vongnu 30.01.2019

GNU – Literarische Grotesken

Damals wie Heute das zynische Lächeln über die menschliche Irrfahrt. | Foto: prawny@fotolia.de

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Kunst.

»Mister Manello.«

»Mister…«

Ich studierte das Namensschild, das an sein Hemd gepinnt war.

»Mister W-Ö-R-N-E-R. Ja, Mister Wörner.«

Leidlicher Blick, womöglich Anerkennung.

»Ja, genau. Ich fasse mich kurz.
Das Sondergremium des Amtes hat gemäß dem neuen Bescheid zur Förderung von Kunst und Kulturellen Entwicklung, eine außerordentliche Überprüfung aller Künstler, die durch das Amt offiziell als solche anerkannt werden, veranlasst.«

»Das soll wohl ein Scherz sein.«

»Leider nicht. Ich kann Ihnen gerne die entsprechenden Paragrafen aus dem Erweiterten Anhang zur Föderung von Kunst und Kulturellen Entwicklung zitieren.«

»Soweit kommts noch. Also, was ist das Resultat? Ihre Feststellungen? Werden meine monatlichen, staatlichen Alimente gekürzt?«

»Komplett gestrichen. Ihre bisherigen Subventionen werden gemäß dem neuen Bescheid  künftig zur Förderung von Kunst und zur Kulturellen Entwicklung aufgewendet.

»Hallo, in dem Verein bin ich doch.«

»Bisher. Doch gemäß unserer Prüfungen erfüllen Sie leider nicht mehr die erforderlichen Kriterien.«

»Können Sie mir das auch begründen.«

»Kunst lebt von Individualität, ja, von Entwicklung. Geprägt von Umwelt und der kulturellen Bildung, reflektiert sie den Zeitgeist und unsere Gesellschaft. Leider müssen wir vermehrt feststellen, dass diese Entwicklung und Individualität längst keine Attribute der modernen Kunst mehr sind. Wir bezahlen Aufwendungen, für Werke, die kein Mindestmaß an Kreativität aufweisen und letzten endes Plagiate anderer Plagiate sind. Die Kunst vegetiert vor sich hin, in ihrer eigenen Blase. Diese Blase haben wir mit unseren Subventionen angefüttert, ja, kreiert, für einen elitären Personenkreis, der sich den Kuchen, den Kunstmarkt, in seiner kollektiven Gleichheit, trotz aller persönlicher Malüren und Eigenarten, die durchaus  zur Profilierung vorzufinden sind, aufteilt. Für das Publikum bleibt kein Krümel. Aber es will den Krümel auch nicht, weil – völlig uninteressant.
Kurzum wir bringen frischen Esprit und bringen die Blase zum Platzen.«

»Haben Sie die Definition aus dem Lexikon?
Ich schwimme also im eigenen Saft. Wer hat das veranlasst, diese Prüfung.«

»Die Sonderermittler des Kultusministeriums.«

»Lachhaft. Ich gehe in Berufung.«

»Das können Sie wiederum gerne tun, doch solange Ihr Status ungeklärt ist, werden Sie keine weiteren Alimente beziehen und nach den jetztigen Arbeitspensum, kann ich Ihnen im Vorfeld garantieren, dass der bürokratische Weg mindestens vier Monate mit sich bringt. In der Zeit müssten Sie Ihren Lebensunterhalt anderweitig bestreiten.«

»Also ich darf jetzt keine Kunst mehr machen.«

»Salopp: Kunst ist nur noch legitim, wenn sie neu ist.«

»Also ich darf jetzt keine Kunst mehr machen, was soll ich dann machen?«

»Das ist ja eben die Kunst, das herauszufinden.«

»Werten Dank. Wie lange gibts noch die Kohle?«

»Wir garantieren Ihnen eine Übergangszeit, in der Sie sich neu orientieren können. Die Sachverständigen haben ermittelt, dass 30 Tage hierfür ausreichen sollten. Ausreichend um die Tragweite dieser Umstrukturierung mental zu verarbeiten und bei den Kollegen vom Arbeitsamt eine Visite abzustatten. Also ihre letzte Zahlung müsste heute eingegangen sein.«

Es regnete. Klischeemäßig, doch passte zur Stimmung. Ich ging in meine Lieblingsbar, die den verschrobenen Namen Lethe trug. Auch das passte.

»Hey Tommy, schieb mir mal nen Doppelten rüber.«

»Kannst du auch zahlen?«

»Hey Tommy, was soll die Nummer?«

»Nur ne Frage, ich will Ihnen nicht auf den Schlips treten Manello.«

»Hey Tommy, was Manello, kennst du deinen alten Kumpel Charlie nicht mehr?«

»Es gibt da diese Gerüchte, unschöne Neuigkeiten, ist da was dran?«

»Von was redest du überhaupt?«

Er zeigte auf den Tageszeitungsaushang. Ich studierte die Schlagzeilen. Kunstreform. Arrivierte Persönlichkeiten danken ab.

»Ist gut. Hey Tommy, weißt du was, ich habs mir anders überlegt, ich will doch keinen Whiskey, Tommy.«

Ich nickte.

Arschloch.
Ich kann mir daheim auch noch einen eingießen. Das ist das amüsante an der ganzen Scheiße. Das Leben besteht aus Schwanzlutschern und denjenigen, die die Schwänze haben. Also, ich meine das ganze jetzt im übertragenen Sinn. Mir haben sie jetzt die Eier abgenommen, aber ich würde trotzdem nie so werden, wie dieser Tommy. Als ich noch ein paar Radioberichte im Eimer hatte und dieses schlechte Buch von mir in den Regalen des Buchhhandel stand, machte er einen auf dicken Kumpel. Ich wunderte mich, wieso man freiwillig Schwänze lutschte. Blieb mir ein Rätsel.

Daheim. Meine Minibar, zwar etwas ausgedünnt, aber dennoch gut bestückt. Eine volle Flasche Amaretto. Und wer jetzt denkt, es ist so ein pseudointellektueller Romanauszug, der die Schwere und Last des Lebens wiederspiegelt, liegt komplett falsch. Ich ließ den Amaretto zu, schenkte mir ein Glas Wasser aus der Leitung ein und ging in die Toilette. Das Scheißhaus ist ein geschützter Raum, es hat auf mich eine meditative Stimmung, nur dort komme ich wirklich zur Ruhe. Meine Toilette ist das, was für manchen Gebildeten, seine reich bestückte Bibliothek sein musste.
Sinnierend ließ ich das Glas zwischen den Fingern kreisen und steckte mir, ja natürlich, steckte mir eine Zigarette an. Wir wollen ja nicht übertreiben. Das hier wird jetzt keine Coming of Age-Geschichte oder so ein Scheiß, die aufzeigt, wie ich mein Leben endlich und verspätet in den Griff bekomme.
Zuerst stellte ich mir eine Frage; Fame oder Cash? Ganz klar, Numero Uno. Wahrscheinlich habe ich noch zu viel Geld auf meinem Konto, fragen sie mich in 30 Tagen nochmal. Und wieso mache ich überhaupt Kunst. Widerwillig musste ich an Frage Numero Uno denken. Das kann doch nicht sein, eine Welt ohne Kunst. Ich sehnte mich zurück zur Lethe und verfluchte den Sekretär und all diese Prüfer des Komitees, die einen Dreck über Kunst wussten.
Mir wurde klar, dass ich demnächst mein Geld mit ehrlicher Arbeit verdienen musste. Auch das ist Kunst oder ist gerade das die Kunst? Weiterhin, Fragen über Fragen, die mich plagten und auf die ich keine passable Antwort wusste.
Ich wurde READY-MADE.

[Der folgende biographische Textauszug wurde von C. Manello verfasst und spiegelt dessen Gefühle und Eindrücke in einer detailierten Beschreibung jener schwerwiegenden Situation vor, die einen tiefschürfenden persönlichen und kreativen Tiefpunkt einleitete. In der Folgezeit widmete er sich vor allem seiner neuen Beschäftigung als Hilfsarbeiter in einem großen Industrieunternehmen. Sein monatliches Entgelt verprasste er an den Wochenenden in der Lethe. Aufgrund seines soliden Grundeinkommens aus der Industrie konnte er sich auch mit seinem alten Freund Tommy, dem Barkeeper, versöhnen. Eine seiner zahlreichen Liebschaften, klaubte den oben abgedruckten, übrigens sein letzten verfassten Text, aus dem Papierkorb und schickte ihn, ohne Manellos Wissen, an ein renommiertes Magazin für Schundliteratur. Dies leitete den zweiten künstlerischen Frühling von Manello ein und verhalft ihm zu neuen, erneuten Ruhm. Sein Zugriff auf altbewährte aber neuentdeckte oder besser neuentdeckte aber altbewährte Stilmittel erwies sich als cleverer Kniff. Oh, die Popliteratur und ihr Urwald an Größen.
Dieser Text ist keine Kritik an jener richtungsweisen Gattung, wer es als solche auffasst oder sich angegriffen fühlt, wird schon wissen wieso.]

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kommentare

  • Zum Trost!

    Übrigens Hr. Manello, demnächst werden die Sonderermittler des Kulturministeriums ausschwärmen und alle Intendanten der Staatlichen/Städtischen Theater auf ihre Förderwürdigkeit überprüfen. Eine immer öfter sich wiederholende abgedroschene Theaterkunst in den kühlen Sälen der Stadttheater muss endlich auf den Prüfstand. Die freien Gelder sollen vermehrt für eine junge und inovative Bühne bereit gestellt werden.

    Also ich freue mich diesmal auf die Arbeit der „Dopingkontrolleure“ des Kultusministerium zur Überprüfung der zukünftigen Kunstausrichtung.

    Ähnlich der Weltdoping-Agentur im Sport soll es nun eine Prüfungsinstitution für zukünftige förderungswürdige Kunst geben.

    Hr. Manello ihr Name wird dort gerade für den Vorsitz gehandelt.

    Wie stehen Sie dazu?

    Es grüßt herzlichst

    Ein treuer Fan!

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