vongnu 06.10.2019

GNU – Literarische Grotesken

Damals wie Heute das zynische Lächeln über die menschliche Irrfahrt. | © Fabian Fox Fotografie

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Es ist sonderbar einfach. Glühende Anhänger der Panspermie haben mit ihren Betrachtungen zur Metaphysik, zum Raum und zur Philosophie einen glaubenswürdigen Denkansatz geliefert.
Dass das irdische Leben aus einer entfernten Galaxie stammt und als fremder Passagier im Meteroitenhagel auf der Erdkruste einschlug, bevor aus dem Krater, die ersten Einzeller stiegen, die der Ursprung all dessen und der gesamten Evolutionsleiter sind. Der Mensch als stochastisches Zufallsprodukt, das sich bestmöglich an die vorherrschenden Verhältnisse angepasst und sich diese zu Untertan gemacht hat.
Die Geister, die ich rief.

Weniger durchdacht, simpel und reduziert, doch im Gegenzug dafür die Welt in einfache Raster klassifizierend und die menschlichen Allmachtsfantasien gut abbildend, ist der Glaube. Das Fundament jeglicher Religiosität auf dem die Basilika, mächtig empor wachsend, thront.

Es ist die Ablehnung jener grundguten Bescheidenheit, wonach der Mensch letzten Endes nur aus dem Zelldreck, der niedrigsten Lebensform einer fernen Sphäre stammt und seine jetzige Größe der extraterrestrischen Willkür zu verdanken hat. Nein, der einfache Weg ist es, den einfachen Antworten nachzustellen. Undifferenzierte Phrasen und der Größenwahn davon auszugehen, dass das menschliche Ego, das einzig bewusste und wahre ist und als Abbild eines Gottes, der dem Menschen sich selbst nachempfunden hat, der Mittelpunkt des Universums ist.
Es ist ein Alibi, um sich von jeglicher geistigen Muskelanspannung zu befreien und dennoch parzengleich, nach mehr oder weniger freien Richtlinien und Serviervorschlägen, das kurze Leben zu bestreiten.

Vielleicht liegt die wahre Erkenntnis doch zwischen diesen zwei konkurrierenden Extremen, die jeweils durch ihre kluge Konstruiertheit des Möglichen und eine unglaubliche Beschränktheit und Ignoranz bestechen. Eine Wahrheit ist, dass der Mensch eine Mixtur aus diesen beiden, doch sehr divergierenden Denkansätzen ist, auch wenn sich das niemals in Erfahrung bringen lassen wird.

Unsere Spezies könnte durch eine Bakterienkultur, einen gemeinen Bazillus entstanden sein, den die höheren Lebewesen, ob versehentlich oder mit Kalkül in einem Reagenzglas neben zig anderen vergleichbaren Proben vergessen haben. Das Reagenzglas, wohl temperiert und großzügig mit einer endlosen Nährpaste aus Spurenelementen, Mineralien, und so weiter und so weiter ausgestattet, damit den Zellen auf ihrem fruchtbaren Boden, einer stetigen Entwicklung nichts mehr im Wege steht. Grelle elektrische Ladungen, durch unbekannte Zeitabmessungen, in Phasen eingeteilt, bescheinen das genetische Gut, um als fest geregelter Katalysator, eine Grundstruktur zu geben und chemische Reaktionen in Gang zu setzen.

Diese Zellen, auch die Cyanobakterien im Fachjargon, dass erste, das war, wurden künstlich gepflanzt. Also das Gewächs, das Setzlinge trieb. Diese Triebe wiederum sind der Ursprung und Anfang der Verkettung.

Über jene höherwertigen Lebewesen, die in ihren fernen, unerforschten Laboren, s. g. Welten kultivieren, ist wenig bis nichts bekannt. Wahrscheinlich handelt es sich um eine hochentwickelte, fortgeschrittene Spezies, deren Antriebe und Bedürfnisse wie Selbstverwirklichung gar fern sein dürften und die ihre gesamte Existenz, ob durch Raum und Zeit begrenzt oder nicht, subversiv in den Dienst einer unbekannten Wissenschaft stellen, andernfalls dürfte sich ihr ehrgeiziges Projekt oder die Sinnhaftigkeit des Lebens wohl kaum einer Durchführung erfreuen. Weiter ist es so gesehen unwahrscheinlich, dass ein Volk aus forschenden Hütern aus nur einer monotheistischen Person besteht. Wohl eher treffen die altertümlichen Mythen und literarischen Antworten zu, wonach mehrere Götter, Aliens oder was auch immer an unpassenden Bezeichnungen kursiert, diese Insassen in jenem besagten Labortrakten sind. Es versteht sich von selbst, dass diese auf Fantasie beruhenden, gedanklichen Anstellungen, wenn im Form und Weise mit der Realität deckend, sich diese auch nur durch Zufall so ergeben haben. Eine Kontaktaufnahme zwischen den Archetypen und nennen wir sie die Anderen, wird es niemals gegeben haben.

Die gewachsene höherwertige Rasse, der s. g. Mensch, der nach eigener Zeitrechnung, nach Milliarden von Jahren sein Entwicklungsstadium aus jenen archaischen Bakterien gewann, forschte und suchte ebenfalls nach dem Sinn und den Grenzen des Lebens. Doch die gefährliche Mischung, aus mäßiger Intelligenz und Abgehobenheit, brenzliges, gepaart mit einem ausgesprochenen Forscherdrang, suchte nur innerhalb der begrenzten Atmosphäre des Reagenzglases, die für eine mickrige Lebensform einer unendlichen Weite gleichen muss, nach Antworten. Indes gefunden wurde freilich nichts, da nur die Ursprungsbakterieren auf der Kugel wucherten und der Rest aus einem Luftgemisch und leeren Elementablagerungen bestand, die in chemischen Prozessen miteinander freudig reagierten und zu Materie verklumpten. Niemals bewusst werdend, dass sie in einer Kuppel, einem Aquarium gefangen sind. Unfähig, die Welt als solche zu begreifen und eifrig forschend mit wertlosen Kinderspielzeug, wurde der Kulturcharakter nie wirklich hinter sich gelassen. Und in der Grausamkeit ihres Gefängnisses ließen sich die Kreaturen auf Indianer-Cowboy-Spielchen in Wild-West-Manier ein, die, immer wieder aufs Neue, die wachsende Population zurückwarfen. In ihrem sinnbefreiten Forschungsdasein, suchten sie, ja in gewisser Weise, ahmten sie, ohne es zu wissen, den Geist der Höheren nach und bauten sich kleine künstliche Modellwelten, die sie aus den Böden der Nährbelags stemmten und die verbliebenen Bodenschätze, statt überlegt zur Vegetation aufzuwenden, verbrauchten. Auf perfide Weise machten sie sich, die unterlegenen Kreaturen, Untertan und hielten sich zum Zeitvertreib Tiere oder pflanzten Bäume zur Begrünung und Naherholung nach kreativen Mustern und eigenwilligen Plänen. Absurd, im Kleinen wurden die Kleinen, von den noch Kleineren nachgeahmt, so hörte man stets Geschichten, von Affen, die plötzlich aus Langeweile anfingen und sich ausgewilderte Katzen zum Zeitvertreib fingen und entsprechend hielten. Es ist der spannende Fakt und dennoch reine Theorie, da es keine hohen Eingebungen oder sonstiges gibt, die zu der Annahme verleiten und wenn dann, eher wie alles auf Zufall und bunten Gedanken beruhen. Es muss zwangsläufig Muster und Linien geben, die alles Leben von oben nach unten durchziehen, wie die Überbleibsel des Willens, die ihm Erbgut aller Lebensformen abgespeichert sind, ob sie nun das Potenzial zur Verwirklichung haben oder nicht.

Das eifrige Wuseln durch die Baukastenstätte, diese verbotenen komischen, bunten Fahrzeuge und der gen Boden gerichtete Blick, der insbesondere an einem Regentag gut auffällt, wenn die Mienen getrübt und die eigenen dunklen Gedanken präsent über allen schweben. Nicht wirklich anders als die Ameisen, die wir mit bloßen Auge, als körperlich identisch einordnen, doch die der gemeinsame Gedanke eint. Es ist bei uns nicht anders, der jeweilige pseudeo-individuelle Wille verdichtet sich in der Summe zum kollektiven Antrieb der Selbstzerstörung. Eine Rasse, die sich selbst abschafft, als ob sie sich der eigenen Fehler bewusst, nur die Welt vor schlimmeren bewahren wollte.

Eine spannende Vorstellung, wenn die Höheren auf einem ihrer zahlreichen Kontrollgänge feststellen müssen, dass ein tödliches Gas, die Kultur im Reagenzglas vollständig dahingerafft haben muss. Sie werden im ersten Moment nicht gleich wissen, woher das Gas stammt und sich wundern, wenn eine Kultur trotz optimaler Bedingungen, reichen Angebot, Pflege und augenscheinlich boomenden Wachstum, dennoch in der Bedeutungslosigkeit versinkt. Fehlkonstruktionen wird es immer geben, ob plausibel oder nicht, meist erübrigt sich dann das Problem dann von alleine.

Eine Frage, der sie eventuell nachgehen werden, wenn das Glas mitsamt Inhalt auf dem Friedhof der Monokulturen landet und dort vergammelt.

Einzig allein traurig ist allein die Vorstellung, das alles als individuell empfundene, die jeweiligen Werke und liebevollen Schöpfungen, sowie die Erinnerungen nicht archiviert und analysiert werden können. Eine interessante Vorstellung, was selbst die Kleinsten in ihrer Unterlegenheit mit ihrer Liebe zum Detail hätten hervorbringen können und was nun nicht weitergegeben werden kann, während sie gleich der Wichstüte voll mit fruchtbaren Spermiziden langsam kompostiert werden.

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