vongnu 20.08.2020

GNU – Literarische Grotesken

Damals wie Heute das zynische Lächeln über die menschliche Irrfahrt. | © Fabian Fox Fotografie

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2048 n. Chr.

Eine Einführung in die höherwertige Zivilisationsgeschichte des Planeten Erde.

Spitzbergen.

„Jeder sollte eine zweite Chance verdient haben!“

Svalbard Global Seed Vault.

Es stank nach Verwesung als er durch den braunen Morast stapfte. Der braune Schlick reichte ihm fast bis zu den Knien und er musste aufpassen, dass er nicht darin versank.

„Verdammte Sauerei. Kaum zu glauben. Was ist hier passiert?!“

Es ging wesentlich schneller als gedacht. Jetzt war Stunde null. Der monumentale Bau, der sich in einiger Distanz deutlich abzeichnete und von aus der kargen Szenerie emporhob, hing etwas schräg in der Luft. Turm zu Pisa, zu Babel oder beides. Der Sumpf, der sich neuerdings ausbreitete, hatte gewiss die Standfestigkeit des Bauwerks in den Grundfesten erschüttert. So stand es also um die Menschheit. Die Überbleibsel der Zivilisation. Das hätten sich die größten Statiker niemals ausmalen können. Unwillkürlich musste er an Maya-Pyramiden denken, Nan Mandol und andere Bauwerke, deren wirklichen Nutzen, die moderne Geschichtsschreibung nicht dechiffrieren konnte. Irgendein Relikt bleibt immer, doch ohne die dazugehörige Geschichte plus Moral, war sein Nutzen gleich Null.

Wir sind in einer Endlosschleife gefangen und die Archäologie ist nur die Warnleuchte, die gelegentlich aufpoppt und sagt: „Moment. Hier waren wir schon mal“. Ihm stand nicht der Sinn danach. Seine kommende Aufgabe erforderte Tüchtigkeit, war befreit von Philosophie und die ganzen Warnungen konnten sie sich nun auch sparen. Alles war nur ein Wimpernschlag. Vielleicht war auch und gerade deswegen der Rausch der Geschwindigkeit so überwältigend. Jeder wollte an die gespickte Trophäenwand und hinunter an den Sunset Boulevard. Und irgendwann war da die große Hoffnung auf das Recht, dass es am Ende schon schnell und schmerzlos werden würde. Niemand wollte den lauten Knall spüren, wenn die Vergangenheit, die Zukunft küsste und die alte Prophezeiung zu ihrer Gegenwart wurde. Er wurde aus seinen Gedanken gerissen. Nun war er ziemlich nah, am Bunker, der scharf umrissen aus der Einöde stach und wie die Requisite eines der frühen Cyberpunk-Filme etwas fehl am Platz wirkte. Seine Mission stand fest. Er konnte Science-Fiction spielen.

Er trottete zielstrebig vor das große Portal. Ein paar feuchte, tropfende Reste von grauem Match dümpelten im Schatten des Bauwerks vor sich hin. Es gab ihn also doch noch, den Schnee.

Sobald dieser ganzer Schmodder trockengelegt wurde und er nicht mehr Torfweiden begrünen musste, war dies hier sicherlich ein fruchtbarer Boden. Das gelobte Land. Die neue Wiege der Menschheit – der Garten Eden. Welche Rückzugsorte hätten sie künftig noch, wenn nun der äußerste Norden, als letztes geschütztes Archipel zurückblieb? Es würde sich alles zu gegebener Zeit zeigen. Zuerst gab es nichts zwischen ihm, dem universellen Samendepot und ihrer Zukunft.

„Du kommst spät.“ Eine Frauenstimme, er kannte sie, wusste aber nicht, ob die Erinnerung positiv oder negativ war.

„Die äußeren Umstände erschwerten meine Anreise. Ich sage es mal so. Sind die anderen schon da?“

„Nicht alle. Bezweifele, dass es alle auch geschafft haben.“

„Gut. Bleibt mehr für uns wenige.“

„Was du nicht sagst.“

„Ich mutmaße nur. Behalte es bitte für dich, falls sie doch noch unerwartet der ganzen Prozedur verspätet beiwohnen sollten. Ich habe keine Feinde mehr, wirklich nicht.“

„Hat was von einem De ja-Vu, das alles.“

„Ungemein.“

„Fühlt sich beinahe so an, als müsste ich das alles erneut durchleben. Vermutlich standen wir damals nur vor dem anderen, antiken Scherbenhaufen.“

„Wir sind die Auserwählten. Das ist unser Privileg.“

„Ja, bestimmt, doch, wenn ich es mir nun so überlege, würde ich am liebsten aussteigen, habe keine Lust mehr. Ich will nach Hause, schlafen.“

„Du, Ich. Also ich und du und die verstreute Hand voll mit unseren anderen Kampaniens waren zumindest in unserer entscheidenden Dekade, diejenigen, die nach besten Wissen und Gewissen, gehandelt haben. Ist es nicht gerecht, dass wir jetzt auch diejenigen sind, die eine zweite Chance erhalten und die Weichen für die Zukunft stellen?“

„Ist das Selbstironie?“

„Jeder hat eine zweite Chance verdient!“

„Was ist mit den Anderen? Sie auch?“

„Mitläufer. Ohne wirklichen freien Willen. Gehorchen dir wie ein räudiger Hund. Der Köter würde dich noch nicht mal beißen, wenn du ihm die Zyankalikapsel zwischen seinen gewaltigen Kiefer schiebst. Er geht für dich unter. Es ist nun mal so, er vertraut dir oder ist zumindest gut abgerichtet. Beides nenne ich Gehorsam.“

„Schon klar. Eigentlich bin ich richtig glücklich, mit euch auf diesem Camp zu sein, hat was von Ferienlager.“

„Nur Lager. Die Ferien sind vorbei. Arbeitslager.“

„That´s what it is. Capitalism. Gehen wir rein.“

Sie liefen durch das offene Portal in einen feuchten, modrigen Gang. Die Bausubstanz schien stark strapaziert worden zu sein. Ihre Schuhe stießen gegen kleine Betonbrocken. An manchen Stellen sahen sie das Stahlskellett hinter der Fassade. Bedächtig schlang sie den Arm um ihren Begleiter. Er war erschöpft und sie mochte ihn nicht wirklich ausstehen, doch zweifelsohne muss er einmal attraktiv gewesen sein, in diesem alten Leben. Sie musste nehmen, was sie kriegen konnte, aus Mangel an Optionen. Der Frühling stand noch nicht bevor.

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