vongnu 25.12.2018

GNU – Literarische Grotesken

Damals wie Heute das zynische Lächeln über die menschliche Irrfahrt. | Foto: prawny@fotolia.de

Mehr über diesen Blog

I. Charlie Manello – Das Interview mit einem staatlichen Nachrichtensender
Sender: Heute Abend freuen wir uns zu später Stunde einen ganz besonderen Gast begrüßen zu dürfen – Charlie Manello.
Er ist der dystopische Dramatiker und latente Lyriker, der in seinen Werken, den menschlichen Irrsinn reflektiert, allerdings war er noch lange Zeit regelrecht unbekannt und seine Werke warteten vergebens auf ihre Bühnenumsetzung.
Doch jetzt im fortgeschrittenen Alter, gelang Ihm mit seinem aktuellen Bühnenstück ein wahrhaftiger Coup, mit dem sich nun der so lange ausgebliebene Erfolg einstellte.
 Sein Drama »Katte oder das Wunder der Freundschaft oder wieso zwischenmenschliche Beziehungen scheitern versus Notio – Nur eine Frage« feiert große Erfolge an den führenden deutschsprachigen Theaterhäusern.
Nun ausgezeichnet und prämiert mit dem Kleist-Dramatikerpreis, verzeichnet er den bis dato größten Erfolg in seiner Karriere und erhält die so lange ausgebliebenen Lorbeeren.
Guten Abend Herr Manello?

C.M.: Tag, haben Sie hier auch Apfelsaft?

Sender: Natürlich.

C.M.: Sind wir jetzt hier live, also das Interview hören auch schon die Zuhörer am anderen Ende?

Sender: Ja.

C.M.: Also so richtig live, was ich sage, geht direkt in das Gerät hier und dann direkt in die Ohrmuschel. Da sitzt jetzt nicht noch irgendein Kollege, der mithört und…

Sender: Mmmmh.

C.M.: Achso, tschuldige – Hallo.

Sender: Hallo Herr Manello. Wie fühlen Sie sich?

C.M.: Wieso?

Sender: Mit Ihrem durchschlagenden Erfolg, der faktisch über Nacht kam. Im Vorfeld hat ja kaum einer etwas von Ihnen gehört. In der Redaktion haben wir die Mühe auf uns genommen und geforscht, um das Mysterium Manello zu ergründen. Dabei musste ich erstaunt feststellen, dass Sie sich nicht erst seit gestern dem Dramatikertum verschrieben haben.

C.M.: Richtig, 18 Jahre mittlerweile.

Sender: Eine ganze Weile. Doch wieso jetzt, wieso ausgerechnet jetzt der späte Erfolg.

C.M.: Das ist eine Katte, meine Kette müssen Sie wissen. Früher habe ich meinen Kram geschrieben und mir nicht viel dabei gedacht. Ich fand vieles immer schlecht, müssen Sie wissen.

Sender: Was meinen Sie mit dem Vielen?

C.M.: Dies und Das, was mir zuweilen vor die Augen kam.

Sender: Und dann?

C.M.: Dann hatte ich 20 Jahre keinen Erfolg. Und jetzt habe ich ihn.

Sender: Was haben Sie anders gemacht? Wieso ist Ihnen ausgerechnet jetzt mit »Katte oder das Wunder der Freundschaft oder wieso zwischenmenschliche Beziehungen scheitern versus Notio – Nur eine Frage« der Durchbruch gelungen?

C.M.: Genau genommen ist »Katte oder das Wunder der Freundschaft oder wieso zwischenmenschliche Beziehungen scheitern versus Notio – Nur eine Frage« nichts weiter, als weichgespülte, heuchlerische, verlogene Scheiße. Eben das, was die Theaterkritiker gerne sehen. Und um Ihre nächste Frage zu beantworten, wie ich mich mit dem Erfolg fühle, da kann ich Ihnen ein schlichtes schlecht erwidern, mal abgesehen von meiner finanziellen Aufbesserung, das ist durchaus angenehm. Und nein, ich habe kein grundsätzliches Problem mit Erfolg aus irgendwelchen spirituellen Schwachsinnsgründen. Die Art und Weise, wie sich der Erfolg eingestellt hat, ist nun mal eine Katte, meine natürlich Kette.

Sender: Das sagten Sie bereits. Doch was meinen Sie damit, Herr Manello?

C.M.: Allein das Herr, meine ich damit. Wissen Sie, ich war erfolglos, lange Zeit, doch mein Antrieb war meine Abscheu vor den alten Säcken, vor dem was ich ablehnte. Mein Motor war der Drang Anders zu sein. Doch scheinbar hat mich jede Niederlage, jede Abweisung, innerlich Stück für Stück insoweit gebrochen, dass eine Entwicklung einsetzte, die ich leider erst jetzt vollständig registriere und mir ihrer bewusst werde. Jetzt, wo es zu spät ist und nichts mehr rückgängig gemacht werden kann. Ich habe meine Arbeit nach und nach, ohne das ich davon jemals nur im geringsten Wind bekam, angepasst. Stück für Stück, wurde ich wie die, die ausgerechnet jetzt »Katte oder das Wunder der Freundschaft oder wieso zwischenmenschliche Beziehungen scheitern versus Notio – Nur eine Frage« rühmen, wie Sie es sicherlich bezeichnen würden. Jetzt bin ich selbst ein alter Sack, angekommen und keine Spur mehr vom damaligen Elan. Ich wurde in die Riege aufgenommen. Der verfehlte Sohn kehrt endlich nach Hause.

Sender: Sie sprechen von Die und Denen? Können Sie sich konkretisieren, wen meinen Sie damit?

C.M.: Sie zum Beispiel. Sie sagten es vorhin selbst, ich war lange Zeit für Sie gänzlich uninteressant.

Sender: Es stellte sich eben noch kein Erfolg ein.

C.M.: Und Sie haben die Arroganz das zu behaupten? Haben Sie mit meinem alten Publikum gesprochen? Sie haben jetzt mit mir gebrochen. Nicht, weil ich Erfolg habe, sondern, weil ich keinen Stil habe. Und genau das, meine ich mit Jenen, Die und Denen. Sie und die Anderen laben sich an meinen Kram.
Jetzt, nachdem ich endlich ihren gleichgeschalteten Geschmack treffe. Jetzt, wo ich meine pseudo-intellektuellen Finessen einsetze, über die Sie sich amüsieren. Oder liegt es daran, dass die Handschrift Ihrer Vorstellungen von Kunst, sich endlich nach all den Jahren in mir widerspiegelt. »Katte oder das Wunder der Freundschaft oder wieso zwischenmenschliche Beziehungen scheitern versus Notio – Nur eine Frage« ist ein intellektueller Schulterklopfer und beinhaltet alles was Ihr Kopf mit Kunst und handwerklichen Geschick und sonst was verbindet. Die Kunst jedoch sollte sich niemals in Eitelkeiten verlieren und den Narzissmus ihres Schöpfers widerspiegeln. Die Kunst gehört der Gesellschaft, den Menschen. Die Kunst sollte diesen zur Verfügung stehen und den Komplex unseres Zusammenlebens widerspiegeln, verständlich widerspiegeln. Ich verändere nicht die Welt, weil wir in unserem eigenen intellektuellen Binärcode aus Bezügen, Verweisen und Wissen prahlen. Klar, Sie freuen sich jetzt darüber; Seite zwölf, das war doch die Frage von…
Tschuldige, Sie können ja nichts dafür.

Sender: Dann sehen Sie »Katte oder das Wunder der Freundschaft oder wieso zwischenmenschliche Beziehungen scheitern versus Notio – Nur eine Frage« tatsächlich als Ihre persönliche Niederlage.

C.M.: Tatsächlich sehe ich das so, ja.

Sender: Was ist am Ende ihrer Kette?

C.M.: Katte. Ich, das Ende, nein, der Anfang der Scheiße. Pardon.

Sender: Was ist ihre Interpretation für das Ende der Scheiße?

C.M.: Die einzige Frage sollte lauten, was mich dazu veranlasst hat »Katte oder das Wunder der Freundschaft oder wieso zwischenmenschliche Beziehungen scheitern versus Notio – Nur eine Frage« zu schreiben. Meine Überlegungen und Anstrengungen hierzu kennen Sie bereits?

Sender: Sie halten sich für einen Idealisten?

C.M.: Nicht wirklich; Nein.

Sender: Aber sicherlich halten Sie sich für wichtig und besonders mit Ihren Aussagen?

C.M.: Nein, aber Sie, sonst hätten wir miteinander kaum das Vergnügen.
Halten Sie sich für besonders, weil Sie mit mir sprechen dürfen?
Oh nein, großer Fehler, ich darf ja keine Gegenfragen stellen, richtig?
Ich mache es kurz, bevor das Gespräch beendet wird. Darf ich mir eine letzt Frage wünschen, ja?
Herr Manello, welchen Ratschlag geben Sie all den jungen kreativen Kunstschaffenden für die Zukunft mit?
Das ist eine sehr interessante und berechtigte Frage. Doch, ich glaube, ich möchte folgendes den jungen Frauen und Männern dort draußen mitteilen; Kinder, hier sitzt ein gescheiterter Mann. Scheitert bitte niemals und werdet so wie er, der sich angepasst hat, um jetzt die vergorenen Früchte des Erfolgs zu ernten. Bleibt so wie Ihr seid, Ihr seid auch so wichtig. Als verlässlicher Indikator des Scheiterns, kann man das steigende Interesse in den Feuilletons zu Rate ziehen.
 Dankeschön.

II. Die Empörung – Eine Reaktion
Das besagte Interview des Dramatikers C. Manello mit einem staatlichen Nachrichtensender ist ein Gipfel der Geschmackslosigkeit. Während seines gesamten Auftrittes versprüht Manello den Charme, eines in die Jahre gekommenen, Quacksalbers. 
Die Selbstverständlichkeit der Selbstinszenierung mit der sich Manello in Szene setzt, kündet zwar von fähigem Schmierfinkentum, dies gibt aber kaum Anlass zur Erregung, da sie allenfalls, als kaum zu beachtende Randnotiz eine begrenzte Leserschaft erreicht. Ehrlich gesagt, muss sich Manello eingestehen, dass er nicht im entferntesten die geringe Leserschaft aufweisen kann, mit der er sich gerne brüstet. 
Es ist zwar fraglich, dass ein staatlicher Nachrichtensender, Interesse an einer Person bekundet, die ein billiger Abklatsch von arrivierten Persönlichkeiten der Literaturgeschichte, man denke bloß an einen Charles Bukowski, abbildet. Noch fraglicher ist allerdings, die bewusst fehlerhafte Auskunft von Manello, wonach sein dramatisches Werk »Katte oder das Wunder der Freundschaft oder wieso zwischenmenschliche Beziehungen scheitern versus Notio – Nur eine Frage« mit dem Kleist-Dramatikerpreis honoriert wurde. Diese Falschinformation wurde von Manello bewusst in Kauf genommen und gestreut, um mit diesem Skandal Aufsehen zu erregen. Er hat sie sogar noch in seinem, vermutlich eigens angelegten, Wikipediaeintrag vermerkt, um das Bild seines schriftstellerischen Erfolgs in der breiten Öffentlichkeit zu manifestieren. Wo literarische Qualität und Talent fehlen, muss man eben andere Wege beschreiten, um von sich Reden zu machen. Die Heinrich-von-Kleist-Gesellschaft behält es sich in diesem Fall vor, besagte rechtliche Schritte gegen C. Manello einzuleiten.

III. Charlie Manello – Ein öffentlichkeitswirksames Entschuldigungsschreiben
Hiermit entschuldige ich mich offiziell, bei allen Menschen deren Gefühle durch mein unüberlegtes Handeln verletzt wurden, insbesondere aber bei den Preisträgern des Kleist-Dramatikerpreises, sowie der Heinrich-von-Kleist-Gesellschaft.
Ich war mir im vornherein nicht darüber im Klaren, dass mein Handeln derart brüskierend ist, zumal ich die Fehlinformation, über die Auszeichnung meines Werkes »Katte oder das Wunder der Freundschaft oder wieso zwischenmenschliche Beziehungen scheitern versus Notio – Nur eine Frage« mit dem Kleist-Dramatikerpreis, viel eher als Symbol auf meine Unzufriedenheit über ebenjenes Werk, das meiner persönlichen Empfindung nach, nur der Ästhetik und den Wunschvorstellungen der Jury auf intellektuelle Weise entspricht, nicht aber der Vehemenz und der gesellschaftlichen Botschaft der es bedarf, um auch ein nicht-kunstaffines Publikum zu erreichen, ausdrückt. Bei näherer Betrachtung des Manell´schen Werkes und der Manell´schen Person sollte dieser Punkt eindeutig hervorgehen.
Selbstverständlich würde eine ungestüme Natur, wie ich sie (Anmerkung: Charlie Manello) verkörpere, niemals mit dem Kleinst-Kleist-Preis gewürdigt werden. Auch ist es eine spannende Frage, ob ich (Anmerkung: Charlie Manello) die Auszeichnung wiederum annehmen würde. Eine Antwort auf diese spannende Frage kann ich zum heutigen Zeitpunkt nicht abgeben. Viel eher glaube ich, mit meinem ungehörigen Betragen sowieso alle Avancen für eine derartige Auszeichnung verspielt zu haben. Die Auflösung dieser Fragestellung werden wir daher voraussichtlich nie erfahren. 
In der Hoffnung, dass die Heinrich-von-Kleist-Gesellschaft nun von weiteren rechtlichen Schritten absieht, möchte ich mitteilen, dass auch seinerzeit Heinrich von Kleist ein Rebell war, der sogar den Urvater der schönen Seele, Johann Wolfgang von Goethe, persiflierte.

[Charlie Manello
C Dot M Dot
C Dot Manello
Ich bin Charlie Manello
Coming of, without Age
Besonders unter den Besonderen
Bin nur Ich, Über-Ich hab ich gef**** gefressen
Hab meine eigene Einpersonen-Crew
Das Recht auf Unordnung]

*Diesen Text widme ich meinen Freund Leiß Schernhard, den Aphorismenkönig des 21. Jahrhunderts.

Anzeige

Wenn dir der Artikel gefallen hat, dann teile ihn über Facebook oder Twitter. Falls du was zu sagen hast, freuen wir uns über Kommentare

https://blogs.taz.de/gnu/kleist/

aktuell auf taz.de

kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.