Francisco, geben, aber letzten Endes überrascht doch immer am meisten, dass die scheinbare Simplizität von Songs und Lyrics nicht etwa dazu führt, dass man sich schnell verliebt, aber wieder überdrüssig wird, sondern dass Girls das Gegenteil eines Onenightstands sind. Wie schon beim Debütalbum gilt für die recht überraschend erschienene EP wieder: neben den sofort als Hits zu identifizierenden Songs wachsen die ursprünglich nur als Füllermaterial angesehenen Lieder mit jedem Abspielen weiter, so dass wir erneut ein in sich geschlossenes, verdammt gutes und – das ist eben das überraschende – Woche um Woche besser werdendes (Mini-)Album bekommen haben.

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Wer bisher nur die drei großen Girls-Songs „Lust For Life“, „Hellhole Ratrace“ (unsere Songs des Jahres 2009) sowie „Morning Light“ kennt, wird vom recht kontemplativen Sound vielleicht überrascht sein. Wer allerdings die b-Seiten der erwähnten Singles bereits gehört hat, weiß, wo diese EP herkommt. Durchgehend ruhige Stücke, mal wie bei „Heartbreaker“ zart countryfiziert wie ihre Cover-Version des Skeeter-Davis-Klassikers „End Of The World“ („Morning Light“ b-Seite), mal wie beim wundervollen „Thee Oh So Protective One“ mit versteckten Doo-Wop- und Brill-Building-Einflüssen, die man auch auf dem Burt-Bacharach-zitierenden „Life In San Francisco“ („Lust For Life“ b-Seite) schon vernehmen … weiter lesen

22.12.2010 von Christian Ihle
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Album des Monats November – Platz 2: Blue Angel Lounge – Narcotica

von Christian Ihle

Schon das ursprünglich selbstveröffentlichte Debüt der blutjungen Burschen aus dem Westen Deutschlands sorgte für einiges Erstaunen – wie oft finden wir auch hierzulande Bands, die sich am dronig-psychedelischen Ende von Velvet Underground abarbeiten und dabei nicht auf die Schnauze fallen?

Mit „Narcotica“, ihrem zweiten Album, machen Blue Angel Lounge nun einen Sprung wie man ihn zuletzt bei The Horrors verfolgen konnte. Einen Sprung um ein Jahrzehnt, einen Sprung aus dem Epigonentum in ein neues, vielschichtigeres Ich, mit beiden Beinen auf einem dicht geknüpften Referenzteppich landend. 1967 ist nicht mehr die alles beherrschende Jahreszahl bei Blue Angel Lounge, sondern ebenso die ausgehenden 70er Jahre – jene dronig-psychedelische Wärme der Velvet Underground wird nun mit der klirrenden Kälte von Post-Punk-Einflüssen verbunden.

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Dass Anton Newcombe, Mastermind von Brian Jonestown Massacre, helfende … weiter lesen

13.12.2010 von Christian Ihle
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Album des Monats November – Platz 3: Let’s Wrestle – In The Court Of The Wrestling Let’s

von Christian Ihle

Die zweitbeste verspätete Veröffentlichung des Jahres, meine Damen & Herren! Bereits im Sommer 2009 waren wir vom Album der britischen Lo-Fi-Schrammler Let’s Wrestle so begeistert, dass wir es zur Platte des Monats (Originalreview siehe weiter unten) machten – und ein halbes Jahr später auf Platz 6 unserer Endjahrescharts führten.
Keinen Deut schlechter ist seitdem das Originalalbum geworden, das immer noch wunderbar verschrobene Lyrics mit brüchigem Gesang über wobbeliges Gitarrengeschrammel singt – und es dennoch Song um Song schafft, dabei eine Eingängigkeit zu produzieren, die nicht mehr los lässt.

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Auch wenn es lange gedauert hat bis sich eine deutsche Plattenfirma Let’s Wrestle erbarmt hat, muss man dennoch ein großes Kompliment an das Full Time Hobby – Label hinterherschieben: sozusagen als Verspätungsentschuldigung gibt es im Gegensatz zur britischen Originalveröffentlichung als zweite CD die Sammlung aller vor dem Debüt veröffentlichten Singles und EPs. Eat this, Deutsche Bahn! … weiter lesen

11.11.2010 von Christian Ihle
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Album des Monats Oktober – Platz 2: Jens Friebe – Abändern

von Christian Ihle

Jens Friebe mag immer noch auf einem genuinen Indielabel veröffentlichen, hervorragend vernetzt ist er allemal. Zunächst als Autor für das Kölner Musikmagazin Intro tätig, konnte er seinen Plattenvertrag bei Alfred Hilsbergs ZickZack-Label der Legende nach durch persönliche Fürsprache Jochen Distelmeyers und dessen Weitergabe eines Demotapes an Hilsberg ergattern.

Friebes älterer Bruder Holm ist Mitglied der in Berlin und im Internet äußerst umtriebigen “Zentralen Intelligenz Agentur” (unter anderem Betreiber des Blogs “Riesenmaschine”), in deren Dunstkreis auch Jens Friebe immer mal wieder auftaucht. Auch Jens Friebe ist in der Zwischenzeit dank einer Sammlung von taz-Kolumnen zum Buchautor (“52 Wochenenden”) geworden, zudem als “fester Aushilfsschlagzeuger” bei der Berliner Band Britta.

friebe abändern

Bei soviel Nebentätigkeiten nimmt es nicht Wunder, dass die Abstände zwischen seinen Soloalben immer länger werden. Seit seinem letzten musikalischen Lebenszeichen unter eigenem Namen sind jetzt auch schon geschlagene drei Jahre vergangen. Lass mich Dein ,Plus Eins’ sein, Baby, tonight! singt Jens Friebe auf seinem nunmehr vierten … weiter lesen

04.11.2010 von Christian Ihle
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Album des Monats Oktober – Platz 1: Christiane Rösinger – Songs Of L. & Hate

von Christian Ihle

Es ist ein schlecht gehütetes Geheimnis: Ja, Panik sind derzeit die beste deutschsprachige Band der Welt. Nach ihrem phänomenalen „The Angst & The Money“ – Album vom letzten Jahr ist es schön, in der japanikfreien Zeit ein halbes neues Album der Österreicher vermelden zu können, hat doch Panik-Mastermind Andreas Spechtl die neue Platte der Grande Dame des deutschen Indiepop, Christiane Rösinger (Britta, Lassie Singers), instrumentiert und die Musik geschrieben, während Rösinger sich ganz auf ihre Texte konzentrieren konnte.

Rösinger

So klingt „Songs of L. and Hate“ tatsächlich wie eine Kreuzung aus Ja, Panik – Demotapes und Rösingers Britta-Zeit. Dabei tritt das Frenetische von Spechtls Hauptband in den Hintergrund und werden seine Lieder zu closing time – Stücken in verrauchten Bars, die immer wieder das Songwritertum der späten 60er, frühen 70er zitieren – wie überhaupt die ganze Platte vor Referenzen nur so überquillt. Der Albumtitel bezieht sich auf das epochale Leonard-Cohen-Album „Songs Of Love & Hate“ (1971), das Cover stellt originalgetreu Bob Dylans „Bringing It All Back Home“ – mit Spechtl im roten Ganzkörperanzug! – nach (1965) und Rösinger textet erfolgreich „These Days“ von Nico (1967) in unsere Sprache um.

Dass sie sich entschieden hat, im Vergleich zum Cohen-Albumtitel ausgerechnet das „Love“ zu kürzen, ist kein Zufall. Hass und Desillusion sind die Treibstoffe des Albums, Liebe dagegen nur soweit wie sie unweigerlich zu Enttäuschungen führen wird.
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