Archive for the ‘Spaziergänge in Niederschönhausen’ Category

28.06.2010 von Schröder & Kalender
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Fußball hören

von Schröder & Kalender

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Der Bär flattert heute nicht.
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Erni und Peter Gehrig, der Regisseur der ›März-Akte‹, waren aus München zu Besuch in Berlin. Mit den beiden machten wir einen Ausflug, Peter wollte das Grab von Edith Neusch van Deelen (meine Mutter) auf dem Friedhof besuchen und seine alte Schule betrachten. Denn so wie ich ist er als Junge in Pankow zur Schule gegangen. Auf dem S-Bahnhof Bornholmer Straße schmiss ein Fan den ersten Böller in einen Abfallbehälter, die Explosion war fulminant. Da wussten wir: Deutschland hatte ein Tor geschossen.

Auf dem Weg zum Friedhof hörten wir dann Raketen, es war klar: Die deutsche Mannschaft hatte ein zweites Tor geschossen. Fünf Minuten später hörten wir von Ferne ein dumpfes kollektives Stöhnen: Das musste ein Tor für England gewesen sein. Wir betrachteten Ediths Grab, spazierten über den Friedhof zum Osttor. Vorher hatten wir noch das Grab von Ernst Busch gesucht.


Zwei, die in Pankow zur Schule gingen vor dem Tor zum Bürgerpark
(v.l.n.r.: Peter Gehrig, Jörg Schröder)
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23.07.2008 von Schröder & Kalender
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Eheliche Treue

von Schröder & Kalender

Der Bär flattert in nordöstlicher Richtung.

Die nächste Einquartierung war Familie Gerwens: Frau und Mann, zwei Töchter und eine Großmutter. Wegen der zwei Mädchen mußte ich aus meinem Kinderzimmer raus, sie waren so zwischen fünf und sieben Jahre alt. Die Eltern mit der Großmutter wohnten jetzt im Schlafzimmer und ich mit meiner Mutter und zuweilen Heiner Vanscheidt im Wohnzimmer. Unsere Möbel waren umgestellt, das Doppelbett stand … weiter lesen

11.07.2008 von Schröder & Kalender
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Schieberware

von Schröder & Kalender

Der Bär flattert in nördlicher Richtung.

Ich bin durch eine harte Geniegrundschule gegangen. 1945 wohnten wir in Berlin-Niederschönhausen, einem Ortsteil von Pankow, in der Bismarckstraße 36 A. Meine Mutter schickte mich eines Tages ohne Vorwarnung in die Bismarckstraße 10 schräg gegenüber, ein alleinstehendes Bürgerhaus neben der Volksschule, die als Krankenhaus genutzt wurde. In der Beletage residierte Siegfried Neusch van Deelen mit seinem Privatkonservatorium. Ich war acht Jahre alt, sollte Geige spielen lernen und taperte rüber. Es öffnete ein Mann mit langen mittelblonden, vermittels Brillantine streng nach hinten gekämmten Haaren, hoher gefurchter Stirn und braunen Augen, großem Zinken und tiefen Falten neben demselben — ein langes Gesicht mit leichten Hängebacken und großen, allerdings nicht abstehenden Ohren: »Na mein Junge, da bist du ja«, zu überschwenglich, es war mir gleich zuviel. Sie hatten sich offenbar … weiter lesen

18.06.2008 von Schröder & Kalender
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Blindgänger

von Schröder & Kalender

Der Bär flattert in südöstlicher Richtung.

In einem Haus in der Nähe der Friedrich-List-Schule, das die Russen beim Einmarsch zusammengeschossen hatten, es hieß, es sei eine Wehrmachtsdienststelle gewesen und zuletzt von SS-Leuten verteidigt worden, hatten wir uns einen Eingang zum Keller freigelegt, stiegen dort ein und fanden reichlich Munition. Mit Steinen und Eisenstücken schlugen wir die Patronen, Pistolen- und auch Gewehrmunition, auf, ließen das Pulver auf einen Haufen rieseln, mit Zündschnurlinien, die wir mit brennbarem Zeug zogen, versuchten wir dann den Pulverhaufen hochzujagen. Leider erlosch die Zündschnur ständig, so mußten wir immer näher ran an das Pulver. Aber dann ging es schließlich doch in die Luft, und die Steinbrocken flogen umher in den Ruinen zum Entsetzen der Erwachsenen: »Schon wieder ein Blindgänger hochgegangen, fürchterlich!« Bei einem ähnlichen Spiel, ich war nicht dabei, sonst säße ich nicht hier, sind zwei Jungs aus meiner Klasse ums Leben gekommen. Sie spielten mit größerer… weiter lesen

12.06.2008 von Schröder & Kalender
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Wladimir

von Schröder & Kalender

Der Bär flattert in östlicher Richtung.

Wir Kinder hatten Angst vor den russischen Soldaten, jedoch nicht vor den russischen Kindern, den Kindern der Offiziere, denn die einfachen Soldaten lebten ohne Familie irgendwo in Kasernen. Es gab einige Knaben, die in diesen Kompanien mitmarschierten. Und es gab Vorsänger, nach deren Kopfstimmensolo fiel der rauhe Chor der anderen Soldaten ein. Diese Kinder in Uniformen, mit Orden behangen, marschierten manchmal mit, man erzählte sich, es seien die Söhne gefallener Offiziere, ich weiß nicht, was daran wahr ist.

Ein solcher kleiner Junge, er hatte eine Uniform an mit Stiefeln, so sieben, acht Jahre alt, kam eines Tages heran, näherte sich uns in seiner Sprache, als wir im Sandbombentrichter rumbaggerten. Wir hatten erst mal Angst vor der Uniform, verstanden kein Wort. Er hielt uns einen kleinen Ledersack hin, wir waren neugierig und guckten rein: ein ganzer Beutel voll Fünfzigpfennigstücke. In den ersten Tagen nach dem… weiter lesen

07.05.2008 von Schröder & Kalender
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Schmetterlingsfrau

von Schröder & Kalender

Der Bär flattert in nördlicher Richtung.

Unsere Clique Bismarckstraße/Bismarckplatz, ungefähr hundert Indianer, führte einen Jugendbandenkrieg in den Ruinen von Niederschönhausen und in der Schönholzer Heide. Eine sonderbare Mixtur aus Karl-May-Indianern und aufgelöster Hitler-Jugend, eine ziemlich wilde Horde von Kindern, die gegeneinander Krieg führten. Die Erwachsenen hatten was anderes zu tun, als sich um uns zu kümmern, sie jagten ständig nach Eßbarem. Es waren schöne Zeiten für Kinder, es wurde gekämpft, mit Zwillen geschossen und geprügelt. Ich prügelte mich nicht, denn meine Mutter hatte als Rot-Kreuz-Angehörige mehrere Sanitätstaschen im Hause, dazu allen möglichen Verbandskram, auf den Bereitschaftstaschen prangte ein großes rotes Kreuz. Ich nahm so eine Tasche, dazu trug ich eine Rot-Kreuz-Armbinde, ernannte mich selbst zum Sanitäter unserer Clique. Auf die Weise war ich neutral, man durfte mir nichts tun, und das klappte auch. Natürlich wollte ich auch Arzt werden, verband Schürfwunden, bepinselte sie mit Jod und sagte mit wichtiger Miene:… weiter lesen

22.04.2008 von Schröder & Kalender
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Ein Spruch mit Folgen

von Schröder & Kalender

Der Bär flattert in östlicher Richtung.

Nach dem Kriegsende gab es am Bismarckplatz noch die Kneipe ›Sturmeck‹, und der Sohn des Wirts, Kalle Backs, war einer der wenigen katholischen Jungs in der Gegend, etwa zwölf Jahre alt. Von ihm lernte ich, wie gefährlich Literatur sein kann. Ich war in die zweite Klasse gekommen, obwohl ich in den Nachkriegswirren von der ersten Klasse nur drei Monate gemacht hatte. Die Schule war erst in der Bismarckstraße, in der Turnhalle hatte man die Leichenhalle untergebracht, es roch süßlich und nach Lysol.

Irgendwo schnappte ich einen Spruch auf, der mir gut gefiel, weil er sich reimte und mir Publikum verschaffte: »Katholiken müssen ficken, wennse in die Bibel kieken.« Ich hielt ficken, ich kann’s nicht ändern, es war so, für eine angenehme Form von Kotzen, das Kind ist eben polymorph pervers. Diesen Spruch posaunte ich auf dem Schulweg heraus, immer wieder. Die anderen Kinder sprangen… weiter lesen

10.03.2008 von Schröder & Kalender
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Die Frau gehört mir

von Schröder & Kalender

Der Bär flattert in nördlicher Richtung.

Mein Lieblingsfilm als Junge hieß ›Die Frau gehört mir‹, ein klassischer Western, der lief etwa zwei Monate nach dem Umbruch im Kino ›Blauer Stern‹ in Niederschönhausen, wenige Schritte vom Bismarckplatz entfernt, wie er damals hieß, und zwar im ständigen Wechsel mit einem dreistündigen Farbspektakel über die Spartakiade in Moskau, das uns anödete, diese schrägen Aufnahmen der Sportlertruppe von unten, die da endlos aufmarschierte, ein Riefenstahl-Verschnitt auf sozialistisch. Aber auch das sahen wir uns an, wir gingen halt ins Kino.

blauer-stern-2.jpg

Es kostete nur fünfzig Pfennig. Was heißt nur? Auch dieses Geld war ja nicht massenweise vorhanden. Ich erzähle gleich, woher wir es hatten. Es gab ›Die Frau gehört mir‹, diese ›Spartakiade‹ und einen Film, der ›Woyzeck‹ hieß, eine frühe Büchner-Adaption in russischer Sprache mit Untertiteln, moorig düster, die Nebel waberten, ich verstand überhaupt nichts, nur, daß der Soldat später seine Frau ersticht… weiter lesen

28.02.2008 von Schröder & Kalender
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Walking Through

von Schröder & Kalender

Der Bär flattert in östlicher Richtung.

Seit wir wieder in Berlin wohnen, hatten wir uns vorgenommen mit Annett Gröschner und Ralf S. Werder einen Rundgang durch Niederschönhausen zu machen, um gemeinsam die Plätze zu besuchen, die im ›Siegfried‹ und in ›Schröder erzählt‹ vorkommen. Am Sonntag waren wir zum Frühstück in einer Restauration, die nach Henry David Thoreaus ›Walden‹ benannt ist. Sein Buch endet mit der Zeile: »The sun is but a morning-star.« Der Stern schien.

Wir wollten pünktlich sein, aber ich (BK) hatte uns einen falschen Wegeplan ausgedruckt: Choriner Straße 3 statt 35. So mußten wir den Prenzlauer Berg erst runter und dann wieder hoch laufen. Sehr zu meinem (JS) Mißvergnügen, denn ich leide unter dem kardiovaskulär bedingten Walking-Through-Phänomen. Annett und Ralf waren auch ein bißchen ärgerlich – verständlicherweise, denn wenn uns Preußen etwas verbindet, dann die Verachtung der Unpünktlichkeit.

Nach dem opulenten Frühstück mit Bratkartoffeln und Buletten… weiter lesen