vongnu 10.03.2019

GNU – Literarische Grotesken

Damals wie Heute das zynische Lächeln über die menschliche Irrfahrt. | Foto: prawny@fotolia.de

Mehr über diesen Blog

»Kumpel, du weißt das Ding muss originell werden?! Alles übertreffen?! Du weißt das?!«

»Alter, sollen wir tauschen?«

»Bin ich der Performance-Künstler oder du?«

»…«

»Kumpel, du musst für diesen krassen Shit leiden! Danach bist du der Star! «

»Schon klar.«

»Du weißt, wenn wir nicht ballern, steht hier schnell die Antidoping-Kommission für Künstler auf der Matte. Der neue Amtsleiter ist heikel bis brutal. Und der Typ ist schnell. Und überall zur Stelle, seit er keine Hobbys mehr hat.«

»In Ordnung man, du bist halt nur der Organisator im Stillen! Der ganze Ruhm geht an mich!«

Es ist die Pizza-Installation, im Rahmen der Pizza-Ausstellung.
Der Boden tropft als sich der Performance-Künstler von seiner Pritsche erhebt. Tomatensaft und Mozzarellastückchen. Der geriebene aus der Frischhaltetheke.

»Trotzdem, wenn ich sage, STOPP, läßt du mich raus.«

»Kumpel?!«

Der Performance-Künstler betritt den riesigen Pizzaofen.

»Wird ein bisschen eng.«

»Nicht schlimmer, als der Aufguss in der vollen Sauna!«

»Dann zeig mir Baby, was Starkstrom ist. Werf´ den Kasten an. Das erste überdimensionierte Pizzastück der Welt. Länger als jede verfickte Meter-Pizza der Geschichte.«

Der leistungsstarke Ofen schießt die Temperatur in die Höhe. Schnell wird aus einem wohligen, wärmenden Behagen, sengende Hitze. Der Mozzarella beginnt zu schwitzen.

»Hey, jo, lass mich raus. Das reicht. Allmählich wirds echt unbequem hier drinnen.«

Der Helfershelfer des Performance-Künstlers öffnet die Luke des Ofens und verschließt sie augenblicklich wieder.

»Nein, noch ein bisschen, der Mozzarella ist ja noch nicht mal richtig zerlaufen.«

»Was?! Doch?! Nein?! Höre auf mit dem Quatsch, komm schon.«

»Äh-Äh.« Heftiges Kopfschütteln.

»Du irrer Motherfucker…« Dann reißen die Wortfetzen ab und es erklingen Schreie, die nicht abreißen wollen, Tonlagen, die zwischen Schmerz und Wolllust pendeln.

»Tu nicht so, jede Aufbackpizza hält es länger aus, wo ist dabei die Kunst.« Der Helfer muss über seinen eigenen Witz lachen.

Das Schreien verstummt.

»Lebst du noch?«

Zehn Minuten später öffnet sich die Klappe des Ofens wie von Zauberhand. Ein Schwall Kondenswasser hüllt den Raum ins Dunkel. Spuren von Tomatenmark auf den weißen Bodenfliesen. Der Performance-Künstler.

»Wenn Mensch und Pizza sich vereinen, passiert etwas unvorhergesehenes Großes.«

»Du siehst gut aus! Und du riechst gut!«

Der Performance-Künstler hat sich verändert, an Statur und Größe zwar noch Mensch, doch die Beschaffenheit der Außenhülle, Mozzarellafäden ziehen sich durch das Haar, die Haut eine teigige Substanz, festgebacken und ein Schleimüberzug aus tropfenden Tomaten und Käse. Und die Augen, festgebrannte Tomaten, mit jeweils nur einem kleinen Löchlein, aus dem die schwarze Pupille stiert und den Helfer anfixiert.

»Die Pizza hat mich verändert. Ich verstehe nun Zusammenhänge, die mir vorher verschleihert waren. Die wahre Bedeutung von Pizza und die Stärke, die diesem Gericht innewohnt. Wenn Mensch und Pizza sich vereinen, passiert etwas unvorhergesehenes Großes. Ab jetzt arbeitest du für und nicht gegen mich? Wir werden die Pizza-Ausstellung nach wie vor veranstalten und im Zuge der Vernissage die Parma-Pizza-Bewegung ins Leben rufen!«

Fasziniert von der gewaltigen Erscheinung und dem sich bietenden Spektakel willigt der Helfer ein, fällt auf die Knie und erkennt die Größe der Kreatur, die er unwillentlich geschaffen hat.
Papa-Pizza.

Anzeige

Wenn dir der Artikel gefallen hat, dann teile ihn über Facebook oder Twitter. Falls du was zu sagen hast, freuen wir uns über Kommentare

https://blogs.taz.de/gnu/die-pizza-installation/

aktuell auf taz.de

kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.