vongnu 04.02.2020

GNU – Literarische Grotesken

Damals wie Heute das zynische Lächeln über die menschliche Irrfahrt. | © Fabian Fox Fotografie

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Sie trafen sich gelegentlich in unbestimmter Regelmäßigkeit und immer nur dann, wenn es die Arbeit zuließ. Doch wenn es soweit war, herrschte reine Vorfreude auf das bevorstehende Ereignis. Den Alltag hinter sich lassen und im widrigen Gefecht mit der Natur und den Kollegen messen.
Sie fuhren los, hinter die Grenze in unwegsames Gebiet.
Zuvor posierten sie im Spiegel, die G36K im Anschlag. Es war enttäuschend echt, von weitem, der einzige Unterschied war womöglich nur das Gewicht und die Beschaffenheit des wertigen Materials, das doch nur Kunststoff war.

Auch die schwarzen Schusswesten standen ihnen gut, ein stylisches Accessoire, das sich auch allzu oft in den Alltag einschlich und bei so manchem Klubbesuch nicht fehlen durfte. Der Panzer der stählernen Helden, deutete so manches an, was nicht da war. Eine standhafte Brust, wie die Paradiesvögel, wenn sie ihre roten Federsäcke aufplusterten, nur eben in Camouflage.
Die Fliegerbrille saß gut auf der Nase. Sie drückten das Gas und winkten den Frauen im Cabriolet, die sie unwissend zurücklassen mussten.
Kurz vor der Grenze hielten sie an der letzten freien Tankstelle. Es war ihr Ritual. Sie deckten sich ein mit Zigaretten und Schokolade. Dort war es billiger und die Kippe am Abend durfte nicht fehlen. Es konnte kalt werden, auch im Spätsommer. Außerdem waren es schöne Geschichten, Soldatenromantik, wenn sie sich abends im Granatentrichter zusammenkauerten, die Süßigkeiten brachen und über alltägliches sprachen, die Familie, den Job und das Auto. Näher kamen sie sich nie, im Alltag fehlte ihnen die Zeit und in Extremsituationen erkennt man doch erst die befreiende Wertigkeit für dessen, was immer da ist.
Sie fuhren die letzte Etappe, eine lange Schotterpiste hinauf, zu der alten Kaserne aus dem zweiten Weltkrieg, die modernisiert und nun mit Klimaanlage und WiFi-Netz ausgestattet wurde. Die letzten Meter, Kiesel knackte unter den breiten Reifen und Fortunate Son von Creedence Clearwater Revival kam jäh zum Abbruch als der Motor ausging.
In der Kaserne ließ es sich aushalten. Das Essen war auch ok, es gab verschiedene Burger und Pizza. Mittels WLan konnten sie ihre Simulation mit der Welt teilen und einzigartige Momentaufnahmen des Kampfes für die Ewigkeit konservieren. Der Instrukteur begrüßte sie mit strammer Haltung. Er spielte seine Rolle gut, das gab ihrer Unternehmung einen ernsten Anschein.
Dann entließ er ihren kleinen Trupp in das Niemandsland. Dort mussten sie sich zurechtfinden, zwischen verbranntem Gras, Bombentrichtern, Bunkeranlagen, Holzverschlägen und Schwarzdornsträuchern.
Das einzig echte war ihre Kaserne, der Rest Bühnenbild, doch gut gemacht. Die Bauer verstanden etwas von der Historie und alles war authentisch schick. Moderne Söldner mussten sich in der Szenerie des zweiten Weltkriegs zurechtfinden. Es störte sie nicht sonderlich, dass ihr Look eher in brasilianische Favelas gehörte, als in die Schützengräben des vergangenen Jahrhunderts. Die Mission blieb die gleiche, sie mussten um jeden Preis das Flaggeschütz aus Pappmasche am anderen Ende des Landstrichs stürmen. Der Instrukteur klopfte ihnen noch väterlich auf die Schulter und mit deutungsschweren Kopfnicken, drückte er ihnen einige Stielgranaten in die Hand. Die Granaten ließen sich aufdrehen, doch eine Zündschnur suchte man vergebens, sie enthielten tausende kleine Plastikkügelchen. Alle rot und bei druck nachgebend, mit roter Farbe gefüllt, die so entsprechend zerplatzte. Sie konnten also jetzt Krieg spielen.
Sie kamen weiter. Es blieb bei ein paar Schusswechseln, ruhig und sie erreichten einen Bretterunterstand in einer Gruppierung von Schwarzkiefern. Es musste ihre Basis für die Nacht sein. Ein neuer Mann war dort und stellte sich als #Offizier vor. Vom gewohnten Anblick ihres Instrukteurs fehlte jeder Spur, doch ihnen gefiel die Aufmachung der neuen Erscheinung. Er erkläre ihnen nicht gerade unfeierlich, dass sie aufgestiegen und nun unter seinem direkten Kommando stehen würden. Sie freuten sich auf die bevorstehenden heißen Scharmützel, die diese Wendung verhieß. Es war bereits Samstag morgen und am Sonntag würden sie schon wieder abreisen müssen, bevor sie am Montag verschlafen im Büro das Tagesgeschäft abarbeiten mussten. Das Beste kam immer zum Schluss, die Schlacht um das Krähennest mit der Flak.
»Totale Übernahme.« Sie riefen im Chor den Befehl des #Offiziers nach. Er wirkte etwas hölzern dabei, schien jedoch ein durchtriebenes Gemüt zu haben.
Als er nach ihren Waffen verlangte, bereiteten sie stolz ihre Geschütze auf dem Tisch aus. Dann bekamen sie neue Modelle, sie waren schwer und kühl und geladen. Ihre Mission lautete, versprengen, aufteilen, jagen, von verschiedenen Seiten stürmen, oben gemeinsam den Heldensieg feiern. Es klang gut und einfach in ihren Ohren. Er gab ihnen noch In-Ear-Pads, um ihnen etwaige Änderungen und Befehle direkt weitergeben zu können. Alles war live im Stream. Die Operation ging los, sie schüttelten sich noch die Hände und klopften sich kumpelhaft die Rücken, als ob das noch nicht reichte, dann trennten sie sich.

»Totale Übernahme.« Ihr einziger Befehl. Rhythmisch ertönte er immer wieder in ihren Köpfen direkt aus ihren Ohrhörern, um sie jede volle Stunde daran zu erinnern, wieso sie eigentlich hier waren.
Einer von ihnen kam in die Nähe einer zerstörten Scheune, ein paar liegengebliebene Autos säumten den Weg und ein Dixieklo, hob sich, wie die Siegessäule, von der Szenerie ab. Er musste pissen und verschwand in dem offenen Bau.
Es war wieder soweit und die Stimme ertönte, doch dieses mal war etwas anders.

»Totale Übernahme. Es geht los, drei Mann, Sniper südlich, Scheunendach. Raus. Deckung hinter Wagen. Absicherung der Strecke. Eliminierung der Gefahr.«

Endlich. Er entsicherte die Waffe. Es war seltsamerweise anders und gefühlt zu schwer. Darauf hatte er gewartet. In seinem Kopf spielte sich das Manöver ab, todesmutig würde er nach vorne preschen, er brauchte keine Deckung, er konnte nur gewinnen. Der Überraschungsmoment war auf seiner Seite. Er würde einfach sprinten und die Gunst der Stunde nutzen, um den schwerfälligen Scharfschützen in einem halbautomatischen Plastikkugelgeschwader vom Dach der Baracke zu ballern. Für den Kollegen würde das Wochenende abrupt enden. Respawn.

»Es geht los.« Wieder die Stimme. Er wunderte sich, ihm war es doch bereits klar, er wusste, was zu tun war. Er würde das Risiko nehmen, auch wenn das Spiel vorbei gehen würde und wieder ein paar Wochen bis zur nächsten Runde vergingen.

»Es geht richtig los.« #Offizier. Er fragte sich, was der Zusatz richtig bedeuten sollte?
»Mann, du bist ausgewählt. Es wird scharf geschossen. Die Simulation hat ein Ende.« Er hatte Angst, tätigte den Abzug um zu hören, zu sehen, zu testen, was er kaum zu glauben vermochte. Sein Trommelfell schien zu reißen und ein Geschoss durchschlug den Abort. Er fragte sich, wie das nur möglich sein konnte. Er hatte sein Geschäft verrichtet, was er vorhin im Eifer ganz vergessen hatte. Er spürte die feuchte Wärme an seinen Eiern. Er hatte sich in die Hosen gemacht. Dann kauerte er sich auf dem Boden zusammen.
»#Offizier. Was tut er! Will er desertieren?« Die gellende Stimme bohrte sich wie ein Schraubstock in sein Gehirn. Es war zu laut zum Nachdenken. Fahrig kramte er in der Brusttasche seiner gepanzerten Weste. Mit den Lippen zog er eine Zigarette aus der Packung. Zitternd zündete er sie an und zog ein paar mal dran, ohne sie aus dem Mundwinkel zu nehmen. Mit der Nase atmete er aus. Es schmeckte nach Freiheit. Schon ging es ihm etwas besser. Er schämte sich für seinen Anflug von Feigheit. Dort oben zwischen den Ziegeln würde die Schokolade wahrlich nach Triumph schmecken.

»Was tut er?«
Es war eine berechtigte Frage, auf die er keine rechte Antwort wusste. Er fragte sich, was er bisher in seinem Leben getan hatte und vieles schien in dieser kurzen Reflexion wahrlich sinnbefreit. Bis auf heute. Wollte er jetzt aufhören, wo sich alles so richtig anfühlte?
Wussten sie nicht immer, was kommen würde? Was der Zweck des ganzen war? Probten sie nicht für den Ernstfall. Er schaute nach unten, ihm gefiel das Bild nicht schlecht.
Er sprach fest.
»Warte #Offizier. Musste überlegen. Bin bereit. Bin da.«

Dann rückte er sich die Fliegerbrille zurück. Es war alles doch nur ein Spiel oder nicht? Es war zu spät, um auszusteigen. Der #Offizier sorgte sich schon um ihr Wohlergehen. Wie konnte er die Autorität jemals anzweifeln? Er war es seinen ehrlichen Kameraden so schuldig. Was sollten sie über sein Innehalten denken? Gewiss ging es ihnen nicht so. Außerdem, hatte er nicht immer genau davon geträumt und nun war diese eine Chance gekommen. Er könnte sein Büro hinter sich lassen. Er wusste, der Sold im Militärdienst war anständig, von den Ehren musste er gar nicht erst anfangen.
Er ließ die Zigarette zu Boden fallen.
»#Offizier, weiß, was zu tun ist. Over. Entschuldige, die Kaskade in der Hose.«

Die Arbeit war denkbar einfach, oder? War es nicht der einfachste Job der Welt, welche Qualifikation bedurfte es schon?

»Und?«

»Totale Übernahme!« Er schrie es hinaus in die Welt. Dann trat er mit seinen schweren Poststiefeln die blaue Plastiktür aus den Angeln. Er schaute nach draußen, bereit für das Kommende. Doch nur für einen Augenblick. Er sah nur einen letzten langgezogenen Moment von unbestimmter Dauer die Haube des Autos das bereits Flugrost ansetzte. Dann zerriß ein weiterer Schuss die Stille. Es war nicht sein Sturmgewehr. Sein Körper glitt in die Knie. Es war ein Nackenschuss. Sein Körper schlug auf verbrannte Erde. Die Augen blieben offen stehen. Das Projektil zerfetzte die Schädeldecke. Ein paar Kleckse Gehirn spritzen auf versifftes Kunststoff.

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kommentare

  • Die Softair wird jeden Tag von uns aufs neue geladen, noch hat sie Ladehemmung doch das Projektil quillt langsam auf. Wann löst sich der erste Schuss.
    Danke für die bereichernden Aussagen, welche mein neuronale Netzwerk immer aufs Neue fordern.

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