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Beiträge für die Kategorie ‘Spaziergänge in Niederschönhausen’

23.07.2008

Eheliche Treue

von Schröder & Kalender

Der Bär flattert in nordöstlicher Richtung.

Die nächste Einquartierung war Familie Gerwens: Frau und Mann, zwei Töchter und eine Großmutter. Wegen der zwei Mädchen mußte ich aus meinem Kinderzimmer raus, sie waren so zwischen fünf und sieben Jahre alt. Die Eltern mit der Großmutter wohnten jetzt im Schlafzimmer und ich mit meiner Mutter und zuweilen Heiner Vanscheidt im Wohnzimmer. Unsere Möbel waren umgestellt, das Doppelbett stand >

11.07.2008

Schieberware

von Schröder & Kalender

Der Bär flattert in nördlicher Richtung.

Ich bin durch eine harte Geniegrundschule gegangen. 1945 wohnten wir in Berlin-Niederschönhausen, einem Ortsteil von Pankow, in der Bismarckstraße 36 A. Meine Mutter schickte mich eines Tages ohne Vorwarnung in die Bismarckstraße 10 schräg gegenüber, ein alleinstehendes Bürgerhaus neben der Volksschule, die als Krankenhaus genutzt wurde. In der Beletage residierte Siegfried Neusch van Deelen mit seinem Privatkonservatorium. Ich war acht Jahre alt, sollte Geige spielen lernen und taperte rüber. Es öffnete ein Mann mit langen mittelblonden, vermittels Brillantine streng nach hinten gekämmten Haaren, hoher gefurchter Stirn und braunen Augen, großem Zinken und tiefen Falten neben demselben — ein langes Gesicht mit leichten Hängebacken und großen, allerdings nicht abstehenden Ohren: »Na mein Junge, da bist du ja«, zu überschwenglich, es war mir gleich zuviel. Sie hatten sich offenbar >

18.06.2008

Blindgänger

von Schröder & Kalender

Der Bär flattert in südöstlicher Richtung.

In einem Haus in der Nähe der Friedrich-List-Schule, das die Russen beim Einmarsch zusammengeschossen hatten, es hieß, es sei eine Wehrmachtsdienststelle gewesen und zuletzt von SS-Leuten verteidigt worden, hatten wir uns einen Eingang zum Keller freigelegt, stiegen dort ein und fanden reichlich Munition. Mit Steinen und Eisenstücken schlugen wir die Patronen, Pistolen- und auch Gewehrmunition, auf, ließen das Pulver auf einen Haufen rieseln, mit Zündschnurlinien, die wir mit brennbarem Zeug zogen, versuchten wir dann den Pulverhaufen hochzujagen. Leider erlosch die Zündschnur ständig, so mußten wir immer näher ran an das Pulver. Aber dann ging es schließlich doch in die Luft, und die Steinbrocken flogen umher in den Ruinen zum Entsetzen der Erwachsenen: »Schon wieder ein Blindgänger hochgegangen, fürchterlich!« Bei einem ähnlichen Spiel, ich war nicht dabei, sonst säße ich nicht hier, sind zwei Jungs aus meiner Klasse ums Leben gekommen. Sie spielten mit größerer Munition, versuchten offenbar eine Granate aufzuklopfen, die hochging und beide zerfetzte. Es gab eine Schulfeier in Pankow, in der Leichenhalle sangen wir: »Guten Abend, gute Nacht, mit Rosen bedacht, mit Nelken besteckt …« Von diesem Tag an habe ich keine Patrone mehr angefaßt.

Noch aber wühlten wir in diesem Keller, und eines Tages, ich war allein drin, fand ich unter dem Schutt einen Säbel, fast so groß wie ich selbst. Er war wunderbar, ein Säbel, wie ich ihn mir immer gewünscht hatte, mit Steinen als Augen im Löwenkopf des Knaufs. Ich dachte mir, das sind Edelsteine, und tatsächlich erfuhr ich später, daß die Prunksäbel höherer Offiziere durchaus mit Brillanten besetzt sein konnten, also er war ein paar Mark wert. Mit diesem Ding, es steckte in einer oben und unten golden beschlagenen Scheide, will ich gerade über den Bismarckplatz wetzen, eine kleine Anlage, von den Straßenbahngleisen in zwei Halbkreise geteilt, links und rechts führte ein Weg an hohen Knallerbsenbüschen entlang, da kommt mir ein russischer Soldat entgegen.

Ich lauerte noch nach links und rechts, war schon auf dem Weg, traute mich nicht mehr zurückzulaufen, wußte nicht, was ich machen sollte, stand versteinert mit meinem Säbel da und dachte: Jetzt ist es aus, jetzt kommt der Russe und sieht den Säbel. Denn alles, was militärisch war, das wußte ich, ist für Deutsche gnadenlos verboten! Wenn dich der Russe mit dem Ding erwischt, dann ist es aus. Er kam wie das Schicksal auf mich zu, beugte sich runter – jetzt macht er mich tot. Er strich mir aber nur ernst über den Kopf und sagte in gutem Deutsch, natürlich mit Akzent: »Das ist nicht gut.« Hielt mir einen kleinen Vortrag über Frieden und Krieg, das man schon als Kind aufpassen müsse, daß kein Krieg komme, daß auch ein Säbel eine böse Sache sei. Und: »Sieh mal«, er zog den Säbel aus der Scheide, da habe ich vor Angst in die Hose geseicht, vor Entsetzen, weil ich dachte, jetzt tötet er mich damit. Er versuchte aber nur den Säbel nach Offiziersart über dem Knie zu zerbrechen. Das gelang nicht, der bog sich nur etwas krumm, offenbar kein edler Stahl. Der Offizier guckte den Säbel irritiert an, dann pfefferte er ihn, die Scheide hinterher, in die Knallerbsenhecke. Aus seiner Brusttasche holte er einen Riegel Blockschokolade, gab mir den: »Also, mit solchen Sachen spielt man nicht als Junge.«

Ich war so glücklich über die Schokolade und daß ich lebte, bin weggelaufen, zack, die Kurve gekratzt. Ich wohnte schon bei Siegfried im Haus, Bismarckstraße 10, habe mich hinter dem Kriehnschen Balkon versteckt, obwohl der Offizier schon lange Richtung Kommandantur verschwunden war. Daß es ein Offizier war, konnte man sehen, seine Uniform war picobello, und er trug Juchtenstiefel, wie ich jetzt weiß. Ich lauerte eine Weile hinter dem Balkon, dachte nur an den Säbel. Bin wieder hin und rein in das Gebüsch, habe ihn gefunden, konnte ihn aber nicht in die Scheide reinwichsen, weil er leicht verbogen war. Da hatte ich eine physikalische Erleuchtung, es war nicht wie die Erfindung des Feuers, nein, das ist übertrieben, aber schon wie die Erfindung des Rades für mich. Ich bohrte diesen Säbel in die Erde bis zum Knick und bog ihn dann rhythmisch wie ein kleiner Schwarzenegger das Excalibur so lange gerade, bis er senkrecht im Boden stak, dann zog ich ihn raus. Er hatte eine leichte Delle in der Klinge. Ich würgte ihn in die Scheide, flitzte wieder zu Kriehns Balkon, der unten einen Hohlraum hatte, wahrscheinlich damit er nicht auffror, ansonsten konnte man ihn mittels einer Treppe vom Vorgarten aus betreten. Der Hohlraum war so niedrig, daß man als Steppke gerade reinkriechen konnte. Unter den Klamotten, dem Dreck, den Rattenkötteln und was sich sonst in solchen Hohlräumen anzusammeln pflegt, habe ich den Säbel verscharrt. Da liegt er heute noch, verrostet und zerfallen. Die Diamanten – du meinst, die könnte man noch suchen? Da ist es aber einfacher, zu Uhren-Christ zu gehen und ein Sonderangebot für achthundert Mark rauszuholen, es waren ja nicht die Kronjuwelen.

(BK / JS)

12.06.2008

Wladimir

von Schröder & Kalender

Der Bär flattert in östlicher Richtung.

Wir Kinder hatten Angst vor den russischen Soldaten, jedoch nicht vor den russischen Kindern, den Kindern der Offiziere, denn die einfachen Soldaten lebten ohne Familie irgendwo in Kasernen. Es gab einige Knaben, die in diesen Kompanien mitmarschierten. Und es gab Vorsänger, nach deren Kopfstimmensolo fiel der rauhe Chor der anderen Soldaten ein. Diese Kinder in Uniformen, mit Orden behangen, marschierten manchmal mit, man erzählte sich, es seien die Söhne gefallener Offiziere, ich weiß nicht, was daran wahr ist.

Ein solcher kleiner Junge, er hatte eine Uniform an mit Stiefeln, so sieben, acht Jahre alt, kam eines Tages heran, näherte sich uns in seiner Sprache, als wir im Sandbombentrichter rumbaggerten. Wir hatten erst mal Angst vor der Uniform, verstanden kein Wort. Er hielt uns einen kleinen Ledersack hin, wir waren neugierig und guckten rein: ein ganzer Beutel voll Fünfzigpfennigstücke. In den ersten Tagen nach dem Umbruch hatte das Geld auf der Straße gelegen, auch gebündelt, die cleveren Leute klaubten es sich auf. Erst hatte es nämlich geheißen, das alte Geld wird wertlos, aber bald wußte man, es geht damit weiter – ein Brot Schwarzmarktpreis dreihundert, die Zigarette zehn.

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Der kleine Russe besaß also einen Beutel voller Fuffziger, ich nehme an, der Vater hatte zu Hause ein paar Eimer davon, wovon er seinem Sohn immer in das Säckchen abfüllte. Er kam danach fast jeden Tag zu uns, wir ließen manchmal sogar die Geldstücke von den Straßenbahnen 23 oder 199 plattfahren, die Grabbeallee/Bismarckplatz fuhren, es rumpelte so schön, und das Fünfzigpfennigstück war dann ein rundes Stück Blech von der Größe eines Fünfmarkstücks. Der Russenjunge durfte mitspielen, er brachte ja die Fuffziger, aber er hatte keine Sonderrechte. Wir haben zuerst kein Wort von dem verstanden, was er sagte, und er nichts von uns. Dank dieses Russenknaben haben wir unzählige Male ›Die Frau gehört mir‹, ›Die Spartakiade‹ und ›Woyzeck‹ sehen können, die beiden letzteren in russischer Sprache, die verstand er nun wieder.

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Mit den Fuffzigern konnten wir auch Pariser kaufen, denn noch spuckte sie der Automat im achteckigen gußeisernen Pissoir auf dem Bismarckplatz aus, wo man die Füße der Männer sah, die oben in die Pißrinne pinkelten. Berlinerisch hießen diese Bedürfnishäuschen ›Café Achteck‹, schwere Schwulenklappen in den zwanziger Jahren, wie ich später gelesen habe. Dort zogen wir Pariser und bliesen sie auf. Wir haben uns an der Reaktion, dem unterdrückten Lachen »pffü« und »mmmbbb«, dem Prusten der Erwachsenen gefreut, wenn wir mit unseren Schweinsblasen rumzogen. Natürlich wußten wir mit acht Jahren nicht, was man damit macht, wenn man Ficken nicht kennt, dann weiß man auch nicht, was zum Ficken dient. Wir haben die Dinger auch mit Wasser gefüllt und sie aus dem dritten Stock runtergesenkt, blasig platzte das vor den fluchenden Menschen unten auf der Straße, immer so zwei Meter vor ihnen, es spritzte gemein, und die Leute erschraken fürchterlich.

Mit noch einer Sauerei beschäftigten wir uns, mit dem Verkokeln von Filmmaterial, das wir bei Pirol abstaubten, einer kleinen, ehemals ›kriegswichtigen‹ Chemieproduktion, die Nitrolacke und Lösungen herstellte, die Sowjets nahmen sie deshalb sofort wieder in Betrieb. Das Filmmaterial kokelten wir in den Hausfluren der Häuser an, in denen wir wohnten, aber auch in fremden, es stank infernalisch und war bestimmt ziemlich giftig.

Mit der Zeit konnten wir uns mit Wladimir, so hieß der Knabe, verständigen, wir hatten nicht etwa Russisch gelernt, vielmehr entwickelten wir ein Kauderwelsch aus Erbsensprache, Berlinerisch und Russisch, eine ›Geheimsprache‹, die zu unseren Indianerritualen paßte. Diese Sprache erweiterte sich ständig, es war ein neues Spiel. Ich könnte mir vorstellen, wenn Linguisten bei diesen Sprachspielen hätten Mäuschen sein können, sie hätten ihre helle Freude daran gehabt. Weniger erfreut, vielmehr mit gelindem Entsetzen, reagierten meine Mutter und Onkel Siegfried auf die »Verwilderung« des Jungen: »Ick bin doch nu wirklich ne waschechte Berlinerin, aber sag mal, Siegfried, verstehst du den Jungen überhaupt noch?«

Wladimir blieb dann von einem Tag zum anderen weg. Wir wußten nur ungefähr, wo er wohnte, ganz nahe, in einer der kleineren Straßen hinten beim Schloß Schönhausen. Aber dort konnte man nicht hin, es war Sperrzone, gleich hinter Muckchens Schieberkneipe, Ecke Grabbeallee/Tschaikowskystraße gab es einen Schlagbaum mit zwei Posten.

(BK / JS)

07.05.2008

Schmetterlingsfrau

von Schröder & Kalender

Der Bär flattert in nördlicher Richtung.

Unsere Clique Bismarckstraße/Bismarckplatz, ungefähr hundert Indianer, führte einen Jugendbandenkrieg in den Ruinen von Niederschönhausen und in der Schönholzer Heide. Eine sonderbare Mixtur aus Karl-May-Indianern und aufgelöster Hitler-Jugend, eine ziemlich wilde Horde von Kindern, die gegeneinander Krieg führten. Die Erwachsenen hatten was anderes zu tun, als sich um uns zu kümmern, sie jagten ständig nach Eßbarem. Es waren schöne Zeiten für Kinder, es wurde gekämpft, mit Zwillen geschossen und geprügelt. Ich prügelte mich nicht, denn meine Mutter hatte als Rot-Kreuz-Angehörige mehrere Sanitätstaschen im Hause, dazu allen möglichen Verbandskram, auf den Bereitschaftstaschen prangte ein großes rotes Kreuz. Ich nahm so eine Tasche, dazu trug ich eine Rot-Kreuz-Armbinde, ernannte mich selbst zum Sanitäter unserer Clique. Auf die Weise war ich neutral, man durfte mir nichts tun, und das klappte auch. Natürlich wollte ich auch Arzt werden, verband Schürfwunden, bepinselte sie mit Jod und sagte mit wichtiger Miene: »Zähne zusammenbeißen! Es brennt jetzt.« Die Cliquenkämpfe, der Bandenkrieg fanden nicht ständig statt, es gab auch Zeiten dazwischen, in denen wir nur als spielende Kinder rummachten, Klaus Buksch, Detlef Francke, die Kriehn-Brüder, Werner und Helmut Kriehn, und meistens wollten wir dann ins Kino gehen. Unsere Kinobesuche hatten mittelbar mit der Roten Armee zu tun. Sie war über Buchholz/Blankenfelde einmarschiert, die Russen setzten sich zuerst in Niederschönhausen fest. Hier hatten sie ihre erste Kommandanturam Reichskanzlerdamm, heute Friedrich-Engels-Straße, gleich bei uns um die Ecke, noch bevor das Schloß Niederschönhausen bezogen wurde und später Karlshorst.

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Die Kommandantur residierte in einer Villa, ziemlich groß, die eine bogenförmigen Inschrift trug: »Dieses Haus Gott bewahr, vor falschen Freunden und Gefahr«, sinngemäß, was mich irritierte. Als Kind machst du doch jeden Wunsch zum Imperativ. Ich fand es paradox, daß ausgerechnet hier die Russen saßen, denn die waren für uns Kinder so etwas wie Dämonen. Mehrfach begleitete ich mit weichen Knien Frau Klos bis zur Pforte dieser Villa – es standen zwei Posten davor –, um die Russen milde zu stimmen, damit sie vorgelassen wurde. »Die Russen sind so kinderlieb«, sagte sie. Herrn Klos hatten sie nämlich abgeholt, keiner wußte, wohin. Er war ›Kunstmaler‹, wie man das nannte, malte expressionistische kokoschkaeske Bilder von Ostseestränden. Mir hat es nicht gefallen, die Bilder waren zu undeutlich, aber Herrn Klos fand ich sehr nett. Ich besuchte ihn oft, denn sie hatten ihn nicht eingezogen, er war untauglich.

Wenige Wochen vor Kriegsende kriegten sie ihn durch die Denunziation eines Blockwarts doch noch dran: »So blind ist der Klos gar nicht, er findet doch auch den Weg zum Luftschutzkeller allein.« Sie zogen ihn zum Hilfsdienst ein, Volkssturm ging nicht, er war noch untauglicher als untauglich, hatte so dicke Brillengläser wie Lupen, zum Hilfsdienst der Wachtruppe des KZ Sachsenhausen. Kurz vor Kriegsende kam Frau Klos, eine Schöngeistin, oft in unsere Wohnung: »Frau Schröder, es ist ja unglaublich, was das für Menschen sind, wie die sich beneeehmen! Sie glauben es nicht, was mein Mann erzählt.« Viehtransporte waren bombardiert worden, es mußten Notschlachtungen vorgenommen werden, die KZ-Arbeitskommandos mußten an den zusammengebombten Waggons arbeiten, das sterbende Vieh noch vor der Entwarnung rauszerren. Frau Klos brachte einige Male Fleisch mit, in den letzten Kriegstagen eine große Seltenheit. Sie stand mit dem blutigen Klumpen in unserer Küche mit den kleinen, schmalen, rechteckig hohen Fenstern in der Neubauwohnung, mit ihren Dauerlöckchen, ihrem Seidengezuppel, ihrem immer etwas geschürzten roten Mund, aus dem sie nicht sprach, sondern flötete. Ich nannte sie wegen ihrer flatternden Zuppel ›Schmetterlingsfrau‹, voller Verachtung, was ihr aber Entzückensschreie entlockte. Das entsetzte mich noch mehr, denn ich hatte sie verletzen wollen. ›Schmetterlingsfrau‹ war herabsetzend gemeint, sie fand es poetisch, wunderbar als Dichterin, die auch mit Dichtern verkehrte, schriftlich natürlich, vor allem mit Bruno H. Bürgel, dem Volksastronom. Meiner Mutter las sie in der Küche ihre Gedichte vor, hier flötete sie auch: »Liebe Frau Schröder, stellen Sie sich vor, was mein Mann berichtet, es gibt so gänzlich verrohte Menschen, die das rohe Fleisch in der Unterhooose verstecken.« Das fand ich auch eine Sauerei. »Stellen Sie sich mal vor, Frau Schröder, solche Unmenschen, Fleisch in der Unterhooose!« Also selbst eine sensible Frau Klos und ihr sensibler Kunstmaler, den man nicht gerade zum Widerstand rechnen muß, aber jedenfalls nicht zu den Nazis oder zu deren Unterstützern, also wenn sogar solche Leute … Da krepierten in den KZs Oranienburg und Sachsenhausen Tausende an Unterernährung, und diese Spießer entsetzten sich über verrohte Menschen, da war der Weg zum Untermenschen nicht weit.

Drei Wochen nach Kriegsende wurde Herr Klos abgeholt, alle Funktionsträger, mehr oder weniger schuldig, mehr oder weniger verwickelt, deren man habhaft werden konnte, große und kleine, wurden von den Sowjets abgeholt und verschwanden auf Nimmerwiedersehen. Deshalb schleppte mich Frau Klos zur Kommandantur der Russen, weil sie versuchte herauszubekommen, was aus ihrem Mann geworden war. Es gab keine Auskünfte. »›Klos? Klos, ja Klos‹, haben sie gesagt«, so kam sie immer verzweifelt aus der Villa zurück, »Klos? Wer ist Klos?« Wir wissen jetzt, daß diese Leute damals zu Tausenden erschossen wurden. Sicher, man weiß, daß Unrecht passiert ist, daß sie ein Aufwaschen gemacht haben, auch den einen oder anderen Sozialdemokraten mit verhafteten und liquidierten, aber im wesentlichen traf es schon die alten Nazis, die sich, wenn sie die Lager und die Liquidationen überlebten, heute in den westdeutschen Fernsehsendern bitter beklagen über das fürchterliche Unrecht, das die Sowjets in ihrer Besatzungszone begangen haben.

(BK / JS)

22.04.2008

Ein Spruch mit Folgen

von Schröder & Kalender

Der Bär flattert in östlicher Richtung.

Nach dem Kriegsende gab es am Bismarckplatz noch die Kneipe ›Sturmeck‹, und der Sohn des Wirts, Kalle Backs, war einer der wenigen katholischen Jungs in der Gegend, etwa zwölf Jahre alt. Von ihm lernte ich, wie gefährlich Literatur sein kann. Ich war in die zweite Klasse gekommen, obwohl ich in den Nachkriegswirren von der ersten Klasse nur drei Monate gemacht hatte. Die Schule war erst in der Bismarckstraße, in der Turnhalle hatte man die Leichenhalle untergebracht, es roch süßlich und nach Lysol.

Irgendwo schnappte ich einen Spruch auf, der mir gut gefiel, weil er sich reimte und mir Publikum verschaffte: »Katholiken müssen ficken, wennse in die Bibel kieken.« Ich hielt ficken, ich kann’s nicht ändern, es war so, für eine angenehme Form von Kotzen, das Kind ist eben polymorph pervers. Diesen Spruch posaunte ich auf dem Schulweg heraus, immer wieder. Die anderen Kinder sprangen »hehehe – hahaha« um mich herum. Ich liebte es eben schon als Kind, Aufsehen zu erregen, da kommt Kalle Backs auf mich zu und klatscht mir unvermittelt zwei Backpfeifen. Ich, mit dröhnendem Kopf heulend und den Spuren der zwei Backpfeifen im Gesicht, fand das ungerecht, daß der blöde Hund mich geschlagen hatte wegen eines Spruchs, den nicht schlimm fand, bin zu meiner Mutter gerannt in die Friedrich-List-Schule, in deren Hauptgebäude ein Notlazarett arbeitete.

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Das ehemalige Rathaus Niederschönhausen
(1928 Umbau zum Reform-Realgymnasium / heute Friedrich-List-Schule)

Hier pflegte man russische und deutsche Soldaten gemeinsam, bis die Russen dann abtransportiert wurden, trotz ihrer schweren Verwundungen. Ein fürchterliches Gestöhne und Geschrei begleitete diesen Abtransport. Zusammen mit Russinnen, die als ›Ostarbeiterinnen‹ für die Nazis schuften mußten, wurden sie auf Lastwagen verladen. Die Frauen weinten, wollten nicht weg, weil sie Schlimmeres befürchteten. Es hat sich als berechtigt herausgestellt, denn Stalin ließ bekanntlich alle Russen, die in Deutschland überlebt hatten, nach Sibirien transportieren. Kollaborateure, Ostarbeiter, Kriegsgefangene in die Zwangsarbeitslager, es ist nicht gut für die Entwicklung des Sozialismus zu wissen, daß es die Wasserspülung gibt. Ich sah die lange Schlage der olivbraunen Lastwagen von weitem, das Laufen der Soldaten mit den Bahren, auf denen die Verwundeten schrien, die Aufregung der Menschen in den weißen Kitteln, der Ärzte und Krankenschwestern. Panik erfaßte mich, sie würden vielleicht auch meine Mutter mitnehmen, aber mich durften sie nicht kriegen. Ich schlich mich an den rauchenden Posten vorbei, die locker die Straße abgesperrt hatten. Eine Gruppe junger Frauen stand abseits an der Schulmauer, die Tränen liefen ihnen über die Gesichter. Ein Mädchen von vielleicht achtzehn Jahren mit dicken blonden Haaren unter dem Kopftuch sagte: »Hab keine Angst, kleiner Junge, wir kommen weg, du bleibst hier.« Dann faßte sie in die Tasche ihrer braunen Kittelschürze, gab mir eine kleine Handvoll Münzen, Groschen und Fünfziger: »Das brauche ich nicht mehr.« Ich sah meine Mutter und lief zu ihr hin.

In dieses Notlazarett für deutsche und russische Verwundete, in dem 1946 meine Mutter als Krankenschwester arbeitete, ging ich jeden Mittag, kriegte dort etwas zu essen. Ich kam mit einem Henkelmann, um noch etwas mitzunehmen, zuerst mal aber wurde mit den Ärzten und den Schwestern in einer Kantine gegessen, es gab manchmal sogar Vanillepudding mit Himbeersoße, eine wunderbare Delikatesse. Ja, ich mußte sowieso ins Krankenhaus, nach den Backpfeifen von Kalle Backs stand ich flennend auf dem Flur. Meine Mutter kam aus einem Krankenzimmer: »Was heulst du denn?« In diesem Augenblick stakste mit steifem Kreuz Major Schnell heran, ein Freund unserer Familie, ehemaliger Generalstabsmajor, den sie degradiert und zur Strafe nach Narvik versetzt hatten, weil er sich mit einem Generalleutnant anlegte, der irgendwie seine Würde verletzt hatte. Meine Mutter erzählte häufig, was für ein mutiger Mann dieser Major Schnell sei, der »Herr General, ich bin Major im Generalstab, aber nicht Ihr Stabsnarr« gesagt hatte. Da man wußte, daß er nicht ganz seefest war, hatten sie ihn nach Narvik an den nördlichen Polarkreis versetzt, dort mußte er auch zuweilen mit Patrouillenbooten rausfahren.

Dieser Major Schnell trat im Lazarett auf uns zu, hatte auch einen Henkelmann, denn er holte sich als Freund der Familie Schröder ab und zu einen Schlag Suppe oder Vanillepudding. Er beugte sich väterlich zu mir herunter, tätschelte freundlich meinen blonden Scheitel: »Was weinst du denn? Was ist denn geschehen?« »Kalle Backs hat mir eine geklebt.« »Und was hast du gemacht?« »Ich hab doch nur gesagt: ›Katholiken müssen ficken, wennse in die Bibel kieken‹.« Patsch, bong, hatte ich zwei neue Bomben von dem blöden Major Schnell gefangen. Daraufhin trieb meine Mutter Major Schnell hysterisch aus dem Krankenhaus und rief ihm nach: »Das ist ja unverschämt, verschwinden Sie, machen Sie das ja nicht noch mal! Sie schlagen mein Kind nicht! Sie kriegen auch keine Suppe mehr!« Seitdem haben wir von Major Schnell nie wieder etwas gehört. Doch, einmal sah ich ihn im Vorbeifahren mit der S-Bahn, da stand er steif und abgehärmt auf dem gegenüberliegenden Bahnsteig von Gesundbrunnen.

(Foto siehe Ansichtskarten von Pankow / BK / JS)

10.03.2008

Die Frau gehört mir

von Schröder & Kalender

Der Bär flattert in nördlicher Richtung.

Mein Lieblingsfilm als Junge hieß ›Die Frau gehört mir‹, ein klassischer Western, der lief etwa zwei Monate nach dem Umbruch im Kino ›Blauer Stern‹ in Niederschönhausen, wenige Schritte vom Bismarckplatz entfernt, wie er damals hieß, und zwar im ständigen Wechsel mit einem dreistündigen Farbspektakel über die Spartakiade in Moskau, das uns anödete, diese schrägen Aufnahmen der Sportlertruppe von unten, die da endlos aufmarschierte, ein Riefenstahl-Verschnitt auf sozialistisch. Aber auch das sahen wir uns an, wir gingen halt ins Kino.

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Es kostete nur fünfzig Pfennig. Was heißt nur? Auch dieses Geld war ja nicht massenweise vorhanden. Ich erzähle gleich, woher wir es hatten. Es gab ›Die Frau gehört mir‹, diese ›Spartakiade‹ und einen Film, der ›Woyzeck‹ hieß, eine frühe Büchner-Adaption in russischer Sprache mit Untertiteln, moorig düster, die Nebel waberten, ich verstand überhaupt nichts, nur, daß der Soldat später seine Frau ersticht und ins Wasser geht, warum, habe ich nicht begriffen. Als Vorspann lief jeweils der neueste Bericht vom Nürnberger Militärtribunal gegen die Hauptkriegsverbrecher, dann gab es noch einen Aufklärungsfilm mit dem Titel ›Aus alt mach neu‹, in dem eine grüne Militärschildmütze zu einem New-Look-Damenhut umgepreßt und das Stricken eines Damenpullovers aus Mullbinden vorgeführt wurde, danach: Kino!

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Auf dem französischen Filmplakat sind wenigsten die Indianer zu sehen.

Bei ›Die Frau gehört mir‹ hat mich die Liebesgeschichte zwischen Barbara Stanwyck und ihren beiden Liebhabern überhaupt nicht interessiert, aber es gibt darin eine Szene – ich habe den Film als Erwachsener noch einmal gesehen und war natürlich enttäuscht –, die uns immer wieder in den ›Blauen Stern‹ getrieben hat, ein paar Ein-stellungen, die sich zu einer endlosen Sequenz verklärten. In der Realität vielleicht eineinhalb Minuten, nämlich der Indianerüberfall auf den Union Pacific. Wie diese Indianer »whowhowhow« den Zug stoppen, mit ihrem Tomahawks die Waggontür aufbrechen, die schrillen, spitzen Schreien der Damen im Zug, die wir mit Vergnügen aufsogen, das Rausreißen eines Klaviers aus dem Transportwaggon, das drei Indianer auf ihren Pintopferden dann heulend umreiten, abspringen und das Klavier in einer Art Kriegstanz mit ihren Tomahawks zerhacken. Diese Szene war es, die uns immer wieder in das Kino zog. Ich schätze mal, der Film lief ein halbes Jahr lang, ich glaube, ich war fünfzigmal drin. Jedenfalls so oft, wie man es sich nicht vorstellen kann, und zwar mit der ganzen Clique, die bestand aus den Brüdern Kriehn, aus Klaus Buksch, Detlev Francke und Wladimir, eine kleine Clique, die verhältnismäßig friedlich miteinander spielte. Wir waren Teil einer paramilitanten Großclique, die manchmal gegen die Grabbeallee antreten mußte, unter der Fuchtel des ehemaligen HJ-Führers Horst Tribke. Unterführer dieser Rotte von ungefähr hundert Jungs, Clique Bismarckplatz, war Kalle Backs vom ›Sturmeck‹, einer Kneipe am Bismarckplatz. Nach 1989 war darin der erste moderne Friseurladen von Niederschönhausen, da muß die Subventionskasse besonders schnell geklingelt haben.

(BK / JS)

28.02.2008

Walking Through

von Schröder & Kalender

Der Bär flattert in östlicher Richtung.

Seit wir wieder in Berlin wohnen, hatten wir uns vorgenommen mit Annett Gröschner und Ralf S. Werder einen Rundgang durch Niederschönhausen zu machen, um gemeinsam die Plätze zu besuchen, die im ›Siegfried‹ und in ›Schröder erzählt‹ vorkommen. Am Sonntag waren wir zum Frühstück in einer Restauration, die nach Henry David Thoreaus ›Walden‹ benannt ist. Sein Buch endet mit der Zeile: »The sun is but a morning-star.« Der Stern schien.

Wir wollten pünktlich sein, aber ich (BK) hatte uns einen falschen Wegeplan ausgedruckt: Choriner Straße 3 statt 35. So mußten wir den Prenzlauer Berg erst runter und dann wieder hoch laufen. Sehr zu meinem (JS) Mißvergnügen, denn ich leide unter dem kardiovaskulär bedingten Walking-Through-Phänomen. Annett und Ralf waren auch ein bißchen ärgerlich – verständlicherweise, denn wenn uns Preußen etwas verbindet, dann die Verachtung der Unpünktlichkeit.

Nach dem opulenten Frühstück mit Bratkartoffeln und Buletten war dann die Laune wieder gut. Ralf brachte uns das neue Heft von ›Subkommando für die freie Assoziation – floppy myriapodo‹ mit, worin sein Gedicht ›Schlacht am Büffet‹ erschien. Dann erfuhren wir, daß Annett jedes Gebäude in Prenzlauer Berg kennt, einschließlich der nach den Bombenangriffen nicht geborgenen Leichen unter den Fundamenten der Neubauten. Sie hatte nämlich vor Jahren in einer Geschichtswerkstatt jedes Gebäude in Prenzlauer Berg kartiert und die früheren Bewohner verzeichnet.

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v.l.n.r.: Ralf S. Werder, Jörg Schröder und Annett Gröschner vor dem ehemaligen Kolonialwarenladen in der Hermann-Hesse-Straße

So zog Annett denn auch in Niederschönhausen, als wir vor meinem (JS) früheren Wohnhaus standen, einen Ausdruck aus dem Berliner Adreßbuch des Jahres 1943 aus der Tasche. Darin ist in der ehemaligen Bismarckstraße 36 b unsere gesamte Hausgemeinschaft verzeichnet, wie sie bei uns in den Texten steht. Daß der Reichsredner Karl Rinklef als seinen bürgerlichen Beruf »Buchhalter« angegeben hatte, wußten wir bis dato nicht. In diesem Haus wohnte ich bis 1947, danach zogen wir ins Haus gegenüber zu Onkel Siegfried und gingen 1949 über die grüne Grenze nach Rinteln an der Weser.

Anschließend führte uns der Weg zu der Villa, in der die erste Kommandantur der Roten Armee residierte.

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Dieser Haussegen irritierte mich als Kind, denn in dem Haus wohnten ja die Feinde. Weiter spazierten wir zum Kino ›Blauer Stern‹. Es heißt immer noch so. Dort sah ich zahllose Male den Western ›Die Frau gehört mir‹.

Dann ging’s zum renovierten Schloß Schönhausen und den vorgelagerten Gebäuden, in denen von 1989 bis 1990 der »Runde Tisch« tagte. Jetzt sitzt hier in zwei Häusern mit den beziehungsreichen Namen »Bonn« und »Berlin« die Bundesakademie für Sicherheitspolitik.

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Na, bravo, dann kann uns ja nichts mehr passieren!

Anschließend umrundeten wir den Majakowskiring, wo früher die DDR-Nomenklatur wohnte, und heute Schauspielerinnen und süddeutsche Erben dem Lärm der in Tegel landenden Flugzeuge ausgesetzt sind. Was wir immer wieder mit klammheimlicher Freude konstatieren.

Am Ossietzky-Denkmal fotografierten wir uns gegenseitig, tranken in der Florastraße noch ein Bier und redeten ausführlich über Florian Havemann, dessen erstes Buch ›Auszüge aus den Tafeln des Schicksals‹ 1979 im März Verlag erschien. Und dann meinte Annett, sie werde ihre Kolumne im ›Freitag‹ über unseren Spaziergang schreiben. Wir sind gespannt. (Jetzt nicht mehr, vielen Dank Annett!)

(BK / JS)